Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 26 (17.6.1915)
- Date
- 1915-06-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton-Beilage zu Nr. 26 des „Fsraelit." Feuilleton. mm Ff-S Schnee. Bon Sarah Schlesinger. In blendender Helle liegt das spiegelglatte Schneefeld. Kalt blickt die untergehende Sonne. Millionen und Millionen Smaragde auf den laublosen Aesten der Bäume, die der Chaussee entlang sich hinziehen. Eine beklemmende, beängstigende Stille, nur unterbrochen von dem Wügelschlag eines verspäteten Raubvogels.- Führt dieser Weg zu den bewohnten Stätten der Menschen oder in die Gefilde des ewigen Schweigens? Hand in Hand stehn sie da, der greise Chajim und sein jugendlicher Schwestersohn Benjamin. Wohin führt dieser Weg? In ihren weit aufgeriffenen, spähenden Augen, in ihren geängstigten, von Grauen verzerrten Mienen, steht sie da, diese große Frage. „Wohin führt dieser Weg?" kommt es stöhnend von den zitterndln Lippen Chajims. „Nur nicht zurück, nur weit, weit weg von ihnen. Nur kein Blut mehr sehen, fort, weit fort von diesem furchtbaren Weg.' Lieber in die Steppe zu den Bestien, in die starre Natur, in die eisigen Wellen!"- Und sie gehen langsam Schritt für Schritt, immer tiefer sinkend in die weiche, weiße Decke, immer tiefer in die Nacht hinein. „Hörst du nichts?" flüstert kaum verständlich Benjamin, der vor Mattigkeit sich schwer wetterschleppt, „klingt es nicht wie nahes Gtockengeläute?" — und horchend bleiben sie stehen. „Ich höre nichts" antwortete Chajim. „Es sind deine aufgeregten, überreizten Nerven, die dich täuschen. Wehe, daß ich das erleben mußte, daß meine Augen diesen Jammer sehen!" — Und keuchend gehn sie weiter. „Ich kann nicht weiter" beginnt nach einer Weile der Jüngling wieder. „Seit Tagen — ich weiß nicht mehr, wie viele es sind — sind wir so, ohne einen Bisten Brot, laufend und uns wieder versteckend. Was lebt noch in uns? Nur das eine Verlangen, uns zu verkriechen. — Mein Körper ist ganz wund geschlagen, meine Haare kleben noch vom Blute meiner Geschwister. — O, mein Gott, räche sie, zeige ihnen, daß Du noch lebst!" „Still mein Kind, Mut, Mut!" sagt begüiigend der Alte, die Hand Benjamins fester umklammernd. „Wir müssen bald am Ziele sein, bald in einem gesegneten, freien glücklichen Lande, wo Kinder nicht vor Augen der Mütter hingeschlachtet werden." Und immer tiefer sinken sie in den Schnee, immer finsterer wird die Nacht um sie.- „Ruhen wir ein wenig!" Willenlos läßt sich der Greis vom Jüngling niederztehen. — — — Wie weich, wie wohlig hüllt sie die flockige Decke zu, wie süß ist es zu träumen! Und Chajim träumt: Er ist zu Hause. Zu Hause in seinem geliebten Dörfchen, wo ihm jeder Busch, jeder' Strauch, jede Mauerspaite vertraut ist. Wo er geboren, gespielt, gelacht, geweint. Wo er jedes Kind beim Namen nannte und ihn jeder freundlich anblickte. Viele, viele Jahre vor ihm lebten sie schon dort. Was wollten denn seine Brüder? — nichts wie ein Stückchen Brot, ein klein wenig Platz! Sie lebten ruhig und zufrieden. Jeder ging still seinen Geschäften nach, einer war dem andern nicht im Wege. Der Glaubensunterschied der Dorfbewohner erweckte keinen Glaubenshaß. Der Pope predigte keinen Aufruhr, keinen Mord, keinen Totschlag. Das Wort Jude war noch nicht zum Losungswort der entfesselten rohesten Leidenschaft geworden.- Die Schneeflocken beginnen ihren Kreistanz, sie setzen sich auf die Schlafenden — und Chajim träumt noch immer. Ein blaster Strahl des Mondes huscht um seinen silberweißen Bart. Das wimmernde Aechzen seines jugendlichen Gefährten dringt nicht zu ihm, zerstört ihm nicht sein leuchtendes Traumbild. Wie ein Lächeln gleitet es um seine schon halberstarrten Züge. Sein Weib mit ihren frommen, gazellenartigen Augen, seine schöne, gesunde Kinderschar, sie alle erscheinen noch einmal vor ihm. Dann kamen Kämpfe ums Sein, kleine und große Sorgen, der frühe Tod seiner beiden Söhne, die für Kaiser und Thron ihr Leben Hingaben. Ein Blutzoll, den er ohne zu Murren dargebracht. Benjamin an seiner Seite wimmert nicht mehr. Er sitzt zusammengekauert, einer formlosen Masse gleich. Der Kopf ist tief niedergesunken, so daß ein Streifen seines bloßen Halses sichtbar wird. Er hat die unsichtbare Brücke bereits überschritten. — Die Lebenskräfte Chajims sind ausdauernder. Der Rückweg zur Heimat ist für den Müden steiler, und er träumt noch immer.- Doch plötzlich verfinstern sich feine Züge. Der Ausdruck der Ruhe ist von ihnen gewichen und macht dem der Angst Platz. Ein grauenvolles Bild hält seine halb erstorbenen Sinne umfangen. Große, ungewöhnliche Erscheinungen, einer andern Welt entstammend, kommen und verschwinden mit unheimlicher Schnelle. Wohin sie kommen, bringen sie Tod und Verderben. In ihren Mienen Raserei, in ihren Blicken Blutdurst!- Dunkle Nacht wird es um Chajim. Er sieht nicht mehr die lichtvollen Spiegelungen der Seele, nicht mehr die milden Sterne seines Lebens, nur sich und den Knaben in wilder Flucht. Dichter, immer dichter, rieseln die schneeigen Flocken. Sie werden zu einem glänzenden Leichentuche, das warm und weich die Verjagten bedeckt. Kaddisch im Schützengraben. Aus dem Ungarischen von Oskar Jalrrvie. Es war nach den blutigen Kämpfen .in Galizien. Wir lügen im feuchten Schützengraben und pulverten auf den Feind. Man hat in einer solchen Lage weder Zeit noch Lust, neue Bekanntschaften zu schließen. Wir schoben täglich vorwärts und waren nie für einen längeren Aufenthalt vorgesehen. Es griff uns ans Herz, wenn man ab und zu einen verwundeten Kameraden zurückbegreitete oder auf der Bahre trug. Wir halfen zuweilen, die blutenden Wunden verbinden und es kam auch vor, daß wir in düsterer Einsamkeit ein stilles Grab schaufelten und einem eben noch blühenden Lebensbaum die letzten Grüße in die Tiefe nachfchickten. Eine Träne; ein Seufzer, ein wehmütiges Lebewohl und eine Episode war vorbei. Eines Tages — es war am Donnerstag — kam ein Kamerad mit ausgeöundenem Arm zu mir heran. Er war in Kriegsrüstung, d. h. voll Staub, Schmutz, mit ungepflegtem (BtviüoeTbaxt und hatte Charge. Zu mir gewendet frug er: „Kamerad! Bist du Jude?" — „Jawohl, warum denn?" — „Ich habe Jahrzeit und möchte für meinen Vater Kaddisch sagen. Es fehlen mir noch sieben Mann zu Minjan. Willst du nicht kommen?" Ich holte die Erlaubnis des Fähnrichs ein und schlich abends mit dem verwundeten Kameraden zum Gottesdienst. In meiner Kompanie waren noch vier Soldaten, die mithielten: ein Friseur, Kommis. Wirtschafter und ein Beamter. Sie krochen mit uns hinter die Linie, zum Minjan. Die fehlende Mannschaft war bald zusammengeschaart, und mit Händen und Füßen vorwärtskratzeno schoben wir uns 200 Schritte zurück; zündeten eine Kerze an, für die wir im feuchten Boden eine dunkle Höhle gruben und begannen mit ergreifender Andacht das Whu rachum .. Das war meines Lebens unvergeßlichste halbe Stunde. Ich habe in diesen Monaten viel durch lebt. Ich hatte Teil an deprimierenden Erfcheinun gen und erhebenden Momenten, Freuden und Leiden griffen mir oft vibrierend durch die Seele. Ich fal, blutige Wunden und sterbende Freunde, siegesjauch zende Kameraden und verröchelnde Jünglinge. Ich weinte und jubelte oft, aber was ich beim Anblick der zitternden Nefchomoflamme und des wehmütigen Whu rachum-Gebets empfand, begriff ich nie, das toerbe_ ich nie vergehen. Sie haben mich achtmal operiert. So oft lag ich, von Todesqual gepeinigt, in meinen Gedanken phantasierende auf meinem Schmerzenslager; aber immer war mir das Neschomolicht gegenwärtig, in dessen matt schimmerndem Umkreis, zehn bewaffnete Kameraden im Gebet versunken, in Andacht vergraben, kauernd des Whu Rachum lispelten. Der klare Hrmmel erschimmerte vom Zauber glanz blitzender Sterne. Aus der Ferne gurgelte murmelnd das fliehende Waldbächlein, das mit Blut und Tränen gemischt, seine Wellen dem weiten Strom zusprudelte. Von den leisen Akkorden des sanft hauchenden Waldes begleitet, betete ein gtlter Sohn für den toten,.-frommen Vater sein Jsgadal Wejis kadasch. > , . Dann der Feind muß etwas entdeckt haben, platzten in unserer Nähe die Schrapnells und Kugeln. Sie schlugen in die Erde. Uns hinderten sic nicht. Wir fühlten es^ daß dieses Gebet nicht für die Ein zelseele des toten Vaters allein zum Himmel steigt: wir beteten für Tausende und Hunderttäufende, deren Seelen irrend in der Luft herumschweben, die einen Kaddisch suchen; von denen man zu hause nur ahnt, daß sie tot sind aber immer noch hofft, daß sie gesund und ruhmbedeckt heimkehren werden; die n gendwo ruhen, weit, weit in unbekannter Fremde. Als wir fast geendet hatten, bemerkten wir eine rrahende Gestalt, in der wir den Hauptmann eines nahen Bataillons erkannten. Wir wußten, daß fein Vater Jude war und, daß er vor Jahren den Glon ben verlassen hatte. Er wußte nicht, was wir vor hatten; sprach keine Silbe zu uns, nahm sein Zig«, rettenetui, um sich eine Zigarette an der brennen den Kerze anzustecken. „Herr Hauptmann!" lvagte ein Kamerad, „bitte, nicht anzuzünden, die Kerze dient einem anderen Zweck." „Weshalb denn?" „Zum Jahrzeitstage meines verstorbenen Bakers", ergänzte der Borbeter „ließ ich die Kerze anzünden. Wir beteten eben für ihn." Der Hanptmann stand erstarrt. Eine Bläste zog über sein Gesicht. Alte Erinnerungen loderten in ihm auf. Er nahm die Zigarette aus dem Munde, legte sie zurück ins Etui, blieb stumm eine Weile in unserer Nähe und sagte dann: „Ich will auch mitbeten. Ich fühle es, daß ich Jude brü!".... Neu erschienen! Unentbehrliche Belehrnngsimb Unterhaltungslektüre für jüdische Soldaten und Krieger. Im Kriegslager von S. Schachnowitz Heransgeg. durch die „Agudas Iisroel"-Iugendorgamsaiion. Mischer Dolksschnftenverlag ch.m.».K. Zrnkftitt am Mai«. Die lu diesem Soldatenbüchleiu enthaltenen Essays geben in der Hauptsache einen Cyklrrs im Frankfurter „Mekor Chajim" gehaltener volkstümlicher Lernvorträge wieder und bewegen sich in der Gedankenwelt des bekanntest rabbinischeu Belehrnngs- und Erbauungsbuches für Soldaten und Kriegei n:no von Rabbi Israel Meir Hakohen zu Radin. Preis des Buches 30 Pfennig (bei Massenabnahme billiger). Zu beziehen durch das Miro der Agudas - Jisroel - Jugendorganisation, Frankfurt a.M., Am Tiergarten 8. Im gleichen Verlag ist erschienen 3m Schatten des Weltkriegs Jüdische Skizzen von S. Schachnowitz. Preis HO Pfg. Das interessante Rovellenbüchlein hat schon in den ersten Dagen seines Erscheinens etne so günstige Aufnahme in der Presse wie beim PubUkum gesunden, daß die erste Auslage bald vergriffen sein dürfte.