Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 17 (28.2.1895)
- Date
- 1895-02-28
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
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338 schützt und übrigens stelle ja das Reich eine Monarchie dar. Gegen beide Anträge wandte sich Dr. Barth (lib. Wahlv.). Daß die Anträge Rintelen und Roon der Regierung unangenehm sind, ließ der Staatssekretär Nieberding erkennen. Ct bedauerte, daß durch diese Anträge die Stellung der Regierung erschwert werde; es sei nicht richtig, daß der CentrumSantrag sich mit der Tendenz der Regierungsvorlage decke. Diese wolle u. A. die Idee der Monarchie schützen, ohne daß die berechtigte Kritik verhindert werden solle. ES heiße zu weit gehen, wenn Abg. Rintelen die christliche Grundlage der Familie und der Ehe schützen wolle, jedenfalls muffe auch die bürgerliche Grundlage dieser Institution geschützt werden. Er bitte, die beiden gestellten Anträge abzulehnen und § 130 in der Fassung der Vorlage anzunehmen. — Abg. Dr- Enneccerus (natl.) bezeichnet den Antrag Rintelen als durchaus unannehmbar; derselbe werde nicht eine Stärkung, sondern die Schwächung des Glaubens an Gott zur Folge haben. Man solle es bei der Regierungsvorlage beenden lassen, die sich nicht Aegen wissenschaftliche Erörterungen, sondern nur gegen „wüste Massenagitationen" richtet. Auch der Antrag der Konservativen sei keine Verbesserung, sondern eine Verschlechterung der Regierungsvorlage. Abg. v. Salisch «kons.) bestreitet das letztere und bemerkt, nur die christliche Religion gehöre zu der Grundlage deS Staates, nicht auch die jüdische; ein Bedürfniß, die jüdische Religion zu schützen, liege nicht vor. — Abg. Zimmermann (Antisemit) ist gegen beide Anträge und führt aus, daß insbesondere eine Unverletzlichkeit des Privateigentums sich gesetzlich nicht konstruiren lasse, speziell nicht mit Rücksicht auf das Judenthum, das eine internationale Macht sei. ->• Personalien. AuS Oberheffeu. Wieder ist eine Fromme aus diesem Leben geschieden, wieder hat eine Treue uns verlassen! Am 30. Januar ist zu Nidda Frau Hannchen Maöbacher n"y nach längerem, schweren Leiden in ein besseres Jenseits abberufen worden. Sie war ein Vn nttfN in des Wortes wahrsten Sinn, welche sich Zeit ihr»S Lebens — bis zum letzten Augenblick — eines streng jüdisch religiösen Lebenswandels beflissen! Sie hat es verstanden sich im Leben nützlich zu machen, und Gewissenhastigkeit und Milde waren die Grundzüge ihres Wesens. War auch ihr ganzes Leben nichts als hingebende Pflichterfüllung, so wollen wir heute dennoch keine Schilderung der hohen Tugenden und edlen Eigenschaften der Verblichenen geben — es waren die Tugenden, wie jedes brave, fromme, echt jüdische Weib übt. Trotzdem sie erst vor wenigen Jahren mit ihrer Familie von Aschaffenburg nach Nidda gezogen war, hatte sie sich auch dort schon zahlreiche Freunde und Freundinnen in allen Schichten der Bevölkerung erworben, wie die überaus zahlreiche Beteiligung am Leichenzug bewies. — Was sie war, lebt unvergeßlich fort im Herzen aller Jener, die sie kannten, und weit über den engen Kreis der Ihrigen hinaus lebt das Andenken in der Gemeinde zu ewigem Ruhm und Beispiel fort. An ihrem Grabe sprach terr Lehrer Plaut ergreifende Worte des NachrustS und es Trostes, er führte aus, wie sie als treue Mutter, als zärtliche Gattin und als fromme Israelitin lebte- und starb. — Wir haben an ihr viel verloren, und ihr Andenken gereiche uns zum Segen, rrnsun. WindSbach. Tahier starb unlängst I o s es Mayer, 33 Jahre lang Religionslehrer der Cultusgemeinde WindSbach, im Alter von 69 Jahren. Zu Sickershausen i. Untersr. geboren, war er zuerst in Lehrberq und kam dann hierher; vor 2 Jahren zog er sich ins Privatleben zurück. Stets der streng orthodoxen Richtung »«gehörend, that er sich b-jHNders hervor durch seine Mithilfe bei Kranken und bei Gterßefällen. An seinem Sarge widmete ihm Lehrer Hubert im Namen der Gemeinde ehrende Worte des Nachrufs. Möge die Erde ihm leicht fein! Zu Beudorf in Schleswig ersah sich bei dem landesüblichen Neujahrsanschietzen ein Held die jüdische Synagoge zum Ziele aus. Kurz vor 12 Uhr ertönte ein wahrscheinlich von Dynamit herrührender donnerähnlicher Schall Als Leute die Straße, in der die Synagoge liegt, betraten, bemerkten sie, daß an allen Frontfenstern eine große Anzahl von Scheiben zertrümmert waren. Auf die sofort erfolgte Anzeige hin begab sich der Herr Bürgermeister nebst dem Synagogenvorstand an den Ort der ruchlosen Thatbestand fest. Die Untersuchung ist im Zuge. Westerburg, 17. Febr. Unsere Gemeinde hat abermals einen herben, fast unersetzlichen Verlust zu beklagen, Herr Louis Ullmann I., unser friedliebender, pflichttreuer und GotteSfürchtiger, erster Vorsteher ist nicht mehr. In der Nacht vom 13. auf den 14. dieses Monats ist er — leider so früh — in feinem 42. Lebenjahre, nach einer fechSwöchenrlichen tückischen Krankheit vom Schauplatze seiner irdischen, segensreichen iWirksamkeit durch einen sanften Tod abgerufen worden. Der Verstorbene war ein allgemein beliebter, in hohem Grade mildtätiger Mensch, ein mustergiltiger Gatte und Vater, ein pietätsvoller Sohn, ein liebender Bruder und ein treuer Rathgeber und Freund seinen zahlreichen, hochachtbaren und ebenfalls wohltätigen Verwandten. Aber nicht nur diese, sondern auch Alle, welche mit ihm zu verkehren die Ehre hatten, namentlich seine vielen Freunde, beweinen sein Hinscheiden. Daß unsere Stadt anerkennt in ihm einen ihrer achtbarsten Bürger verloren zu haben, beweist die überaus rege Betheiligung bei seinem Leichenbegräbniffe. Trotz des hohen Schnees, ungeachtet der Nähe des Sabbats folgten seiner Bahre über 500 Personen und zwar aus allen Confessioner. Auch die Honoratioren unserer Stadt, der Herr Landrath, der Herr Bürgermeister, der Herr Pfarrer rc. gaben ihm das Geleite zur ewigen Ruhestätte. Einen solchen Kondukt dürste Westerburg wohl noch niemals gesehen haben. Gott, der diese liefe Wunde geschlagen, sandte aber zugleich heilenden Balsam. Denn so groß die Lücke auch ist, welche der Tod hier gerissen, sie wird nahezu ausgcsüllt, durch die ehrenwerthen Verwandten der Wittwe, in Frankfurt, Wiesbaden, Worms, Schwalbach, Breslau u. s. w., welche ihr hilfreich zur Seite stehen werden. Dein Andenken, treuer Freund, wird nie unserem Gedächtnisse entschwinden. Schlafe sanft, ruhe in Frieden. Dürkheim a. H., 16. Februar. Bei vollständiger geistiger und körperlicher Rüstigkeit vollendete in Spiesen bei Neunkirchen Frau Wittwe Lion ihr 100 Lebensjahr. Die Greisin erfüllt noch heute gewissenhaft alle Pflichten einer streng frommen Jüdin und wirkt noch im häuslichen Kreise in gewohnter Thätigkeit. Preßburg, 14. Februar. Dieser Tage wurde die hiesige orth. iSr. Cultusgemeinde durch das Hinscheiden eines geachteten Mitgliedes schmerzlich heimgesucht. Herr Daniel Freund, Repräsentant der Cultusgemeinde, starb am vergangenen rütea 's rottf nach längerem Leiden. Obwohl er nur ein Alter von 47 Jahren erreichte, hatte er sich dennock', allseitig große Verdienste, namentlich um die orth. isr. Volksschule und die orth. isr. Handels- und Bürgerschule, deren Vorsteheramt er viele Jahre verwaltet hatte, erworben. Von seinem hohen Ansehen zeugte die zahlreiche Betheiligung an seiner '’ün, zu dem die Schuljugend der orth. isr. Knabenvolksschule und der Handels- und Bürgerschule in Begleitung ihres Lehrkörpers erschienen waren. RabbinatSverweser Herr Leopold Friedmann hielt eine äußerst ge-