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Der Israelit · 1915-10-21 · Heft 44 (21.10.1915) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 44 (21.10.1915)
Date
1915-10-21
Page
– (sequence 7)
Language
German
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: fr - Leuilleton-Bsilage zu Nr. 4$ des „Israelit " Feuilleton. *vrv*j‘ ■„. y Der Wotka als Retter. (Aus den Kriegserlebnisseu russisch-polnischer Gemeinden.) Das war im Städtchen Sabludowo, in der Feuerlinie Mischen Augnstowo und G r o d n o. „Tie Kosaken kommen!" wurde, bekannt gegeben. und alle wußten den Zweck ihres Kommens. Sie hatten beit Befehl, das ganze Städtchen, gleich anderen Städten und Dörfern der Gegend, vor dem Abzug in Brand zu stecken. Die Leute verloren den Kops. In den Häusern ging es drauf und drüber. In der Aufregung und Verwirrung raffte und Packte mau das Wertloseste zusammen. Man suchte sich in der: Kellern einzurichten oder, wo es ging, mit dem nötigsten der Habe die Stadt zu verlassen. Die Jahrhunderte alte jüdische Gemeinde mit all der Weihe und dem stillen Glanze ihres kleinen Lebens war dem Untergänge verfallenbald würde alles in Flammen ausgehen, es war ein Befehl dort oben. Da tonte mitten in die Verwirrung und in das angstvolle Durcheinander eine schrille, allbekannte Stimme hinein. „In Schul herein!", dröhnte des alten Synagogendieners Ruf von einer Straßerlecke zur anderen. Fast mutete es wie ein böser Scherz an. Aber es war tatsächlich so. Man rief in dieser Stunde der Erregung und bangell Erwartens „in die Schul". Als galt es, den heiligen Sabbath zu empfangen ... Die Sabludower Schul' ragt mit ihren grauen Holzwänden und ihrern verschlungenen Giebelwerke aus uralten Zeiten in die Gegenwart hinein. Ein blühender Sagenkranz windet sich um Steine und Balken und besonders um bte mit kunstvollen Holzschnitzereien versehene „heilige Lade", die eine Künstlerhand, bevor sie erlahmte, als letzten Scheidegruß an das Lebeil, an seine Gemeinde geformt haben soll. Große Rabbiner lebten und lehrten lange Jahrhunderte in Säblndowo, deren jeder der Gemeinde und der Schul den Segen hinterlassen hat. Die alte Schul galt infolge dieser Segnungen als feuer siche r. Und tatsächlich blieb, wiewohl oft genug Feuersbrünste im Städtchen wüteten, der heilige Raum unversehrt. Sv war es dein: der alte Rabbsner, der jetzt in die Schul rufen ließ. Man kam in dieser kritischen Stunde auf den begreiflichen Gedanke.'!. alle Habe in der heiligen Stätte unterzubringen ,von der man wußte, daß sie wie immer auch jetzt dem Feuergeschicke trotzen würde. Mögen noch so viele Kosaken kommen, mögen noch so viele Befehle von oben erlassen werden. Bald war der alte Raum augesüllt mit aller* Hand Gegenständen des täglichen Bedarfes, mit ganzen Haufen von Betten und Kleidern und verschiedenem Hausrate. Auch die wenigen christlichen Nachbarn kamen mit ihren Habseligkeiten, die man bereitwillig aufnahm. Es blieb noch in den weiten Hallen Raum genug für die Frauen und Kinder, während fick^ die Männer draußen auf dem Schulplatze versammelten und unter stillen Psalmge- Leten der Dinge harrten, die da kommen sollten. So hatte sich die alte Festung auf ihre Verteidigung eingerichtet. Schon nach wenigen .Stunden waren sie da. Eine kleine Kosakenpatrouille, die sich sofort an die Arbeit machte. Ein Soldat bestrich die Häuser reichlich mit Teer und Petroleunr, ein anderer trug Strohbündel zusammen. So ging es in guter Arbeitsteilung von Haus zu Haus. Und nun standen sie schon, vor der alten Synagoge mit Petroleumfaß, Teertops und Heubündel. Hier am höchsten Bau sollten die Flammen ihren Ausgang haben. Ein kalter Schauer durchlief die Männer, denen das Psalmgebet vor Schreck auf den Lippen erstarb. Aller Augen ruhten aus Schmuel, dem Pächter. Wenn noch auf Hilfe von Gott zu rechnen war, so konnte sie nur durch ihn kommen. Schmuel war der einzige im Städtchen, der infolge feines Berufes Beziehungen zu den Nichtjuden, den „Poritzim" (Großgutbesitzern) der Umgebung hatte und sich ein wenig in der russischen Sprache verständigen konnte. Dieser gesellschaftliche Vorrang gab ihm das Recht, eine etwas freiere Denkart zu hegen und sich über Dinge wie die fromme Mär, von der absoluten Feuersicherheit der alten Schul himvegzusetzen. Schmuel schüttelte resigniert den Kopf und meinte: „Es steht schlecht, es wird brennen!" Als ihn aber der vorwurfsvolle Blick des Rabbi traf, lenkte er sofort ein. „Am Ende", sagte er, „sind es doch nur Kosaken, mau könnte es einmal versuchen.. Im Nu war der weltmännische Pächter auf der anderen Seite, wo ein Soldat mit Pinsel und Petroleumfaß gerade die Ostwand bestrich. „Sdrastwa, Pania Kosak!" bändelte Schmuel halb rfussisch, halb polnisch und halb jüdisch an, „Was machst Du da?" „Tikzorto Schsid parchati. Scher Dich zum Teufel..." antwortete der Kosaf auf gut russisch und hob die Naigaika, die anscheinend den Satz beenden sollte. " Schmuel wich vorsichtig aus und lachte laut auf: „Wozu, Herr Kosak, uns aufregen und herumschlagen. wenn wir doch in Frieden und Freundschaft verhandeln können?" „Was sotl's?" grinste der Soldat. . Nichts", gab Schmuel teilnehmend zurück. „Sehe nur aus Neugierde ein bischen zu, wie du dich abplaoft. Armer Soldat, keine Ruhe Tag und Nacht ... Ich glaube, ein bischen Wotka täte dir gut." Wie der Kosak etwas von Schnaps hörte, den er infolge des Alkoholverbotes schon lange Monate entbehren mußte, entrang sich ein tiefer Seufzer seiner Brust und er fuchtelte mit dem Petroleumipnsel ganz unentschlossen in der Luft herum. Seine Keinen Kalmücken äugen traten lüstern aus den Höhlen hervor und er starrte stumpfen Blickes, als hörte er ferne Musik, Schmuel an. „Was, was sprichst du, Jude, von Wotka?" „Ja, echter Wotwa, 99 er." „Du hast?" „Ich habe." „Ist doch verboten!" „Weiß ich, aber ich habe noch von früher her eine gute Flasche, die ich heute in den Rinnstein schütte. . ." „Was, Wotka in den Rinnstein?" schrie es im Kosaken aus, daß ihm Pinsel und Topf aus der Hand fielen. „Run, wenn du ihn trinken willst, sotl's mir noch lieber sein." „Mb her!" „Da mußt du schon mit mir ins Haus kommen. Es wird mit deiner Schmiererei nicht gar so eilig sein." Daheim schenkte Schmuel ein. Wasserglas ein. Der Kosak nippte erst ein tvenig, stellte das Glas mit Kennermiene wieder hin und schmatzt^ vergnügt: „Gut, gut". Daraus leerte er den ganzen Rest pnt einein Zuge. „Gut", wiederholte er, „vorzüglich!" Er war aufrichtig dankbar fiir den lang entbehrten Genuß. . Das gab Schmuel Mut und er faßte den Mann an der Hand. „Ich sehe", sagte er, indem er. .'in zweites Glas iüllte, „du bist ein ganz ordentlicher Kosak. Wozu dich mit der Schmiererei herumplagen? Bekommst einen Dreirubelscheiu, wenn du deines Weges gehst. Wir werden das Feuer schon selbst anmachen." „Gibts nicht, Jude", schrie der Kosak ganz entrüstet ans. „Willst einen Soldaten bestechen. Wenn ichs weiter sage, wirst du ausgehängt. Hast noch mehr Schnaps?" „Ja, kommt alles in den Rinnstein . . * Aber, wenn d u ihn trinken willst, mir kann's gleich sein." . Ter Kosak betrachtete die ihm gereichte halbgefüllte Jlasche und den Juden, blinzelte mit den Augen und schüttelte mit dem Kopf. Der war in seinen Augen nicht bei Sinnen. So was in den Rinnstein... „Also, wie ist es mit dem Geschäfte?" fragte Schmuel unbeirrt. „Was für Geschäft?" „Den drei Rubeln." „Geht nicht, Jude, wirft gehängt, wenn ich es weiter bringe. Geht wirklich nicht, ganz und gar nicht, höchstens. . ." „Höchstens? . . ." „Höchstens, wenn du fünf Rubel gibst." Einmal auf eine solche geschäftliche Basis gebracht, verstand sich Schmuel aus das Handeln besser. Keine Kopeke mehr als drei Rubel bekam der Kosak und er zog mit seinem Kameraden vergnüat von dannen. (Schluß folgt.) Kro88-kMM amEsehenheimepTapin. (3190) i :: Spezialitäten-Theater :: f Vorstellung täglich 8 Uhr abends. Universitäts-Kaffee Eigene Konditorei M Tücher Bräu Original Pilsener Frankfurter Burgerbräu._(3189) Scala - Olympia Lichtspiele LchüserMe 29 * Keißftauenfiraßr Großes Schlager-Programm,20.-22. Ott. Siudruburgs Geburtstag im Film Erste Aufführung für Frankfurt. (3193) Ser schwarze Domino Packendes Sittendrama in 3 Akten. Das Aefi an der reuselsttippe Sensations-Deteklivschlager. Fräulein Detektiv L u st s p i e l Voranzeige! Ab Samstag: Das Sklaventum im alten Aom Historisches Riesen-Schauspiel in »> Akten; übet* trifft alles bisher (Gebotene. Unerreicht. t. Künstlerkapelle n

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