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Der Israelit · 1915-07-08 · Heft 29 (8.7.1915) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 29 (8.7.1915)
Date
1915-07-08
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Feuilleton-Beilage zu Nr. 2P) des „Israelit." Feuilleton. i'VVV Sala Rosenblut. Von Z. B. A. Wie andere Tausende und Zehntausende ihres Stammes und ihres Geschlechts hätte sie ihre Tage zu Ende gelebtein stilles, in heiliger Ergebenheit getragenes Martyrium der Kämpfe, der Leiden und des Duldens wäre ihr Leben geworden, wenn nicht die reißende Flut unserer Tage mit den Trümmern vielen vernichteten Glücks auch ihre Existenz in den Wellenstrudel des Geschehens getrieben hätte. Ich will erzählen, ganz unverziert und unverschnörkelt, was ich über dieses galizische Mädchen, über die junge Sala Rofenblut weiß, das, von der Vorsehung bestimmt, zum Schutzengel der Tarnower Judenhett wurde, von dem selbst die Kriegsberichterstatter unserer Zeitungen mit wahrer Begeisterung sprechen. Sala Rosenblut wohnt bei einem alten Onkel in Tarnow. Auf meine Frage, in welchem Hause sie zu finden sei, springen mir von zehn Seiten zwanzig Menschen dienstfertig entgegen und zeigen, mit den Händen und Augen gestikulierend, im Laufschritt das gelbe Haus auf dem Burgplatz. Ich werde von der neugierigen Menge in das einfache, aber überaus saubere Heim der Gesuchten geführt: Hier wohnt Tarnows berühmteste Dame. Sie ist nicht zu Hause und befindet sich bei einem Verwandten zu Besuch. Man zerstiebt nach allen Seiten, um Sala hetmzurufen. Ich gehe unterdeß hinaus, um vor dem Tore die Erlöserin der Tarnower Juden zu erwarten, auf die ich schon wahrhaftig neugierig bin. Eine ganze Volksversammlung gruppiert sich um mich, ein Haufen Mädchen — ihre Freundinnen — Frauen und Männer durcheinander. Das Interesse galt nicht uns, sondern ihr. Jeder war aufgeregt, was ich eigentlich von ihrer Sala wolle. Sie dachten anfangs, daß ich eine Amtsperson mit verdächtigen Absichten sei, viele wollten nicht einmal, daß man sie heimrufe. Erst als ich sie aufklärend beruhigte, lösten sich ihre Zungen wie auf ein Zauberwort. Jeder erzählte von ihr,- jeder weiß von ihrer Güte zu sagen, jeder ist ihr zu Dank verbunden: dem einen half sie zur Freiheit, dem andern rettete sie das Leben. Alle stimmen in der Lobhymne überein: Alles, alles, danken wir ihr! Der Burgplatz ist besonders stolz auf sieihre engere Heimat schwärmt für sie. Es ist ergreifend zu sehen, wie die jungen Mädchen erröten, wenn sie mit Stolz ihren Namen nennen. Fast zwei Stunden wartete ich in aufgeregter Spannung, bis mir ein weithin rollendes Gemurmel, das immer stärker anschwoll, ihr Kommen andeutete. Es lispelte rauschend um mich: „Dort kommt sie!" Viele laufen ihr entgegen. Mädchen küssen, Kinder umtanzen sie springend/ ältere Leute im schimmernden Kaftan lasten das Auge mit stolzer Glückseligkeit auf ihr haften. Nur gefeierte Primadonnen werden so glühend heiß und stürmisch umschwärmt und angebetet. Mit sichtlichem Behagen empfing sie lächelnd all ote Liebeszeichen und wandte sich dann freundlich fragend an mich, um den Zweck meines Besuches zu wissen. Fräulein Sala, eine hohe, schlanke Erscheinung, in einem einfach luftigen Frühlingskostüm, zählt durchaus nicht zu den Schönheiten. Ihr Gesicht ist überhaupt nicht hübsch, ein typisch galizisches Judenprofil. Sie ist durchaus nicht die Dame, um einem russischen Kommandanten die Sinne zu raubeil und zu bestimmen, daß er ihrer Sippschaft, ihr zu Liebe, schone. Sala Rosenblut kann nicht als Esther all jene Begünstigungen erwirkt haben, die die Tarnower Juden um ihretwillen erhielten. Es ist unmöglich, daß diesem Weibe zu Liebe ein russischer Kommandant eine jüdische Mikwo, eine jüdische Volksküche errichtete und die Kerkerzellen der jüdischen Gefangenen öffnete. Das war mein erster Gedanke, als ich sie sah. Ich war begierig zu wissen, wo der Schlüssel ihrer geheimnisvollen Macht zu suchen sei, mck der sie alle diese Sachen beim Oberst Markewitz durchsetzte. Ich bat sie, mir aufrichtig und ausführlich über ihre Bekanntschaft mit dem Kommandanten zu sprechen und mir das Geheimnis ihres Verhältnisses zu ihm zu lüften. Sala Rosenblut begann sofort in gewinnend natürlicher Art zu erzählen und nach einigen Stunden stummen Lauschens, sah ich bewundernd, daß dieses siebzehnjährige Mädchen phänomenale Klugheit besitze; daß es so klar und überzeugend zu sprechen verstehe, daß man ihr alles glauben müsse, ihre Logik und ihr Herzenston sind überwältigend. Mir war es nun klar, weshalb Oberst Markewitz ihren Wunsch und Willen erfüllen mußte. Er konnte einfach nicht anders. Ihrer klaren, ehrlichen, reinen Absicht konnte er sich nicht entziehen. Sie erzählte: Als das Maß voll war und ich die Pein meiner jüdischen Brüder nicht mehr mitansehen konnte, beschloß ich, zum Kommandanten zu gehen und wenn es mein Leben kosten sollte, ihm alles mitzuteilen. Man warnte mich. Die guten Freunde meinten, daß ich, wenn ich gut davon käme, in Sibirien über meine waghalsige Tollkühnheit werde Nachdenken können. Ich ließ mich nicht bereden und betete inbrünstig zum Gott meiner Väter, fastete zwei volle Tage und ging so präpariert, an jedem Gliede zitternd, hinauf zum Kommandanten. Mich empfing sein Adjutant, dem ich in höchster Verzweistung unser Leid klagte und weinend bat, sich unser zu erbarmen. Dieser hörte mich geduldig an und sagte mir schließlich, daß ich anderen Tages wieder kommen solle, um das Gleiche „ihm" zu sagen. In Todesangst kam ich hinauf. Der Adjutant führte mich zu ihm. Er war von meinem Vorhaben bereits informiert. Ich begann öerschüchtert bebend, dann immer freier und offener, schließlich von der heiligen Mission, der ich mich weihte, begeistert, immer stürmischer und leidenschaftlicher vom zerknirschten Menschentum und zerstampften Menschenrecht meiner Brüder zu sprechen. Die Klagelieder Jirmijohus weinten in meiner umwölkten Seele. Ich, das schwache Judenmädchen, aus dem halbverhungerten, ganz bekannten Ghetto war damals stärker als Oberst Markewitz, der Kommandant der russischen Armee. Der letzte Funke von Menschlichkeit, der bei ihm noch glimmte, wurde von mir zur vollen Lohe entfacht. Ich fiel auf die Kniee, faltete die Hände betend zum Himmel, ich weinte und — eine große Träne rollte aufs Antlitz des barschen Soldaten. Er hob mich freundlich empor, beruhigte mich mit der Versicherung, daß er alles ordnen wolle und bat mich, ihn bald wieder zu besuchen, um mit ihm alle Einzelheiten zu besprechen. Mit unbeschreiblicher Glückseligkeit verließ ich ihn; die Juden weinten vor Freude, als sie von meinem Erfolg hörten. Von da an war ich bei Markewitz persona grata; ich hatte freien Zutritt zu ihm. Er schlug mir keine Bitte ab. Ich war sein täglicher Gast. Alle Beschwerden verdolmetschte ich, alle Bitten vertrat ich und auch er ließ alle erst zu mir kommen. Recht oft schickte er um mich. So setzte ich es durch, daß er die Volksküche und die Mikwa Herrichten ließdaß viele unschuldige Juden aus den Kerkern entlassen und den übrigen Gefangenen Kost und sonstige Erleichterungen gegeben wurden, viele wurden von der Schanzenarbeit befreit. Mein ganzes Bestreben ging dahin, die Leiden zu lindern und das Leben erträglich zu machen. Gott sei Lob und Dank, daß es so schön gelungen ist. Ich bin darob so glücklich und begnadet fürs ganze Leben". Auf die indiskrete Frage, warum denn eigentlich dies alles sein konnteob dafür kein besonderer tieferer Grund vorhanden sei, gab wir Sala Rosenblut mit imponierender Ueberlegenheit, die nur den reinen großen Seelen eigen sein kann, zur Antwort: „Ich weiß, worauf Sie zielen. Sie umschreiben die Frage, ob ich ein Verhältnis zu Makewitz hatte? Nicht wahr? Nun denn — Nein! Ich weiß, daß dies unglaublich klingt, die Tarnower Russophilen bemeineiden auch, daß ich all dies um meine Ehre erkaufte - ihre Kinder deuten auch höhnend auf mich: „Nanu, dein Kommandant ist weg" und man nennt mich „Vizekommandant" in der ganzen Stadt. Ich beschwöre es aber vor meinem Gott, daß ich rein bin . . . Wie ich die Macht über ihn gewinnen konnte, das, aufrichtig gestanden, ist mir auch ein Rätsel. Ich denke aber, daß ich vet meiner ersten Audienz den richtigen Ton, das fiamende Wort gefunden und so gewonnenes Spiel hatte. Ich glaube entschieden, daß Markewitz, ein gutherziger Mann war, der sich tiefen Eindrücken nicht verschließen konnte. Oft sagte er zu mir: „Du bist ein gutes, braves Mädchenich liebe dich, weil ich noch nie im Leben einer Person begegnete, die wie du, so uneigennützig, selbstlos, unaufhörlich für andere sich bemühte. Du hast für dich nie verlangt, immer nur für andere. Du hast ein reines, gutes Herz, Sala, darum liebe ich dich, wie man sein gutes Kind liebtdu darfst von mir alles fordern." . . . (Schluß folgt.) Neu erschienen! Unentbehrliche Belehrung^ und UnterhaitungSlektüre für jüdische Soldaten und Krieger. 3m Kriegslager von S. Schachnowitz Heransgeg. durch die „Agudas JiSroel"-Jugendorganisation, Mischer Lolksschriftenverlag S. m.». S. Frantsurt am Main. Die in diesem Soldatenbüchlein enthaltenen Essays geben iil der Hauptsache einen Cyk luS im Frankfurter „Mekor Cbajim" gehaltener volkstümlicher Lernvorträge wieder und bewegen sich in der Gedankenwelt des bekannten rabbiuischeu Belebrungs- und Erbaunngsbnches für Soldaten und Krieger ‘Wfc" njnn von Rabbi Israel Meir Hakohen zu Radin. Preis des Buches 30 Pfennig (bei Massenabnahme billiger). Zn beziehen durch das Büro der Agudas - Jisroel - Jugendorganisation, Frankfurt a. M., Am Tiergarten 8. Im gleichen Verlag ist erschienen: 3m Schatten des Weltkriegs Jüdische Skizzen von S. Schachnowitz. Preis 80 Pfg. Das interessante Novellenbiichlein hat schon in den ersten Tagen seines Erscheinens ctne so günstige Aufnahme in der Presse lvie beim Publikum gefunden, daß die erste Auflage bald vergriffen sein dürfte. ...

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