Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 6 (21.1.1895)
- Date
- 1895-01-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2448559-2448566--40051-2488946- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
XXXVI. Jahrgang. Der Israelit. M 6. Ein Kenlrat-Hrgan für das orthodoxe Zudenlhum. Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Montag, den 21. Januar 5655 (1895). Leitender Artikel. Die jüdische und die christliche Moral. Berlin, 18. Januar. Just um dieselbe Zeit, um welche vor einigen Tagen Dr. Leuß, der frühere Redacteur der „Kreuzzeitung" wegen Meineids in das Zuchthaus wanderte und der Zuchthäusler Ahlwardt dasselbe verließ, um sich für 20 Pfennige Entree öffentlich sehen und hören zu lassen, just um dieselbe Seit fjielt es die „Kreuzzeltrmg" für angemessen der jüdischen Moral wieder etwas am ZZW zu flicken. Das ist nun bei der Kreuzzeitung nichts ungewöhnliches. Auch daß fie es in einem so ungeschickt gewählten Augenblick thut, wäre nicht geeignet unser Interesse für diese Expectorationen zu erregen. Etwas anderes ist es. was unsere Aufmerksamkeit auf diese Ergüsse des genannten Blattes lenkt. Zu den stehenden Axiomen der judenfeindltchen Preßtrabanten gehört auch die Mtnderwerthigkeit und geradezu Gefährlichkeit der jüdischen Moral in Vergleich zu derjenigen der Christen. Es ist das ein Gemeinplatz, auf dem man sich bequem tummeln kann, so lange man sich in allgemeinen Phrasen ergeht, deren springender Punkt die Verherrlichung des Christenthums und die Herabwürdigung des Judenthums ist. Was uns bei diesem Gebühren bis jetzt noch nie vorgekommen war, ist dasjenige, was doch am allernächsten läge: Man sollte doch einmal einen Satz aus der mtnderwerthigen jüdischen Moral citiren und demselben den Wortlaut der christlichen Morallehre gegenüber stellen, um an dem Unterschied den eigentlichen Abstand zwischen der jüdischen und christlichen Moral augenscheinlich zu zeigen. Dies ist unseres Wissens bis jetzt noch nirgends geschehen. In einem „Antichristliches" überschriebenen Artikel macht nun die Kreuzzeitung endlich einmal einen Anlauf dazu. Sie cttirt zwar keine Sätze aus der christlichen und jüdischen Moral, aber sie bezeichnet doch endlich einmal einen Punkt, in welchem die chrtstl. Moral der jüdischen über fein soll. — Die Gelegenheit dazu bietet ihr eine Schrift: „Grundzüge zurJudenfrage" von Otto Frhr. von Boenigk, Doktor der Staatswiffenschaften in Breslau. Weß Geistes Kind diese Schrift ist, erkennt man aus dem Umstand, daß sie von der Kreuzzeitung als lesenswerth bezeichnet wird. Die Kreuzzeitung erklärt sich mit Freiherrn v. Boenigk einverstanden, wenn er sagt, daß die Juden, sollen sie sich afsimiliren, sich mindestens der christliche» Moral sügen müsse«. „Da--Ist nolhwendig," sagt er, „es gilt die Existenz des deutschen Staates." Die christliche Religion werde mehr und mehr zur Grundlage staatlicher Maßnahmen. „So beruht z. B. die Einführung des Selbsteinschätzungsverfahrens bet der Einkommensteuer in Preußen auf der Voraussetzung, daß die Unterthanen in ihrer Mehrheit den Staat nicht schädigen werden, — gibt es aber eine zahlreiche und besonders hoch zu besteuernde (wegen ihres Reichthumes) Menschenklaffe, welche den Staat nur als Ausbeutungsobiekt anerkennt, so ist die Voraussetzung christlicher Moral illusorisch und der Staat geschädigt, was entschieden gefährlich ist" Schält man aus diesen staatswr'ffenschaftlich sein sollenden, von Moral triefenden Redefloskeln den Kern vorsichtig heraus, so hat man wenigstens einen festen Punkt, über welchen Rede und Gegenrede möglich ist. Danach ist die Voraussetzung, daß die Unterthanen in ihrer Mehrheit (warum nur in der Mehrheit?) den Staat nicht durch Vermögensverheimlichung schädigen, ein Postulat der christlichen Moral. Den Staat aber als Ausbeutungsobjekt anzuerkennen, und das Vermögen behufs Steuerdefraudation zu verheimlichen oder doch zu niedrig anzugeben, ist Sache der jüdischen Moral. Erst wenn die Juden sich der christlichen Mo-