Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 49 (25.11.1915)
- Date
- 1915-11-25
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12. No. 48 „Der Israelit". 25. November 1915. die Residenzstadt des Königs zu tommen; alle sieben Jahre müssen selbst Frauen und Kinder hier erscheinen unf die Vorlesung des Königs aus der Torarolle mit anzuhören; hier müssen alle gemeinschaftlichen Opfer dargebracht werden usw. So kann der König hoffen, daß die religiöse Zentralisation allmählich auch die politische vertrauter und sicherer macht. Wir finden das gleiche Bestreben noch schärfer hervortretend bei König Salomo, der das Land in 12 willkürliche Verwaltungsbezirke einietlie und dabei mit Absicht die Stammesgrenzen nicht beachtet. Und anderseits ist es eine der ersten Regierungstaten des Königs Jerobeam, daß er durch Einführung des Kälberdienstes in Dan und Ber sebo die religiöse Zentralisation wieder aufhebt in der ausgesprochenen Absicht, damit eine seiner Herrschaft verderblichen Gemeinschaft der Interessen mit entgegenzuwirken. (Uebrigens zeigt aber die Zweiteilung des Reiches die Notwendigkeit der leider ergebnislos gebliebenen Maßnahmen.) So ist es begreiflich, daß David trotz getürmter Schwierigkeiten sein Ziel — die Bundeslade nach Jerusalem zu bringen — zu erreichen bestrebt war und -aß feine Freude über das schließlich geglückte Unternehmen in so elementarer Weise zum Ausdruck fwmnfcv , A^jpchen - wir nun noch die Michal zu verstehen, von dttufls das gleiche Kapitel erzählt, daß sie David^Lä.misch mit den Worten begrüßt hätte: „Wie vere^üngswürdift zeigte sich doch heule der König von Israel, als er sich vor bcn Augen der Mägde seiner Untertanen so blos stellte, wie sich nur einer aus dem Pöbel des Volkes blos stellt.'" Was mag die Königin bewogen haben, ln so krasser Weife ihr Mißfallen auszudrücken'? War es höfischer Stolz, der verletzt ist, weil die Etikette nicht beachtet wurde? Schwerlich; denn ihr Vater, König Saul, war ja ehedem selbst ein einfacher Bauersmann und seine Hofhaltung einfach genug, wenn auch zugegeben fein mag, daß er später auf äußere Ehren einiges Gewicht legte, trotz seines anfänglichen Siräubens gegen die Wahl. Eifersucht auf die „Mägde" lag ihr gewiß noch viel ferner. Aber v-eüeicht gehen wir nicht irre, wenn wir annehmen, daß es ihr darum zu tun war, ihrem Gatten überhaupt ein Zeichen der Verachtung zu geben ind daß ihr diese Veranstaltung dazu nur erwünschten Anlaß bot Michals Heirat war ein politisches Geschäft. Ihr Vater hatte sie damals als Preis für jenen ausgeboten, der den Riesen Goliat schlägt Gleichwohl erhielt David vorerst den versprochenen Lohn noch nicht Saul erkannte bald immer klarer,, daß der Liebling des Volkes und auch sein erkorener Liebling, David, eben derselbe ist, der ihm die Herrschaft entziehen wird. Er suchte sich deshalb des, wenn vielleicht auch noch unbewußt, recht gefährlichen Nebenbuhlers auf gute Weise zu entledigen. In dieser Absicht ließ er wiederholt dem jungen Helden in unauffälliger Weise zuflüstern, daß er nicht abgeneigt wäre, ihn als Schwiegersohn zu begrüßen, dock muffe er vorher noch eine Probe seines Heldentums oblegen, die darin bestände, daß er ihm durch untrügliche Zeichen beweise, daß er 100 Philister erschlagen habe. Saul hoffte, daß David in diesen Kämpfen das Leben verlieren würde;-dieser, aber, von Ehrgeiz entflammt, tötete ungefährdet 200 Feinde. Nun wurde er des Königs Eidam. Sam I. 18 Vers 28 wird nun zwar bemerkt, daß auch Michal den David geliebt habe. In der Tat rettet sie ihn ja auch später vor den Verfolgungen ihres Vaters (Sam. l. 19 B. 11—18). Das kann uns nicht wundernehmen. David galt als der erkorene Liebling des Volkes, insbesondere der Frauen, seit der Besiegung Goltats; die Bibel selbst erzählt, daß er ein hübscher Jüngling war. Doch das ist alles lange her. Inzwischen ist die unglückselige Fehde zwischen dem Hause Sauls und David zu Ungunslen des erfteren entschieden. Ihr Vater, ihre Brüder sind gefallen. Nur wenige Reste ihrer Familie haben den Untergang ihres Geschlechtes überlebt. David war mit den Feinden, die ihrem Vater Niederlagen und Tod gebracht hatten, mit den Philistern, verbündet. Wenn er auch in jener Schlacht nicht eingegriffen hatte, so hatte ec doch den Philinern sogar Vorschub unmittelbar dadurch geleistet, daß er während dieser Zeit die ins Phtlisterland eingefallenen Amalekiter vertrieb. Michal selbst war inzwischen einem anderen Männe angetraut worden, d^m Paltiel ben lajisch. Vermutlich hat sie diesen Gatten sehr geliebt; wenigstens berichtet die Bibel (Sam. II. 8 Vers Mi), daß ihr Mann sie bis Bnchurim weinend begleitet habe, als sie ihm entrissen wurde und erst aus ein Machtwort Abnecs zur Umkehr zu bewegen war. Vielleicht hat ihr zudem David nach der Wiedervereinigung keineswegs Beweise von Zärtlichkeit gegeben, denn die Rückgabe seiner ugendgariin bedeutet für ihn vor allem einen moralischen Erfolg über seinen Gegner Jschboschct und somit also eine politische Norwendigkeii. Das alles mag Michal wieder so recht zum Bewußtsein gekommen sein, als sie David auf dem Gipfel seines Glückes, umjauchzt von den Zurufen der leicht durch Geschenke bestechlichen Volksmenge, durch die Straßen Jerusalems tanzen sieht. Darum ihr hartes, höhnendes Spötteln, darum vielleicht aber auch die kränkende Entgegnung und das sonst befremdend harte Urteil ihres erbitterten Gotten. —- I. Die Ausbildung im Thora-Lesen. Einige Bemerkungen zu dem Vorschlag des Herrn Kollegen H. W i e s e r, Pyrttz. Von Lehrer I. rvlunr in Bnrgprcppach. Der Vorschlag des Herrn Kollegen H. Wieser erscheint auf den ersten Blick so vielverheißend, daß man sich eigentlich fragen möchte, warum man bisher an den isr. Lehrerbildungsanstalten nicht schon lange diese - oder doch eine ähnliche - Einrichtung getroffen hat, um die Ausbildung des künftigen Lehrers für den wichtigen Vorbeterdienst noch besser als bisher zu sör-' dern. Man wird wohl allgemein auch zugeben, daß ein guter Val-Kore höher zu bewerten ist als ein blos „guter Sängei." Ob nun ein guter Bal-Kore wirklich so fetten anzutreffen ist, kann ich nicht sagen; jedenfalls ist aber die Frage wichtig genug und eben im Hinblick auf das zu erreichende Ziel von s. großer Bedeutung, daß es mir gestattet sein mag, wenn ich im folgenden mich mit der Sache kurz beschäftige. So wichtig auch die Uebung für das „Vorleinen" ist — es gelten selbstredend hier die gleichen psychologischen Voraussetzungen und Gesetze wie für jedes Memorier: — so muß ich doch ben Vorschlag des Herrn Kollegen Wieser abweisen. Die Schüler sind auf unseren Lehrerbildungsanstalten bereits derart überlastet, daß es mit gutem pädagogischem Gewiffen nicht verantwortet werden kann, wenn man ihnen auch nun die kleinste „Zulage" macht. Gewiß würde schließlich auch noch eine Parscha jede Woche gelernt werden, wollte man es verlangen; aber die nötige Zeit müßte anderen Unterrichtsgegenständen entzogen werden oder — dem Schlafe. Beides ist nicht mehr möglich. Aber ich halte auch die Vorbereitung, die Präparandcnschule und Seminar geben, für vollständig ausreichend. Man vergegenwärtige sich, daß in der Schule in keiner Disziplin ein abgeschloffenes Wiffen — Wissen im vollen Sinne des Wortes — gegeben werden kann; der Lehrer wird nur insoweit vorgebildek, daß 1. Lustgefühle, die Freude am Wiffen, das lebendige Interesse, erregt werden und daß er 3. befähigt ist, sich später weiter zu vervollkommnen oder pädagogisch ausgedrückt das durch Lustgefühle bedingte Streben zu bedriedigen. So genügt auch die Grundlage, die die Lehrerbildungsanstalten für das „Leienen" im Schüler aufbauen, vollständig, um ihn zu befähigen, im Amte seinen Pflichten in einwandsfreter Weise nachzukommen. Der Fleiß, den er später auf die Borbereirung für die Sidra verwenden muß, kann ihm nicht erspart bleiben; die Zeit mutz er finden; er darf eben nicht vergeffen, daß er als Religionslehrer und Chason von seiner Gemeinde besoldet wird, während er nur zu seiner Ausbildung, bezw. im Interesse feines eigenen Fortkommens, praktiziert :c. Uebrigens findet der Lehrer, der doch im Gegensatz zu dem Schüler sein eigener Herr ist, bestimmt mehr Zeit zur Vorbereitung wie dieser. Aber die Sache ist so wichtig, daß ich mir gestatten möchte, einen anderen Vorschlag zu machen. Die Vorbereitung für das Leienen muß schon in der Volksschule beginnen. Erschrecken sie n;cht, meine Herren Kollegen; ich will keinem neue Lasten ausbürden Man wird mir zugeben, daß die Voraussetzung für richtiges Leienen richtiges Lesen ist. Wer nicht richtig lesen ka^n, wird bestimmt auch kein guter Bal-Kore sein können. Es ist nun kaum glaublich, welch hoher Prozentsatz der Schüler, die in die Präparandie eintreten, nicht richtig lesen kann. Man möchte fast glauben, daß mil el, mil ra, mesek nur Begriffe seien, die „als Lückenbüßer der Didaktik" in der hebr. Grammatik ein still beschauliches Dasein fristen. Alle Gaue unseres Vaterlandes liefern uns das Schülermaterial; das Uebel ist also weitverbreitet. Es tut dem Ohre förmlich weh, wenn mau itttmor wieder melecti. asclrer, rvajomör und ähnliche Vergewaltigunoen der hebr. Sprache mit anhören nruß. Ein beträchtlicher Teil der kostbaren Unterrichtszeit muß bis in die oberen Klassen hinein auf Le eübungen, Korrektrren rc. verschwendet werden und — was das Betrübliche dabei ist — häufig mit negativen, Errolg. Der Kampf gegen das falsche Lesen ist zeitraubend, kleinlich, unangenehm und — vielfach aussichtslos Das Uebel ist gewöhnlich schon zu wett eingerifsen, der Schüler, der das Lesen in der Volksbezw. Religionsschule falsch, mindestens nicht richiig erlernt hat, legt seine Fehler häufig zeitlebens nicht mehr ab; er mag ein guter Sänger werden, nie aber ein guter Chason und Bal- Kore. Und doch ist es gar nicht so schwer, die Schüler zunr richtigen Lesen nnzuleiren. Es ist hier nicht der Platz, vas näher auszuführen; es ist sicherlich auch häufig genug schon gezeigt worden mi5 wird von gewissenhaften Lehrkräften auch als etwas Selbstverständliches betrachtet. Soweit meine Erfahrung reicht, bereitete es den 9 jährigen Kindern nicht mehr geistigen Kraftverbrauch, das Lesen richtig zu erlernen, wie im entgegengesetzten Falle. Ich fasse zusammen: die Vorbereitungen, die Präparandie und Seminar den Schüler für den Beruf des Bal-Kore geben, sind vollständig ausreichend — womit nicht behauptet werden soll, daß es nicht begrüßenswerter wäre, könnten sie größere sein. Die beste Grundlage kann und muß von der Religtons-, bezw. Volksschule durch frühzeitig richtiges Erlermn des Lesens gelegt werden. Es muß mit der bisher vielfach herrschenden Sorglosigkeit auf diesem Gebiete gründlich gebrochen werden. Uebrigens gehört znm „guten Leienen" noch etwaS^ das auch nicht durch Uebung erlernt werden kann, 6a$ vielmehr daS rechte Erfaßen des Textes nicht nur nach seiner sprachlichen, sondern auch nach ber poetischen Seite zur Voraussetzung hat: das istder beseelte Bortrag. Man muß dem Bal-Kore anmerken, ob er etwas von dem Geiste der Worte versieht, ob er in der Seele ergriffen ist,oder ob erphonographenmäßig recht hübsch korrekt blos sein Pensum erledigt. Auch in dieser Beziehung können die Lehrerbildungsanstalten nur anbahnen, die Künstlerfchast »oird erst dem reifenden Verständnis zu Teil werden und der große Durchschnitt wird zeitlebens nur Handwerker bleiben. „Wenn ihr's nicht fühlt, ihr werdet's nicht erjagen, wenns euch nicht aus dev Scele dringt, und mit urträftigem Behagen die Herzen aller Hörer zwingt!" Und da stimme ich nun wieder mit Herrn Kollegen Mieser überein: In. diesem Sinne ist ein guter Bal-Kore wirklich selten anzutreffen. II. -* Der Val Kore. Der Vorschlag des Herrn Kollegen Wieser in der jünpsten Nummer von „Erziehung und Lehre", daß schon in der Präparandenschuie Und im Seminar S/T der Wochensidrah erlernt werden soll, ist sicher gut gemeint, aber ich befürchte, er wird an dem Widerstand unserer Lehrerbitdungsanstalten scheitern.*) Die weisen schon jetzt mit Recht daraus hin, daß ihre Schüler überbürdet seien und sie werden wegen Mangel an Zeit kaum gewillt sein, eine neue Arbeit zu übernehmen, die bisher dem jungen Lehrer oblag. Aber, so klagt dieser, ich habe erst recht keine Zeit, allwöchentlich eine Sidrah gründlich zu lernen, ich mutz mich doch auf meine zweite Prüfung vorbereitrn, mutz zu diesem. Zwecke mehrere Jahre an einer Volksschule praktieren,, amiliche Konferenzen besuchen usw Mit Verlaub» k. Kollege! Es ist zwar anerkennenswert, daß Du Dich für Deiu 2. Examen bemühst, muß das aber denn s o* fort sein? Hat das nich: Zeit, bis Du Dich in Delir neues Amt eingearbeitet und Dich vollständig vertraut, gemacht hast mit all Deinen Amtspflichten, zu denen auch das gründliche Erlernen der Wochensidrah gehört? Wäre es nicht auch für die Rel igionsschule bester, wenn die jungen Kollegen sich erst einmal dort einarbeiteten, bevor sie zur Volksschule übergehen? DaS Unterrichten kann man doch auch an den ReligionSsächern erlernen? Und ob man ein Jahr früher oder später die 2. Prüfung ablegt, das entscheidet doch kaum die Zukunft des jungen Lehrers. Ich kann also auchdie Gründe, die Herr Wieser für sünen Vorschlag anführt, nicht gelten lasten. Und doch wohnt ihm ein berechtigter Kern intte- und ich würde es sehr bedauern, wenn alles beim Al» ten bliebe. Richtiges „Leinen" will nämlich gelernt sein und es genügt nicht, wenn man im Seminar miß vielleicht auch aus der Präparandenschuie alle 4 Wochen eine Parsche im Schweiße seines Angesichts mühsam erlernt und dann geleint hat. Ich verlange allerdings nicht wie Herr Wieser, daß alle Schüler wöchentlich eine ganze ntjriB erlernen; ich begnüge mich mit durchschnittlich 5 Versen. Das belastet den Schüler kaum, ergibt aber für die Jahre der Ausbildungszeit doch 30 Verse. Der angehende jnp byz verfügt dann beim Scminaraustrttt über einen festen Besitz von Können auch in diesem Fache, der durch alljährliche Wiederholung unverlierbar geworden ist; er beträgt unzeführ V* einer ganzen Sidrah. Wenn übrigens die Schüler regelmäßig an jedem rot? unter Anleitung eines Lehrers gemeinsam der religiösen Vorschrift von sinn "ins: mpo dw Nachkommen, dann prägt sich die ganze Siorah so dem Ohr ein, daß die spätere Einübung erheblich weniger Zeit und Mühe erfordert als bisher. Herr Wieser scheint zu den wenigen glücklichen Kollegen zu gehören, die auch im 1. Jahr täglich nur I— 1% Stunden für das Erlernen der Wochensidrah verwenden müsten; die meisten Lehrer, zu denen auch Schreiber dieses gehört, haben dafür 2—3 Stunden gebraucht. Daß die ganze Frage vereinfacht wäre, wenn bereits in der Religionsschule kräftig vorargearbeitet würde, soll nicht unerwähnt bleiben. Wenn statt des üblichen, häufig ganz mechanischen Einpaukens der Paradeparsche anläßlich der itxo is ein regelrechter Unterricht im Lernen erteilt würde, dann könnte auch in der Präparantenschule und im Seminar mehr geleistet werden, dann brauchte auch der junge Lehrer nicht mehr zu klagen, daß ihm die Zeit fehle, das Leinen korrekt zu erlernen. Alle unsere Re form Vorschläge haben wenig Aussicht auf Erfolg, wenn wir nicht damit in der Religio n s s ch rr l e beginnen. L. Mitteilung. Das in Zeitschriften und Vereinen warm empfohlene Werk „Die talmudische Pädagogik von I. Ster (Ladenpreis 5 Mk.) kann von Bereinsmitgliedern gegen Einsendung von 2 Mk. durch unseren Schriftführer, Herrn A. Hirschberg, Frankfurt a. M., Waldschmtdtftrahe 115, bezogen werden. Den Preisunterschied trägt die Vereinskaste. Der Vorstand des Vundes. *) Siehe den vorstehenden Artikel; die Redaktion.