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Der Israelit · 1895-03-28 · Heft 25 (28.3.1895) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 25 (28.3.1895)
Date
1895-03-28
Page
– (sequence 20)
Language
German
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510 Wrefcheu, 14. März. In unserer russischen Nachbarstadt Konin befehligte seit mehreren Jahren ein Graf, als Oberst, die dortige Garnison und zeigte sich zu allen Zeiten als ein überaus großer Freund der Juden Schon zu Lebzeiten seines Vaters war ein Jude der Diener des Hauses und derselbe Mann ist nun auch der Leibdiener des Obersten geworden. Vor kurzer Zeit aber, erhielt der Oberst den Befehl seinen Gacnisonsort Konin zu verlassen, indem er zum Flügeladjutanten des Kaisers ernannt wurde. Im Lause der vorige Woche fanden die Ovationen für den Scheidenden statt und auch die jüdische Gemeinde ließ es sich nicht nehmen ihrem Freunde die gebührende Hochachtung zu erweisen. Eine solche Feier wurde selbst in der Synagoge abgehalten. Nachdem die ganze Gemeinde sich versammelt halte, rezitirte der Kantor in Gegenwart dcs Gefeierten einige Psalmen und intonirte mehrere Gesänge. Dieser Huldigungsakt wirkte dermaßen auf den Oberst ein, daß er sich der Thränen nicht erwehren konnte. Der Rabbiner und die Vertreter der Gemeinde wurden außerdem noch mit Abschiedsbesuchen beehrt. Der Scheidende spendete einen größeren Betrag zur Vertheilung an Arme. Auf der Straße, wo ihm jüdische Kinder begegneten, beschenkte er dieselben mit kleinen Münzen. Bei der Abreise versammelten sich die jüdischen Gemeindemitglieder vor der Stadt, bildeten Spalier daselbst und verabschiedeten sich noch an dieser Stelle von ihrem hohen Gönner. Als Abschiedsworte sprach der Oberst:» Ich werde an die Konin'er Judengemeinde zeitlebens nicht vergessen." H. W olff. Leipzig, 15. März Die hiesige Kolonialwaarenzeitung veröffentlicht heute folgende schneidige Apostrophirung: Oeffentliche Aufforderung an den bisherigen Vorsitzenden des Verbandes Deutscher Mittelstände Herrn Cäsar Astsalck. Da die bisherigen Bemühungen seitens des Vorstandes des Verbandes Deutscher Mittelstände, die vollständigen Akten des Verbandes von Ihnen auf gütlichem Wege zu erhalten vergeblich waren, so werden Sie hiermit öffentlich aufgefordert, dieselben schnellstens an den derzeitigen Vorsitzenden des Verbandes Deutscher Mittelstände auszuliefern. Ihre Auffassung, »die Akten könnten den jetzigen Vorsitzenden nur verwirren",ist eine höchst eigenthümltche, jedenfalls wird dieselbe von dem Gesammtvorstand nicht anerkannt. Der Vorstand des Verbandes Deutscher Mittelstände: gez. Wilhelm Fischer, Goldschmiedemeister, Berlin 8., Oranien--Str. 63. Der Antisemiienhau plling Cäsar Astsalck scheint Ahlwardt's Leidensgenosse zu sein und seine „Akten" nicht mehr zu finden. Drob ..redet" er eine „Ausrede", die durch ihre Naivetät ebenso bestechend wie erbaulich für seinen Succeffor ist. Dem Bericht des Berwalturigsrathes des israelitischen Krankenhauses in Mühlhausen i. E. unternehmen wir: Unsere Anstalt beherbergt 25 gebrechliche Zöglinge, und zwar 8 Männer und 17 Frauen: außerdem 5 Kranke. Ihr Durchschnittsalter ist 68 Jahre. Es starben im Laufe des Jahres 4 Zöglinge und unsere Verwalterin-Krankenpflegerin, Leiterin der Anstalt seit deren Gründung. 32 Personen sind auf beschränkte Zeit während 580 Tagen gepflegt worden, alle sind nach vollständiger Genesung ausgetreten. Die Gesammtzahl der Verpflegungstage für gebrechliche Kranke und das Personal der Anstalt ist 10,852 Tage gegen 11,351 von vorigem Jahr. Die gewöhnlichen Ausgaben waren M. 16,752,26, was pro Tag M. 1,54 ausmacht gegen 1.65 von vorigem Jahr. Die außergewöhnlichen Ausgaben für Unterhalt der Gebäude und des Gartens betragen M. 3120.20. Die gewöhnlichen Einnahmen deS Jahres belaufen sich auf M. 22,403.48. S H. Wien, 3. März. Dieser Tage wurde hier durch Zufall eine Mordthat entdeckt, der eine Jüdin zum Opfer fiel und die 11 Tage tot in ihrer Wohnung lag, ohne daß jemand ihren Abgang vermißt hätte. Die Ermordete, eine Baumeisterwiitwe, Dora Jareska mit Namen, wohnte ganz allein in ihrer Wohnung und obwohl sie wohlhabend war, hielt sie sich gar keine Bedienerin, sich alles allein besorgend, da sie keine fremde Person um sich haben wollte. Die Frau war kinderlos, verkehrte wenig mit den Nachbarn und da sie eigenthümliche Schrullen gehabt zu haben schien, wurde sie in ihrer Gaffe die närrische Jüdin genannt. Und trotz all dieser Vorsicht wurde sie eine Beute eines Raubmörders. Der Sohn des Hausmeisters Dominik Jakureck, ein siebzehnjähriger riesigstarker Bursche gelangte mittelst eines Nachschlüssels in ihre Wohnung, versteckte sich dort und als die Frau nach Hause kam, sprang er jählings aus seinem Verstecke hervor und erwürgte sie mit seinen Fäusten. Dann raubte er gegen 2000 Gulden, darunter eine 1000 Gulden- Note, und diese wurde sein Verhängniß. Als er diese Bank' note durch einen seiner Spießgesellen wechseln lassen wollte, wurde dieser als verdächtig angehallen die Polizei arretirie beide Gesellen; es wurde im Hause bei allen Parteien Nachfrage gehalten, ob nichts gestohlen wurde. Bei dieser Gelegenheit fand man die Wohnung der Frau Jareska abgesperrt, jetzt erinnerten sich die Nachbarn, daß man sie schon mehrere Tage nicht gesehen habe, die Thüre wurde erbrochen, man fand die Leiche und der ärztliche Befund ergab, daß der Mord schon vor 10 Tagen verübt worden sein muffe. Bei der behördlichen Durchsuchung der Wohnung fand man 10000 Gulden in Wertpapiere. Die Ermordete war kinderlos und aus Salzburg hat sich bereits eine Schwester als Erbin gemeldet. Sonderbarerweise war die Jüdin JareSka polizeilich katholisch gemeldet, während der Vorgefundene HeimathSschein ihre Religion mosaisch und als Geburtsort Brakau angibt. Demzufolge wurde sie auch auf dem isr. Friedhofe beerdigt. (n) Wien, 17. März. Vor Kurzem starb hier der frühere oesterreichische Botschafter am französischen Hose, Fürst Richard Metternich, Sohn des weltberühmten oesterreichischen Reichkanzlers Clemens Metternich. Derselbe war ein großer Freund der hebräischen Sprache, deren Studium er täglich eine Stunde widmete. Der Professor der Anatomie an der hiesigen Universität, Dr. Emil Zuckermandel, hat neulich ein anatomisches Werk herausgegeben, das binnen kurzer Zeit eine zweite Auflage erlebte, da die erste schon vollständig vergriffen war. Natürlich hat dieser Triumph eines jüd. Professors unsere Antisemiten sehr geschmerzt. Neapel, 8. März. Schon oftmals haben sich russische Juden, die mit den Schissen der „Navigazione Generale Jtaliana" hier nach Südamerika auswanderten, lebhaft darüber beschwert, daß man sie zwinge, trefenes Fleisch zu essen, weil die genannte SchiffSgesellschaft, welche auch ihre Passagiere verköstigt, kein koscheres Fleisch kaufen wolle. Die Schiffsgesellschaft entschuldigte sich jedoch immer damit, daß man hier in Neapel nur selten und erst nach vielen Laufereien Koscherfleisch kaufen könne. Um diesem Uebelstände gründlich abzuhelfen, hat der hiesige Rabbiner, der auch ein autorisirter Schächter ist, der Gesellschaft gegenüber sich verpflichtet, eigenfür sie schächten zu wollen, und werde sie daher allen jüd. Passagieren ein gehöriges und rituell zubereitetes Effen vorsetzen können.

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