Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 27-28 (4.4.1895)
- Date
- 1895-04-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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537 lassen, um zum Ziele zu gelangen. Reisen Sie also so bald wie möglich, am liebsten heute noch und verlieren Sie keine Zeit. Ihre Briefe wollen Sie gefälligst an den Consul adressiren; Depeschen dagegen an meine Adresse in8 Hotel gelangen lassen. Mr. Hawkins verneigte sich zustimmend, und nachdem er noch einiges mit Anny verabredet, verließ er dieselbe, um mit dem nächsten Zuge nach Johannisburg zu reisen. Das Reisen geht in Süd-Afr!ca nicht so leicht und rasch von Statten als in Europa, und wenn man heute auch nicht mehr gezwungen ist, Strecken, so lang wie die von Paris nach St. Petersburg auf elenden Ochsenkarren zurückzulegen, so ist doch die Beförderung mittels des Dampfrosses, im Vergleich zu der in Europa üblichen eine langsame und selbst unsichere zu nennen. Hawkins hatte Recht, Anny vorerst von dieser Reise fern zu halten und als Anny dem Eonsul, das was sie mit dem Detectiv verabredet hatte, mittheilte, stimmte er allem bei. Anny war also fürs erste zur Unthättgkeit verurtheilt und sie benutzte die Zeit, um in Gesellschaft der Damen des Consuls die Stadt und ihre nähere Umgebung kennen zu lernen. Mit der Tochter des Consuls schloß Anny bald Freundschaft; und es verging kein Tag, an dem sie nicht einige Stunden mit einander verbrachten. Anny erzählte von ihrer Heimath, von Deutschland, und sie wußte so anziehend zu erzählen, daß die Freundin Lust bekam, einige Zeit in Deutschland zu leben. Anny erhielt regelmäßig Briefe von ihrem Vater und von Willy und ebenso regelmäßig beantwortete sie dieselben. Auch Mr. HawkinS hielt Wort. Tagtäglich stattete er Bericht ab. Anfangs waren die Berichte vielversprechend und Anny dachte schon, bald an die Rückreise denken zu können, aber bald wurden die Berichte kürzer und kürzer. Unerwartete Schwierigkeiten waren aufgetaucht; endlose Verhandlungen und Plackereien hatten sich entgegenstellt; und schon waren seit einigen Tagen die Berichte ganz ausgeblteben und hatte Anny in Sorge und Unruhe versetzt, als endlich folgende Depesche an den Consul kam: „Mr. Hawkins schwer verwundet; Transport unmöglich." Als der Consul Anny den Inhalt dieses Telegramms mittheilte, war sie sehr erschrocken; am liebsten wäre sie selbst sofort nach Johannisburg gereist, aber der Consul gab dieses nicht zu, sondern er wollte erst schreiben und um nähere Aufklärung bitten. Diese Aufklärung ließ nicht lange auf sich warten. Mr. Hawkins war in Geschäften hinaus in die Golddistricte gefahren. Dort hatte er einen Wortwechsel mit einem Goldgräber gehabt, dieser hatte den Revolver gezogen, Mr. Hawkins über den Haufen geschossen und sich alsdann geflüchtet. Hawkins war in seinem Blute schwimmend aufgefunden und in das Hospital nach Johannisburg verbracht worden, woselbst er jetzt schwer verwundet daniederlag. Die Aerzte hofften, ihn am Leben zu erhalten, aber er war sehr schwach und durfte nicht sprechen und nicht schreiben. „Das ist schlimm für mich," sagte Anny, als sie dieses erfahren, „und es wird mir nichts übrig bleiben, als selbst dahtnzuretsen und die gefundene Spur zu verfolgen." „Wohin denken Sie?" erwiederte der Consul. ..Das erlaube ich nicht. Wie können Sie sich als Dame den Gefahren aussetzen wollen, denen ein Herr, wie Hawkins erlegen ist. In Johannisburg sind keine geordneten Zustände und mancher Abenteurer wartet nur auf das Erscheinen einer Dame um sie als willkommene Beute für sich in Anspruch zu nehmen." „So schlimm wird es nicht sein," entgegnete Annh, „und wenn mir mein Geschlecht hinderlich sein sollte, stecke ich mich in Herrenkleider und sehe zu, was ich erreichen kann. Die Meinen in Deutschland warten mit Schmerzen auf meine Rückkehr, und jede Minute, die ich früher bei denselben sein kann, ist für mich und mein Glück gewonnen." „Aber Sie rennen in Ihr Verderben," warnte der Consul; „Sie kennen die Verhältnisse in dem Minendistrict nicht und ich halte es für unsinnig, sich in eine Gefahr zu begeben, von der man schon im Voraus weiß, daß man sie nicht übersieht. Gerade im Namen Ihres Vaters, im Namen Ihres Verlobten bitte ich Sie, von Ihrem Vorhaben abzulassen und zu warten, bis Mr. Hawkins wieder so weit hergestellt ist, daß er Ihnen zur Seite stehen kann." „Ich werde wohl auch allein fertig werden können, oder ich nehme mir einen anderen Detectiv." „Folgen Sie meinem Rathe und warten Sie bis Mr. Hawkins Ihre Sache wieder führen kann. Was Sie jetzt vielleicht versäumen, bringt er Ihnen wieder ein. Auch wüßte ich keinen anderen, dem Sie so bedingungslos vertrauen könnten wie Mr. Hawkins." Anny sah ein, daß es das Beste sei, sich dem Rathe des erfahrenen Mannes zu fügen, und sie gab sich, wenn auch mit Widerstreben zufrieden. Vier Wochen wollte sie warten, konnte dann Hawkins noch nicht für sie thätig sein, so wollte sie selbst allen Gefahren trotzen und die gegebene Spur verfolgen.