Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 24 (25.3.1895)
- Date
- 1895-03-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXTL Jahrgang. Beilage M M 24 -es „Israelit". Leitender Artikel. Die Wadifche Synode. ii. Mainz, im März. Man steht dieser Musterleistung par excellence als einem psychologischen Räthsel gegenüber, dessen Erklärung und Lösung nur durch die von uns skizzirte Tendenz der Denkschrift verständlich wird. Es sollte und mußte bewiesen werden, daß an die Spitze des Oöerraths ein juristisch gebildeter und geschulter Verwaltungsbeamter gehört, und daß ein Theologe an diesem Platze sich und anderen nur im Wege ist. Darum wird bet dem ersten Oberrath. Naphtali Epstein betont, daß derselbe Jura studirt und — hört, Ihr Leute, laßt' Euch sagen — sogar seine Examina, hoffentlich mit Note I bestanden hat. Natürlich, denn es ging ja nicht an, dieses Mannes Leistungen, der die Oberrathsinstitution gleichsam erst neu schuf, wie seinen Nachfolger zu verkleinern. Wobei naturgemäß verschwiegen wird, daß Evstein den Morenutitel führte und lediglich dieser Qualität, gerade so wie seine beiden Nachfolger, seine Berufung in den Oberrath zu danken habe. Darum muß dann die Amtsführung Altmann's herabgesetzt, seine Leistungskraft nach Schulmeisterart als ungenügend klasstfizirt und schließlich sogar — seiner reintheologischen Amtsthätigkeit des Gedankens Blässe vorgeworfen werden. In diesem System fehlt bedauerlicherweise der Schlußstein, eine Kritik der Schaffenskraft des letzten Oberraths, des Herrn Millstätter, der doch auch als Berufstheologe und nur in dieser Eigenschaft seinen Platz im Oberrath einnahm und durch lange Jahre ausfüllte. Was sich aber wieder daraus erklärt, daß Herr W. noch lebt und trotz seiner körperlichen Gebrechlichkeit doch wohl noch im Stande wäre, Angriffe ä, la Altmann abzuwehren! Man täusche sich in den Kreisen, die es angeht, nur über das Eine nicht: die ganze Synode verdankt ihr Entstehen lediglich und allein derselben Tendenz, die in der Denkschrift zum Ausdruck kommt. Da begeistert man stch über das unerhörte, neuartige und wunderbare Ereigniß, dessen unsere Tage gewürdigt wurden, daß mit staatlicher Autorität begleitet, eine Israelitische Synode ins Leben trat, die gleichberechtigt mit den ähnlich gearteten Vertretungen anderer Confesfionen. über Wohl und Wehe der Israelitischen Religtonsgenossenschaft berathen und bestimmen soll. Ehre, dem Ehre gebührt! Ehre, Anerkennung und Dank dem vorurtheilslosen Fürsten, der in einer Zeit, die mehr als je den mythischen Charakter des „christlichen Staates" betont, in der Ausstattung eines Israelitischen Bertretungsköipers mit den Formen gleichzeitiger, christlichen Körperschaften nur dielKrönung eines menschenaltrigen Werkes ausgletchender Fürsorge für die verschiedengearteten Interessen den einzelnen Gruppen seiner Unterthanenschaft steht I Ehre einem Beamtenstaide, der diesen hochgemuthen Regungen seines Herrn nicht, wie wohl anderwärts geschieht, die keineswegs zu unterschätzende Gewalt seines passiven Widerstandes entgegensetzt, sondern verständnißvoll und gleichgestimmt auf die vornehmen Intentionen des Herrschers willtgLetngeht und die Kraft seiner Intelligenz und seines Könnens in den Dienst menschenbefretender Thätigkeit stellt! Aber von diesen außenstehenden Faktoren abgesehen, so^gilt von den innerhalb^dcsMahmens der neuen Institution wirkenden Kräften nur allzusehr das Prophetenwort von denen, dte^da^zu schieben glauben, und^doch nur geschoben werden. An den, Vorlagen des Oberraths wird vielleicht das eine oder das andere'umgestaltet, verbeffert.oder verschlechtert werden. Ihr Grundcharakter wird, das kann man ohne Besitz der Prophetengabe, schon jetzt voraus sagen, bleiben wie er war und ist, und den ganzen Gewtnn^aus der Veranstaltung zieht^nur^der Oberrath, der, indem er scheinbar von seinen Rechten manches opferte, in Wirklichkeit nur einen großen Theil seiner Verantwortlichkeit auf die freigewählte Landesvertretung abzuwälzen verstand. Und so dient denn auch die Synode unwissentlich der angegebenen Tendenz: verringert sich die unmittelbare Verantworltchkeit^des Oberraths, wird ,von' dessen bisherigen Rechten scheinbar Stück für Stück der Synode ausgeliefert, dann wird in demselben Maße dem Verlangen nach Berufung einer Persönlichkeit an'die Spitze des Oberraths, die durch ihre Vorbildung und Lebensrichtung zur Uebernahme des gesammten Thättgkettsumfanges mit der selbstverständlichen, vollen Verantwortlichkeit für diese Thätigkeit geeignet erscheint, mehr und mehr der Boden abgegraben. Ist nur das Streben, wie es in der Denkschrift zur.Geltung kommt, berechtigt und verspricht es dem wahren Heile des Badischen Judenthums einen Gewinn? Wir haben unsere Stellung bereits des Oefteren dahin präzistrt, daß wir den Nutzers jeder^ Centralinstanz für die Leitung der religiösen Sachfragen und Interessen eines Landes, möge dieselbe nun Oberrath, Kirchenrath oder