Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 11 (7.2.1895)
- Date
- 1895-02-07
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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211 Oesterr. Ungar. Monarchie. S. H. Wie», 3. Febr. (Wien er Briefe.) Zur Erinnerung an das zu feiernde 50jährige Regierungs- Jubiläum des Kaisers, hat der österreich.-ungar. Cantoren-Verein in Wien die Initiative zu einer überaus zeitgemäßen und humanen Aktion ergriffen, der auch Fernstehende das beste Gedeihen wünschen. Während draußen im Reiche für Cantoren und Cultusbeamte überhaupt Altersversorgungen und Penstonskaffen extstiren, während drüben in Deutschland jede Branche ihre Fachvereine hat, die die Interessen ihrer Standesgenoffen wahrnimmt, herrscht bei uns auch auf diesem Gebiete die sprichwörtliche österreichichische Gemächlichkeit. Und doch erweisen sich die diversen Fachorgantsationen als sehr ersprießlich, und wenn ein Verein daran geht, seinen Mitgliedern eine Alters-Pension zu bieten, ist es Sache der Gemeinden auch ihr Scherflein dazu beizutragen. Wir können hier natürlich nicht alle Details der ins Leben zu rufenden Institution mittheilen, und wollen wir die wichtigsten Momente hervorheben. Berufsunfähig gewordenen Mitgliedern wird eine jährliche Pension gewährt. Deren Wtttwen und Waisen erhalten eine einmalige Geldunterstützung. Die jährliche Alterspenston variirt zwischen fl. 160 minimal und fl. 400 maximal. Der Wittwenbeitrag ist mit einer einmaligen Baarleistung in der Höhe fl. 500 in Aussicht genommen. Der Jahresbeitrag eines Mitgliedes ist durchschnittlich fl. 50, an welchem die betreffende Gemeinde zur Hälfte zu participiren hätte, welcher es also auf diese Weise möglich wird, für diesen wirklich winzigen Beitrag ihre Funktionäre für die Jnvaliditätszeit zu versorgen, wozu sie schließlich auch verpflichtet ist, und das umsomehr, als dieses Quotenverhaltniß sie weiterer Verpflichtungen enthebt. Mehrere hervorragende Gemeinden haben bereits ihren Beitritt angemeldet. Nähere Auskunft ertheilt der Vorstand des genannten Vereines, deffen Amtslokale sich I. Seitenstettergasse 4 (isr. Gemeindehaus) befindet. — Jetzt will ich ein unerquickliches Thema, den Zionismus, natürlich den modernen, extremen berühren, oder besser gesagt, eine überaus instructive Artikel-Serie über denselben registriren. Wir sind kein Freund dieser Strömung, wir bekämpfen sie in Wort und Schrift; da ste vorhanden ist, darf man sie nicht todtschweigen, denn die Vogelstrauß-Polttik führt unserer subjektiven Ansicht nach zu nichts. Die Wiener nichtjüdische Tagesltteratur hat bis jetzt die ganze Bewegung ignorirt und in christlichen Kreisen hatte man von deren Existenz keine Ahnung. Nun hat die hiesige wissenschaftlich-literarische Zeitschrift „Neue Revue" (früher Wiener Literaturzettung) mit diesem System gebrochen und in den ersten fünf Heften veröffentlichte ste an leitender Stelle den erwähnten Artikel Cyclus unter der Ueberfchrist: „Der auferstandene Sem" von Clemens. Der Aufsatz ist überaus sachlich und seriös gehalten, schildert naturtreu die Entstehungs- und Entwickelungsgeschichte der zionistischen Strömung, vermeidet subjektive Reflexionen pro oder contra, so daß wir diesem Beitrage zum Zionismus einen historischen Werth beimeffen. Der Verfasser ist auch in der hebräischen und Jargonltteratuc, wie nicht minder in der einschlägigen Publizistik bewandert, macht sogar treffende Bemerkungen über das Jargontheater, cittrt belletristische Werke, unter anderen auch die „Schindmähre" von Abrahmowitzsch, die seinerzeit in unserer Bearbeitung im „Israelit" erschienen ist. Mit einem Worte, der Aufsatz bietet viel des Jntereffanten und wer sich über die Sache orientiren will, dem kann deffen Lektüre nur empfohlen werden. Wir glauben den Namen des Autors zu errathen, doch haben wir keine Veranlassung deffen Pseudonym zu lüften. Da wir uns heute schon mit den Zionisten beschäftigen, wollen wir noch eine Weile bei ihnen bleiben und zwar bei den galizischen. Ihr polnisches Organ, die in Lemberg halbmonatlich erscheinende „PrzySelosc" — die Zukunft — ist zwar nicht so hyperzionistisch, wie die nach langer qualvoller Agonie, nach Domictl- und Namenwechsel selig entschlafene „Selbstemancipatton", eines aber hat die polnische Nachtreterin ihrer deutschen Collegin nachgemacht: nämlich die Rabbiner im Allgemeinen und jüdische Autoritäten insbesondere in den Koth zu zerre». Die Zionisten sind eben eine ausgesprochen radikale Partei, alssolchebesorgenstedte destruktive Maulwurfsarbeit. „Zerstören" ist ihr Losungswort und denken sie: nach uns die Sündfluth! Vor uns liegt die letzte Nummer des „Przyselosc"; deffen Leitartikel, der sich mit der definitiv zu erfolgenden Anstellung des Lemberger Predigers Dr. I. Caro beschäftigt, hat uns empört. Wir bemerken ausdrücklich, daß wir den Herrn nur dem Namen nach kennen und gar keine Veranlassung haben, für ihn Partei zu ergreifen, nur sind wir der Ansicht, daß Niemand das Recht hat. einen politischen Gegner persönlich zu beschimpfen. Dr. Caro ist wahrscheinlich kein Zionist; ste, die Z onisten, mögen sich also gegen seine Stabilistrung auflehnen, ste mögen ihn bekämpfen, aber seine persönliche Ehre dürfen ste nicht angreifen. Aus dem sieben Spalten langen Artikel wollen wir nur einige Sätze hervorheben, und das Urthetl überlaffen wir dann dem Leser: „Herr Caro kann alles sein, nur nicht unser Repräsentant nach außen. Durch seine