Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 24 (25.3.1895)
- Date
- 1895-03-25
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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481 „Legen wtr dort an?" fragte ste jetzt mit sympathischer Stimme. „Nein," entgegnete der Capitan. „Auf der Hinfahrt legen wir nur in Madeira, auf der Rückfahrt in St. Helena an." „Das ist Schade," sagte die Dame; „ich hätte gerne einmal die Stätte gesehen, wo der große Corse den Abend seines Lebens verbrachte." „Die Gelegenheit bietet sich Ihnen auf dem Rückwege. Sie haben dann auch höchst wahrscheinlich doch mehr Ruhe und Geduld." „Vielleicht auch nicht. Wie es mich jetzt hinaustreibt in die ferne Stadt, so wird es mich, wenn ich mein Ziel erreicht habe, heimziehen nach dem Vaterlande, woselbst mich die Meinen mit Sehnsucht erwarten." „Ich wünsche, daß Sie die Rückreise auch mit dem Nubian machen könnten, denn ich habe noch keinen angenehmeren Paffagier an Bord gehabt als Miß Pretorias." „Sie schmeicheln jetzt, Capitän. Schelten Sie nicht täglich mit mir, weil ich an den Mahlzeiten nicht theilnehme?" „Ja, das ist auch Unrecht. Ste ruiniren ihren Körper, wenn Ste nichts genießen als Brod und Eier und Kaffee, Thee und Chocolade." „O, nein, mein gestrenger Herr, ich bchnde mich ganz wohl dabei." „Aber e8 ist doch nur Caprice von Ihnen, Eigensinn, daß Sie die Kunst des Schiffskochs verschmähen." „Nein, mein Herr, es ist weder Caprice noch Eigensinn," sagte die junge Dame, „noch verschmähe ich die Kunst Ihres Kochs. Ich bin Jüdin und mein Religtonsgesetz verbietet mir, Speisen, die nicht rituell zubereitet sind, zu genießen." Der Kapitän blickte erstaunt die lächelnd vor ihm Stehende an, dann sagte er: „The devil, you are a jews, that’s the matter! (Zum Teufel, Sie sind eine Jüdin deßhalb!)" „Yes, Sir, J am a jews, and therefore you will understand, that J can’t eath with you. (Ja, mein Herr, ich bin Jüdin, und detzhalb werden Sie begreifen, daß ich nicht an Ihrer Tafel essen kann)," erwkederte nun Anny — denn diese war das junge Mädchen, — ebenfalls in englischer Sprache. „And you understand und speak English (Und Sie können Englisch sprechen und verstehen)?" „A little. (Ein Wenig.)" Hatte ste der Kapitän zuerst bewundert, so schätzte er sie jetzt doppelt hoch, denn der Seemann hat ein frommes Gemüt und "achtet und 'schätzt diejenigen, welche die Vorschriften ihrer Religion strengstens erfüllen. Er sprach ihr seine Hochachtung aus und Anny erröthete über und über. Der Kapitän bot alles auf, um Anny den Aufenthalt auf seinem Schiffe noch angenehmer zu machen und es that ihm leid, daß man sich immer mehr der Küste näherte,Z.woselbst er von Anny Abschied nehmen sollte. Er war sehr bekannt in Capstadt und konnte Anny vorzügliche Empfehlungen geben, welche dieselbe gerne annahm. Sie hoffte, recht bald ihr Ziel erreicht zu haben und war muthig genug alle Widerwärtigkeiten siegreich zu überwinden. Je mehr man sich dem Ende der Fahrt näherte, um so interessanter wurde die Reise und Anny konnte nicht müde werden, die Wunder einer ihr fremden Welt anzustaunen und zu bewundern. Der Kapitän erklärte ihr birettwill'gst, was sie nicht verstand und er versprach, so lange sein Aufenthalt in Capstadt währ?, ihr helfend und rathend zur Seite zu stehen. Anny nahm dies Anerbieten dankend an, und ste erkundigte sich nach derAamilie, an die sie Empfehlungen durch Herrn von Giffa hatte. Der Kapitän kannte die Familie sehr genau und es war Anny angenehm, daß er sie bet derselben einführen wollte. Die übrigen Passagiere des Nubian beneideten Anny um den Verkehr mit dem Kapitän und ste hielten dieselbe für hochmüthlg, weil sie nicht mit an der allgemeinen Tafel aß und sich fern von ihnen hielt; ste kannte dieselben^nicht und kümmerte sich auch nicht um dieselben. Ste wußte deßhalb auch nicht, daß ein Passagier des Zwischendecks sich fortwährend angelegentlichst mit ihr beschäftigte und ste nicht aus den Augen ließ. WennZsie ans d.m Verdeck spazieren ging. beobachtete?er7 sie von ferne, ohne daß ste ihn hätte sehen können und wenn steMch mit dem Kapitän unterhielt, war er sicher in der Nähe und versuchte einige Worte der Unterhaltung zu erlauschen. «'Erlwar dem Kapitän wohl schon durch seine elende Verbrecherphysiognomie ausgefallen, aber er hatte ihm noch keine Veranlassung gegeben, sich'näheilmit^ihm zu beschäftigen und so blieb derselbe unbelästigt und konnte sptoniren so viel er wollte. Annh hatte ihre Empfehlungen und Creditbriefe, sowie den größten Therl ihres baaren Geldes^vorftchttgerweise dem Kapitän zur Aufbewahrung ^übergeben. Was für die Ueberfahrt bestimmt war, trug sie .in einem Reisetäschchen bei sich und dieses Täschchen lag wohlverwahrt in ihrer Cabtne. Es war am Tage, bevor man landete. Die breiten Tafelberge traten,immer näher heran, der „Nubian" näherte sich zum Ziele. Da vermißte Anny das Reisetäschchen und trotz allen SuchenS