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Der Israelit · 1895-01-21 · Heft 6 (21.1.1895) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 6 (21.1.1895)
Date
1895-01-21
Page
– (sequence 7)
Language
German
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111 eine solche Veränderung mit Willy hatte Vorgehen können. Sie machten sich selbst Vorwürfe, daß sie ihn so isolirt erzogen hatten, und meinten, wenn er in einer öffentlichen Schule vorgeblldet worden wäre, woselbst Versuchungen an ihn herangetreten wären, die er, gestützt auf die Stütze des Hauses und der Frömmigkeit der Seinen besiegt hätte, so wäre er nicht gleich der ersten Versuchung in der Fremde erlegen. Wie locker er nur noch mit dem Judenthum zusammenhing, davon hatten sie keine Ahnung, sonst hätte Dr. Pretorius Zeit finden müssen, nach Berlin zu reisen und ihn zu seinem Glauben zurückzuführen. Wie sehr man ihn liebte, hat uns das Versprechen gezeigt, welches Anny am Tage vor der Operation ihrer Mutter geben mußte. Der Tag der Operation war gekommen. Gefaßt und ergeben in den göttlichen Willen erwartete ihn die Kranke, aufgeregt und von bangen Ahnungen verfolgt, sah ihn der Anwalt erscheinen. Er hatte die Nacht zuvor nicht geschlafen, sondern in inbrünstigem Gebet den um Hilfe angefleht, bei dem allein Hilfe zu finden ist in jeder Noth und Bedrängniß. Stille hatte sich Anny in ihr Gemach zurückgezogen und wie der Vater hatte sie Trost und Hilfe im Gebete gesucht und gefunden, und als der junge Tag die Schatten der Nacht verscheuchte, erhob sie sich vor ihrem Gott und löste die Freundin ab, die während der Nacht bei der Mutter gewacht hatte. „Komm nur herein, Papa, Mütterchen ist schon wach." Rasch eilte Dr. Pretorius auf das Krankenlager zu, ergriff die Hände der Kranken und küßte sie; alsdann drückte er einen Kuß auf Annh's Stirne und fragte die Mutter derselben, wie sie die Nacht verbracht habe. „Gut," entgegnete diese mit festerer Stimme als gewöhnlich. „Ich habe geschlafen und einen schönen Traum gebabt." „Erzähle ihn, Mama." bat Anny. aber die Kranke wehrte lächelnd ab und sagte: „Weißt Du denn nicht, daß, wenn sich ein Traum erfüllen soll, man ihn nicht erzählen darf? Bezähme Deine Wißbegier, meine Tochter, wenn er sich mit Gottes Hilfe erfüllt hat, werde ich ihn Dir erzählen." „Glaubst Du auch an Träume?" fragte lächelnd der Anwalt. „Ich meine, Träume kommen aus dem Magen." „Im Allgemeinen magst Du Recht haben," sagte die Mutter, „aber es ist doch nicht ausgeschlossen, daß der liebe Gott den Menschen, die ihn lieben, auf ihn ihr Vertrauen setzen, zu wichtigen Zetten einen Blick in die Zukunft gestattet, sie sehen läßt, was er in seinem weisen Rathschluß zu thun beschlossen. Weßhalb sollte er sich unS nicht offenbaren, da er sich doch unfern Vätern so oft offenbarte? Ich glaube an Gottes Allmacht und deßhalb glaube ich auch an Träume." „Nun, so möge Gott unsere guten Träume in Erfüllung gehen lassen und die bösen, die uns ängstigen, möge er in gute verwandeln. Amen!" Anny blickte mit Zärtlichkeit die Eltern an und saate laut: „Amen, so sei sein hetl'ger Wille." Die Mutter bat jetzt Anny. ihr noch ihr Lieblingslted zu singen. Anny erhob sich und ging, die Thüren hinter sich auflaffend in das Musikztmmer und bald quollen die Töne aus dem Piano, so zart und weich, wie sie nur eine Meisterhand hervorzubringen vermag. Ein wunderbares Vorspiel begann, welches bald in die süße Melodie übergtng. Jetzt erklang auch Amiy's herrliche Stimme und meisterhaft^sang sie: Der reinste Ton, der durch das Weltall klingt, Der reinste Strahl, der zu dem Himmel dringt, Die heiligste der Blumen, die da blüht, Die heiligste der Flammen, die da glüht, Ihr findet sie allein, wo fromm gesinnt, Still eine Mutter betet für ihr Kind. Der Ihränen werden viele hier geweint, So lange uns des Lebens Sonne scheint; Und mancher Engel, er ist auserwählt, Auf daß er unsre stillen Thränen zählt — Doch aller Thränen heiligste, sie rinnt, Wenn eine Muiter betet für ihr Kind. O nennt getrost eö einen schönen Wahn, Weil nimmer es deS Leibes Augen sahn, Ich lasse mir die Botschaft rauben nicht. Die HimmelSbolschaft, welche zu unS spricht: Daß Engel Gottes stets versammelt sind, Wenn eine Mutter betet für ihr Kind. Noch ein paar Akkorde als Nachspiel und Anny erhob sich nun wieder zur Mutter zu gehen, aber noch ehe sie das Zimmer erreicht hatte, trat ihr Vater in den Rahmen der Thüre und winkte ihr, fort zu bleiben, da die Mutter allein sein wolle. Anny ging nun hinaus und ließ die Eltern allein. Sie lief jeden Augenblick an's Fenster, denn noch immer hoffte sie, Willy werde kommen, aber er kam nicht. Bald kamen die Aerzte angefahren und machten alles zur Operation bereit, die Professor B., der am Abend aus Wien eingetroffen war, vornehmen sollte. Kennst Du, lieber Leser, schöne Leserin, die Angst und die Furcht, die uns überfällt, in der bangen Stunde uns erfüllt, da unser Liebstes? auf der Welt in künstlich hervorgerufenem Tode unter den Messern der Aerzte sich befindet, woselbst das kleinste Versehen, ein unglücklicher Zufall, eine un-

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