Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 49 (25.11.1915)
- Date
- 1915-11-25
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Organ des Bundes geseftesfreuer jQdisdier hehrer Deufsdilands. p F CcciB^a^g aodi>cbrt Die Llebersiedelung -er Bundeslade nach Zerusalem. 'Nfychofoglsche Studie zu Sam. II6.*) Bon I. Blum in Burgpreppach. Bei einem ernsten Studium der Bücher der Propheten muh man sich vor allem klar darüber sein, daß Liese Bücher nicht Chroniken im übtichen Sinne deS Wortes sind. Häufig führen sie z. B. Begebenheiten nur ganz kurz an, ja erwähnen sie bioh und weisen im übrigen auf die eigentlichen Geschichtsbücher jener Zeit hin wie Sefer milchamos haschem, Sefer hajaschar, Chronik der Könige von Juda, Chronik der Könige non Israel u. a., Bücher, die wahrscheinlich zur Zeit der Niederschrift der Newiim allgemein bei dem gebildeten Leite der Nationcbekannt waren, die aber im Laufe der Zeiten verloren gegangen find. Die Gründe, warum im Gegensatz zu jenen die geschichtlichen Bücher der heiligen Schrift erhalten blieben, sind vielleicht in ihrer besonderen Zweckanlage gegeben, die wir noch anzugeben versuchen wollen. Es ist denn den Verfassern der Newiim rischomim höchst wahrscheinlich nicht darum zu tun aus jenen, damals wohl bekannten älteren Schrifn deni Volke eine neue Zusammenstellung geschichtlicher Vorgänge zu geben uud somit gleichsam eine Neubearbeitung jener Schriften vorzunehmen; Vielmehr versuchen sie die Ereignisse zusammenzusassen, unter dem einigenden, hehren Prinzip, das sich als Leitfaden durch alle Bücher der heiligen Schrift zieht, nämlich urrter den« Ged mken, daß Israel als von Gotr erwähltes Volk unter Gottes besonderer Führung steht, dergestalt, dass Ergebnng in den Willen &otteä Perioden bes Volkswohlseins im Gefolge haben, während der Abfall von seinen Gesetzen den Niedergang und die schließ iche Zersetzung und Auslösung des Volksganzen bedingen. Dehhalb werden uns mit Vorliebe Ereignisse und Episoden geschildert, die beide Pole: Frömmigkeit—Volksglück, Abfall—Volksunglück so recht veranschaulichen, während eben andere geschichtliche Ereignisse, die diese gegenseitige Abhängigkeit minder klar erweisen, gar nicht oder eben nur erwähnt werden. fMan vergl. hierzu Sam. III, das sogenannte „Klagelied". Vieü.icht ist die Auffassung nicht unberechtigt, dah uns keineswegs das ganze Lied wiedergegeben ist, dah vielmehr nur der Anfang und etwa die wesentlichsten Strophen erhalten sind, während der „Verfasser" im übrigen jene, die etwa Interesse dafür haben, das ganze Lied kennen zu lernen, in Vers 18 auf das Buch Jascher, wo er darüber Nachlesen könnte, verweist.) Ich setze diese Bemerkungen voraus, weil sie vielleicht geeignet sind, nieine folgenden Ausführungen zum Teil zu stützen. Wie es dem Verfasser nicht darum zu tun ist alle Ereigniffe aufzuzählen, sondern eben nur jene, die Träger seiner Idee sind, so will er uns wahrscheinlich auch keineswegs alle Motive schildern, die das Handeln der geschichtlichen Personen bedingen, sondern auch nur die wesentlichsten und vielleicht auch davon nur jene, die geeignet sind, das religiöse und allgemein moralische Fühlen der handelnden Personen zu erklären.- David trägt sich mit dem Gedanken, die Bundesfade aus dem Haufe des Abinadab in Gibea zu holen «nd in feierlichem Zuge nach Jerusalem überzuführen. Gr versammelt zu diesem Zwecke 30,000 der angesehensten und geachtetsten Männer aus ganz Israel und eilt mit diesem stattlichen Gefolge der BundeSlade. *) Zur Vertiefung im Biblischen Geschichtsunterricht Der Oberstufe. entgegen. Aus einem neuen Wagen — unter Begleitung der beiden Söhne des Abinadab — wird die Lade unter ungeheurem Jubel des ganzen Volkes nab Je-' rusa en» gefahren. Da wird die Festfreude plötzlich rauh gestört. Der Tod zeichnet mit unerbittlicher Strenge einen blühenden Jüngling aus der freudetrunkenen Schar. Ufa hat die Hand nach der Lade ausgestreckt, weil sich die Rinder losgerissen hatten - zur Strafe muh er eines nnnatülichcn Todes sterben. Nun will David die Bundeslade nicht nach Jerusalem bringen - verdrossen (B. v) und furchtsam (B. 9) läßt er sie einstweilen im Haufe des Obcd Edom aufbewahren. David hat ein mächtiges Interesse daran, die Lade baldigst in Jerusalem zu bergen, wie wir später sehen werden. Woher nun diese Furcht? Vergegenwärtigen wir uns das Schicksal -er Bundeslade in den letzten Jahren. Es war in der unglücklichen Schlacht gegen die Philister zu Lebzeiten Elis. Israel lagerte damals bei Evenhaefer, der Feind in Asek. Beim ersten Tr« ffen halt«. J8r ael an 4000 Toie Man holte nun aus Wunsch der Aelteften die Bundeslade von Schiloh, auf dass die Nähe des Nat onalheiligtums znm Sieg verhelfe. Auch Elis Söhne, Hofni und Pinchas kamen als P fester mit. Voller Siegeshoffnunz begann Israel die Schlacht, wurde aber vernichtend aufs Haupt geschlagen, die beiden Söhne Elis fielen im Kainpse, die Bundeslade wurde eine Beute des Feindes und im weiteren Gefolge dieses Trauertages starben der hochbetagte Eli und seine Schwiegertochter. Die Philister zogen triumphierend mit ihrer Beute nach Hauie, muhten aber bald merk n, dah es ein gefährliches Wagnis sei, dem Gotte Israels zu trotzendenn sie wurden sowohl in Asdad, wie auch in Gat und Ekron mit ihren Göttern schmerzlich bestraft Als sie infolgedessen die Lade nach 7 Monaten in» Land Israel schickten, traf die Leute von Bet Scheines, die in ihrer Freude das verlorene Nationalheiligtum wiederzusehen, sich — v elleicht unbewuhr — versündigt hatten, ein großes Unglück, es starben - wenigste,-s nach dem einfachen Sinn des Verses (Sam. 1.0, V. 10) — über 50,000 Leute der Stadt. Nun verwahrte man die Lade im Hause des Abinadab in Gibea und als sie jetzt David nach 20 Jahren in Jerusalem aufftellen will, ereignete sich wieder ein beklagenswerter Uuglückssall. Was wunder, wenn sich David und höchstwahrscheinlich auch das Volk, sürcht r, mit der BundeSlade in Berührung zu kommen? Mochte das Volk es einsehen, dah nur eigene Schuld — mangelnde Ehr' crbietung gegen Gott und sein Gesetz, oder falsche Vorstellungen von der Bedeutung der heiligen Lade — seine Bestrafung herbeigefüh t harte, oder mochte es gar abergläubische Gedanken hegen — etwa die Lade bringe Un eil jedenfalls wagte es David rorerst nicht, seinen Plan auszusühren.* Gleirwohl verzichtete er auch nicht darauf. 3 Monate blieb die Lade im Hause des Obed Edom. Würde die Lade ohne Weiteres Unglück im Gefolge haben, so hätte sich das inzwischen zeigen müssen. S alt dessen sieht man aber, dah Obed Edom merklich des besonderen Beistandes Gottes reilhastig ist. Gründe mancherlei und schwerwiegender Art veranlassen den König das Wagnis noch einmal zu versuchen. Mit großer Vorsicht und höchster Ehrerbietung wird die Lade nun endlich heimgeholt. So oft die Träger der Lade sechs Schritte machen, läßt David reichliche Opfer darbringen — und diesmal ist er vom Glück begünstigt, ohne Unfall kommt die Lade in seine Residenzstadt. Die ungeheure Spannung, die wohl gleichermaßen König und Volk beherrscht haben mag, löste sich in heiterster, ausgelassenster Freude. Der König tanzte, mit einem einfachen Leinenmantel bedeckt, auf offener Strahe in ungezähmter Lust vor der Lade Gottes. Dann speist er das ganze Volk mit Kuchen, Fleisch und Wein und sucht schließlich seine Familie auf, um auch im häuslichen Kresse die Sonne seiner königlichen Huld leuchte» zu lassen. Wir begreifen, dah nur Gründe schwer- «viegender Art den König veranlaht haben konnten, die Lade doch noch nach Jerusalem zu bringen. (Sam. II. 6, Bcrs 12 wird ausdrücklich darauf aufmerksam gemacht, dah David vernommen hat, dah Obed Edom wegen der Lade gesegnet fei und dah er daraufhin — nicht etwa infolge eines göttlichen Auftrags — die Lade in seine Residenz zu holen beabsichtigte.) Welches waren diese Gründe? Es ist leicht einzusehen, daß Davids tief religiös veranlagter Sinn Verlangen danach trug, die BundeSlade, das Symbol des israelitischen Gottesgedankens, in seiner Hauptstadt zu sehen, finden wir ja immer und immer wieder, dah der König in F.eud und Leid seines Gottes gedenkt, dah er wohl auch menschlich sündigt, aber dann immer wieder den Mahnungen der Königswarner in Israel, der Propheten, reuiges Gehör schenkt. Dah es Dao d längst als ein imtete& Bedürfnis empfand, seinem Gotte — d. h. eben hier der Hauptknlturstätte — räumlich möglichst nahe zu fein, zeigte ja zwingend Psalm 132, der sich sieilich erst auf den Tempel zu beziehen scheint. (Siehe Hirsch, Psalmen z. St.) Gleichwohl mögen auch noch andere Ursachen in Fragen gekommen sein, deren Vorhandensein — vorausgesetzt, dah unsere Ansicht zutreffend ist — deshalb noch keineswegs dem Bilde des frommen Königs irgendwie Einbuhe zu bringen vermag. David war nach unsäglichen Mühen und Leiden endlich von allen Stämmen als König anerkannt worden. Nun muhte ihm vor allen Dingen daran gelegen fein, die verschiedenen Stämme zu einem einheitlichen Volksganzen zu verschmelzen mit gemeinsamen Zielen, gemeinsamem Fühlen und Denken, gemeinsamen religiösen Einrichtnngen, kurz es muhte seine Aufgabe sein, aus dem 12-Ttämmenreich eine Nation zu bilden. Daß das Bewußtsein der unbedingten Bolkszusammengehörigkeit noch keineswegs im Volk heimisch war, zeigen ja garade seine Wahl durch den Stamm Juda im Gegensatz zu den andern insbesondere den Nordstämmen, sowie die häufigen späteren Empörungen des Volks. Schon zur Richterzcit war dieser Mihstand, das zu stark ausgeprägte Srammesbewutztsein. das zum Stammesegm'smus führte, von einzelnen erkannt und z. B. von der Richterin Debora mit bitteaer Ironie im „SiegeSlinde" getadelt worden Richter 5 Vers 14 u. 18 werden Sebulon, Nastalr Efrajim. Benjam'n und Jfachar für ihr einmütiges Zusammenstehen im Kampfe wider Amalek und andere kananitische Stämme belobt, während die Prophetin über Rüben, Gilead, Dan und Ascher die volle Schale ihres rügenden Spottes ergießt, weil sie — als von der Gefahr, wie ein Blick aus die Karle zeigt, nich unmittelbar bedroht den Brüdern nicht zu Hilf kamen. David ist es also darum zu tun, diese Stammesbewutztsein zu verdrängen und an feine Stell das Gefühl der Zusammengehörigkeit und Gemeinsame keit unter der Oberleitung des Stammes Juda einzu-- bnrgern. Ein Schritt zur Erreichung dieses Zieles ist ja fein Königtumdoch ist der Zusammenhalt, der durch die gemeinsame Dynastie bedingt ist, nur sehr locker, umsomehr, als dem Stamm Juda nur widerwillig die Führung von den Nordstämmen überlassen wird. Nun hat David in jüngster Zeit Heb»on, seine alte Residenzstadt, die in fruchtbarer Umgebung etwa im Mittelpunkt seines Königreichs liegt, verlassen und ist in das den Jcbusitern entrissene Jerusalem übergesiedelt, das zwar viel ungünstiger gelegen ist, dafür aber Juda näher liegt und sich leicht befestigen läßt. Umsomehr muh ihm daran gelegen sein, die neue. Hauptstadt zum politischen, geistigen und religiöse« Mittelpunkte deS Reiches zu machen. WaS wäre aber hierzu besser geeignet, als eben die Ueberführung der heiligen Lade nach Jerusalem? Somit ist. das ganze Volk gezwungen, jährlich mindestens 3 mal in