Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 49 (25.11.1915)
- Date
- 1915-11-25
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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U ll>MNM^SWWWMWWWWMMWWW««WWWWW>WIWWWBW>WWWWW>WWW»W«WWWWW Leuilleton-Beilage zu Nr. 49 des „Israelit." Feuilleton. >y*i : ‘•‘v? Mendel Sochaczewers AnMeg?) Von L. Der Morgenwind trieb die Flußuobel u»n £>te Brandmauern des zerstörten, schwarzen Städtchens am Bug, als der Wecker in der Stube des Fliegerleutnants anschlug. Der hatte vier Stunden ohne Schlaf in den heißen Polstern seiner Wirtin gelegen. Das Bett bekam ihm nicht; die gewohnte Schütte Stroh ging ihm ab, und eh der Wecker noch ausgerasselt hatte, stand der Flieger schon aufatmend vor der Tür des halbverbrannten polnischen Bauernhauses. Im Gehen schlang er sich den Schal fester um den Hals, er fror im Morgenwind, und auch fein Bursche, der halbfertig mit dem Schlaf in Den Augen seinem Herrn nachlief, klapperte mit den Zähnen. Es war wenig über 4 Uhr, im Juni, und der Leutnant hatte vor, einen gestern erbeuteten russischen Zweidecker, dessen Typ ihn interessierte, auszuprobieren. Aus der Wiese hinter der schwarzen Ruinenstadl war es schon lebendig. Soldaten in blauen, älvcrschmierten Mechanikerkitteln machten sich an der schönen, fast neuen Maschine zu schassen, und trotz der frühen Stunde waren die Juden, deren Dach seit Wochen abwechselnd ein Kellergewölb? oder der blaue Himmel war, schon zur Stelle. Als der Fliegerleutnnnt mit seinen: Burschen ankam ließen die Arbeiter den Motor der russischen Maschine ein letztes Mal angehen und überhörten vnt angespannten Gesichtern den präzisen Ryhtmus von Explosionen.' Der Leutnant knöpfte sich den 'Lederhelm über den 'Kopf, und in der plumpen, häßlichen Umhüllung sah sein frisches, offenes und mutiges G:sicht noch einmal so jung aus. Er brauchte für &*•.' fremde Riesenmaschine noch einen zweiten Passagier zu dem Monteur, der mit ihm flog, und war eben dabei, einen der Soldaten auszusuchen, als sich aus der Schar der schweigföpn starrender: Juden ein Mann:m fliegeichen, langen Siadtrock, flatternden Pajeslöckchen und gezogeucm Hut hervordrängte. „Sochaczewer", stellte er sich dienernd dem österreichischen Leutnant vor. „Ich heiße Mendel Sochaczewer, wollen gütigst zur Kenntnis nehmen." Der Flieger sah den Mann an. In der nächsten Minute, dachte er, würde er eineu Posten Patenthosenknöpfe oder ein schauderhaft mageres Suppenhuhn aus diesem v>n Lemberger Herrschaften zurückgelegten Salonrock ziehen. Aber es geschah nichts dergleichen, sondern Wesir Herr Sochaczewer trat näher und verschlang mit einem seltsamen Blick die zum Abilug bereite, in alten Flanken bebende Maschine. „Verzeihen Euer Hochwohlgeboren", sagte er mit einer vor Aufregung etwas heiseren Stimme. „Ich sehe, der Herr Leutnant benötigen einen Bc.sfogier. Wenn ich mich antragen dürfte und der Herr Leutnant die Gnade hätte, mich mit--, zu nehmen auf der Fahrt —Der Mann wußte incht weiter, die Kühnheit seines Unterfangens *) Aus dem „Universum". machte ihn mitten in seinem Redeschwall stumm. Er wischte sich Schweißperlen von der Stirn und sagte dann sehr leise mit einer erschütternden Eindringlichkeit: „Ich bin säst ein alter Mann, Herr Offizier, und es kann sein, daß es für mich nicht paßt, einen Luftsprung mit dem gnädigen Herrn Leutnant aus dieser Maschine zu tun. Aber", sagte er bebend, und seine gelben Hände krampften sich zu zwei knöchernen Fäusten nur die flatternden Rockflügel, „ich kenne die M.rschint, Herr Leutnant, und wie gut ich sie kenne. Vierzehn Tage hintereinander ist sie über unsere Stadt geflogen, wo kein einziger österreichischer Soldat und niemand sonst war als die Inden im Keller. Jeden Morgen, da wir noch geschlafen und eiu wenig ausgeruht von unserem Jammer, ist dieser Zorn Gottes gekommen und Bomben auf die Stadt geworfen, rein aus Uebermut. Draußen auf dem neuen Friedhof können der gnädige Herr Leutnant sehen, wieviel aus Zeitvertreib der russische Flieger getroffen hat. Alte Frauen hat er niedergemächit. Und unseren kleinen buckeliger: Leiser Aaron, der taub war und stumm, und nie einer Fliege etwas zu leide getan hat. Uiü> zwei Kinder liegen in der Erde, Herr. Ihrer Mutter waren' sie davongerannt, aus Neugier. Ihre Hände und Füße, gnädiger Herr Leutnant... ihre Hände und Füße hat die Mutter zusammengesucht in ihrer Schürze, damit wir die unschuldigen Opfe? begraben konnten."' Mit glühenden Augen maß der Jude die Maschine. „Es ist. nicht' mein Geschäft, zu fliegen und Bomben den Russen auf die Köpft zu werfen. Aber wenn Sie mich mitnehmen, Hi rr Offizier „Bomben," lächelte der Leutnant und sein Lächeln war ihm seltsam schwer, „wir werden heute keine Bomben werfen, lieber Herr Sochaczewer. Aber wenn Sie mich ein bissel Ihre Papiere anschauen lassen wollen, so —" er überlegt? einen Augenblick — „so können Sie in Gottes Namen neben meinem Franzl da einsteigen." Der Bursche Franzl grinste, und der Jude riß mit fliegenden Fingern eilte Brieftasche ans dem abgerissenen Futter seines Lemberger Salonrocks. „Mendel Sochaczewer, Handelsmann v..n dahier", strahlte er und überreichte die Papiere und bekam es von seinen Mitbürgern bestätigt, daß es wirklich der Stadtrat und Armenvater und Handelsmann Sochaczewer sei, der inil dem Herrn Leutnant zu den russischen Stellungen fliegen wollte. Der Leutnant fcfywanj sich auf seinen Führersitz; unterdessen wurde sein zweiter Passagier von den lachenden Soldaten neben den Pfeisfendeckel Franzl geschnallt und bekam eine Fliegerhanbe aufgesetzt; dann begann auch schon der Motor zu trommeln, und aus dem schwarzen Hausen her entsetzt zurückfliegenden Inden flog Herr Mendel Sochaczewer mit dem Leutnant und dem grinsenden Franzl aus Neutitschein in den grauen Morgenhimmel. Der kleine jüdische Handelsmann schloß die Augen. Nie. dachte er, wird es fertigzubringen sein, mit offenen Augen hinunterzuschauen in das ungetzenkre Loch, in das die gute, galizifche Erde nn» sein armes, geschändetes und gepeinigtes Hrimatstädtchen versunken war. Er saß mit klappernden Zähnen, und zu spät kam es ihm sündhaft vor, in seinen alten Tagen Gott so freventlich und leichtsinnig versucht zu haben. Der Flieger hielt über dem Bug, dessen vielfach zerrissenes, mattes Silberband aus milchigen Nebeln und dunklen Anstreifen heraufschimmeite. Die Hügel streckten sich, als man höher flog, wurden platt und ganz formlos. Die fliehende Erde trank sie in sich hinein und grau lala das weithin ausgerollte Land unter den Flügeln der großen Maschine. Wie Leichentücher in dre man die frommen, gläubigen Juden am Ende ihrer Erdensahrt hüllt, wehten die Nebel über das Tal des Bug. Sich zurückwendend fi: seinem Mendel Sochaczewer, den er bald brr» gessen hätte, wies der Flieger mit dem ansg? streckten Finger unter sich. Furchtsam rappelle sich der Stadtrat und Armenvater auf, liv,ic vorsichtig über die hohe Brustwand und ft.h schwindelnd zur grauen Erde hinunter. Der Finger des Offiziers wies aus haarfein hir-g..- strschelte, onnkle Krümmungen, die sich in ununterbrochener Flucht von Straße zu Straße, Bach zu Bach, durch Gehöfte, von denen nur noch die geschwärzten Brandmauern standen, und durch zerstörte Dörfer hinauf nach dem von N:- beln verhüllten Norden wanden. Wie die Lausgänge eines gefräßigen Borkenkäfers wanden sich die).' merkwürdigen Linien durch die graue Erdrinne. Der gellende Sturm des Motors verhinderte cs, daß Herr Sochaczewer die erklärenden Worte des Leutnants vernahm, aber er verstand auch so und sah erschüttert, mit Tränen in seinen Keinen,, traurigen dfugen, dort hinunter. E-r waren Schützengräben, die der Krieg mit seinen: eisernen Meißel in das arme Angei ich: seiner Heimaterde gegraben hatte. Oesterreich:- sche, russische Stellungen, hart aneinander, st Dheuo voreinander, vorstoßend und sich umfassend. Aecker und Hügel, Flußtäler und Bachwi'ftn, über die Herr Mendel Sochaczewer in bessern:, glücklicheren Tagen in seinem nun von den Russen entführten Einspänner kutschiert hatte, waren da l ingesponnen in das schicksalsträchtige Gewirr dieser Linien, die nach Norden flohen. Dort oben standen nun wohl die Oesterreicher und rannten die Russen, und über das Land, das Russenstiefel zertreten, das der Ferrch geschändet und gemartert hatte einei: Winter lang, slog der russische Motor, sang die Maschine ihr betäubendes Sturmlied, raste der Propeller. Herr Sochaczewer, Mendel Sochaczewer, Handelsmann und ehrengeachteter Stadtrat, war gewiß nicht, was man einen Gefühlsmenschen nennt. Aber oies war zu viel. Elias siel ihm ein, der Prophet, den Gott im feurigen Wagen dieser Erde entführte. Ihn schwindelte, er schloß die Augen, saß zitternd im Sturm und breitete seine A'.rne aus.... (Schluß folgt.) Neu erschienen! | Unentbehrliche Belehrungs- und Unterhaltung«!. 1 lektitre für jüdische Soldaten «nd Krieger. H 3m KriegSlager von S. Schachnowitz I Herausgeg. durch die „Agudas Jisroel"-Jugendorganisation, | Jüdischer Volwschriftenverlag tn. d. H. I Frankfurt am Main. ß Die in diesem Soldatenbüchlein enthaltenen Essays gebe« L in der Hauptsache einen Cyklus im Frankfurter„MekorChafim" 8 gehaltener volkstümlicher Lernvorträge wieder und bewegen r sich in der Gedankenwelt des bekannten rabbinischeu Bek lehrnngs- und Erbauungsbuches für Soldaten und Krieger k rurra von Rabbi Israel Meir Hakohe» zu Radin, k Preis des Buches 30 Pfennig I (bei Mafsenabnahme billiger). x Zu beziehen durch das Büro der JF Agudas - Jisroel - Jugendorganisation, x Frankfurt a. M., Am Tiergarten 8. i r Im gleichen Verlag ist erschienen: $ Im Schatten des Weltkriegs Jüdische Skizzen von S. Schachnowitz. Preis 30 Pfg. Das interessante Novellenbnchlein hat schon in den ersten : Tagen seines Erscheinens etne so günstige Aufnahme in der Presse wie beim Publikum gefrrnden, daß die erste Auflage bald vergriffen sein dürfte. _* wmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmk \ t i i I s l » I