Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 46 (4.11.1915)
- Date
- 1915-11-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Noch schwanke er schwet al:nend von dem hastigen Gang, er, .den schon die Last der Jahre zu Boden drückte, aber er miß das ehrwürdige weiße Haupt, dem der lange Bart etwas Patriarchalisches gab, hoch und ungebeugt. Kein Murren, kein Wehklagen war über icine Lippen gekommen auf dem langen Leidens-? rreg, und auch jetzt sah er stumm, mit einem ruhigen klaren Blick, den General an, der seiner B?,steitnng ein Schauspiel zu geben gedachte. „Sie sagen, du wärest weise... Von dir llüugt es ab, was mit deiner Gemeinde geschehen ü'tl. Ob wir einige erschießen oder uns mit Abgaben zufrieden geben, ob wir vielleicht einen kleinen Progronr arrangieren, bei dem alt und jung dran glauben muß! Sag' uns, welche Mitglieder deiner Gemeinde dir besonders wert sind, cemit wir sie schonen, und welche dich erzürnt l' wen, damit wir sie strafen!" „Herr General", antwortete, der alte Jude gelassen. „Haben Sie schon einmal gehört, daß n,e Mutter entscheidet, welches von ihren Kinbeni sie dem Verderben überliefern will? Nimmt ilie Gott ein Kind, so wird sie weinen und jammern, aber sie wird es tragen wie eine Schickung, tech sie wird eher sterben als sagen: Herr, mmm dieses und laß jenes! Und wenn das eine ibr auch tausendmal Grund zum Zorn gegeben und das andre ihr nur Freude .bereitet... Meine (Rmeinde, das sind alles meine Kinder. Was sie trifft, muß ich tragen, aber selbst ihr Schicksal bestimmen kann ich nicht!" „Du bist schlau, Jude", sagte Sibjakin, „aber kos wird dir nicht viel helfen. Was nützt dir deine ganze Klugheit und Talmudwissenschaft geiini unsere Waffen! Denen Mußt du unterliegen.' Deuek dir bloß, du mit deiner ganzen stadtbekuunten Weisheit bist schwächer als jeder Muschik." „Herr, Sie irren sich. Ich unterliege dem M'eiferen. Sie sind es', denn Sie haben die Macht, die den Müschik bewehrt." „Spottest du über mich?" brauste der Genelml auf. „Wh nein", sagte der Rabbiner, und um '>'>11.' Lippen schlich ein mildes Lächeln. „Wie iverde ich-das' wagen! Aber Sie haben mich ). k ergerufen, Herr General, damit ich spreche, und alle diese", er wies auf die Offiziere des Stabes, /Quarten doch daraus. Da würde es mir schlecht anstehen, zu schweigen!" ,Genug des Geredes! Nenne mir die Reich- Neu deiner Gemeinde!" Der Rabbiner dachte einen Augenblick nach. ^,M.arkus Rothstein", sagte er dann, „er bat (^rvhrvtö it^tk u*aM _// f * job. H Geich nniiti betet, t. «iveich zmlich 140 Hatte* S l. *6 He Bu ircb :ttiV_ fl. Ml neun Söhne und vier Töchter/ Der General schlug mit der Faust auf den 'ich. ,$üV ich dich da nach gefragt? B»I, G.-v> und Besitz sollft du mir sprechen." „Wer Geld hat, ist doch! darum nicht reich. Besitz vergeht. Ein Zündholz — und er ist gewesen. Reich und stark ist ein Haus nur durch die Kinder, und darum ist Markus Rothstein der Reichste, wenn er auch nur mit einem dürftigen Kleinhandel sein Leben fristet!" „Sage nrir, Jude, der du für alles eilte Erklärung hast, was glaubst du, werde ich mit euch hier machen?" „Ganz bestimmt weiß ich es nicht, aber zwei Möglichekiten gibt es, die aus der Menge der anderen hervortreten." *) AuS der „Wett am Montag." i „Die erste ist, daß unsere Heine blühende Stadt zum Trümmerhaufen wird. Es gehört ja so wenig dazu, einen: Mann einen Feuer brand in die Hand zu drücken und ihm zu sagen: Seng?, morde! Jhnt einzu reden, das da, das sind ja keine Menschen, es ist ein Verdienst, sie gif martern, zu töten. Ein paar Worte gehören dazu, und es genügt, daß ein Muschik sic ausspricht, es braucht keine zum Befehlen geborene Persönlichkeit zu sein." Ersah sinnend vor sich hin, dann fuhr er fort: „Aber es gibt noch eine zweite Möglichkeit. und die könnte sein, daß über dieser in jedem Hauch hin und her schwankenden Menge ein Manll stände, der zu ihr sagte: Menschen seid ihr und nicht eine Horde wilder Tiere. Schont eie Männer, denn sie taten nichts, als friedlich ihr karges Besitztum zu hüten, und mischten sich nicht in den Lärm des Kampfes. Schonet die Frauen, es sind Mütter wie die eueren und haben ihre Kinder mit Schmerzen geboren wie eure Mütter euch? Schonet die Kinder, denn es ist keines so arm' und gering, daß es nicht für seine Mutter ein Heiligtum bedeutet, und auch weil sie er» fremder Wille ins Leben drängte und sie noch nicht einmal sein Ziel und seinen Zweck erfassen konnten. Schonet die Mädchen, denn in ihnen ist die Hoffnung jedes Volkes geboren. Vergiftet nicht um einer flüchtigen Minute der Lust willen die Quellen, die künftigen Geschlechtern Kraft spenden sollen! Zu dieser zweiten Möglichkeit aber braucht cs die Stimme des Mächtigen, der Herr wird über witoe Instinkte, die in jedem schlummern, und die der heiße Atem und die Zügellosigkeit des Krieges hervorlvcken aus blutd'.'.nstumwallten Gehirnen." Er schwieg. Der General sah ihn lange und fest an. Jede Spur von Spott war aus seinem Gesicht gewichen, tiefer Ernst lag darauf. „Sie haben recht, Herr Rabbiner, und die Leute, die Sie mir als klug priesen, haben nicht zvviel gesagt. Was an mir liegt, Ihr Städtchen zu schützen, soll geschehen!" Er wandte sich zu seinen Offizieren und gab halblaut einige Befehle. „Sie aber, Herr Rabbiner, bitte ich, einen kleinen Mmbiß mit uns zu nehmen!" Der Greis verbeugte sich, die tiefliegenden Augen glänzten. „Herr General, ich danke Ihnen für Ihre Großherzigkeit meiner armen Gemeinde gegenüber, mir aber verzeihen Sie, wenn ich Ihre Einladung nicht annehme, denn Trank und Speise von Ihrem'Tisch sind mir versagt!" „Ach so, ich vergaß!" sagte der General hastig. „Gehen Sie denn und beruhigen Sie Ihre Glaubensgenossen! Es wird keinem ein Leid geschehien." Und der Rabbiner schritt mit erhobenem Haupte unbehelligt durch die Straßen des Städtchens der Synagoge wieder zu, aus der ihn rauhe Hände gerissen. Die Gläubigen umringten ihn, i angstvolle Mienen flehten, fragendes Gemurmel;m brandete ihn. Er aber lächelte nur, und das 'tuMme Lächeln goß Ruhe und Frieden in die erregten Hjerzen. Und mit lauter, fester Stimme sprach er inbrünstig das Dankgebet. Der Tag des Gerichts. Bon Z. B. A. Seit Monaten schon war Rabbi Jzik Schachet auf dem Schlachtfeld. Aus allen Kämpfen an>. Gefechten ging er unverletzt hervor, als ob ihn ein. unsichtbare Hand schirmend beschützt hätte Er war auch heilig und fest überzeugt, daß dies so sein müsse. Wer konnte ihn denn sonst in seiner Gemeinde bei seinem heiligen Beruf veciret.n. Wer war imstande, so herzergreifend die heiligen Melodien an den heiligen Tagen vorzubeten und durch erhebenden Gesang heilige Stimmung zu wecken und etwas von der erhebeneen Größe der heiligen Tage vor die Seele der stitlen Beter zu zaubern. ... Er — das fühlte er ■ habe einen hehren Beruf, und dürfe keiner russischen Kugel zum Opfer fallen. Mit diesem tiefen Vertrauen ging er bewußt seiner Pflicht nach; war der erste denn Stürmen und fehlte nie. N o es galt, durch einen gefahrvollen Patrouillengang seiner Kompagnie zu dienen. So rauschte ein Jahr dahin; ein langes Jahr, in dem sich sein Gewissenswurm nicht regte, M er fühlte, daß er ein göttliches Gebot erfülle, indem er den ruchlosen Feind vertilge. Er fühlte, daß er mit dieser Horde, die seine Heimat verwüsten und seine Brüder vertilgen wollte, einen persönlichen Strauß auszukämpfen habe, dieser Krieg war seine urpersönliche Sache, und darum säblte er einen wonnigen Graus, wenn er seine Kugel abfeuerte und ein Kosak entseelt vom Rosse p'ür?eltk.' seine Brüder waren von einem Mordbanditen befreit... An einem Herbstmorgen wurde er zur Rekognoszierung ausgeschickt. Es dämmerte und beim bleichen Schein der ersten Strahlen konnte »nun das hügelige Gelände bis tief ins Tal hinein ganz gut überblicken. Sein Ziel fest im Auge behaltend ging er seinen Weg. Er schritt über welkes Laub hinweg und erinnerte sich, daß jetzt Roschhaschono sei; der Tag des Gerichts, an dem der Spruch über alles Lebende gefällt wiro; an oem "der Weltenlenker urteile, was am Leben bleiben und was dem Tod verfallen, was du peg.t. und was unterliegen solle. Der ganze heilige Schauer des großen Tages zitterte durch seine Seele. Er sah sich in Gedanken zuhause, in der kleinen, niedlichen, vollgepropften Synagoge, beim Betpult, an dem es sich so unnachahmlich er.ist andachtsvoll beten läßt, um stilles Glück, Brot, Fried urrd Freud... Er fühlte ,daß er auch dieses Jahr glücklich durchkämpfen und sein Leben in die Zukunft hinüberretten werde. Nur die hunderttausend Toten, die blutigen Menschenopfer der Zeit und die durch ihn hinsanken leblos, die ließen ihn nicht ruhen. Es war ihm unbegreiflich und schien ihm ein böser Traum, daß er, der beim Töten eines Huhns zusammenschauderte, seit einem Jahre auf Menschenjagd ausgebe, töte. Zerknirscht und gebeugt betete er still vor sich hin: „Unser Vater und König! Wir sündigten vor Dir!" Dann flüsterte er: „Un'er Vater und König! Zerstöre Du den Ratschluß unserer Feinde— chüsse krachten. Vom Dickicht beschossen russische Posten die Patrouille. Bald standen sich die Feinde gegenüber. Es ging aufs Messer. Rabbi Jzik war geschickter; er durchbohrte seinen Geaner mit bem Bajonett. Der Russe sank und seufzte mit ersterbender Stimme: „Unser Vater und König! Wir sündigten vor Dir?" Jzik dachte an fein Heim, die Synagoge, den Jomhadin und an fein wallendes terbegewand, das an Auferstehung, an himmlische Freude und ewigen Frieden gemahnt und verröchelnd sank er hin... Eine Kugel durchbohrte sein Herz in dem Momente, als in oerniedlichen Dorfsynagoge feiner Heimat der Borbeter das gewaltig erschauernde Gebet recitierte vom Roschhaschono, an dem geschrieben, vom Jorttkippur, an dem besiegelt wird, was da leben und was sterben solle... i. L: 3;