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Der Israelit · 1895-03-28 · Heft 25 (28.3.1895) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 25 (28.3.1895)
Date
1895-03-28
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXVI, Jahrgang. Erste Mage ju M 25 des „Israelit". Zeitungsnachrichten und Correspondenze«. Deutschland. Hamburg, 21. März. Der Aufsatz in gestriger Nummer „Einige Gedanken über Waisenerziehung" hat mein lebhaftes Interesse wachgerufen. Schon längst war es meine Absicht gewesen, Ihnen einmal meine Anschauungen — die eines Laien — über d!e Waisenhauserziehung mitzutheilen. aber Mangel an Zeit und an statistischem Material zur Bekräftigung meiner Beobachtungen hat mich bisher davon zurückgehalten. Ich begnüge mich daher auch heute mit der Bemerkung, daß dje Ansichten des Herrn Verfaffers im Allgemeinen ganz eorrect und unanfechtbar sind. Dieselben finden ihre vollkommene Bestätigung in den Resultaten, welche das hiesige Waisenhaus aufweist. Dasselbe ist ein reich mit Geldmitteln ausgerüstetes Institut, in welchem durchschnittlich ca 20—25 Zöglinge männlichen Geschlechtes erzogen werden. Dasselbe stand und steht unter der Leitung eines durchaus religiösen Hausvaters, dem eine gleichgesinnte Ehefrau treu zur Seite steht; diese sowie eine Anzahl Vorsteher, größtenthetls ow D’DVtcn sorgen dafür, daß den Knaben in körperlicher und geistiger Beziehung nichts abgeht; die Knaben besuchen die Talmud-Tora-Schule, und wenn sie dieselbe verlassen, wird dafür Sorge getragen, daß sie Stellungen erlangen, woselbst sie tD->i na» nicht zu arbeiten brauchen; und dennoch hat das betrübende Resultat gezeigt — ich spreche aus eigenen Beobachtungen und von jungen Leuten, die größtentheils mit Schreiber dieses aufgewachsen sind, — daß von allen Zöglingen, die seit 15 Jahren das Institut verlaffen haben, sobald sie älter werden, nicht einer der Religion treu geblieben ist; sie sind fast alle swiba mb» ^no. Das gießt zu denken, nicht wahr? Hingegen sind mir eine Anzahl Fälle bekannt, woselbst Knaben in frommen Familien erzogen sind und noch heute eine Zierde des Judenthums bilden. Ueber die Waisenhäuser anderer Städte erlaube ich mir kein Urtheil, da ich keine persönlichen Beobachtungen daselbst machen konnte; wenn aber z. B. die jüngst auch im „Israelit" gebrachte Nachricht richtig ist, daß im Auerbach'schen Waisenhause in Berlin die Zöglinge gezwungen werden, am na* zu schreiben u. s. w., so kann so etwas nur dazu beitragen, die Abneigung gegen Waisenhauserziehung zu verstärken. Nordhausen, 11. März. Der Antisemitismus hat in den letzten Monaten hier auf einem Felde eine Rolle gespielt, auf dem er anderswo wohl noch nicht zu Tage getreten ist, nämlich auf dem des Kcankenkaffenwesens. Die größte der hiesigen 18 Krankenkassen, die allgemeine Ortskrankenkasse, die rund 1500 Mitglieder aller möglichen Berufsklassen zählt, die m die andern 17 Kassen nicht einzurangiren sind, hat vier Aerzte. Darunter befand sich der hier domtztlirende Kgl. Kreisphystkns des Kreises Ilfeld, Dr. Räuber, ein hervorragender antisemitischer Agitator und Vorsitzender des deutschsozialen Landesverbandes für Nordwest Thüringen, sowie des hiesigen „Deutschen Vereines." Dies hätte er ja nun ruhig sein und bleiben können; von Seiten der Kaffe hätte kein Huhn und kein Hahn danach gekräht. Aber es wurden in den letzten Generalversammlungen verschiedene Fälle angeführt, in denen er seine antisemitischen Gesinnungen auch an Krankenbetten zum Ausdruck gebracht und für sie Propaganda zu machen versucht hatte. Darüber entbrannte natürlich innerhalb der Kaffe großer Streit, der sich in zwei Generalversammlungen, in denen es sich um die Arztwahl für 1895 handelte, austobte. Die in beiden Versammlungen gefaßten Beschlüffe wurden vom hiesigen Magistrate als ungesetzlich aufgehoben. Die dritte Generalversammlung leitete als Magistratsvertreter der Bürgermeister Lemcke. In ihr unterlag der antisemitische Arzt mit etwa 40 Stimmen Minorität. Jetzt bezichtigt die hiesige antisemitische Presse denMagistratungehörigerParteiltchkeit, weil er die ihm zustehenden 48 Stimmen durch seinen Vertreter gegen den Antisemiten habe abgeben laffen. Diese Beschuldigung ist nach Lage der Sache so unsinnig, wie nur möglich, um so fleißiger wird sie von den Antisemiten kolportirt. Karlsruhe, 19. März. In vierstündiger Sitzung erledigte heute die israelitische Landessynode eine Reihe Vorlagen, darunter die Verbesserung der Etnkommensverhältniffe der Religionsschullehrer. Die Bezahlung der Religionslehrer bleibt aber so geringe, daß die Synode die Vorlage nur als erste Abschlagszahlung ansehen konnte. Oesterr. -Ungar. Monarchie. Kesmark, 20. Februar. Vor Kurzem gründete unser Rabbiner und Religionslehrer, Herr Heinrich Deutsch im Kreise der hiesigen jüdischen Schuljugend einen Knaben- und Mädchen-Verein zur Unterstützung der Wohlthätigkeits-Jnstitute in pK, zu dem bis heute, mit Einwilligung der Eltern, etwa 70 Kinder mit einem wöchentlichen Beitrag von 2 bis 5 Kreuzern beigetreten sind. Um das Interesse der Kinder für diesen Verein zu erhöhen, ließ derselbe die Vereins- Funktionäre (je einen Präsidenten und zwei Kasfirer)

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