Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 9 (31.1.1895)
- Date
- 1895-01-31
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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171 Oesterr.-Ungar. Monarchie. Budapest, 23. Jan. Unter Führung des Präsidenten der Budapester orthodoxen Judengemeinde sprach gestern eine aus 24 Mitgliedern bestehende Deputation der Landesvertretnng der orthodoxen Judenschaft, darunter zehn OberMabbtner und Deleairte auS allen Theilen des Landes, beim Minister-Präsidenten Baron Banffy vor, um denselben in seiner neuen Stellung zu begrüßen. Auf die Ansprache des Ober Rabbiners Moriz Rosenbaum erwiderte der Minister-Präsident: „Geehrte Herren! Ich danke Ihnen für Ihr freundliches Erscheinen und nehme mit Vergnügen die herzlichen Glückwünsche entgegen, die Sie-mir anläßlich besten, daß mich das Vertrauen Sr. Majestät unseres allergnädtgsten Herrn an die Spitze der Regierung gestellt hat, zum Ausdrucke bringen. Ich kann Ihnen die Versicherung geben, daß ich es als Hauptaufgabe betrachten werde, dahin zu wirken, daß in unserem Vaterlande Jeder ohne Unterschied der Confession in mir einen Förderer seiner Interessen erblicke. Schon in meiner früheren Thätigkeit als Obergespan habe ich persönlich wahr, genommen, daß die ihrem Glauben anhängliche Judenschaft ein begeisterter Unterstützer der ungarischen Staatsidee und des nationalen Bestrebens ist, und ich habe schon deßhalb immer gern die Gelegenheit ergriffen, ihr gegenüber mein Vertrauen und meine Theilnahme auszusprechen. Ich versichere Sie, meine Herren, und sagen Sie dies Ihren Mandanten, daß ich der Richtung, welche in meinem ftüheren Wirkungskreis für mich maßgebend war» auch in Zukunft treu bleibm werde. Ich vertraue Ihrem Patriotismus, und indem ich Sie meines vollsten Wohlwollens versichere, rechne ich auch auf Ihre gefällige Unterstützung meiner auf das Wohl des Vaterlandes und des Thrones gerichteten Thätigkeit. Ich danke Ihnen nochmals für Ihre ehrende Aufmerksamkeit." Lebhafte Eljen- Rufe folgten der Ansprache des Minister-Präsidenten, worauf der Präsident der Orthodoxen Landes- Centralkanzlei, Ignaz Reich, die 24 Mitglieder.der Deputation dem Minister-Präsidenten vorstellte. Prag, 22. Jan. Wie wir z. Zt. berichteten, hat die böhmische Statthalteret'mittelst Erlaß vom 1. März v. I., welcher die Bestätigung des Mi nistertums des Innern erhielt, den „Czechisch-jüdischen Rational-Veretn" inWraq und 'seine sämmt- Uchen Localsecttonen wegen Ueberschreitung ihres statuarischen Wirkungskreises aufgelöst. In der Begründung wurde hervorgehoben, daß in Widerspruch mit dem Statut, welches als den Zweck des Vereins bezeichnet: „auf das einträchtliche Zusam menwtrken der Böhmen jüdischer Confession mit den anderen ConnationalenNn nationaler,"geistiger, gesellschaftlicher und volkswirtschaftlicher Beziehung blnzuwirken", in Versammlungen Reden politische« Charakters gehalten wurden; ferner sei die Vereinsleitung an die Statthalterei mit einer Eingabe berangetreten, daß „den Statuten der israelitischen Cultusgemeinde in Prag, falls dieselben die deutsche Sprache als Geschäftssprache normiren, die Genehmigung versagt werden solle." Gegen die auS den mitgetheilten^Gründen erfolgteMuflüfung erhob die VereinSleitung Beschwerde beim Reichsgericht, welches mittelst Ucthetls vom?19. d. M die Be^ schwerde als berechtigt anerkannte und die Auslösung annullirte. Lemberg, 25. Januar. Die, jüdischenMeichSraths- und Landtags-Abgeordneten GalizieuS haben sich auf Anregung des Abg.^Dr v. Rapoport in einerZheute hierKabgehaltenen Versammlung, in der die überhandnehmende ^Nothlage der jüdischen Bevölkerung Galiziens eingehend besprochen wurde, als Hilfscomttö constttuirt, dessen Aufgabe es sein wird, der nothleidenden^ jüdischen Bevölkerung.Arbeit zu verschaffen und neue Erwerbsquellen zu eröffnen, ferner der jüdischen Jugend die Möglichkeit zur^ praktischen Ausbildung als Landwirthe, Handwerker und in verschiedenen Gewerben zu bieten. Es wurden zum Obmanne deS Comites Dr. v. Rapoport, zu besten Stellvertreter Abg. Dr. Byk und zum Casster Abg. Dr. Goldmann gewählt. Das Comite versendete sofort an viele einflußreiche und hervorragende Persönlichkeiten des Landes ein Questtonnaire über die Erwerbs- Verhältnisse der Juden in Galizien und traf Maßregeln zur^ Hebung, der^Tallesrveberei in Kolomea. Rußland. In Rußlands hat, wie die MoSkowSktja Wjedomostt melden, die Regierung den Entschluß gefaßt, die seit der Regierungszeit NckolauS I. im Reiche bestehenden speziellen Steuern für Juden aufzuheben. Diese sogenannte Fleisch- und Kerzensteuer, mit welcher nur die Juden in Rußland belegt sind, bildete seit jeher den Gegenstand bitterster Klagen, denn von dieser Besteuerung wurden hauptsächlich die armen Juden hart betroffen. Die Versuche, diese speziellen Besteuerungen aufzuheben, welche unter Alexander II. unternommen worden waren, scheiterten an der Opposition der Ministerien des Innern und der Volksaufklärung, welche die Ansicht vertraten, daß die im Reiche bestehenden Elementar-Schulen für Juden nicht vom Staatsschätze, sondern durch eine spezielle Judensteuer erhalten werden müssen. Die nunmehr angekündigte bevorstehende Aufhebung dieser Steuer spricht daM, daß die Regierung Kaiser Nikolaus II. in Bezug