Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 27-28 (4.4.1895)
- Date
- 1895-04-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXVI. Jahrgang. Erste Keil. M M 27 & 28 des „Israelit". Leitender Artikel. Berliner Briefe. IV. Berlin, 3. April. Als wir unseren ersten „Berliner Brief" schrieben und in ihm ein Bild von all der Verirrung und Verwirrung entwarfen, die seit Dezennien schon das charakteristische Merkmal der jüdischen Gemeindeleitung in Berlin bildet, haben wir aus Rücksicht auf den tückischen Feind, der draußen mit tausend Augen lauert und jedes Wort der Rüge, jede Aeußerung des Tadels begierig erhascht, um sie für sein niedriges Treiben auszubeuten, in fast allzumatten Farben das schwere Unrecht und die frevelhafte Pflichtverletzung des Berlinergemeindevorstandes dargestellt. Wußten wir doch nur all zu gut, daß wir einen Kampf gegen zwei Fronten zu führen haben, waren wir uns, doch der tiefen Wahrheit bewußt, die in jener frommen Schriftauslegung vom Amalekskampfe sich ausspricht .... „Du bist müd und matt und fürchtest nicht den Herrn" ... „Da kam Amalek." Auf Grund eines Artikels, in dem eine jüdische Wochenschrift die leichtfertige Pfltchtvergessenheit des jüdischen Gemeindevorstandes rügte, hat sich das fromme Junkerblatt mit dem Kreuz an der Stirn und dem Königsadler im Wappen veranlaßt gesehen, recht schadenfrohe und bedenkliche Glossen zu den Berliner Mitzständen zu machen. Mit hämischer Genugthuung weist die biedere Kceuzzeitung in ihrem Leitartikel vom 29. Abends auf die schmähliche und beschämende Thatsache hin, „daß 10000 jüdische Kinder in Berlin keinerlei Religionsunterricht erhalten" und jeder religiösen Unterweisung entbehren müssen. „Die Mehrheit der jüdischen Jugend", ruft sie mit erheuchelter Entrüstung aus „bleibt also in Ermangelung von Veranstaltungen der jüdischen Gemeinde und in Folge ungenügender Ueberwachung von Seiten des Staates ohne jede religiöse Erziehung und Festigung." Auch wir müssen, allerdings mit anderen Gefühlen als es das aristokratische Anttsemitenblatt thut, — etngestehen, daß es eine falsche Oekonomie und eine am unrichtigen Orte angewandte Sparsamkeit ist, wenn die jüdische Gemeinde in Berlin, „die ein großes Vermögen besitzt und jährlich 12000,000 Mk. Mitgliederbeiträge vereinnahmt, dabei aber für den Religionsunterricht den außerordentlich geringen Betrag von 16133 M. jährlich aufwendet." Gewiß auch wir sind der festen Ueberzeugung, daß die Berliner jüdische Ge« meinde wohl im Stande ist allen Kindern ihrer Mitglieder genügenden Religionsunterricht angedeihen zu laffen. Die treue Kämpferin für Kreuz und Kirche unterläßt zwar nicht recht deutlich hervorzuheben, „daß der jüdische Religionsunterricht nicht die Veredelung der Menschen vorbereitet" in dem hohen Maße, wie der christliche, verlangt aber schließlich in der Erkenntnitz „daß ein schlechter Religionsunterricht immer noch bester sei als gar keiner", staatliche Anordnung und Ueberwachung des jüdischen Religionsunterrichtes. Es ist hier nicht der Ort, mit dem christlichen Blatte darüber zu disputieren, ob das Judenthum oder das Christenthum mehr sittliche Momente in sich berge, wir wollen auch nicht wiederholen, was vorurtheilslose Männer schon längst anerkannt, wollen auch nicht ausführen, daß die jüd. Religion als eine Religion des Gesetzes, das ganze Leben mit ihren Satzungen und Vorschriften durchwebt und in seinen Höhen und Tiefen adelt und allerorten auf die That, auf positive Leistungen und Thatäußerungen dringt und mit seinen Speisegesetzen die praktischste Methodik zur Enthaltsamkeit und Selbstheiligung gtebt, viel sicherer und dauernder die auf die Veredelung der Menschen gerichtete Aufgabe löst, als abstrakte, weltfremde mit Bekenntniß-Formeln und matten Gefühlen sich begnügende andere Lehren. Was allein von den salbadernden und frömmelnden Expectorationen der Kreuzzeitung einiges Jntereste für uns hat, ist die Forderung der staatlichen Ueberwachung des jüdischen Religionsunterrichtes. Wie die Verhältnisse liegen, ist große Aussicht vorhanden, daß das Cultusministerium sich dieser Forderung nicht abgeneigt zeigen wird. Jedenfalls beginnt die königliche Regierung der Angelegenheit näher zu treten und hat den Vorstand der jüdischen Gemeinde zu Berlin durch das Provinzialschulkollegium ersucht, einen ausführlichen Bericht einzureichen über die Frage „ob und wie für den Religionsunterricht der jüdischen Kinder seitens der Gemeinde gesorgt wird." Sollte in der That der jüdische Religionsunterricht von Seiten des Staates veranlaßt und überwacht werden, so gilt es für die gesetzestreuen Bekenner des Jubenthums mit allen zu Gebote stehenden Mitteln darauf hinzuwtrken, daß der jüdische Religionsunterricht auch im jüdischen Sinne und Geiste eben als jüdischer Religionsunterricht, nicht als interkonfessionelle Freidenkerstunde, wie es thatfächlich hier geschieht, ertheilt werde. Rur glaubensfreudige und glaubensstarke Männer, erfüllt von heiliger Begeisterung und durchdrungen von der Hoheit ihrer Aufgabe dürfen