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Der Israelit · 1915-11-18 · Heft 48 (18.11.1915) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 48 (18.11.1915)
Date
1915-11-18
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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7 ~ rr/.fw.: Leuilleton-Berlage zu Nr. H8 des „Israelit." Feuilleton. £te£*f Ms Der Geigenspieler. (Schluß.) In jener schrecklichen Nachts als sie gerade in trautem Kreise um die Neuvermählten herum' saßen, ließ sich von der Ferne ein unbestimmtes Geräusch vernehmen, das immer mehr anfchwoll und näher kam, bis es dem tosenden Brüllen eines Meeres glich. Alle eilten schreckensbleich zu den Fenstern, da erscholl ein Klirren wie von tausend eingeworfenen Scheiben. Ein Hagel von Steinen ergoß sich in das Zimmer hinein, einer traf seine Frau, die sogleich mit blutendem Kopfe zusammenbrach. Dann krachte das Tor, eine schwarze, vielköpfige Menge füllte das Haus, alles niedertretend, vernichtend, zerschmetternd. Vergebens war jedes Flehen, noch weniger half eine Verteidigung. Beide Mädchen wurden vor den Augen des Vaters nach schrecklichen Qualen ermordet, der Sohn, der sich zur Wehr setzte, tödlich verwundet ... Er war übrigens nicht der Einzige, dessen Haus in jener Schreckens, nacht vvn einem gleichen Schicksal betroffen wurde ... Die Wirtin nähert sich dem Geiger und berührt seinen Arm. Ec erwacht. Man muß schon wciterspielen, die Geige schweigt schon zu lange und die Gäste warten. Er holt aus seinem Gedächtnisse eine uralte Romanze hervor. Diese ist eine vortreffliche Begleiterin wogender Erinnerungen. Es zittert über ihm die Stimmung des Mondscheins und darin klingen Seufzer, Rauschen geheimnisvoller Weisen, entfernter Glockenklang. Ec spielte eifrig, aber seine Seele weilte "anderswo. Beim Glanze des Mondes irrte sie auf dem Friedhof zwischen den geliebten Gräbern, wo alle, die seinem Herzen am teuersten waren, nun im ewigen Schlaf liegen. Die Frau, die Mutter seiner Kinder, und deren zwei Töchter, jäh in der Blüte des Lebens von Mörderhand hingerafft... Und der Sohn, dieser herrliche, einzige Junge, das Glück und die Hoffnung der Setntgen? Wo mag er jetzt sein, wo mag er herumirren in der weiten Welt? Als er sich gegen den Mörder zur Wehr setzte, um seine Schwestern zu beschützen, trug er mehrere Wunden am Kopfe davon. Lange schwebte er zwischen Tod und Leben, dann, als er wie durch ein Wunder zum Leben zurückgekehrt war, drohte ihm der Prozeß wegen Gewalttätigkeit und Aufreizung; waren die schweren Wunden nicht Beweis genug für seine Schuld? Prozeß, langjährige Haft und darauf Verschickung — das hatte er zu gewärtigen. Er flo§. Und nun tummelte er sich in der neuen Welt herum, fern von der Heimat, seinem Schicksal überlassen, fern vom Vater, für den er noch das einzige Band mit dem Leben bildet. Der Vater konnte ihm keine Hilfe gewähren, er müßte ihm im Gegenteil zur Last fallen, denn er fühlte seine Kräfte immer mehr verfallen. Die Hand führte nur mühsam den Streichbogen, das Leben schwindet stufenweise dahin. Es ist schwer, so in der Welt ein trauriges Dasein zu fristen - mehr als einmal betete er inbrünstig zu Gott, er möchte ihn zu sich nehmen. Aber er lebt und schleppt die müden Glieder einher, wer weiß wie lange noch. Sr sehnt sich so sehr nach Ruhe, er möchte so sehr sich hinlegen in das kühle Grab, zur Seite der Seinigen . . . Und vor seiner Seele stehen die Augenblicke, als man seine Frau und die beiden Töchter zu Grabe brachte. Diesen Moment wird er niemals vergeffen. Eine unabsehbare Menge hatte sich angesammelt, um den Opfern das letzte Geleit zu geben, ein einziges großes Schluchzen, ein fieberhaftes Weinen schüttelte die Menschen alle. Dann begann der Chasan das „LI mole Rachmim.“ Es war ein herzbrechender Gesang . . . Und unmerkltch, ohne daß der Geigenspieler es beabsichtigt, entquollen den Saiten des Instruments die Töne des Totenliedes . . . Mancher Gast läßt die Hand sinken, die Vas Glas zu zu den Lippen führt und horcht, indem er zum Spielenden aufschaut. In dem geräuschvollen Saale herrscht augenblicklich Stille, die Juden haben sich wie auf ein unsichtbares Zeichen erhoben und wagen nicht gegen dieses seltsame Spiel Protest einzulegen. Die feierlichen, jammervollen Klagetöne wirken wie beklemmend und erstarrend auf sie. Endlich schlägt ein angeheiterter Zecher mit aller Kraft gegen den Tisch und ruft „Donnerwetter, Alter, was spielen Sie denn da? Das ist ja schrecklich traurig." Aber das Spiel verstummt nicht, denn der Spielende hat diesen Ausruf nicht vornommen, er spielt unausgesetzt weiter, und mit immer mehr Macht führt seine Hand den Streichbogen. Sein Gesicht ist bleich, die Lippen krampfhaft geschloffen und die Augen weit geöffnet. Nur die Rechte ist unaufhörlich in Bewegung als wollte sie die Saiten des Instrumentes zum Bersten bringen. Die Wirtin des Lokales verließ des Büffet, trat zu dem Spielenden und ergriff seine Hand. „Um Gotteswillen, was machen Sie?" Die Musik schwieg. Die Hände des Spielenden sanken ohnmächtig nieder, die Geige fiel zu Boden. „Ihnen ist nicht wohl, Sie sikkd krank," rief die Wirtin erschrocken. Sofort versammelte sich eine große Anzahl der Anwesenden um den Spieler und wollte ihm Hilfe bringen. Dieser seufzte tief auf, blickte um sich, und erinnerte sich wo er war. „Verzeihen Sie", brachte er mühsam hervor, „mir war etwas übel, ich weiß selber nicht, was ich spielte." „Ach, was Sie spielten! Mein Gott, LI mole Rachmim haben Sie gespielt." „Entschuldigen Sie, ich werde mich bestem," sagte er leije. „Ich werde anderes spielen." Einer von den Gästen protestirte. „Aber was werden Sie da spielen?" rief er. „Sie stehen ja kaum auf den Füßen. Trinken Sie lieber ein Glas Wein." Die Wirtin ließ sofort Wein kommen. Der Geiger trank das Glas mit einem hastigen Zuge herunter. Ein zweites lehnte er ab. „Nein, nein, ich danke. Mir ist schon wohl, ganz wohl. Ich kann schon spielen." „Na, gottlob, wenn Sie spielen können, ist es gut. Ich fürchtete, Sie würden krank werden." „Nein. Ich kann spielen, sofort will ich beginnen." „Nur bitte ich Sie, nicht so wie vorhinjust etwas lustiger müssea Sie spielen; das lieben die Gäste am meisten." „Einen Lustigen —? gut. Ich will mir Mühe geben, etwas Lustiges, Fröhliches zu spielen." Er besann sich ein wenig, griff mit dem Gedächtnis in die Vergangenheit. Einen Lustigen wollen sie . . . Wann war er denn lustig gewesen? O, es war schon lange, sehr lange her . . . richtig^ das letzte Mal war es am Sabbat nach der Hochzeit seiner Tochter. Just in jener fürchterlichen Schreckensnacht ... Ec erinnert sich noch ganz gut. Die Braut trug ein seidenes, aschgraues Kleid. Die geladenen Gäste waren fortgegangen, nur die engeren Angehörigen und Gespielinnen der Braut waren zurückgeblieben, um von ihr Abschied zu nehmen. Die bestellten Musikanten waren längst gegangen. Aber Braut und Bräutigam wollten tanzen. „Väterchen, liebes Herz," sagte die Tochter, „spiele uns doch Hamawdil-z das ist so innig und herzig, und es tanzt sich so herrlich dabet. Wer weiß, wenn Deine Tochter noch einmal Dein Spiel hören wird." Und er langte nach der Geige und begann zu spielen. Er spielte lange, etwa gegen zwei Stunden. Mitternacht war vorüber und das junge Volk tanzte noch immer. Auch jetzt will er so spielen. Sie wollen einen Lustigen ... gut! Er will ihnen alles hingeben, was ihm am Leben am Teuersten war, wenn es ihm gleich in den Augen dunkelt, wenn ihm gleich die Kräfte versagen. Er muß ja, dafür wird er ja bezahlt. Und er streicht die Seiten, der leichte Rhytmus erklingt im Saal, ertönt in immer lebhafterem, schnellerem Tempodie Gäste schlagen zum Takt mit den Gläsern, einige stimmen halblaut ein. „O, wie schön ist das! Das nenne ich' spielen!" ruft ein begeisterter Musikfreund. „Das könnte ich die ganze Nacht hindurch hören!" Der Spielende merkt nichts von diesem Entzücken, hört nichts von dem Beifall, der ihm gespendet wird. Er spielt, spielt. Und vor seiner erregten Phantasie Hüpfen die herrlichen Paare vorüber, dazwischen schimmert das Kleid seiner geliebten Tochter. Ach, diese Hochzeit, diese Hochzeit! Das arme Kind hatte ihren Mann so sehr geliebt, sehnte sich so sehr nach dem Leben . . . Die Musik erklang im kleinen Saal und die junge Frau/ gestützt auf den Arm ihrer Freundin, schien zu schweben. Es war ein schöner Augenblick. Der Vater gab seiner Tochter mit den Klängen des schönen Liedes das Geleit in's Lebendie Tänzerinnen waren entzückt. ' Und immer stärker, immer lauter erklang es im Saal. In der raucherfüllten Kneipe war es lebhaft. Die Gäste stimmten laut ein. Da, in der Mitte des stärksten Akkords, zischte die Geige einen falschen Ton. Der Kopf des Spielenden sank ohnmächtig zurück. Ein unter den Gästen anwesender Feldscher sprang eiligst herbei, und begann die Kleider an der Brust des Ohnmächttgen zu lösen. Die Gäste hatten sich unruhig erhoben. Die Wirtin kam von hinter dem Büffet herbeigeeilt. „Was ist los? Um Gotteswillen! Ist vielleicht eine Saite gesprungen?" „Eine Satte? Nein. Ihm ist das Herz gesprungen!" Vertag des „Israelit“, fi. n. b. tl„ Mtofial In unserem Verlage erschien: Der Julschem von Jtächdstaöl von J u d ä u s. —Zweite Auflage. Preis broschiert Mit. 2.— gebunden Alk. 2.80 Nachdem das Buch längere Zeit vergriffen war, wird die soeben fertiggestellte neue Auflage vom Publikum freudig begrüßt werden. Bestellungen werden von jeder besseren Buchhandlungausgeführt. Evt verlange man unter Einsendung des Betrages _direkt vom Verlage._

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