Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 10 (4.2.1895)
- Date
- 1895-02-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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XXXVI. Jahrgang. Beilage ju J\i 10 des „Israelit". Leitender Artikel. MMliMes als miiWW AatorM. Von Dr. I. Mü«z (Fortsetzung.) Es hat sich ein hebräisches Gebet aus dem zwölften Jahrhundert erhalten, welches Maimonides verfaßt und jeden Tag vor dem Besuche seiner Kranken täglich gesagt haben soll. In diesem herrlichen Gebete hören wir unfern Arzt flehen: Ich schicke mich jetzt an zu meinem Berufe. Stehe mir bei. Allmächtiger, in diesem großen Unternehmen, daß es mir gelinge; denn ohne deinen Beistand gelingt dem Menschen auch das Kleinste nicht. — Laß, daß mich beseele die Liebe zur Kunst und zu Deinen Geschöpfen. Gib es nicht zu, daß Durst nach Gewinn, Haschen nach Ruhm oder Ansehen sich in meinen Betrieb mische; denn diese sind der Wahrheit und der Menschenliebe feind, und sie könnten auch mich irreleiten in meinem großen Berufe, das Wohl Deiner Geschöpfe zu fördern. Erhalte die Kräfte meines Körpers und meiner Seele, daß unverdrossen ste immerdar bereit seien, zu helfen und beizustehen dem Reichen und dem Armen, dem Guten und dem Bösen, dem Feinde und dem Freunde. Laß im Leidenden stets nur den Menschen mich sehen. — Verleihe meinen Kranken Zutrauen zu mir und zu meiner Kunst in Befolgung meiner Vorschriften und Weisungen. Verbanne von ihrem Lager alle Qucksalber und das ganze Heer rathgebender Verwandten nnd überweiser Wärterinnen, denn es ist ein grausames Volk, das aus Eitelkeit die besten Absichten der Kunst vereitelt und Deine Geschöpfe oft dem Tode zuführt. Wenn weisere Künstler mich bessern und belehren wollen, laß meinen Geist dankbar und folgsam sein; das Gebiet der Kunst ist groß. Wenn aber eingebildete Narren mich tadeln, so laß Kunstliebe meinen Geist stählen, daß er ohne Rücksicht auf Alter, Ruhm und Ansehen auf der Wahrheit beharre, denn Nachqeben wäre hier Tod und Kranheit Deiner Geschöpfe. Verleihe meinem Geiste Sanftmuth und Ruhe, wenn ältere Genossen, stolz auf Jahreszahl, mich verdrängen, mich verspotten und höhnend mich bessern wollen. Laß auch dies mir zum Vorthetl gereichen, denn ste wissen mancherlei, was mir fremd ist, aber ihr Dünkel laß mich nicht kränken; ste sind alt und das Alter ist nicht der Leidenschaften Meister — hoffe doch auch ich alt zu werden auf Erden vor Dir, Allgüttger. *) 1) Nach der Uebersetzung von Dr. M. Kayserling, der Hat dieses Gebet wirklich Maimonides zum Verfasser, so ist es ein klares, beredtes Zeugniß für die religiöse Gewissenhaftigkeit, mit der unser Arzt seinen Beruf ausübte, aber auch für die Feindseligkeit und Tücke, mit der er zu kämpfen hatte. Seit seiner ärztlichen Praxis am Hofe Saladins stieg Matmunt's Ansehen als Arzt immer höher. Die Großen und Vornehmen des Reiches nahmen feine Hilfe in Anspruch und Matmuni sah sich zu den größten Aerzten des Landes gezählt. An seinen treuen Schüler Jbn Aknin, dem er stetsZleutseltg sein Herz öffnete, schrieb er um das Jahr 118»: Ich theile dir mit, daß ich in der Medizin einen großen Ruf erlangt habe, bet den Vornehmen der Stadt, wie auch bei dem Grotzrtchrer, bet den Emiren und bet dem Hause des Alfadfel, bei denen aber nicht viel zu gewinnen ist. Was aber die untern Leute im Volke anbetrifft, so nehme ich eine zu hohe Stellung ein. als daß sie zu mir gelangen könnten. Meine Tage bringe ich in Kairo zu, um die Kranken zu besuchen, und wenn ich nach Misr (Fostat oder Alt-Kairo) zurückkchre, bin ich zu müde, um noch während der übrigen Tageszeit oder während der Nacht das zu studiren, was ich noch nöthtg habe aus den Büchern der Medizin zu lernen. Denn Du weißt, groß und schwierig ist diese Kunst für den, der mit Gewissenhaftigkeit und Sorgfalt zu Werke geht und keinen Ausspruch thun will, wenn er sich nicht auf einen Beweis stützen kann und nicht weiß, wo dieses gesagt wurde und auf welche Art sich dieses erklären lasse. Daraus folgt, daß ich keine Zeit habe, in irgend ein rabbinifches Buch hineinzusehen und nur am Sabbat lese ich manches davon. Ebensowenig finde ich Muße mit den andern Wissenschaften mich zu beschäftigen und ich leide sehr unter diesen Verhältnissen. Ich habe in der letzten Zeit alles erhalten, was Jbn Roschd (Averrös) über die Werke Aristoteles geschrieben hat, mit Ausnahme des Buches über die Sinne und das Gefühl. Auch habe ich gesehen, daß er mit großem Scharfsinn bis an die Wahrheit vorgedrungen sei; bis jetzt bin ich aber noch nicht dazu gekommen, alle seine Schriften zu lesen.?) Trotzdem Maimonides hier über Mangel an Zeit und über die Vernachlässigung seiner philosophischen Studien klagt, gab er doch ein Jahr später 1190 sein großes philsophisches Werk, den Führer der Verirrten, heraus. Seit dieser dieses schöne Gebet in Philippsohn'S Allg. Zeitung des Judenthums 1883 im Zusammenhang veröffentlicht hat. 2 2) Bei Munk, Notice sur Joseph b. Jehuda S. 24,39.