Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 9 (31.1.1895)
- Date
- 1895-01-31
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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167 mit ihm fürlieb nehmen. Uebrigens hat der Jude Dir schon genug Opfer gebracht. Deinethalben hat er sich losgesagt von seinen Pflegeeltern und seinen Glaubensgenossen, deineihalben hat er die Religion seiner Väter mißachtend bei Seite geschoben und gethan, was deren Gesetze verbieten. Deinethalben hat er das Anrecht aus die ewige Seligkeit aufgegeben, der Thor, der da meinte, die Liebe würde ihn entschädigen, die höchste selbstlose Liebe." „Sie hätte Dich auch entschädigt und würde Dich gerne glücklich machen, wenn Du selbst nicht das Hinderniß in den Weg gestellt hättest. Meine Liebe ist selbstlos, denn sie will nur Dein Glück und freilich mit dem Deinigen auch das Meinige. Strebe also weiter auf dem einmal betretenen Wege und Du weißt, welcher Lohn Dir am Ziele winkt. Deine Reminiszensen an das Judenthum sind ja sehr rührend, aber eines Mannes unwerth. Ein Mann weiß, was er thut und jammert später nicht darüber, daß er es gethan hat. „Und nun, laß uns dieses unerquickliche Thema beenden. Ich weiß ja doch, daß Du mein guter Willy bist und alles thust, was Dein Gretelein glücklich machen kann." Sie schlang ihre Arme um ihn und koste und schmeichelte, umihrZ'elzu erreichen. Willy kämpfte einen schweren Kampf. Er hatte es sich nicht so schwer gedacht, den Glauben der Väter abzuschwören, da cs ja nur etwas Ueberwindung gekostet hatte, besten Gesetze zu mißachten, dessen Gebote und Vorschriften zu übertreten. Ja, cs ist etwas anderes, als Jude die Gebote des Judenthums nicht halten, wie ein Nichtjude leben und das Judenthum abschwören und in eine andere Glaubensgemeinschaft eintreten. Wie viele der ersten Art gibt es, die nicht um alles die eigentliche Consequenz ihres Lebens ziehen würden! Auch Willy schreckte vor dieser Consequenz, die Greta unbarmherzig von ihm verlangte, zurück. Er konnte wohl die jüdischen Gebote vernachlässigen, das Judenthum abzuschwören vermochte er nicht. Durch diesen Zwist war eine Spannung zwischen Willy und Greta entstanden, durch die beide sehr litten. Wlly versuchte alles, um Greta zu versöhnen. Diese aber, eigensinnig wie viele Frauen, wollte nichts eher von Versöhnung wissen, bis Willy ihre Forderung erfüllt hatte. Eines Tages saß Willy in seinem Zimmer und arbeitete an einem Aufsatz für eine Fachzeitung. Da trat Gretas Schwester ein und meldete ihm eine Dame, die ihn sprechen wolle. Willy sah erstaunt auf; er hatte wenig Damenbekanntschaften in Berlin und konnte sich nicht denken, wer zu ihm komme, um ihn zu sprechen. „Alt oder jung?" fragte er in scherzendem Tone. „Jung und schön," sagte Frl. Toussaint. „So führen Sie dieselbe, bitte, in deu Salon." Dieses geschah und nach einigen Minuten stand Willy vor einer jungen hübschen Dame in Trauer. „Sie wünschten mich zu sprechen," sagte er sich verneigend; „mit wem habe ich das Vergnügen?" Dle junge Dame erwiederte nichts, sondern sah ihn nur lächelnd an. Willy wurde verlegen und fragte nochmals: „Wie ist Ihr werther Name?" „Sie kennen mich wirklich nicht mehr?" fragte die Fremde mit einer wohllautenden Stimme. „Ja, ja, Herr Doctor, Sie haben ein schlechtes Gedächtnis." Ganz verlegen antwortete Willy: „Sonst im Allgemeinen doch nicht; es muß schon recht lange her sein —" „Das ist es auch, Herr Doktor. Ehe Sie zur Universität gingen, haben wir uns zum letzten Male gesehen." „Dann kann es nur sein, daß Sie — meine — Anny Pretortus sind." „Die bin ich auch, mein lieber Willy," sagte Anny ihm beide Hände reichend „und ich bin eigenS nach Berlin gekommen, um mein Heil zu versuchen, ob ich mir den Bruder zurückerobern kann." „Ein schweres und undankbares Geschäft, mein liebes Fräulein." „Fräulein? Warum so förmlich? Bin ich nicht mehr Deine Anny und Du mein Willy? So leicht lasse ich keine trennende Schranke zwischen uns errichten; so leicht gebe ich Dich nicht auf." „Das ist sehr freundlich, aber ich muß Dir im Voraus sagen, daß Du wenig Erfolg haben wirst. Jene Wunde, die mein Herz Euch entfremdete, ist vernarbt und es ist nicht gut, von Neuem daran zu rühren. „Deine Eltern waren ja bis zu meiner Geburt auch ohne Sohn glücklich und werden, wenn sie absolut einen Sohn haben wollen, sich jetzt gedulden können, bis sie in Deinem Manne einen Schwiegersohn erhalten." „Meine Eltern! Willy waren meine Eltern denn nicht auch Deine Ettern? Hatte tch etwas im Voraus vor Dir? Meine Ettern, Du sprichst, als ob Du nicht wüßtest, daß ich leider — nicht mehr beide Eltern habe." Jetzt erst merkte Willy die Trauerkleidung seiner Schwester. Ein tötlicher Schreck durchfuhr ihn. Bleich wie eine Leiche trat er auf Anny zu und sagte: „Es ist doch nicht — o Gott! Deine Trauerkleidung — sprich Anny und martere mich nicht — Vater und Muter find doch gesund?"