Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 15 (21.2.1895)
- Date
- 1895-02-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXVI. Jahrgang. Erste Beilage ja M 15 des „Israelit". Leitender Artikel. itinimoiiiöcs als medWifche AutorM. Von Dr. I. Münz in Der ent. (Fortsetzung.) Wichtiger und bedeutsamer als diese zwei Schriften für den Sultan ist eine dritte medicintsche Arbeit, die unser Arzt im Aufträge der egyplischen Regierung im Interesse der großen Ge^ammiheit schrieb. Wie noch heute in manchen Gegendei des heißen Orients, herrschte damals in Egypten die Landplage, daß Menschen sehr oft von giftigen Thieren gebissen wurden und ihren Schmerzen erlagen. Der Wesir Alfadfel, der mit väterlicher Liebe für das Wohl des Landes sorgte, bot Alles auf, um den Verunglückten Hilfe zu schaffen. Er ließ aus weiter Ferne Heilkräuter herbeiholen und die bewährten Medicamente präpartren. Endlich gab er Maimonides den Auftrag zum Nutzen des Volkes eine kurze und bündige Abhandlung über das sanitäre Verfahren zu schreiben, welches die Gebissenen zu beobachten hätten. Auf diese Veranlassung verfaßte nun unser Arzt eine besondere Schrift über „Gifte und ihre Heilung", welche er ihrem Ueberheber zu Ehren die „Alfadfel'sche Abhandlung" nannte. In der Vorrede oder Widmung preist Maimuni in echt orientalischer Weise den hohen Ruhm seines edlen Gönners, der um den Staat und die Religion sich so sehr verdient gemacht, der Glück und Segen in reicher Fülle um sich spendet und „die Flammen des Hasses zwischen den Gläubigen löscht und besänftigt". Maimonides stellte sich zur Aufgabe, wie er in seiner Vorrede hervorhebt, nicht etwas Neues und Ungehörtes zu sagen, sondern nur über den Gegen» stand diejenigen Ansichten und Resultate in gedrängter Kürze zusammen zu tragen, die von Nutzen und Bedeutung sind. Diese Abhandlung besteht aus zwei Abschnitten, von denen der erste in vier Kapiteln von dem Biß der giftigen Thiere und der zweite in sechs Kapiteln über den Schutz vor innerlichen künstlichen Giften handelt. Die Rathschläge und Vorschriften, die Maimonides dem Leser ertheilt, haben im Allgemeinen noch heute ihren wissenschaftlichen Werth und ihre Anwendbarkeit nicht verloren 4.) Vergiftete Wunden, meint unser Arzt, sollen durch Einschmieren der Bißstelle, Aussaugen des Giftes vermittels der mit Oel oder Wein bestrichenen Lippen, oder durch 1) Haeser, Gesch. der Medicin I, S. 596. Schröpfköpfe, Offenhalten der Wunde, Brechmittel und den innerlichen Gebrauch von Mithridat behandelt werden. Außer diesen Vorschriften empfiehlt Maimuni noch eine ganze Anzahl von Heilmitteln, welche auf die Bißwunde zu legen sind. Kochsalz. Zwiebeln, Assa foedita u. s. w. Als die wichtigsten Gegengifte bezeichnet unser Arzt Mandragora Edelsteine, Bezoar, verschiedene aromatische Mittel, ganz besonders aber mehrere Arten des Thertak's. Bei all seiner Abhängigkeit auf diesem toxikologischen Gebiete, das aus klimatischen und kulturhistorischen Gründen von den arabischen Aerzten vielfach bearbeitet wurde, bewahrt Maimonides dennoch sein selbstständiges Urtheil und führt auch öfters seine eigenen praktischen Erfahrungen und Rathschläge an. Einmal ermahnt unser Arzt den Leser nachdrucksvoll daran, sich nur recht genau den Unterschied zwischen dem Biß des tollen und des gesunden Hundes zu merken, denn aus Unwissenheit in dieser Beziehung seien schon viele Leute zu Grunde gegangen. Ein alter kenntnißreicher Arzt erzählte mir, — so berichtet Maimuni — daß er in einem Weberhause einen Knaben gesehen, der von einem Hunde gebissen wurde. Es war aber merkwürdiger Weise nicht zu erkennen, daß der Biß von einem tollen Hunde herrühre. Die Aerzte erklärten die Wunde für nicht so gefährlich und schlossen sie nach einem Monat oder etwas darüber. Der Knabe genas auch und verrichtete längere Zeit seine Arbeit, wie im gesunden Zustand. Bald stellten sich aber wieder Ueblichkeiten ein, der unglückliche Weberknabe befürchtete den Tod und starb in der That. — An einer anderen Stelle empfiehlt Maimonides. daß man, um der Gefahr vorzubeugen, mit gewissen Jngredenzen den Ort, wo sich giftige Thiere aufhalten, beräuchern solle; „denn — fügt er philosophisch hinzu — die Güte des menschlichen Gedankens besteht eben in der Wahl der Vorsichtsmaßregeln und Schutzmittel gegen alle Plagen, die den Körper treffen können; obwohl es keine wahre Sicherheit giebt, als die Vorsehung Gottes." Von diesem Gesichtspunkte aus protestirt auch unser Arzt gegen den Glauben an ein unabänderliches blindes Fatum und scheut sich nicht in einer Schrift, die für muhamedantsche Leser berechnet war, zu bemerken: „Ich bediene mich des Ausdruckes: „sein Leben verlängern oder verkürzen; denn daß dies in unserer Hand liegt, ist die Ansicht der Aerzte und Philosophen und der Bekenner älterer Religionen im Gegensatz zur muhamedanischen Religion."