Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 33 (25.4.1895)
- Date
- 1895-04-25
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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XXXVI.3aljrfl<Mg. Iweite Beilage M M 33 des „Israelit". Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, im April. Wenn man die Repräsentanten-Sitzung der jüdischen Gemeinde nach ihrer Eigenart recht erschöpfend und naturgetreu schildern wollte, so müßte man zwei Punkte besonders hervorheben. Erstens, daß die vornehmen Herren am grünen Tisch eine ganz eigenthümliche, schier krankhafte Neigung für Berathungen in geheimer Sitzung an den Tag zn legen scheinen, sodann aber, daß sie von einer unbesiegbaren Friedensliebe in den öffentlichen Sitzungen erfüllt sind. Die öffentliche Berathung bietet fast ständig das Bild tiefster Eintracht dar. Meist werden die Anträge ohne Debatte und Widerspruch von einer so überwiegenden Mehrheit angenommen, daß eine Stimmenzählung unnöthig erscheint. Für den unbefangenen Beobachter möchte dieser Umstand bünahr den Anschein haben, als ob die hohe Vertretung der jüdischen Gemeinde nur aus reiner Liebenswürdigkeit gegen die ihrer treuen Hut anvertrauten Gemeinde- Mitglieder, einen, wenn auch geringen Thetl der Sitzung unter Zulassung der Oeffentlichkett vor sich gehen läßt, während natürlich in weiser Vorsorge für den thörichten Unterthanenverstand, der gar manchmal seine mißliebigen Glossen machen würde, alle Anträge, die auf ein weiteres Interesse in jüdischen Kreisen rechnen könnten und hier und da eine gewisse Opposition hervorzurufen im Stande wären, bei verschloffenen Thüren stattfiudet. Dieses durch lange Praxis liebgewordene Gepräge trug auch die Repräsentantenversammlung am Sonntag den 14. Aprll. Die Herren Gemeindevertreter waren vollzählig erschienen, und um li1/* Uhr eröffnetc die Glocke des Vorsitzenden die öffentliche Sitzung, welche nach kaum halbstündigem Verlauf unter den obligaten Schnsuchtsblicken nach der hohen Olymp Gallerte geschlossen wurde. Zunächst verlieft nach Eröffnung der Sitzung der Vorsitzende Herr Hermann Landsberger das Protokoll der vorigen Sitzung. Als einzigen interessanten Punkt wollen wir aus ihm hervorheben, daß auf Repräsentantenbeschluß die Führer der Hochschule für die Wiffenschaft des Judenthums zu Htlfspredigern für den Jugendgottcsdienst der jüo. Gemeinde herangezogen werden sollen. So sehr wir auch die Berechtigung des Antrages anerkennen, daß auch die jüngeren theologischen Kräfte, soweit als anhängig, als Hilfsprediger zur Mitarbeiterschaft an dem religiösen Ausbau der hiesigen jüdischen Gemeinde angeregt und gewonnen werden, so sehr müssen wir es andererseits bedauern, daß auch hier wieder die schreiende Ungerechtigkeit der Berliner Gemeindeverwaltung zu Tage tritt. Was in aller Welt macht denn gerade die Zöglinge der liberalen Hochschule einzig und allein für eine solche Thättgkeit geeignet? Vermeint denn der jüdische Gmeinde- Vorstand und die ihm zur Seite stehende Repräsentanz wirklich, daß nur dort jüdische Begeisterung, nur dort religiös sittlicher Ernst, nur dort flammende Beredsamkeit und gediegenes W.ssen zu finden sei und vergißt er ganz, daß in Berlins Mauern eine ungleich gediegenere Bildungsanstalt für jüdische Theologen sich befindet, die zwar nicht das gleiche Contingent etngewanderter halbgebildeter Polen, Ungarn und Galizier u. s. w. aufzuweisen hat, wie die Schwesteranstalt des Reformjudenthums, aber dafür ungleich nachdrücklicher von den etntretenden Hörern neben der sittlich-religiösen Gediegenheit des Charakters, das Reifezmgniß eines deutschen Gymnasiums und ein umfangreiches jüdisches Wissen als Aufnahmebedingung verlangt. Wir könnten dem noch gar manches Wort der Rüge und Entrüstung hinzufügen doch sapienti sat! Nunmehr beginnt die Berathung über die einzelnen Punkte der heutigen Tagesordnung und Herr Leonhard Sachs referirt als Mitglied der Commission für Veranstaltung von Gottesdiensten an den hohen Festtagen über die Verlängerungen der Miethsvertrage mit den Besitzern der einzelnen Etablissements. Zunächst beantragt Herr Sachs im Namen seiner Commission den Vertrag mit der Gesellschaft de.' Freunde auf 5 Jahre zu prolongieren, mit dem Wunsche, daß der empörende und der Würde des jüd. Gottesdienstes widersprechende Uebelstand in Betreff der Erhebung von Garderobengelder beseitigt werde. Natürlich wird dieser Antrag ohne weitere Debatte einstimmig angenommen. Eine fernere Bewilligung der Verlängerung der Mrethsverträge beantragt Herr Sachs für die Kellerischen Festsäle mit der Mottvirung, daß für den Osten Berlins die Kaiserstraßensynagoge schon längst nicht mehr ausretche, um alle Beter aufzunehmen, daß diese Räume für diese Zwecke überaus geeignet seien. (!?) Auch dieser Antrag fi -det selbstverständlich ohne weiteres einstimmige Annahme. Schließlich plaidirt Herr Sachs noch für die Annahme des Antrages, daß die Räume der „Philharmonie" wieder für den Gottesdienst an den Festtagen eingerichtet werden sollen, was ebenfalls auf keinerlei Widerspruch stößt. Diese Anträge in Betreff der Veranstaltung von gottesdienstlichen Versammlungen an den hohen