Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 2 (7.1.1895)
- Date
- 1895-01-07
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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32 Denn wir glauben durchaus nicht, daß diese D'pin bei ihnen praktisch geübt werden. Wer von den namentlich angeführten Helden der Synode hält oder hat gehalten nniDx ntoND oder msM oder nyra rrta? Wir glauben dreist behaupten zu können, „Keiner, das gehört bei ihnen ja in die Rubrik „Abgeschmacktes." — Von H. E. L. wird eine Aeußerung angeführt, „die von der Synode „durchgeführten Reformen seien nur das Gerüst und „die Zweige, nicht aber das Wesen und der Kern, „und daher brauchen sie von keinem denkenden, „geistdurchdrungenen Juden beanstandet zu werden." Zuvörderst statten wir dem Herrn unseren tief empfundenen Dank ab für da8 Compliment, daß er die orthod. Juden sämmtltch als nicht denkend und alles Geistes baar hingestellt. Denn da diese sich nicht blos ablehnend gegen das Geschwätz der Synode verhielten, sondern das ganze Treiben derselben gründlich verachteten, so sind sie in den Augen des H. E. L. als nicht denkfähig zu betrachten. Unsre Weisen bemerken im Talmud >bV. Nun möchten wir aber doch gern wissen, auf welcher jüd. Gelehrten-Schule der Herr, der Jurist ist, seine Kenntniß des jüd. Gesetzes sich erworben hat! Denn wer eine Sache beurlhcilt, ohne auch nur eine blaffe Ahnung davon zu haben, den nennen wir mindestens „dreist" oder „vorlaut." Was würde er wohl einem Laien antworten, der ihm in seine juristische Thätigkeit einsprechen würde? Dieser Herr existirt einfach mit seinen Aeußerungen nicht für uns. — Dann folgt eine ungeheuerliche Behauptung: „die Orthodoxie „adoptirte später die heiß und bitter bekämpften „Reformen stillschweigend oder feierlich." Was für Gemeinden, sofern sie der Orthodoxie treu geblieben sind, waren das? Was für Reformen wurden angenommen? Eine so unbestimmte Aeußerung grenzt an die Kampfesweise der Antisemiten. „Den Indifferenten ist das ganze Judenthum gleichgilttg" heißt es etwas später. Und den alles regierenden Synodal-Rabb. nicht? Ja, insofern es sich um Rabbinatsftellen handelt, allerdings nicht. Aber im praktischen, häuslichen Leben? Wir kannten einen Reformrabbiner, der in der Regel am Freitag Abend seine Predigten für den nn» aufschrteb. Ein andrer gab seinen Sohn in ein Geschäft, nachdem er vorher sich ein wenig geziert hatte, um ihn am dispensirt zu sehen; und als dies nicht ging, sagte er höchst salbungsvoll: „Ich habe jetzt das Metnige gethan, so nehmen Sie ihn denn hin." — Empört thut Herr W. darüber, daß man sich geäußert habe, die Reform sei eine Vorbereitung für das Christenthum. Und doch ist uns die Aeußerung eines hochstehenden christlichen Gelehrten bekannt, die Reform bilde die Brücke, die vom Judenihum zum Christenthum führe! *) So wird es auf jener Seite sehr richtig aufgefaßt. — Eine Schlußbemerkung enthält aber des Pudels Kern. „Steht aber unser Jugend nicht ein, daß „man die Antisem. mehr bekämpfen würde, wenn „man das Ideale und Ethische im Judenthum mehr „als das Zeremonielle pflegen würde?" Wir bemerken hier zuvörderst einen Anachronismus. Als die letzte Synode vegetirte, da exfftirte diese Schmach unseres Jahrhunderts noch nicht, also konnte man dagegen nicht Front machen. Und glaubt denn Herr W. im Ernst, daß diese Sippschaft sich dadurch belehren ließe? Auf diese paßt nur das Göthesche Wort: „auf einen groben Klotz gehört ein grober „Keil und auf einen Schelmen anderthaibe". Wir müssen zu vornehm sein, um uns m t solchen Gegnern auf Wortgefechte einzulasjen. Auf sie läßt sich nur die Aeußerung Friedrichs d. Gr. nach der Schlacht bei Zorndorf anwenden. . . . Aber gehen wir zu dem Gedanken des Satzes über, wo wir wieder das berühmte Wort „Zeremonielle" finden. Was heißt, das Ethische und Ideale mehr pflegen? Mit dürren Worten bedeutet es.- dem Gefühl nach ein Jude zu sein, ein jüdisches Herz haben, ein religiöses Gemülh haben, aber ja nicht irgend etwas zu t hu n, was das Gesetz fordert. Ersteres ist sehr leicht, denn wer außer dem 2^1;n'>2 kennt das Innere! Letzteres ist lästig, beengt uns mit seinen Fesseln, schließt uns aus von dem freien und ungenirten Verkehr mit Andersgläubigen, das werfen wir über Bord. Und was hat dies im Grunde aus sich? Es ist ja, um mit H. E. L. zu reden, nur das Gerüst und die Zweige, nicht Wesen und Kern des Judenthums!! Nein, werther Herr W., wir strenggläubigen Juden wollen nicht zu denen gehören, die Jes. (48,1) bezeichnet als solche, die sich nach dem Namen Israels nennen, aber nicht mit Wahrheit und mit Recht! Wir wollen uns nicht begnügen mit durch die Finger schlüpfenden und im blauen Dunst sich auflosenden Gefühlen, wir wollen auch Thaten üben, die das Gesetz fordert, wir wollen das Judenthum praktisch üben, genau so, wie es die m*n selbst bezeichnet nipyS i'ON? Wir wollen nicht der alles nivellirenden Reform huldigen, selbst auf die Gefahr hin von E. L. als geistlos und nicht denkend charakterisirt zu werden. — Und nun gestatten Sie mir eine Frage, die ich an den Rabbiner Dr. W. richte. Wie lange, glauben Sie wohl, wird es noch dauern, daß die Reform-Gemeinden sich ein so theures Spielzeug halten werden, das Rabbiner genannt wird? In unsren orthodoxen Gemeinden ist der Rabbiner *) Stöcker sagte jüngst in Düsseldorf, das Reformjudenthum sei daS leeve Blatt zwischen drm alten und neuen Testament.