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Der Israelit · 1895-02-21 · Heft 15 (21.2.1895) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 15 (21.2.1895)
Date
1895-02-21
Page
– (sequence 7)
Language
German
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283 Schluß, zu dem er kam, war wenig schmeichelhaft für den Hofprediger und unsere geschätzten Leser mögen sich denselben selbst ausdenken. Willy hatte eine halbe Stunde geschlafen, als er wieder erwachte. Der kurze Schlaf hatte ihn so gekräftigt, daß er munter umherblickte. Als er jetzt den noch daliegenden Brief sah, nahm er denselben zur Hand und begann zu lesen. Er las lange und je länger er las, um so mehr erglänzten seine Augen. Ein Seufzer rang sich aus seiner Brust. Was waren das doch für Goldmenschen, die er so thöricht verlaffen! Was für eine edle Religion war es, die er aufgeben wollte, um — irdischen Bortheiles halber! Und jetzt dachte er wieder an die Freuden, die ihm das Studium des Talmud gewährt und unwillkürlich kam aus seinem Munde: Or learbooll osor bodkin es hachomez leor h&nner. Er fühlte sich so glücklich bet dem Gedanken, wieder „lernen" zu dürfen, daß sein Antlitz leuchtete, seine Augen glänzten. Jetzt kam der Wärter wieder in's Zimmer. Er erschrack, als er die glänzenden Augen Willy's sah, denn erdachte nicht anders, als daß das Fieber wtedergekehrt sei. aber Willy beruhigte ihn und sagte: „Ja, das Fieber ist wtedergekehrt, nämlich das Bestreben und der Wunsch recht bald genesen und gesund zu sein." „Wenn der erst wieder da ist, dann geht es auch rasch." erwiederte der Wärter, indem er das das für Willy bestimmte Essen auf einen kleinen Tisch vor das Bett stellte. Seither hatte Willy nur Milch getrunken. Heute zum ersten Male hatte der Arzt Bouillon verordnet und angenehm duftete die kräftige Brühe. Wllly sah erschrocken auf das kleine Schüsselchen. Seit einer Stunde gab es für ihn wieder koscher und trefa und er wies die Fleischbrühe zurück und bat, ihn, so lange er bleiben müsse, nur mit Milch zu nähren. Kopfschüttelnd erfüllte der Wärter seinen Wunsch. Einen so eigenthümlichen Patienten hatte er noch nicht gepflegt. Willy wurde von Tag zu Tag besser und kräftiger. Seine Jugend und seine kräfttae Constitution überwanden die Krankheit und bald sollte der Arzt ihm erklären, daß er gesund sei und Besuche empfangen dürfe. In seiner Freude schrieb er mit zitternder Hand folgende Zeilen an Greta: „Liebe Greta! Noch weile ich unter den Lebenden. Die Seuche hatte mich wohl ergriffen und niedergeworfen, aber Gott hat mich gerettet und ich hoffe bald entlassen zu werden. Warum hast Du gar nicht nach mir gefragt? Holst H Du mich ab, oder sehe ich Dich noch früher? Schreibe bald Deinem Willy." Die Antwort auf dieses Schreiben ließ nicht lange auf sich warten, aber sie fiel anders aus als Willy gedacht. Die Mutter Gretas schrieb ihm: „Sehr geehrter Herr! Ihre Zeilen hat meine Tochter erhalten und mir dieselben zur Beantwortung übergehen. Es ist mehr als eine semitische Unverschämtheit einem von einem Cholerakrankenhause zu schreiben und die Krankheit, die Sie schon einmal ins Ha rs gebracht hatten, wieder zuzusch'cken. Halten Sie gefälligst alle Herzensergüsse für fich und wenn Sie ganz geheilt und gehörig desinfictrt sind, so schicken Sie mir das Geld, das Sie mir noch schulden uud geben mir die Adresse an. wohin ich Ihre Effecten ttansporttten lassen soll, denn auf einen Besuch von Ihnen verzichten wir. Hochachtend Amalie von Toussaint, geb. v. Lipoßky." Darunter stand von anderer Hand: „Behüt Dich Gott, es wär' so schön gewesen." „Behüt Dich Gott, es hat nicht sollen sein! Greta." Enttäuscht legte Willy den Brief zur Sette. Ein bitteres Lächeln umspielte seine schmalen Lippen. Dahin, dahin. Der Traum, den er als Student geträumt, war entschwunden, das Erwachen war jedoch ein glückliches. Am Rande des Abgrundes hatte er gestanden; Gottes Baterhand hatte ihn beschützt. Die Liebe Gretas war nicht echt; sie hatte die Probe nicht bestandeu. Aber vielleicht hatte sie unter dem Zwang, den die Mutter sicher auf sie ausübte, gehandelt! Er konnte stch nicht denken, daß man so heucheln und ihn, der fich für einen Menschenkenner hielt, täuschen könnte. Wenn er erst wieder auf wäre und mit ihr sprechen könnte. Ein tiefer Zwiespalt erfüllte seine Seele. Die glücklichen Jugendjahre zogen ihn zu seinen Pflegeeltern, zur Gemeinschaft mit seinen Glaubensgenossen; das Herz und die Leidenschaft malten ihm die Fortsetzung seines seitherigen Lebens in den schönsten Farben, sein Ehrgeiz trieb ihn, in hoher Staatsstellung das Ziel seines LebenS und StrebenS zu sehen und alle Mittel versuchen, dieses Ziel rasch und sicher zu erreichen. Er erwog hin und her, strengte seinen Geist an, daß ihn der Kopf schmerzte und konnte zu keinem Entschlüsse kommen. Der Tag ging zu Ende und Willy schlief, von langem Denken ermattet, ein. Da hatte er einen Traum. Er sah sich in seine Jugendjahre zurückversetzt. Eifrig lernend saß er mit seinem Lehrer im Zimmer bei seinen Pflegeeltern und dieser erzählte ihm von dem Abfalle Achers. Da wurde von unsichtbaren Händen die Thüre geöffnet und'eine Gestalt nahete sich ihm. ES warg seine Mutter. I Mit glänzenden Augen hörte fie ihm zu

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