Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 17 (28.2.1895)
- Date
- 1895-02-28
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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334 andj die periodische den weitesten Kreisen zugänglich gemacht wird," prästdirte Herr Professor Philipsohn, der Sohn des Begründers der „Allgemeinen Zei- , tung des Judenthums." Eine größere Anzahl geladener Gäste war in der neuen Lesehalle versammelt und Herr Philippsohn begrüßte die Anwesenden in längerer Rede, in der er etwa Folgendes sagte: In früheren Zeiten sei die Bildung nur bevorzugten aristokratischen Kreisen vergönnt gewesen, erst die neuere Zeit, die sich die Versöhnung der sozialen Gegensätze zur Aufgabe gemacht, verlange gleiche Bildung für das gesammte Volk. Aus diesem Grunde seien Volksbibltothcken, Volkslesehallen entstanden, in welchen Jedem ohne Opfer es möglich sei, die geistigen Schätze seines Volkes in sich aufzunehmen. Aus welchem Ginude ist es nun aber noch erforderlich spezifisch lüdtsche Lesehallen und Bibliotheken zu errichten? Das sei aus dem Grunde uothwendig, weil der Israelit unmöglich in den literarischen Werken der anderen Nationen seine Befriedigung finden könne. Die Juden seien das Volk der „Schrift" von den frühesten Zetten her. Ihre literarische Thätigkeit blühte auch in den traurigsten Zeilen. Jahrtausende des Elends waren nicht im Stande ihr Interesse für geistige Arbeit abzuschwächen. Während andere Völker, wie beispielsweise die Neugriechen und Armenier in der Zeit ihrer materiellen Noch geistig vollständig untergcgangen sind, habe Israel selbst in den Zeiten des herbsten Druckes kostbare Blüthen seines nimmer rastenden Geistes gezeitigt. Lange bevor in Preußen die allgemeine Schulpflicht eingesührt worden sei, habe es daselbst unter den Juden keinen einzigen Analphabeten gegeben. Nachdem den Juden nun die Sonne der Gleichstellung erschienen und sie glaubten dem überlieferten Schriftthum nicht länger Treue bewahren zu müssen, sei mit dem Abfall von diesem die traurige Thatjache in die Erscheinung getreten, daß den also Bethörten jeder sittliche Halt verloren gegangen und nur noch der Sinn für Genuß und Erwerb in maßlosester Weise übrig geblieben sei, Jahrzchnte hätten die Führer und Leiter des jüdischen Volkes dieser gefahrvollen Entwickelung der Dinge 4hre Beachtung nicht geschenkt, bis sic endlich von außen her aufgerüttelt worden seien, nachdem unsere Feinde mit einem Schein von Berechtigung, der ihnen hierdurch geworden, ihre giftigen Pfeile gegen uns geschleudert. Heute sei es nun höchste Zeit hier Wandel zu schaffen. In 800 Gemeinden des Deutschen Reiches würde israelitischer Religionsunterricht nicht erthetlt, junge Leute aus solchen Gemeinden kommen nun hierher in die Großstadt, allen Verlockungen und Verführungen, ohne jeden inneren Halt, ausgesetzt. Diesen Jüng-! lingen wolle nun der „Verein Jüdische Lesehalle", der nach Maßgabe der vorhandenen Mittel zu einem israelitischen Jünglingsheim ausgebtldet werden soll, nach des Tages Last und Mühe eine Zufluchtsstätte bieten. Für die rege, geistige Thätigkeit der Juden sei es bezeichnend, daß überall, wohin sie der Windzug des modernen Verkehrs verschlagen, jüdische Zeitungen entstanden seien. In der „Jüdischen Lesehalle" finde man solche aus allen Ländern und in allen Sprachen, ja aus den fernen afrikanischen Goldfeldern gelangen hebräische Blätter zu uns. Auch eine Stellen-Vermtttlung für Unterrichtswesen, sowie regelmäßige Vorträge seien beabsichtigt. Die Bibliothek umfasse bereits 1200 Bände. Redner betonte noch, daß nicht beabsichtigt sei, eine Mauer um die jüdische Jugend den Andersgläubigen gegenüber zu errichten, im Gegentheil gute Deutsche sollen wir in erster Lmie sein, das können wir aber nur auf dem Boden unserer Ueberlteferung. Solche Worte aus dem Munde des Herrn Prof. Philipsohn zu hören, ist jedenfalls sehr interessant. Was hätte wohl sein Vater dazu gesagt? Nach ihm sprachen noch H-rr Dr. Kaipeles als zweiter Vorsitzender, bemerkend, daß die jüdische Wissenschaft ganz auf sich selbst angewiesen sei, ohne jede Mäcene, ferner Herr Rosenihal im Namen der Loge, Herr Friedmann im Namen der Jüd. Humanitätsgesellschaft, der den jungen Verein zu einem Sammelpunkt geistiger Interessen im Kampfe nach Außen machen möchte. Herr Dr. Löwe wünschte im Namen des nationalen Vereins dem Unternehmen Gedeihen und Herr Dr. Hirsch Hildesheimer machte nochmals darauf aufmerksam, daß der Lesehalle keine separatistische Tendenzen innewohnen, sie aber ein unbedingtes Erforderniß der Zeit sei. Auch Herrn Rabbiner Dr. Israel Hildesheimer bemerkte man unter den Gästen. Ein gemeinsames Festmahl schloß die Feier. — Herr Olitzky, seit 20 Jahren Chasan der Adatz Jisroel und bewährter Mohel, hat das Zeitliche gesegner. Ein edler, vielbetrauerter Mensch ist mit ihm dahingegangen. Er erreichte nur ein Alter von 55 Jahren. .n"awn Oesterr.-Ung ar. Monarch ie. Lemberg, 20. Febr. Wie aus Odessa gemeldet wird, sollen die Comites für die Organisirung der Auswanderung von Juden aus Rußland mit Rücksicht darauf, daß sich die Lage der russischen Juden zu ändern. beginnt, ausgelöst werden. -£• Vermischtes. «$- Königsberg i. Pr., 18 . Februar. Bei der am 15. d. M. stattgefundenen Wahl des Vorsteheramts der Kaufmannschaft ist Herr George Marx mit großer Majorität gewählt worden.