Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 44 (21.10.1915)
- Date
- 1915-10-21
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 12. No. 44 „Der Israelit". 2L. Oktober 1915. das erstaunte Gesicht des Herrn Seminardirektor Königbauer Zehen, dem der Staat die Aufsicht über -te jüdischen Präparandenschulen übertragen hat, wenn man an ihn die Zumutung stellen würde, den früheren Stundenplan wieder zu genehmigen. Und er ist doch wirklich ein sehr wohlwollender Herr. Nein, die Staatsaufsicht zwingt unsere jüdischen Schulen — ganz gleich, ob es sich um Volks-, Real-, Präparanden- oder andere Schulen handelt —, die Pflöcke der Teppiche des mm bms immer weiter zurückzustecken. Sie dringt mit Energie daraus, daß jene die Leistungen der staatlichen Schulen des gleichen ^Charakters mindestens erreichen. Daß mir *no^ dabei den kürzeren zieht, das kommt für diese Beamten, die die Aufsicht auSüben, selbstverständlich nicht in Betracht. Hand in Hand damit geht eine andere betrübende Erscheinung. Es galt früher als ganz selbstverständlich, daß jeder Schüler bei seinem Eintritt in die Präparandenschule b>etj und mein platt übersetzen tonme und Distriktsrabbiner Hirsch Lch.dec verdienftvoUe Gründer der Burgpreppacher Anstatt, weigerte sich seinerzeit ganz entschieden, den Pentateuchunterricht oder gar Biblische Geschichte in den Lehrplan aufzunehmen, indem er Hol? erklärte: „Wir haben eine Talmud- Thoraschule und kein Cheder." Leider trifft die obtge Voraussetzung schon lange ntchtmehr zu. Heute figurieren Pentateuchunterricht, Gebeteübersetzen und Biblische Geschichte unter den Religionssächern der Präparandenschulen. Je geringer aber die jüdischen Kenntnisse beim Eintritt sind, desto mehr wird den Lehrern die Arbeit erschwert und desto geringer sind ganz naturgemäß die Resultate. Diese rückläufige Bewegung ist leider noch keineswegs abgeschlossen, denn die Verhältnisse in unseren Religionsschulen werden sich aller Voraussicht nach eher verschlechtern. Darum bearüßen wir es mit großer Genugtuung, daß in den Schulen des neuen Thorabund^s vor allem die Staatsaufsicht ausgeschaltet werden soll, wenigstens soweit sie einen Einfluß auf die Gestaltung des Lehrplans ausübt. Sie sollen rein privaten Charakter tragen und nennen sich weder Volksnoch Realschulen, sondern sind schlechtweg Talmud-Thoraschulen. Der Unterricht soll zudem schon im zarten Alter beginnen. Ob damit ein Kindergarten mit tebräisch als Umgangssprache gemeint ist — eine inrichtung, die uns schr sympathisch wäre — entzieht ftch unserer Kenntnis. Jedenfalls soll der Ausbau von unten aus geschehen, was sehr wesentlich für das Gelingen des ganzen Planes ist. Und noch eine andere Idee, die in dem Aufruf allerdings nur angedeutet ist, findet unseren vollen Beifall: wir meinen das Prinzip der Auslese. Unsere Schulen können im besten Falle nur brave Durchschnittsleistungen anfweisen, denn sie umfassen Schüler mit den verschiedensten Anlagen. Die gering befähigten bilden aber immer ein Bleigewicht für die besseren. Im Tin des Ostens vollzieht sich die Ausscheidung der schwächlichen Elemente, der geistig Minderbemittelten, ganz von selbst, bis schließlich die ns’tP' nur hervor ragend begabte junge Leute austveist. Etwas Aehnliches ist hier geplant. „In kleinen Zirkeln müssen sich a n s g e - Wählte Gruppen von Schülern und Lehrern zusammenfinden." „Begabte Kinder zartesten Alters werden nicht nur Wissen empfangen, sondern durch ihre klugen Fragen Lehrern und Mitschülern eine Fülle von Anregungen geben und produktiv Wissen schaffen." Es dürfte sich vielleicht empfehlen, auch an den schon jetzt bestehenden Schulen eine solche Auslese vorzunehmen und die begabtesten Schüler in besonderen Privatzirkeln eine über das bisherige Unterrichtsziel hinausgehende Ausbildung in den jüdischen Fächern angedeihen zu lassen. Das erfordert allerdings viel guten Willen und Hingabe, aber dafür sind die Kosten minimal. Wir sehen es als ganz selbstverständlich an, daß die neuen Skalen nür da gegründet werden, wo noch reges jüdisches Leben pulsiert, entsprechend dem Grundsatz ne?j?on x^x np’j? cnncn x1? und dem Ersahrunassatz, daß gerade auf Kinder im zarten Alter drs Beispiel von ausschlaggebender Bedeutung ist. Für chenio selbstverständlich hatten wir es aber auch, daß die bisher schon bestehenden Anstalten durch die Tätigkeit des „Thorabundes" pekuniär nicht geschädigt werden. Wir gestehen gerne, datz wir uns, so oft in der Jüngstzeit der Plan etner Neuschöpfung anftauchte, die bange Frage vorlegten: „Wird sie nicht den vorhandenen Institutionen, die auf das allgemeine Wohlwollen angewiesen sind, das Wasser abgraben?" Unsere Befürchtungen baben sich bisher in der Regel als unbegründet erwiesen Es hat sich herausgestellt, daß der jüdische Idealismus, der in unseren Kreisen G. L. noch immer rM ist, für jede gute Sache Opfer zu bringen weiß. Darum erhoffen wir auch jetzt, daß die neuen Schulen den alten nicht nur keine Konkurrenz — in dem landläufigen Sinne — machen, sondern im Gegenteil zu einem edlen Wetteifer führen werden, und datz aus den ersteren Zöglrnge herdorgehen, die unseren Lehrerbildungsanstalten — aber nicht bloß ihnen — höchst willkommen sein werden. So eröffnet der „Thorabund" in Wirklichkeit den Ausblick aus einen neuen Abschnitt in der Geschichte des jüdischen Erziehungswesens der nachmendelssohnfchen Zeit. Als erste Periode können wir die pädagogische Tätigkeit der David Friedländer, Herz Homberg, Jakobsohn u. a. anfehen. .Ihnen war die profane Bildung die Hauptsache, und die „Religion" wurde in ihren Schulen nur in spärlichen Dosen verabreicht. Ein entscheidender Wendepunkt trat mit der Gründung orthodoxer Lehranstalten ein, die alle auf dem Grundsatz px *]*h DJ? min ne' beruhten, seine volle Durchführung aber angesichts der unvermeidlichen Staatsaufsicht nicht bewirken konnten. Die neuen Schulen sotten rein privaten Charakter tragen, in iunen soll min den vo> wiegenden Unterrichtsstoff bilden, ohne daß die profane Bildung vernachlässigt wird. Wir rufen dem neuen Unternehmen ein herzliches 2DT n*7x zu. Sie Ausbildung im Thora-Lesen/) Ein Vorschlag an unsere Lehrerbildungsanstalten von H. Wieser, Pyritz. Ein guter Bal-Kore, der tadellos aus der Thora vorzulesen versteht, ist selten anzutreffen. Und dennoch ist ein guter Bal-Kore höher zu bewerten als ein noch so guter Sänger. Auch unter den Lehrern und Kantoren, die sich auf einem Seminar ein größeres Maß von hebräischen Sprachkenntnissen erworben, ist diese Fertigkeit des wirklich guten „Borleinens" selten. Woher kommt das? In der Präparandenschule und im Seminar werden diese Uebungen meist so eingerichtet, daß die Schüler der Reihe nach je eine ntsnB aus der laufenden Sidra üben und beim Anstalts-Gttesdienst vortragen. Auf diese Weife kommen jedoch wöchentlich nur 7 Personen zur Uebung. Im nächsten Jahre trifft es sich häufig, daß derselbe Schüler die nämliche WiB bekommt, wie im Vorjahre. Durch Tausch u. s. w. wird dem Zufall noch etwas nachgeholfen. Kurz und gut! Ist die 6 jährige Lehr- und Lernzeit vorbei, so haben sich die meisten Kandidaten nur wenige Bruchstücke der Thora eingeprägr. Verläßt nun der junge Lehrer das Seminar, so harren seiner so viele Obliegenheiten, datz er ihrer kaum Herr wird. Er hat die Schechita zu erlernen und die diesbezüglichen Dinim recht oft zu wiederholen. Er hat sich in das vollständige Chasonus einzuarbeiten, und gerade in kleineren Gemeinden, an den „Anfängerstellen", werden hierin hohe Ansprüche gestellt. Soll er an den Feiertagen und bei sonstigen Anlässen noch predigen, so nimmt auch dies Zeit und Mühe in Anspruch. Manche Lehrer bereiten sich gar für die 2. Prüfung vor und haben dann nebenbei mehrere Jahre an der Volksschule des Ortes zu praktizieren, sowie amtliche Konferenzen zu besuchen. AU dies gibt Veranlagung, es mit der zeitraubenden, mühevollen Vorbereitung für das Leinen etwas leicht zu nehmen. Mit der Zeit wirü das Thora-Lesen das Stiefkind unter den übrigen Berufspflichten. Der Kantor gewöhnt sich nach und nach an schlechtes Lesen, und auch die Gemeinde gewöhnt sich schließlich an den Gedanken: „Ohne einige Fehler gehts halt nicht!" Mancher wird da vielleicht sagen: Der junge Kollege soll eben fleißig lernen! Aber das ist leicht gesagt! Erfordert doch die gewiffenhafte Vorbereitung beim Neu-Einstudieren einer Wochensidra täglich 1—Ist, Stunden fleißigster Arbeit. Natürlich wird man aus diese Weise ein tüchtiger Bal-Kore. Aber einer solchen Mühe unterziehen sich die wenigsten Lehrer, da sie eben zu vielseitig beschäftigt sind. Wie wäre es aber, wenn schon im Seminar selbst eine systematische Vorbereitung getrieben würde'? Dann müßte der fertige Kandidat nur die im Seminar bereits geübten Parschijaus gut wiederholen und wöchentlich etwa 2 Parschijaus neu hinzulernen. Dies kann er schon eher bewältigen. Ich denke mir die Sache so: In öerPräparanöenschule wird im 1.Jahre eine gründliche Einführung in das Thoralesen und in den Haftora Vortrag vorgenommenim 2. Jahre lernt jeder Schüler, ohne Ausnahme, tadellos die 1. hbhd jeder Sidra. Die übrigen tz Parschijaus werden von „Freiwilligen" oder Schülern höherer Klaffen gelernt. Aber die 1. ist die „Pflichtparscha" und diese muß jeder sofort vortragen können. Im 3. Jahre wird ebenso die 2. Parscha jeder Sidra allgemein eingeübt. Im Seminar wird im 1. Jahr die 3. Parscha. im 2. Jahr die 4. Parscha und im 3. Jahr die 5. Parscha bei steter Wiederholung der früher gelernten Abschnitte sicher eingeübt. Dann beherrscht der Kandidat beim Verlassen seiner Bildungsstätte bereits 5/7 der ganzen Thora. Welchen Einfluß diese vorzügliche Kenntnis auf den Lehrer selbst und auf die Gemeinde ausüben kann, wollen wir hier nicht näher aussühren. Jedenfalls ist das Ziel meines Vorschlages wichtig genug, und deshalb müßte sich für die Mehrbelastung der Seminaristen die nötige Zeit doch noch finden lasten, sofern die Leiter der Lehrerbildungsanstalten geeignete Anordnungen treffen wollten. Lorrespondenzen und Aachrichten. Ans Hesse«. Herr Lehrer Wertheimer-He5denbergen hat am 28. September setnen 80. Geburtstag m voller Rüstigkeit des Geistes und des Körpers *) Wir geben den Vorschlag des Herrn Kollegen hier wieder, weil auch wir der Ansicht sind, daß es nichts schaden kann, wenn das praktische Erlernen des Leinens etwas systematischer betrieben wird als bisher. begangen. In unverminderter Emsigkeit steht er noch seinem Amte vor. Am vergangenen 2'' übernahm er wie gewöhnlich n*u *?3, sjdtd und und am Schluffe des Gottesdienstes hielt er eine Ansprache von zwanzig Minuten an seine Gemeinde rr>i3tsn VD’ “px’ rr. Aus Bayern. Der israelitische Lehrerverein für das Königreich Bayern hat an seine Mitglieder ein Rundschreiben gerichtet, dem wir folgendes entnehmen: Die Revision des Judenedikts stand vor Ausdrucks des Krieges im Brennpunkt unseres Interesses. Wir verweisen ans unser Zirkular vom 27. April 1914. Verheißungsvoll waren für die Religionslehrer die Beratungen der Vertreter der Groß- und Mittelgemeinden. Aüf Grund eines Referats des Herrn Staatsanwalts Dr. Neumeher, dem ein Bericht unseres Schriftführers über „Die wirtschaftlichen Verhältnisse der Klein- und Mittelgemeinden und ihrer Kultusbeamten" beiaegeben war, wurden Leitsätze für die Revision angenommen, die auch unseren wahlberechtigten Wünschen Rechnung trugen. Für unsere Kollegen, welche an israelitischen Volksschulen angestellt sind, brachte die Denkschrift über die Neuregelung der Dienst- und Gehaltsderhältnisse des Volksschul l eh re rp e rso na ls in Bayern Aufregungen und Sorgen. Eine motivierte Eingabe an das Ministerium war in Vorbereitung. Die Erledigung beider Angelegenheiten ist durch den Ausbruch des Krieges unterbrochen worden. Bei den Vorbesprechungen und der Darlegung unserer Wünsche fanden wrr bei dem Dezernenten für den israelitischen Kultus Herrn Oberregierungsrat Gustav Seiler wohlwollendes Verständnis und Entgegenkommen für unsere Bestrebungen. Er hatte diese schwierigen Probleme vorzubereiten und war berufen, eine Mittellinie zwischen den verschiedenen religiösen Anschauungen und Interessen zu finden. Für diesen Ausgleich gab es keine idealere Persönlichkeit als Gustav S e r l e r. Die Kunde von dem Heldentode des edlen Mannes, der bei Comines an der Spitze seiner Kompanie fiel, wurde von den israelitischen Lehrern mit tiefer Trauer vernommen. Wir werden ihm eine dankbare Erinnerung bewahren! Zahlreiche israelitische Kollegen stehen unter den Waffen. Wir senden den lieben Freunden die besten Grütze und den Wunsch ins Feld, daß sie bald, nachdem sie einen glorreichen Frieden miterkämpft, wohlbehalten zur friedlichen Arbeit in Schule und Gotteshaus in ihre Gemeinden zurückkehren mögen. Zwei unserer Kollegen, Herr Leutnant Jakob Krämer, früher Lehrer in Rockenhausen, und Armierungssoldat Siegfried Langstätter, früher Lehrer in Benmngen. sind durch das Eiserne Kreuz ausgezeichnet worden. Mit Trauer gedenken wir auch umeres Vereins- Mitgliedes Max Strauß, früher Religionslehrer in München, der bei den blutigen Kämpfen im August 1914 sein junges Leben lassen mußte. In Feindesland deckt ihn die kühle Erde. Wir weihen ihm liebevolle Erinnerung. Der Krieg hat auch manche Kollegen auf Posten gestellt, auf denen sie in der Lage sind, dem Staat und den politischen Gemeinden ersprießliche Dienste zu leisten. Entgegen der Ministerialverordnung vom 29. August 1873, die zur Wirksamkeit an Simultanschulen nur Lehrer christlicher Konfession zuläßt, versehen zur Zeit israelitische Lehrer verwaiste Volksschullehr erstellen auch an konfessionell - christlichen Schulen. Vielfach wurden die israelitischen rschüler für die Kriegsdauer den christlichen Schulen zugeteilt, und manche jüdische Schule wurde dadurch vorübergehend aufgelöst. Wir weisen heute schon darauf hin, daß die Lehrer im Interesse ihrer Gemeinden und unserer Bestrebungen dafür sorgen müssen, daß bei Beginn normaler Verhältnisse die jüdischen Volksschulen wieder eröffnet werden; denn die jüdische Volksschule und ihre Erhaltung muß unsere vornehmste Aufgabe bleiben. Es ist von größter Wichtigkeit, daß heute schon eine genaue Ausstellung über die Verwendung jüdischer Lehrkräfte an Simultan- und christlichen Konfessionsschulen vorbereitet wird. Wir bitten daher dringend alle an solchen Schulen verwendeten Lehrer, unserem Schriftführer ausführliche Berichte einzusenden und nach folgendem Schema Auskunft zu geben: a) an welcher Schule (Konfession, Klasse u.s.w.) sind Sie tätig? b) welchen Schulen wurden die israelitischen Kinder zugewiesen? c) haben Sie freiwillig Ihre Dienste angeboteu oder wurden Sie berufen? ck) welche Behörde hat Sie eingeführt? (Lokalschul- oder Distriktsschul-Jnspektion.) e) wurden Sie durch die Kreisregierung bestätigt? f) lourbe die Schule inzwischen geprüft und mit welchem Ergebnis? gl erhalten Sie von der Kommune eine besondere Entschädigung? hv hat die Kultusgemeinde den Weiterbestand der Schule gesichert? In welcher Weise? Abschriften aller aus Ihrem Verhältnis zur christlichen Konfessionsschule erwachsenen Verordnungen und Verfügungen sind als wertvolle Belege erwünscht.*> *) Wie man sicht, ^gcht eS auch ohne den D. I. G. B. r V