Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 9 (31.1.1895)
- Date
- 1895-01-31
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448559-2448569--40126-2489025- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
mm. XXXVI. Jahrgang. Zweite Beilage M M 9 des „Israelit". Zeitungsnachrichten und Correspouderrzen Deutschland. R. Worms. In der benachbarten ReligionSgemeindr Frankenthal, welche durch die Eintracht ihrer Mitglieder, wie durch ihre OpferwHlltgkeit auch in weiteren Kreisen bekannt sein dürfte, haben tm vergangenen Jahre Herr Moritz Neuberger und seine Frau Clementine Neuberger, geb. Neter zum Besten der Gemeinde neben der Synagoge ein H a u s gestiftet, das den verschiedenen cultuellen Zwecken dienen soll. In einem daselbst herrlich eingerichteten Saale sollen insbesondere dte Sitzungen für dte Verwaltung, für den Armen-Kranken- und Frauenverein stattfinden. auch soll derselbe bei kalter Witterung als Betsaal benutzt werden. Bet der Einweihung, die vor kurzem bet zahlreicher Betheiligung in feierlicher Weise vollzogen wurde, hob der Religionslehrer und Cantor Herr Singer, der vor mehreren Jahren gelegentlich seines 70. Geburtstages vom Pctnzregenten ausgezeichnet wurde und heute noch r'oy in körperlicher und geistiger Frische seines Amtes waltet, rühmlich hervor, daß die fromme Spende den edlen Stiftern zum ehrenden Andenken für ewige Zetten gereichen und für die Religionsgemeinde in der Cultusübung als stete Zierde walten möge, zu welchem Zwecke auch in dankbarer Anerkennung eine Ehrentafel im Saale angebracht wurde. Zu beklagen ist, das die edle Stifterin schon so bald daraus in das Reich der Seligen einzog. Bei dieser Gelegenheit wollen wir noch bemerken, daß es ebenfalls die Moritz Neuberger'schen Eheleute waren, die bet der Einweihung der dortigen Synagoge 2 werthvolle Kronleuchter und sämmtliche Beleuchtungsgegenstände im Betrage von M. 2500 gespendet haben. Berlin, 22. Januar. In der Auswanderung der Juden aus Rußland, die übrigens schon in den beiden letzten Jahren sehr abgenommen hatte, ist in den letzten Wochen eine weitere bemerkenswerthe Abnahme eingetreten. Während früher den CentralauSwandererbahnhof in Ruhleben täglich Hunderte von Vertriebenen aus Rußland passtrten, treffen dort jetzt höchstens 10 bis 20 Personen von dem Zarenreiche täglich ein, um über Hamburg oder Bremen weiterzureisen. Dies Nachlaffen der AuSwanderungslust in Rußland wird auf dte erhoffte Besserung der Zustände seit dem Regierungsantritt des jungen Zaren zurückgeführt. Durch diese Nachricht gewinnt der konservativ-antisemitische Antrag auf ein Verbot der Einwanderung ausländischer Juden, namentlich aus dem Osten, eine eigenthümliche Beleuchtung. A Königsberg i. Pr , im Januar. Im hiesigen »Verein für jüdische Geschichte und Literatur" hielt der Profeffer der Theologie au der hiestgen Universität, D. Cornill am 9. er. vor einem überaus zahlreichen Auditorium von BereinSmttgliedern und deren eingeladenen Gästen, einen Bortrag über »das alte Testament und die Humauität". Der Herr Vortragende leitete seine Ausführungen mit dem Bemerken ein, daß es gerade ihn, den Nichtjuden, freue und erhebe, hier einmal auch in einem speciell jüdischen Kreise über »das alte Testament", also gleichsam »vor den Kindern des Hauses" sprechen zu dürfen, wobei er versichern könne, daß das Studium des alten Testaments und der sonstigen heiligen Schriften Israels ihm Veranlassung genug gegeben habe, in denselben mit »Augen der Liebe" zu lesen und zu forschen^ Humanität — meint der Herr Vortragende — sei gegenwärtig das Losungswort.' sie wird vielfach auch über die Religion gestellt, als das allein Dortheilhafte in der Religion gehalten und als der Gradmesser derselben betrachtet. Und gerade dem alten Testament in seiner Religion hat man viel» fach die Humanität abzusprechen versucht oder doch nur in bedingter Weise sie ihm zuerkennen wollen. Dem gegenüber werden die einzelnen Bücher deS A. T. vom Redner geprüft, u. z. zunächst daS Gesetz, die 5 Bücher Moses, dann die Propheten und zuletzt die poetischen Bücher. Bet dem Gesetze weist Prof. Cornill zuvörderst darauf hin, daß mit der Lehre von der Erschaffung des Menschen nach dem göttlichen Ebenbtlde der unverrückbare Grund für dte wahre Humanität gelegt ist, welche nur möglich ist als Frucht der Religion. Dann wurden die einzelnen Bestimmungen des Grsetzes .»urch den Redner durchgenommen und hiebei nachgewiesen, wie das Gesetz überall Liebe und Güte gegen dte Schwachen und Schutzlosen, Wittwen und Waisen, Armen und Fremdlinge predige und in jeder Weise für sie sorge, und hier Bestimmungeu treffe, die großentheils weit humaner sind, als dte Gesetzgebung unserer Zeit. — Selbst in der Crtminalrechtspflege ist ein humaner Zug unverkennbar, und auch dte Sklaverei, welche das Gesetz als bestehend anerkennt, wird möglichst gemildert, dem Sklaven der Schutz des Gesetzes gewährt, und auch er der Schonung und rücksichtsvollen Behandlung empfohlen. Ja, die liebevolle Fürsorge des israelitischen Gesetzgebers erstreckt sich auch auf die Thiere, zu deren Schutze und Förderung gleichfalls gesetzliche Vorschriften erlassen werden--— So muß man denn behaupten — sagt Herr Pkvf.