Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 14 (18.2.1895)
- Date
- 1895-02-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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267 mm WaS ihm seine Tochter war, das hatte er während der paar Tage gesehen, die sie in Berlin verbracht hatte. Sie fehlte ihm an allen Ecken und Enden und oft mußte er sich selbst gestehen, wie thörtcht er gewesen war, daß er bet ihrer Geburt klagend gesagt habe: ach, nur eine Tochter! Mit Schrecken dachte er an die Zeit, da diese Tochter ihn verlaffen würde, um einem Manne anzugehören. Was sollte dann aus ihm werden, denn auch Fanny, an die er gewöhnt war und die oft Annyr Stelle vertrat, wird ihn einmal verlaffen — er mochte an diese Zeit nicht denken und geizte deshalb mit den Minuten, die sie noch ihm, ihm allein angehörte. Die Nachrichten, die jetzt aus Berlin kamen, lauteten bt friedigender. Die Macht der Krank' heit war gebrochen und im Vertrauen auf die Jugend und die gute Constitution des Patienten hofften ihn die Aerzte durchzubringen. Schon war dte Besinnung wiedergekehrt, der Kranke erkannte wieder seine Umgebung und jetzt waren es nur noch die Folgen der Krankheit, die er zu überwinden hatte. Noch aber lag er isolirt da und dte Aerzte und das Wartepersonal waren die einzigen Menschen, die er zu sehen bekam. Wohl erkundigte er sich, ob und wer während seiner Krankheit nach ihm gefragt habe, und er erfuhr zu seinem großen Kummer, daß nur Herr von Gilsa sich nach ihm erkundigt und daß sein Wärter in dessen Auftrag täglich Bericht an seine Eltern geschickt habe. „Und sonst hat Niemand nach mir gefragt?" fragte er zweifelnd den Wärter. — „Niemand, Herr Doktor; von den Cholerakranken hält sich jeder fern." Willy war darüber sehr traurig; er dachte an Greta und konnte nicht begreifen, daß sie kein Lebenszeichen von sich gab. War das ihre Liebe, die sie ihm so oft betheuert und zugeschworen hatte? Aber vielleicht war sie selbst krank; vielleicht hatte dte tückische Krankheit auch Greta erfaßt und sie sehnte sich nach einem Lebenszeichen von ihm, wie er selbst sich nach einem solchen von ihr sehnte. Wer konnte ihm darüber Auskunft geben? Mit Angst fragte er den Wärter, ob die Cholera stark ausgebrochen sei. „Nein, Herr Doktor," sagte dieser, „Gottlob nicht. Außer Ihnen haben wir nur noch einen Schiffer an der Cholera krank." „Und in anderen Krankenhäusern?" „Gibt es keine Cholerakranken; die kommen alle hierher." „Und die sich privatim. —" „Gibts nicht; wer an der Cholera krank wird, wird zu uns gebracht." Erleichtert athmete Willy auf; so war er allein der Pechvogel gewesen. Greta jund die ihrigen waren gesund, und doch ließen sie nichts von sich hören! Er sann und grübelte und je mehr er darüber nachdachte, um so mehr empörte ihn die kalte Thetlnahmlosigkett seiner Geliebten. Jetzt brachte ihm der Wärter einen Brief. Sicher war er von Greta, dte sich nach seinem Befinden erkundigte. Mit noch zitternden Händen nahm er den Brief und betrachtete erregt den Poststempel. Das war nicht der Berliner Stempel und auch nicht Gretas Handschrift. Und doch waren es die Schrtftzüge einer Dame! Aber der Brief intercsstrt ihn nicht mehr. Langsam läßt er die Hand sinken und starrt unverwandten Blicks nach der Decke. Aufmerksam betrachtete der Wärter seinen Patienten. Dann sagte er: „Nun, Herr Dr., sind wir noch zu schwach, um leien zu können?" Wrlly fuhr erschrocken zusammen; er hatte wachend geträumt, und da sein Blick jetzt auf den Brief fiel, den er in der Hand hielt, kehrten seine Gedanken in dte Wirklichkeit zurück. Langsam öffnete er das Couvert und sah nach der Unterschrift. Der Brief war von Anny Pretortus, von seiner Schwester. Eigenthümliches Zusammentreffen! Die, deren Liebe er mißachtet und dte er von sich gestoßen, verlassen ihn nicht in der Zeit der Noth, dte, um deren Liebe er gebuhlt, haben ihn vergeffen, vergessen in wenigen Tagen. „Doch wer sagt ihm, daß es nur wenige Tage sind?" Er wird gleich Auskunft darüber haben. Er will doch den Wärter fragen. Doch halt. Der Brief trägt ja wohl auch ein Datum. Er faltete den Bogen auseinander. Welch hübsche Handschrift Anny doch hat! Kräftig wie dte Schrift eines Mannes sind die Züge; deutlich, als ob ein Kalligraph sie geschrieben hätte, dte Buchstaben. Er fängt an zu lesen. Aber was ist das? Das ist ja kein deutsches Datum! Hier steht in hübschen hebräischen Buchstaben... nene x or. Schreibt ein jüdisches Mädchen der heutigen Zeit ein jüdisches Datum, wie dte Gelehrten, dte frommen Rabbtnen zu thun pflegen? Und jetzt weiß er erst recht nicht, wo man in der Zeit ist. Jahre lang hat er keine Synagoge besucht, keine Vorlesung aus der Thora mit angehört, er weiß nicht, welcher Abschnitt am letzten Sonnabend in den Gotteshäusern verlesen worden ist. Der Brief sagt es ihm, die Schwester hat es ihm mitgethetlt und gerade zu einer Stunde, da sein Herz sich sehnt nach Liebe und Treue, zu einer Stunde, da er dem Schöpfer danken will für seine Genesung, zu einer Stunde, da seine Gedanken ihn zurückführen in bk goldne Zeit der Kindheit, die er behütet und beschützt, geliebt und der-