Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 40-41 (21.9.1915)
- Date
- 1915-09-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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No. 40 u. 41 Seite 7 Der Israelit. §1 September 1916. , Lesern Mitteilen zu können, in welchem Zustande das befreiende deutsche Heer die Stadt des Gaon, dos alte „Litauische Jerusaleum", angetrofsen hat. Die beigen 9er luden in Polen Warschau, 6. September. Die in Warschau jetzt wieder erscheinende „Hazcfiroh" bringt in ihrer letzten Nummer auszugsweise den Bericht der „Kommission zur Linderung der Kriegsnot unter den Juden Polens". Dieselbe wurde von der Warschauer jüdischen Gemeindeverwaltung nach den von den „evakuierten" Orten des Kriegsgebiets entsandt und bestand aus den Herren: Rabbiner Dr. Poznanski, Farbstein, Dr. Klummel und Dr. Rosenblatt. Sie besuchte mehrere Städte in der näheren und ferneren Umgebung von Warschau und stellte dort Ermittelungen über die Vorgänge in der letzten Zeit vor dem Rückzug der Ruffen und über die augenblickliche Lage der jüdischen Bevölkerung an. Ihre Erfahrungen waren in allen Orten die gleichen. Noch vor dem Abzug der Ruffen begann eine ■ schrankenlose Plünderung der jüdischen Häuser und Geschäfte, an der sich Ruffen und Polen mit gleichem Eifer beteiligten. Einige jüdische Geschäftsinhaber, deren Warenlager von der Plünderung verschont blieben, übergaben diese vielfach ihren christlichen Nachbarn zur Aufbewahrung, oder sie schlossen kurzer Hand ihre Läden und flüchüten. Wertgegenstände wurden häufig in den Kellern vergraben. In gleicher Weise überließen die vertriebenen jü bischen Hausbesitzer ihre Häuser ihren polnischen Nachbarn und Bekannten, damit sie von den Letzteren bis zu ihrer Rückkehr instand gehalten und verwaltet würden. Die ganz unbewacht zurückgelaffenen Läden wurden von der polnischen Bevölkerung völlig ausgeraubt. Diejenigen Geschäfte aber, deren Bewachung den polnischen „Nachbarn" anvertraut wurden, sind von diesen „Vertrauensmännern" ohne weiteres mitsamt dem ganzen Warenbestand in Besitz genommen, eröffnet und weitergeführt worden. 'Die neuen „Inhaber" haben inzwischen den ursprünglichen Warenbestand vielfach erneuert und sind bis heute im Besitz der Geschäfte geblieben. Auch von den Häusern der vertriebenen Juden haben die polnischen „Nachbarn" Besitz genommen und sich in ihnen „häuslich" niedergelassen. Viele Häuser wurden auch zerstört und ausgeplündert. Einige ehrenhafte polnische Bürger, Anhänger radikaler und sozialistischer Parteien, machten darüber selbst verbürgte Angaben. Sie berichteten auch, daß die polnischen Einwohner nach Abzug der Russen die Synagogen stürmten, das gesamte Mobiliar plünderten, und auch den ganzen Boden nach etwa verborgenen Schätzen durchwühlten. Der jüdische Friedhof der Stadt Pr uschkow ist zum Gegenstand unerhörter Orgien gemacht worden. Die Mauern wurden nredergertssen, die Grabmäler aus dem Boden gehoben und heillos zerschlagen, und die Trümmer nach allen Richtungen zerstreut. Auch die Gräber selbst wurden in unerhörter Weise geschändet. Die Polen wohnen dort noch heute in den jüdischen Häusern und verfügen unbeschränkt über alles zurückgebliebene jüdische Eigentum. Die Portiers und Wächter jüdischer Häuser, denen viele Wertgegenstände zur Aufbewahrung anvertraut wurden, machten alles zu Geld und ließen sich selbst mit ihren Familien in den Häusern nieder. Sie sind reiche Leute geworden. Als die Deutschen in Warschau einzogen, bemächtigte sich dieses Raubgesindels eine große Angst, da Gerüchte umliefen, daß die Juden nunmehr zurückkehren und mit Hilfe der Deutschen ihre Häuser und Geschäfte wieder in Besitz nehmen würden. Es entstand eine große Verwirrung und Bestürzung unter der polnischen Einwohnerschaft, und man begann, alles zu verstecken und beiseite zu schaffen. Aber da kamen nach P. Abgesandte gewiffer Warschauer polnischer Kreise, Leute, die in der jüngsten Geschichte Polens eine sehr traurige Rolle gespielt haben, und gaben den Räubern neuen Mut, indem sie versicherten, daß die Russen sich nur scheinbar und absichtlich vorübergehend zurückgezogen hätten, um die Deutschen zu umgehen und sie völlig zu vernichten. Dann werde auch niemand van den Juden am Leben bleiben. Aus Warschau zurückkehrende jüdische Flüchtlinge' wurden von den polnischen Einwohnern mit den Worten empfangen: „Ihr kommt zu früh, es wtrd bald keine Spur von Euch mehr übrig bleiben"! Der Pöbel schenkt natürlich diesen Ausstreuungen vollen Glauben und glaubt bestimmt, daß die Russen bald zurückkehren und sämtliche Juden vernichten werden. Man verhöhnt die zurückkehrenden Juden, die ihr Eigentum und ihre Häuser zurückverlangen. Die Sdiulfrage in HJarfdtmi- Warschau, 12. September. In einer Beratung der hiesigen Schuldirektoren konnte man zu keinem Ergebnis wegen Einführung der russischen Schulsprache kommen: es wurde daher ^schlossen, Fragebogen an die Eltern herauszugeben. Je nach den einlaufenden Antworten soll in einer Sitzung ein endgültiger Beschluß gefaßt werden. Die jüdische Lehrerschaft trat ebenfalls erneut in eine Beratung der Schulfrage ein. Es sollen zunächst 2 Hauptfragen geklärt werden: 1. welcher Art soll der Charakter der gewünschten jüdischen Volksschulen sein, 2. welche besonderen Bedürfnisse ergeben sich mit der Einführung des allgemeinen Schulzwanges speziell für die jüdischen Schulen. In einem von 49 jüdischen Lehrern und Lehrerinnen unterschriebenen offenen Brief an das Z. B. K. heißt es u. a.: Angesichts der sich widersprechenden Nachrichten, die' in der Warschauer Presse auftauchen, beehren sich die am Ende dieses Unterzeichneten, als Förderer der Aufklärung unter den Juden, folgende Anfragen an das Bürgerkomitee zu stellen: 1. Beruht es auf Wahrheit, daß die Juden vom allgemeine!» Schulzwang ausgeschloffen sein sollen? 2. Ist es richtig, daß Judenschulen (Cheders) vom Bürgerkomitee" als außerhalb der Aufsicht der Unterrichtsabteilung stehende Erziehungsanstalten anerkannt worden sind? Infolge der großen Beunruhigung, die sich in jüdischen Kreisen bemerkbar macht, erlauben sich die nachstehend Unterzeichneten das Bürgerkomitee um ausführliche Antwort zu bitten." Die jüöifche presse in polen Warschau, 16. Septbr. Eine Abordnung der hier erscheinenden jüdischen Zeitungen: „Haint", „Moment" und „Hazesira" begab sich dieser TagezumStadtPräsidenten Fürsten Lubomirski und überreichte ihm eine Denkschrift über das Verhältnis der Juden zum Zentral-Bürger-Komitee, zur Bürgermiliz und zu den Gerichten. Wie „Haint" darüber mitteilt, wurde die Abordnung freundlich empfangen. Fürst Lubomirski hörte mit Aufmerksamkeit deren Darlegungen an und bemerkte, daß er ein Gegner der Agitation gegen die Juden sei. Die Pressevertreter gewannen die Ueberzugung, daß sich nach Ansicht des Fürsten die Beziehungen zwischen Juden und Polen sehr gebessert hätten und daß Kr Fürst keine Kenntnis von den verschiedenen Zwischenfällen der letzten Zeit hatte. Zum Schluß versprach Fürst Lubomirski, die Denkschrift mit Aufmerksamkeit zu lesen und zur Besprechung derselben eine Sitzung anzuberaumen, zu welcher auch der Kommandant der Bürgermiliz und die Vertreter der jüdischen Presse zugezogen würden. * * Die Gesellschaft zur Unterstützung von durch den Krieg in Not geratenen Juden veranstaltete eine Erhebung über die Lage, der in Warschau befindlichen obdachlosen Ju)en. Die Fragebogen sind sehr sorgsam abgefaßt und erstrecken sich auf alle Wirtschastsverhältnisse der Obdachlosen, wie Gewerbe, Familienverhältniffe, Wohnungs- Verhältnisse, Ursache der Arbeitslosigkeit u. a. Die eingelaufenen 8000 Antworten gewähren sehr intereffante Einblicke in die Lage. Bedauerlich ist nur, daß die Erhebung etwas zu spät veranstaltet wurde, da mittlerweile eine große Zahl Obdachloser in ihre Heimat zurückgekehrt ist. Rußland. Chrifllidie Ceilnahme. Petersburg, 6 September. Bor kurzem wurde hier von Mitgliedern der besten christlichen Gesellschaft ein Verein gegründet, mit dem Zwecke, der jüdischen Bevölkerung materielle und moralische Unterstützung angedethen zu lassen. In einem Aufruf, den der Verein in der' russischen Presse veröffentlicht, heißt es u. a.: „Unser Streben ist es, den jüdischen Mitbürgern zu beweisen, daß die bessere russische Gesellschaft lebhaften Anteil an ihrem Schicksal nimmt." Unter den Unterschriften finden wir die Namen: Graf A. W. Tolstoi, L. W. Wasilew, Maxim Gorki, Schingarew u. v. m. Die russislste InDuffrie und Sie 3u9enfrage. Petersburg, 25. August. Aus dem „Rußkoje Slowo" ist zu entnehmen, daß der allrussische Kongreß der provinziellen Krtegsinduftrieausfchüffe in seiner Schlußsitzung unter vierzehn Entschließungen zur Arbeiterfrage außer der Forderung nach Heranziehung von chinesischen, koreanischen und japanischen Kulis und nach Beseitigung der Einengung der Freizügigkeit der russischen Arbeiter auch die weitere der Aufhebung aller persönlichen Rechtsbefchränkungen der Juden erhobenhat. Darüber hinaus aber hat der Kongreß auch noch einen Antrag auf Abschaffung all er Ausnahmegesetze für Juden unter'lautem Beifall angenommen. Der Wedifel im veneraiffabe Petersburg, 11. September. Mit deni Sturze des Großfürsten ging auch die Kaltstellung des Generalstabschefs Januschkewitsch vor sich. Es steht fest, daß diese Umwälzung nicht zuletzt durch die Dumaverhandlungen hervorgerufen wurde, in denen in der allerschärfsten Form die unmenschliche Behandlung der Juden im Rayon des Kriegsschauplatzes zum Ausdrucke kam. General Januschkewitsch ist ein geborener Poleobwohl er während seiner Offizierslaufbahn gänzlich rujsifiziert wurde, wollte er seinen Einstuß als Chef des Stabes des Höchstkommandierenden natürlich zugunsten der ihm verwandten Polen ausnutzen. Er wurde so zunächst Vermittler zwischen dem Großfürsten Nikolai Nikolajewitsch und der alten polnischen Aristokratie und er schuf aus Mitgliedern seines Stabes ein besonderes Komitee, das die spezielle Aufgabe hatte, die Stimmung derJudenim Heere und aufdemKriegsschauplatze zu überwachen. Die polnischen Offiziere bei den einzelnen Stäben bekamen den Wink, daß jedes Material gegen die Juden dem Generalstab erwünscht sei. Als kraffeftes Beispiel dafür, wie die polnischen Kommissare bei den Stäben ihr „Material" ausgenutzt haben, muß die bekannte erlogene Beschuldigung der Juden im Dörfchen Kuschi angeführt werden. All die Lügen wurden offiziell durch spezielle Anschläge auf Anordnung des Generalstabschefs in ganz Rußland verbreitet, der seine Unfähigkeit durch Beschuldigung der Juden verschleiern wollte. Von der Tribüne der Reichsduma herab wurde nachgewiesen, wie die Polen sich durch Januschkewitsch's Vermittlung an wehrlosen Juden rächten. Diese Enttämlm matzm . - 'iffrVri iiftfT*rr*riniTiifr *