Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 53 (23.12.1915)
- Date
- 1915-12-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton-Berlage zu Nr. 53 des „Israelit." Feuilleton. Herzog und Rabbiner. (Aus einem alten Memorbuche.) (Schluß.) Da erinnerte sich aber der Rabbi seines Versprechens an den jungen Herzog, mit der Verheiratung seiner Tochter sechs Jahre zu warten, und schob die Sache noch hinaus. Als wieder zwei Jahre in die Lande gingen und somit sieben Jahre seit Abgabe des Versprechens verlaufen waren, fühlte er sich von der Verpflichtung entbunden und schickte sich an, die Verheiratung seiner Tochter mit seinem Lteblingsschüler Joseph zu verwirklichen. Eine Aussprache mit seiner Tochter führte aber zunächst zu keinem befriedigenden Resultat. Sara lebte in den letzten sieben Jahren der Welt ganz abgekehrt, und der stille Kummer bleichte ihr Gesicht und ließ ihr Auge in einer großen, unbestimmten, unerfüllbaren Sehnsucht erglänzen. Sie wußte, daß es sündhaft war, immer noch an ihn zu denken, der weder ihrem Glauben noch ihrer Gesellschaftsschicht angehörte und ihrer wohl als einer Jugendtorheit längst vergessen hatte; daß es unklug, unrecht und unkindlich war, an einem hoffnungslosen Gedanken des Vaters sehnlichste Wünsche scheitern zu Lassen. In ihrem kleinen bürgerlichen Herzen hatte aber einmal ein Fürst gethront und diesen Thron durfte kein anderer besteigen. Joseph hatte es all die Zeit vermieden, seiner zukünftigen Braut näher zu treten. Es war nicht die Art der Talmudjünger, sich gesellschaftliche Abhaltungen und Ablenkungen zu gestatten. Und sie selbst kam den Jünglingen nie in den Weg. Um den Wunsch und Willen des Rabbi wußte er, und er konnte des nahenden Glückes ruhigen Herzens abwarten. Wie erstaunt war er aber, als ihm eines Tages der Rabbi eröffnete, seine Tochter wolle von einer Verehelichung nichts wissen, und er, Joseph, solle es versuchen, das Herz seiner Braut zu gewinnen. Das gelang besser und rascher, als der Vater zu hoffen wagte. Ohne es sich selbst einzugestehen, empfand Sara die wohlgesetzten, warmen Worte und die volltönende Stimme des gerade gebauten, schwarzbärtigen jungen Mannes mit den feinen Manieren sehr angenehm und ließ ihn merken, daß ihr seine Nähe Wohltat. Sie fühlte sich durch ihn aus der Apathie herausgehoben, dem Leben wiedergegeben und suchte selbst seine Gesellschaft. Im Innern war sie glücklich, den anderen, den unerreichbaren, in ihrer Seele immer mehr verblassen zu sehen. Sie fühlte sich von schwerer, drückender Schuld befreit und zeigte sich jetzt dem Gedanken einer Verbindung nach des Vaters Wunsche geneigt. Nach kurzer Zeit wurde die Hochzeit mit vielem Pomp, unter Beteiligung aller Jeschiwahjünger und vieler Rabbiner aus dem weiten Lande gefeiert. Der junge Ehemann sah ins Feuerauge seiner Auserwählten und ein Jubel entrang sich seiner Brust: „Es war schwer, dich zu gewinnen", sagte er, „aber nichts ist schwer und unmöglich, wo ein starker Wille den rechten Weg zeigt." Sara bezog die Worte auf ihr sonderbares Benehmen bei seiner ersten Werbung und fühlte sich zu einem offenen Geständnis gedrängt. „Wirst du, teuerer Joseph", sprach sie kleinlaut und schuldbewußt, „mich auch dann noch deiner reinen Liebe für würdig erachten, wenn du den Grund meiner Abneigung erfährst?" „Um so inniger sollen dann unsere Seelen aneinandergekettet werden." „Ich trug all die Zeit einen Anderen im Herzen", gestand Sara und senkte den Blick, „einen, der nicht einmal unseres Stammes ist." „Ich weiß es", wehrte Joseph ab, „du trugst das Bild des Herzogs, mein Bild in -einem treuen Herzen, so wie ich das deine in mir trug . . . Und nun erzählte Joseph, wie er, der Herzog von früher, allen Glanz des fürstlichen Hofes im Stiche ließ, um sich in weltentlegenen Gemeinden in sieben Jahren der Arbeit und Entbehrung für die Würde des heutigen TageS vorzubereiten. So überglücklich diese Enthüllung die junge Ehefrau machte, stimmte sie doch den Rabbi nachdenklich. Er runzelte die Stirn, als befragte er sich bet der Vorsehung über die Folgen dieser wundersamen Gottesfügung. Es ging aber zunächst alles gut vonstatten. Rabbi Joseph übernahm die Führung der Gemeinde und Hochschule und ein Abglanz von dem grenzenlosen Ansehen des greisen Schwiegervaters fiel auf ihn und steigerte seine Kraft und seine Erfolge zusehends. Das junge Eheglück im Hause Josephs erstrahlte im hellsten Glanze. * * * Da kam das Unheil plötzlich, ganz ungeahnt und unvermittelt. Es war am Rüstetage des Jom Kippur im Jahre 1420. Die Sonne senkte sich und alle Bewohner der Judengaffe in Turnaw waren in der alten Schul zum Gebete versammelt. Just traten die beiden Rabbiner, der greise Rabbi Eisig und sein junger Schwiegersohn, Rabbi Joseph, an das Vorderpult zur Seite des Chasans, der das Kol Nidre anstimmte. Da gingen die Türen des Gotteshauses geräuschvoll auf und herein stürzten Landesknechte und Schergen, geleitet von Mönchen und Dominikanern. In der Mitte der Gruppe befand sich auch eine ältere Dame, es war die alte Herzogin von Turnaw, die den jungen Rabbi scharf ins Gesicht nahm und dann entsetzt aufschrie. „Das ist er, mein Sohn, der junge Herzog von Turnaw, den die verdammten Juden vor Jahren auS dem Palaste entführt und zu einem der ihrigen gemacht haben." Rabbi Joseph leugnete beharrlich. Er sei Jude und kenne die Frau nicht. Aber es half nichts. Er, wie auch Sara wurden in den Kerker geworfen und die Folter trat in Tätigkeit, um ihnen ein Geständnis abzupreffen. Nach einer längeren Letoenszeit der Gefangenen wurde das Urteil über sie vom Kaiser selbst gefällt: Joseph wurde des Abfalls und Verrates beschuldigt und seine Frau Sara, der Zauberet, benutzt um die Sinne des jungen Herzogs zu verwirren. Beide wurden zum Feuertode auf dem Scheiterhaufen verurteilt. Dem Tode mußte eine öffentliche Absage an Familie und Herzogswürde vorangehen. Mit lautem „Sch'ma Jisroel" hat das Ehepaar, ohne Zucken und Zaudern, den Scheiterhaufen bestiegen und sie find im Memorbuch von Turnaw in der Reihe der Märtyrer verzeichnet, die den Namen Gottes mit ihrem Herzblute geheiligt haben. Der alte Rabbi und alle Juden find darauf aus Turnaw vertrieben worden, und ein kaiserliches Gesetz verbot ihre Rückkehr für ewige Zelten. DaS Gesetz blieb lange Jahre in Kraft, wurde aber später doch aufgehoben. ES wosinen jetzt wieder Juden in Turnaw, und mit Stolz spricht die neue Gemeinde von ihren Helden von einst, vom früheren Herzog, Rabbi Joseph unfeiner tapferen Frau Sara. Mas der Saum erzählt. Bon Tara Bondi in Jerusalem, Anfangs November Ich wachse in einem Garten vor einem Hause in der „Heiligen Stadt". Letzten Sommer hatte ich föt schlimme Erlebnisse, anstatt wie immer nur meine lieben Einwohner die Vögel bet mir zu bewirten, hatte» sich gar garstige Dinger bet mir eingenistet, oh! und es waren deren so viele, vielleicht hunderte: die Menschen nannten sie „Heuschrecken." Sie hätten fie aber auch so gut Baumschrecken nennen können, denn ein Schreck« für mich und meine Gesellen um mich herum waren fie. Ja, das waren schlimme Zetten für unser eine«, aber jetzt geht es uns ja schon wieder besser, und ich wollte auch gar nicht klagen, denn in letzter Zeit höre ich so viel Trauriges, daß-man feinen eignen Kummer darüber ganz vergißt. Ich wachse nämlich ganz in der Rühe eines Fensters und wenn dieses auf ist, was meist der Fall und ich einen meiner vielen Arme ausstrecke, dann kam» ich sehr gut in die Zimmer hineiusehen, und wenn ich mich ganz ruhig verhalle, auch zuhören, das tue ich gerne, denn in dem Zimmer find viele Kinder und eine Lehrerin, und wenn diese erklärt, dann lerne ich D»ch mit und werde ein weiser alter Baum. In letzter Zeit jedoch habe ich gar manchegesehen und gehört, das mir das Herz zusammenschuürre und ich habe geweint. Denkt nicht, eS fiten Waffer- oder Tautropfen gewesen, denn eS kam ganz au» meinem Innern und rinnt klebrig meinen Stamm herunter — die Menschen nennen eS Ha«. Warum ich traurig bin v Ich habe Mitleid, Mitteid mit den Kindern, in deren Klaffe ich htnetngucke. Biele sahen immer rosig auS, aber jetzt find alle, oh, fo bleich' und ihre Augen werden immer größer. Kürdllch erhob fich ein kleiner Sturm, eigentlich nur ein Ssw», denn er schüttelte mich fast gar nicht, natürlich wurde es etwas kühler, das mutz ja auch so sein, denn «ür werden ja wohl jetzt bald Regenzett haben — oh vtte ich mich auf diesen Labetrank freue — aber die Kvch-r, die fürchten sich vor dem Wind. Sie zogen fich ganz in fich zusammen, so daß sie viel kleiner ausfahen wto alle baten inbrünstig: „Bitte Fräulein, dürfin wir denn nicht die Fenster schließen? Wir frieren. „Frieren?" dachte ich mit Geringschätzung, „wen» ein kleines Wst» chen sich regte". Aber dann sab ich die kleine« Geschöpfe an - so blaß und hungrig sahen fie auS, keine Schuhe, zerrissene, verschleiste Kleider — kein Wuwder, daß fie frieren. WaS werden fie erst fühlen, mennder Regen, mein Labetrank, kommt? Ja, ja, deeinen Freud ist des andern Leid! _ Einmal, als ich gerade in die Klaffe hiueiubückre, ' erschallte eine Glocke, alle verließen den Raum, nur die Lehrerin war noch da und ein Mädchen kam zurück. Sie ging zu ihrem Pult und nahm ein Kleidungsstück heraus, es war eine wollene Jacke. „Fräulein", sagte | sie, wissen Sie jemanden, der daS kaufen möchte?" | „Wem gehört denn die Jacke?" fragte die Lehrerin. J „Meiner Mutter." „Warum willst du sie denn ver- | kaufen, braucht deine Mutter fie nicht selbst im Winter?" £ „Sie hätte sie wohl sehr nötig, aber Bater ist Soldat I und wir brauchen Geld für Esten." f Ich zog meinen Zweig zurück, ich wollte nichts J mehr hören von diesem Elend. Ich schüttelte mein I Laub und wein Harz floß. f Mein Nachbar, ein anderer Baum, sah meinen f Kummer. Er stieß einen seiner lamen Zweige an den H meinigen und fragte; „Wo fehlts? Warum so traurig?" .4 Da erzählte ich ihm, was ich mtterlebt. Der WKpt i feine Krone hin und her und antwortete: „Weißt du. 4 auch ich kann einen meiner Zweige durch em Fenster i stecken und alle Tage um 13 Uhr sehe ich, wie vittle, \ \ viele Kinder um Tische herumfitzen und Suppe uttb > Brod verzehren." „DaS tut mir wohl zu hören", «ttwartete ich ' „Aber", fügte mein Nachbar hinzu, „ich Habs hÄw < auch gehört, wie eine Lehrerin zur andern sagten lange werden unsere Mittel noch reichen, den KindernI diese Nahrung zu gewähren?" 1 ] Enttäuscht hangle ich alle meine Blätter herunter.^ I „Laß «nS beten", sagte ich Und wir beteten: I „Guter Gvtt, der Du unS von den Heuschrecken I freit, laste die armen Kleinen nicht verhungern l" j I Und mein Harz floß. . . : % I (Geldsendungen für die* hungernden Kinder tt» I rusalem nimmt die deutsch-holländische Parä* I sttnaverwaltung wie auch die Redaktion diefth I Blatte» entgegen.) - I