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Der Israelit · 1915-09-02 · Heft 37 (2.9.1915) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 37 (2.9.1915)
Date
1915-09-02
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Leuilleton-BeÜage zu Nr. 37 des „Israelit." VW Fe»ßlletsn. Die Knegsgesthichten des Men MWh Gerfon. Nacherzählt von $1. M. (Fortsetzung.) „Sehen Sie", fuhr er fort, „der Grund ist -nämlich der — ich wollte mit Ihnen sprechen Wegen Dtna" — er erschrack, öa der Alte stutzte — natürlich — er hatte fie ja bei ifyxem Vornamen genannt — „Ahrer Tochter — „Wieso, was ist"? fragte Rosenstock, dem 4ine Ahnung aufstieg. Bettendorf gab seinem Herzen einen Stoß. „Ich liebe Ihre Tochter und begehre sie zur Frau". Es war heraus. Wenn vor David Rosenftock's Augen in diesem Moment ein Blitz herniederqefuhren wäre, «r hätte auch nicht tätlicher erschrecken können, als über diese Eröffnung. „Ich weiß", fuhr Bettendorf beredt fort, in -dem Gefühl, daß sein Wort wahrlich der näheren Erklärung bedürfe, „ich weiß, daß Ihnen meine Bitte komisch, ja vielleicht sogar frevelhaft Vorkommen wird. Aber ich weiß auch, daß ich nicht anders kann. Ich bin bereit, alles auf mich zu nehmen, bin bereit, nach glücklichem Verlaus dieses unseligen Krieges meinen Abschied zu nehmen und mich in's Privatleben zurückzuziehen, Eltern habe ich nicht mehr und meine Mittel erlauben es mir — —, ich will Dina auf Händen tragen, geben Sie sie mir — —." Nosenstock war unruhig auf seinem Platze hin und her gerückt. Endlich begann er, die Arme auf den Tisch legend und den Leutnant fest anblickend: „Ich will Ihnen einmal eine Geschichte erzählen, Herr Leutnant. Sie sind ja so bibelkundig, also werden Sie dieselbe vielleicht schon kennen, aber sie paßt hierher: Die biblische Namensschwester meiner Dtna, die einzige Tochter des Patriarchen Jakob, war von Schechem, einem vornehmen Heidenfürsten, vergewaltigt worden — — der vermeinte sie zu lieben und ersuchte Chamor, seinen Vater, er möchte ihm doch Dina von Jakob zur Frau ausbitten. Chamor willfahrte seinem Sohne und erhielt auch eine Zusage, aber nur unter der Bedingung, daß die Einwohner Schechems die Beschnetdung annehmen sollten. Die Bedingung wurde erfüllt. Allein bei zwei Söhnen Jakobs, in Simon und Lewi, war der Zorn über die geschehene Untat so übermächtig, daß sie hingtngen und unter den Schechemiten ein Blutbad unrichteten. Sie töteten den sauberen Heidenfürsten samt seinem Vater und befreiten ihr Schwesterchen — — — nun, Herr Leutnant, ich will zugestehen, ganz so schlimm haben Sie es nicht gemacht — — Sie haben offen geworben — — aber — die Bedingung — wissen Sie-die kennen Sie nun auch-!" Bettendorf erschrack. Die ganze große Schwere des Hindernisses tauchte jetzt erst vor ihm auf. Er sollte Jude werden. Aber nein! das ging doch nicht,- das durfte er seinem Vater im Grabe, der ihn streng und in christlicher Zucht erzogen hatte, nicht antun, und Bettendorf war Christ, mehr als mancher andere seines Glaubens. Nein! Jude werden! — Dagegen sträubte sich seine ganze Pietät „Das geht nicht", sagte er entschieden. „Ich wußte es", erwiderte Rosenstock, „ein; Offizier, der um ein Judenmädel selbst Jude wird, ist auch undenkbar — und darum hätten Sie gar nicht zu fragen brauchen — und Me; sollen mir mein Kind nicht nehmen —" die - Stimme brach ihm, jetzt erkannte er erst, was man chm eigentlich zugemutet — „mein Alles, das ich mir herangezogen für meine alten Tage, in Tugend und Slttsamkeit. Ich ehre das Gastrecht, Herr Leutnant, aber Sie sollen nicht die Hand ausstrecken danach, woran mein Leben hängt —". Er war aufgeftanden und während er sprach, erregt hin und her gegangene „Auch mein Leben hängt an Dina", fiel ihm der Leutnant ins Wort, „sehen Sie, ich liebe Dtna, mit aller Glut meiner Seele! Die Liebe gibt auch ein Recht, das beachtet sein will"! „Und welches Recht ist älter, das meine oder das Ihre"? fragte nun Rosenstock, mitten in seinem Laufe innehaltend und vor dem Leutnant stehen bleibend. „Glauben Sie mir, mancher andere Vater hätte Ihnen im gleichen Falle die Türe gewiesen. Daß ich das nicht tue, daß ich Sie anhöre und mich um eine Sache bitten laffe, die ich niemals zugeben kann und werde — das ist ja gerade das Recht, welches ich Ihrem Gefühle an gedeihen lasse. Es gibt nur zweierlei: Sie oder ich: Wen von uns beiden meine Tochter wählen wird, darüber sind Sie, denke ich, nicht im Zweifel-. Nicht wahr", fuhr.er langsamer fort, „Sie haben mir von einem befreundeten Vetter erzählt, der jetzt bei den Preußen steht? Gesetzt den Fall, Sie würden draußen im Gefecht Auge in Auge gegen diesen Vetter stehen, würden Sir es über sich gewinnen können, das Gewehr auf ihn anzulegen und loszudrücken? Nicht wahr, nein? Nun, wenn Dina meinen Willen nicht achtet, so tut sie an ihrem leiblichen Vater dasselbe, was Sie gegen Ihren Freund nicht vermöchten _ _// Rosenstock setzte seinen Lauf durch die Stube fort. Der Leutnant aber blickte düster drein. Eine Pause trat ein. „Doch", begann Bettendorf endlich, „ich würde doch auf ihn schießen. So will's das Vaterland. Mein Einzelinteresse habe ich dem der Gesamtheit unterzuordnen. Und darum sollten auch Sie, Herr Rosenstock, diesen Schlag auf Ihr Gewissen verwinden und Dina nicht des kindlichen Verrats beschuldigen, wenn sie dem Zuge ihres Herzens folgt. Ist es Ihnen denn gar nichts, daß ich auf Alles verzichte, auf Ehre und Ruhm, auf Freundschaft und Achtung — ja, auch auf Achtung, denn nicht nur verurteilen wird man mich, nein, man wird mich verachten! Allein, was frage ich darnack, wenn ich mir mein Glück begründe? Ich bin zu vorurteilsfrei, um es nicht da zu fassen, wo ich es finde — ja, wir werden glücklich sein, Herr Rosenstock, und Sie mit uns, wir werden _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _// Weiter kam er nicht. Denn bei dem Klange, der eben draußen auf der Straße ertönte, stockte ihm das Wort in der Kehle. Das war Alarm. Nun galt's, Soldat zu sein! Es schien plötzlich, als hätte Bettendorf seine Werbung vergessen und seine Liebe in die Ecke geworfen, mit einer solchen Hast rannte er mitten im Satze weg, noch ehe Rosenstock überhaupt zur Besinnung gekommen war. Draußen auf dem Flur war Dina eben, dem Trompetenrufe nach, aus der Küche vor die Haustüre getreten, als Bettendorf an ihr vorbei auf die Straße wollte. Ein kurzer Halt, ein Händedruck, ein heißer Blick hinüber und herüber. — „Ich hole Sie mir noch"! war Bettendorss letztes Wort! Dsna blickte, vor Erregung keines Wortes mächtig, dem Davoneilenden nach. Drinnen aber, beim Schein der Sabbatlichter, ging immer noch der alte Rosenstock auf und ab und mit tränenerstickter Stimme sang er das alte Sabbatlied: „Scholanm aleichem malachei haschares". Bet W., dem benachbarten Dorfe, war es bereits zum Treffen zwischen den Badensern und Preußen gekommen. Der Alarm in H. hatte nun auch die Württemberger ins Gefecht gerufen. Heute noch dröhnt mir das Gekngttgr der Gewehre und der Donner der -Kanonen den Ohren. „Die Preußen kommen, die Preußen kommen"! hieß es, und ängstliche Gemüter versteckten und vergruben ihre Habseligkeiten, fast alle aber flüchteten sich erschreckt in die Keller, als eben eine Granate krachend in den Dachstuhl eines vereinzelt stehenden Hauses fuhr und denselben in Flammen setzte. Bis spät in die Nacht tönte der Lärm des Gefechtes zum Dorfe herüber. Etwa eine Viertelstunde Wegs von H. entfernt, auf einem Felde, das an der Straße nach W. lag. war ein provisorisches Lazarett errichtet. Spät abends, als der Donner der Geschütze völlig verhallt war, begaben wir uns hinaus — schreckliche Bilder zogen da an unseren Augen vorüber, einer nach dem anderen wurde herangetragen, mit zerschossenen Gliedern; Stöhnen und Aechzen tönte uns von den Tragbahren entgegen, der Strom der Verwundeten wollte schier kein Ende nehmen. Plötzlich hieß es: „Alles besetzt"! Kein Bett, kein Plätzchen mehr frei im Lazarett! Da seht — da bringen sie noch einen Verwundeten. „Wer istts"? fragt der Offizier, der am Eingang stand. „Premierleutnant Bettendorf"! war die Antwort. Ein Schrei tönt in die Nacht — und eine weibliche Gestalt stürzt aus dem Hausen der Zuschauer hervor und erbat sich in fliegenden Worten dem staunenden Offizier, den Verwundeten in ihr Haus in H., — es sei gleich vornean gelegen — aufzunehmen. Ein kurzes Besinnen. „Betten Sie ihn gut! Der Arzt kommt binnen zehn Minuten nach"! Die Träger hoben die Bahre hoch und gingen, von Dina — denn sie war es — geleitet, nach H. aus das Haus David Rofenftocks zu. Dort angekommen, erklärte Dtna in kurzen Worten dem Vater den Sachverhalt. R-osenstock, von tiefem Mitleid ergriffen, legte selbst mit Hand an, den Verwundeten möglichst gut und' vorsichtig unterzubringen. Da lag er nun, auf demselben Lager gebettet, blaß und ohne Besinnung, auf dem er noch gestern die Träume feiner Liebe geträumt- Der Arzt, der bald darauf mit einem Lazarettgehilfen ankam, erklärte den Fall zwar für gefährlich, aber nicht für hoffnungslos. Die Kugel war von oben, zwischen Schulter und Armgelenk eingedrungen, schien jedoch die Lunge nicht verletzt zu haben. Es wurde sofort zur Entfernung der Kugel geschritten-. Die Operation ging glücklich vonstatten. Dann verordnete der Arzt vor allen Dingen Ruhe, strenge Ruhe! Rosenstock hatte seiner Tochter nicht erlaubt, im Krankenzimmer anwesend zu sein. Das sei nichts für sie — und dann zieme es sich auch nicht. (Schluß folgt.) -z&’L ff- V r-.

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