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Der Israelit · 1895-01-14 · Heft 4 (14.1.1895) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 4 (14.1.1895)
Date
1895-01-14
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXVI« Jahrgang. Beilage jit M 4 Des „Israelit". Leitender Artikel. Me religiösen Zustände in Wöhmen.!aiv Das Judenthum hat einen neuen und großen Steg errungen! Eine jede legale österreichische Cultusgemeinde ist gesetzlich verpflichtet, einen Rabbiner anzustellen. Und in der That sind viele dieser Rabbinerstellen ganz besonders in Böhmen, schon besetzt worden. Wie die Pilze aus dem Moose sind nach der Publikation des Cultusgesetzes, so zu sagen, über Nacht, Rabbinen aufgeschossen und haben in Gemeinden Böhmens mit großem Pomp, mit Sang und Klang ihren Einzug gehalten! — Das große Heer von Schochtim, Mohelim, Chasonim, Schamosim sind über diese Requisition höchst befriedigt und fühlen sich dadurch überglücklich; denn sie sind in der angenehmen Lage mit der Unwissenheit solcher Rabbis konkurriren, als auch die eigene Ignoranz mit der des vorstehenden Rabbi decken zu können. — Deßwegen erscholl in solchen Gemeinden bei Ankunft solcher Rabbinen unter Groß und Klein ein wahrer Jubelschall: Hurrah, der Charis ist nun angekommen! Jetzt sind wir aus der langjährigen Verlegenheit draußen! Jetzt haben wir einen „Ras." der für unser „Erew-Raf" ganz geeignet ist! Jetzt ist's mit den Schaalts aus, denn unser „Ras" kennt keinen „Din." Beseitigt ist die Plagerei mit dem Hebräischen, den unser „Ras" kann kein Wort korrekt Hebräisch; er wird uns deßwegen den ganzen Cultus und die ganze Schule „verdeutschen", oder größtentheils „verböhmischen." — Daher willkommen, willkommen! auf Böhmens freien Cultusboden! — Ein großer „Chürif" ist wabrlich unser „Ras," wie wohl man seinen Äamen in Fachkreisen noch niemals nennen gehört hat; denn er hat sich mitgebracht eine ganz nagelneue Schabbes - Pfeife, einen präparirten Magen, der „Fleischiges" und „Milchiges" beisammen sehr gut verträgt, ferner eine große Dose voll mit „Schiurim," die er in drehorgelmäßiger Weise benützt. Denn er weiß nicht, wie ein nmo oder ein Vers tn aussieht, viel weniger eine nidJ, und doch will man den verstorbenen Chewra-Mitgliedern ihr Recht thun und für sie Schiur lernen lassen. So einen hat unsere Gemeinde noch nicht gehabt, wie sie leider jetzt hat; an dem ist nichts, was nicht schon längst hätte sein sollen. — Denn er ist im Grunde alles, was für einen „Raf" nicht paßt, er paßt aber auch so für sein Amt, wie sein Amt für ihn. — Ich hörte einen solchen „Raf" Thoralesen und Maftirsagen, und wiewohl mir die Sache schr lächerlich klang, hätte ich doch weinen können über solche deroute Zustände, welche den Ruin des Judenthums sicher herdeiführen. So las er z. B. □'Pia ors<Dn i\t dx n"x ->#3 yna LNp u. s.^w. u. s. w. Wenn unsere vitalsten Interessen so mit Füßen getreten werden und man Leute mit erschlichenen. erschwindelten, erkauften, erheirateten Rabbinatsbefähizungen oder ganz ohne solche in jüdischen Gemeinden als „Rabbiner" aufnimmt, die faktisch nicht Hebräisch lesen können oder die noch vor Kurzem einem ganz trivialen Berufe angehörten, ja ihnen durch ihr Gaukelspiel oft den Vorzug vor bewährten Fachmännern gibt, die ums Judenthums durch vieljährtge ersprießliche Wirksamkeit sich Verdienste erworben haben, das ist gewiß beweinenswerth. Solche Gemeinden wissen nicht, wie mit ihrem Rabbiner und solche Rabbiner wissen nicht, wie mit ihren Gemeinden umzugehen. Die Gemeinde kommt oft in Verlegenheit mit ihrem Rabbiner und der Rabbiner nicht selten mit seiner Gemeinde, die ihn zu einem solchen gemacht hat. Sie schämt und weigert sich sogar, ihm diesen Titel betzulegen. Solche Rabbiner sind wahre Strohmänner oder Marionetten auf der Bühne der Cultusgemeinde. Sie vertreten nicht die Religion, sondern den Willen der Vorstände und jedes Einzelnen. Sie lassen sich zu allem und von allen gebrauchen oder richtiger mißbrauchen, um nur das Stückchen knappe Brot zu verdienen; denn sie beziehen trotz ihrer vielseitigen Leistungen und ihrer vielfachen Aemter einen wahren „Hungerlohn", mit dem sich kein rechter Handarbeiter zufrieden stellt. — Und doch hrM rs Ym ’bu erhalten werden. — Daß aber auch die materielle Stellung die Autorität mitbedingt, das ist erwiesene Thatsache. Durch schlechte materielle Stellung geht oft die Autorität des anerkannten Fachmannes verloren, während der gute Sitz — häufig schon aus dem Nichtbegabten eine Capacität herausbildete. Aber Wissensmangel in Verbindung mit Existenzverlegenheiten bilden ein — Proletariat, dem der jüdische Cultusbeamte, besonders aber der Rabbiner niemals angehören soll. Solche Stellungen bringen weder der Gemeinde, noch den Angestellten, noch dem Judenthum Ehre. — . Das Judenthum kennt kein Kasten- und kein Klaffenwefen; wer einmal mit der Krone der jüdischen Wissenschaft sein Haupt schmück.n will, der kann diese Auszeichnung durch seine eigene

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