Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 51 (9.12.1915)
- Date
- 1915-12-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2446951-2448506-2448556--67868-2488784- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Feuilleton-Beilage zu Nr. 31 des „Fsraelit." Feuilleton. Sie -eilige Lade. Nach dem Jüdischen. Feuerrot spiegelte sich bie Sonne in dem stahlklaren Wasser der Weichsel, und im Städtchen flammten die bunten Fenster der Kirche auf. Die Bäume hüllten sich in dunkelblaue Schatten ''nd oie wenigen weißgettmchten Steinhäuser in der Gasse der grauen Holzhütten leuchteten noch im Orangegelb der lebten Strahlen. Feierliche Stille lag über der Straße, wie immer am Freitag-Abend, wenn der Sabbath auf leisen Sohlen in das Städtchm tritt. Aber es winkte kein Sabb-.thlicht aus den Häusern. un£> die Wege zu den Bethäusern waren einsam und verödet. Kein Licht und keine Beter! Der Sabbath traf etwas Oedes, Unheimliches, Wochjenjhägigess nirt; nirgends winkte ihm ein Gruß entgegen. Nur die zwei Hunde vor Kallers Monopolladen heulten jämmerlich. Plötzlich entstand in einem Hintergäßchen ein Geräusch Kosaken aaloppievten bie engen Gassen hinunter Und Schreie schrillten durch die Luft. Aus Kallers Monopolladen eilten einige Christen auf die Straße, neugierig auf den Grund des Lärms. Ein seltsames Schauspiel. An zehn langbärtige Juden in wallenden Kaftans laufen mit Thorarollen in den Händen; hinter thtten her zwei Kosaken zu Pferde, die mit ihren Nagaikas wie'besessen um sich schlagen. Die Juden mit ihrer heiligen Last laufen wie von Gespenstern gejatsh es strauchelt hier einer linb stürzt hin, kdie Negaika saust ihm über Kopf ünd Schulter, aber mit der letzter: Kraft hält er die Pergamentrölle hoch erhoben, daß sie nicht zu Boden falle und enlehrt würde. Mit einer kunstvoll geschickten Bewegung bringt er es fertig, .sich vom Boden so zu erheben, daß die Ro.lle die Erde nicht berührte. Und läuft, läuft, so rasch ihn die Füße'tragen... Cs waren die zehn alten Juden, die, als die Gemeinde am Freitag Nachmittag von der alten Schul' mit einem letzten inbrünstigen Mincholr- Gebete Abschied genommen, sich ein wenig vergütet hatten, sodaß der für das Verlassen der Stadt angesetzte ti eil Punkt verstrichen war. Sie haben solange ihre Herzen vor Gott ausgeschüttÄ, bis die Kosaken kamen, um die Aüfräumungsarbeiten zu vollenden. Mit den Thorarollen in den Händen, wurden sie nun über die Weichsel aus der Stadt gepeitscht. Die zehn Juden waren bereits hinter der Stadt. Die Kosaken hielten cm und drohten nun mit der Knute voit der F^rne und drängten zur größeren Eile. Die letzten zehn Flüchtlinge suchten die Scheren der vertriebenen Gemeinde, bie mehrere Stünden vorher die Stadt verlassen hatte. Die Menschen selbst waren längst außer Sicht gekommen. 'Auf dem Wege lagen verlorene Sachen bunt umher: Leuchter, Kleider, Gebetbücher. Das waren die traurigen Spuren des Auszuges... Inzwischen wurde es dunkel und immer dunkler, Nichts war auf hem Wege .von Lebewesen zu bemerken, keine Führe und rein Feuer. Müde und gebrochen, setzten sich die Flüchtlinge am Rande eines Kartoffelfeldes und hielten änWW WqM, daß nicht wieper Eine Weile schwiegen sie, seufzten und rangen nach Lust. Einer wischte sich den Schweiß vom Gesichte, ein anbetex saß, ganz in trübe Gedanken versunken. „Es ist Sabbath", hörte man plötzlich einen sagen. Es tarn wie au§ her Tiefe der Erde. IN dumpfem Schweigen, den Blick zur Erde gesenkt, saßen sie und harrten eines Wortes der Erlösung. Da stand einer auf, hob die Thorarolle in die Höhe und begann: „Ein Psalmlied für den Sabbathtag!"- sind alle anderen fanden gleich die Antwort. Sie erhoben sich und schritten unter den Gesängen des Sabbathliedes weiter. „Es ist gut, Gott zu danken und zu lobsingen deinem Namen, Höchster. Am Morgen Deine Huld zu verkünden und Deine Treue in den Nächten. —f—~° lind in der nebelfeuchten Lust der Nacht trug es das Echo durch Feld und Flur hinaus: „Und Deine Treue in ben Nächten.-" So erreichten sie singend die Gemeinde der Ansgetiiebenen. Mitten auf dem Wege, im Schatten eines Wäldchens, hatte die Gemeinde Rast gemacht. Als mit Nachtanbruch der Sabbath herangekommen war, blieben die Leute unschlüssig stehen. Die Meinung Vieler ging dahin, daß, nachdem sie hier nicht mehr unmittelbar unter dem Zwange der Treiber standen, jeder weitere Schritt eine Entweihung des Sabbath bedeuten würde. Andere dagegen wiesen auf die Lebensgefahr hin, hier am Rande des schlachtumtobten Waldes die Nacht zu verbringen. Man kam über die Beratung nicht hinaus und verharrte indessen vor der nachtschwarzen Baumfront. Die jüoischen Wagenlenker, die auf ihren Führen fl kiwillig die Kranken, Greise und Kinder führten, spannten die Pferde aus und erklärten, auf keinen Fall weiterzufahren. Die Mütter breiteten Tücher und Betten auf dem nassen Rasen aus und brachten da, so gut es ging, ihre Mndrr ::nter. C h a j i m, der Führmann und Nossen, der Fischer, zwei sehr praktische Leute, waren auf eine sehr kluge Idee gekommen. Sie richteten aus Wagenstangen, Tüchern und Hauten ein richtiges Zelt auf und steckten darin auf einer umaestülpten Tonne Sabbathkerzen an. Nur mußte das Licht nach allen Seiten gut gedeckt werben, damit man sie<n:cht merkte und keine Lichtsignale an den Feind darin sah... Und indes man noch verhandelte, ob und wann der Weitermarsch anzutreten sei, wurden schwere Schritte hörbar', es keuchten die zehn Greise mit deck Thorarollen herbei. Wie die Gemeinde die geretteten Heiligtümer aus der alten Schul' erblickte, brach ein unbeschreiblicher Jubel aus. Als wäre mitten in Nacht und Grauen die letzte Erlösung gekommen. Männer und Frauen weinten, nicht mehr aus Angst und Schmerz, sondern Tränen d:r Freude. Wo Gott ein solches Wunder vollbracht und so seine Begleiter auf die Nachtfahrt gesandt, konnte seine Rettung nicht mehr weit ausbleiben. Bald wurde ein Wagen geräumt, mit Talessim drapiert und die Thorarollen darin behutsam gebettet. Der Wagen sollte nun, gleich der heiligen Lade, der Gemeinde voranziehen. „Juden, es ist Sabbath, wir wollen ihn würdig empfangen. Gott hat uns Gnade gezeigt!" Der Chasan der Gemeinde stellte sich nun v 'v den heiligen Wagen, der ganz nahe an das Lichtzelt gerückt war, aus und fing die üblichen Gebete an. Und es ergab sich ganz Von selbst, daß das Lecho Daudi in der bekannten elegischen Tischobeav-Melodie aus seinem Munde ertönte. Hündertstimmig griff die Gemeinde den schmelzenden Gesang auf. Und es schien, als stimmten Feld und Flur. Wald und Wiese mit ein in den traurigsüßen Sang des Sabbaths auf her Wucht. Immer mehr versenkte sich die Gemeinde in die Gebetsstimmung. Alles, was sie in den schrecklichen Tagen erlebt und erlitten, alle Angst und Gefahr der Stunde löste sich in dieser ergreifenden Sabbathhymne. Eine lichte Gewißheit kam über die Leute: daß Er der kampfdurchtobten Welt alleiniger Herrscher sei, daß bei ihm allein die Macht sei, zu helfen und tzu retten.. Und es war kein Klagegeschrei mehr, sondern ein Lobgesang für Prüfungen, die Gott über den Menschen schickt, daß er seine Kraft erprobe, und mitten in der Gewaltherrschaft des Bösen lerne, zu Gott emporzuschreien und vertrauensvoll hinaufzublicken.-— Erst am Ausgang des Sabbath spannten die Fuhileute weider ein und die Gemeinde zog werckee. Dem Zuge voran rollte der heilige Wagen!mit den zehn Thorarollen. nrun*5 uxw ibbn nn:n Tom 1W22 V'X V'x a’pw nmar uanpa isnir ■nrnn*7p o^tra nana ana*n nox ■»baSttn rrnan irmax nma: na lrvar* .nnrtr onb nra /B’rtm nxtp xiaa •o’aiTr earaax anx pnba r/w nain ibbn nr^n a^a*? max “naa w rmn an'xn-ba a^ai •anp" mna* ,nvnn rm mn inst mx i^n nnsn - maxn ibvn iva ,nmnn mb - DDP! DWIK N'2 OTO^l DJÖtP CfD ♦rvoaSn poai aa^nai aana *vna mx a'jjmn ibbn nn:n — naa lötrn nx »xn "jnba n-x' mx p "3 bmv'b non ms .inxvi n»a mSaa aa *) Aus rar». Herausgegeben von der Graphischen Kunstanstalt Samitca A. G. Craiova. Neu erschienen! Unentbehrliche Belehrungsttnb UnterhaltungSlekttire für jüdische Soldaten und Krieger. Zm Kriegslager von S. Schachnowitz Heransgeg. drrrch die „Agudas Jisroel"->Jugendorganisatton, MWrr VoWchriftmverlag s. m. d. S. Iranlfvrt am Mai«. Die in diesem Soldatenbüchlein enthaltenen Essays geben in der Hauptsache einen Cyk lus im Frankfurter „Mekor Chajim" gehaltener volkstümlicher Lernvorträge wieder und bewegen sich in -er Gedankenwelt des bekannte» rabbinischeu Be» lehrungs- und Erbauungsbuches für Soldaten und Krieger vs-iv nanta von Rabbi Israel Meir Hakohen zu Radin. Preis des Buches 30 Pfennig (bei Massenabnahme billiger). Zn beziehen durch das Büro der Agudas - Jisroel - Jugendorganif ation, Frankfurt a.M., Am Tiergarten 8. Im gleichen Verlag ist erschienen: Zm Schatten -es Welttriegs Jüdische Skizzen von S. Schachnowitz. Preis 30 Pfg. Das intereffante Novellenbüchlein hat schon in den ersten Tagen seines Erscheinens etne so günstige Aufnahme in der Presse wie beim Publikum gefunden, daß die erste Austage bald vergriffen sein dürfte.