Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 32 (22.4.1895)
- Date
- 1895-04-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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609 schlossen, welche an die Adresse deS Consuls gelangt waren. Diese Briese versetzten Anny in große Aufregung, denn aus ihnen klang ihr die unnennbare Sehnsucht entgegen, mit der man sie in der Heimat erwartete und sie waren es, welche sie dazu bestimmten, die Forderung des Farmers, ohne lange zu feilschen, zu bewilligen. Der Vater schrieb: „Meine liebe Anny! Fast sechs Monate ssnd es jetzt, daß Du das väterliche Haus und die Deinen verlassen hast, um in weiter Ferne unter Mühen und Gefahren in der Wildnis und Einöde den Träger eines Namens aufzusuchen, von dem Du nicht weißt, ob er noch lebt oder nicht, und wenn er lebt, ob er in Asien, Afrika. Australien, Nord- oder Südamerika zu finden ist. Je mehr ich über dieses abenteuerliche Unternehmen nachdenke, um so mehr muß ich mir Vorwürfe machen, daß ich mich nicht mit der ganzen Macht meiner väterlichen Autorität widersetzt habe und Dich, nur ein Mädchen, eine Aufgabe zu lösen versuchen ließ, vor welcher mancher Mann zurückgebebt wäre. Ob Gott Dir beistehen wird, sie zu lösen? Ich bete täglich für Dich zu Ihm, und der Schluß meines täglichen Gebetes lautet: ,O schütze meine Tochter, Du allmächtiger Vater im Himmel! Führe sie bald zurück in die Heimath an mein Vaterherz, denn es verschmachtet vor Sehnsucht nach ihrer Liebe." Mein Haus ist öde geworden, seitdem Du es verlassen hast und Willy und ich, wir sind zwei Einsiedler, die in ihrer engen Klause auf das Erscheinen der Fee warten, die sie erlösen soll." Ferner schrieb er: „Jetzt erst weiß ich, was Du mir bist und daß ich in kindischer Verblendung einst, als Du mir geboren wurdest, in die Worte ausbrach: nur eine Tochter, das scheint mir jetzt so thöricht, daß ich meine Kurzsichtigkeit von damals nicht begreifen kann. Du bist mir alles geworden und darum entbehre ich Dich so sehr und bitte Dich inständigst: Kehre heim, Anny, zu Deinem alten Vater." Nachdem Anny diesen Brief gelesen hatte, war ihres Bleibens nicht mehr. Sie weinte, wenn sie an ihren alten Vater dachte, der in der Heimath ihrer sehnsüchtig harrte und ihr Herz schlug rasch in Erwartung zukünftigen Glückes, wenn sie sich die Heimkehr und die Zukunft rosig ausmalte. Willys Brief versetzte sie in Entzücken, denn er schrieb: „Ich habe den Brief des lieben Vaters gelesen und kann Dir nur sagen, daß er nicht den zehnten Zcheil dessen schreibt, was ihn erfüllt und bewegt. Ich will deshalb meine Sehnsucht nach Dir ganz hintansetzen und ich schreibe Dir in Beziehung auf den Wunsch des Vaters: Kehre bald heim; Du machst dann zwei und vielleicht auch drei Menschen glücklich, Deinen Vater, mich und — Herrn von Gilsa, der seit Deiner Abreise unser Gast ist und nicht eher wieder fort will, ehe er Dich glücklich aus dem Lande der Kaffern, Hottentotten und Zulus gerettet weiß. „Uebrigens hat es sich herausgestellt, daß die infame Denunciation unseres Vaters ein Racheact ist und niemand zweifelt mehr an der Ehrenhaftigkeit des lieben VaterS, seitdem ein alter Schreiber auf dem Sterbebette eingestanden hatte, daß er die vermißte Quittung einmal in der Zerstreutheit als Fidibus benutzt und aus Angst vor Strafe den Rest des Papteres zu sich genommen und aufbewahrt habe. Diese Aussage mit dem haldverbrannten Fetzen Papier hat vollkommen genügt die Unschuld des Vaters zu beweisen und seine Freisprechung zu bewirken. „Komme also sobald Du kannst zurück. Jede Stunde, die Du früher eintreffen kannst, ist ein Glückgeschenk, welches Dir danken wird Dein Willy." Als Anny diesen Brief gelesen hatte, berathschlagte sie mit Hawktns, ob sie jetzt, da ihr Vatrr rehabilitiert war, die Forderung des Farmers erfüllen, oder ob sie auf eine Bescheinigung des Letzteren verzichten, ohne solche abreisen solle. „Nein", sagte Hawkins „jetzt, da die Aufgabe fast gelöst ist, würde ich keinenfalls auf den Schein des Farmers verzichten. Freilich ist die Summe, die er dafür verlangt, bedeutend, aber vielleicht gelingt es mir, ihn in Anbetracht der veränderten Verhältnisse zu einer Herabsetzung seiner Forderung zu bewegen." „Ich überlasse Ihnen die Ordnung all dieser Dinge, Mr. Hawkins und bitte Sie, nur dafür sorgen zu wollen, daß ich recht bald wieder nach Europa zurückkehren kann." Hawkins verbeugt? sich und ging. Anny blieb in grober Aufregung zurück. Der Name ihres Vaters war gerettet, sein Ehrenschild hell und blank. Erhobenen Hauptes durfte sie zurückkehren in die theure Heimath zu dem geliebten Vater. HawkinS entwickelte jetzt eine fieberhafte Thätigkcit und zeigte eine erstaunliche Eile. In viel kürzerer Zeit, als er selbst gedacht hatte, war alles geordnet und er saß neben Anny in dem Zuge, der sie von Johannisburg nach Port Elizabeth brachte, von wo sie mit einem Dampfer in fünf Tagen Capstadt erreichten. Mit Freuden wurde Anny von derlFamilie des Consuls empfangen und zulihrem großartigen Erfolgelbeglückwünscht. Man »wollte sie noch einen Monat in Capstadt zurückhalten, j aber sie willigte