Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 25 (10.6.1915)
- Date
- 1915-06-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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r [ i Leuilleton-Beilage zu Nr. 25 des „Israelit." Feuilleton. 3n der MchMgsfchule der „AgudaSÄSroel" zu Frankfurt a.M. Weit oben im Nordosten, wo das Stadtgewühle so mählich in die geruhsame Schönheit blühender Gärten und schattiger Alleen übergeht, steht, hinter grünen breitarmigen Akazien, die wie mir einem riesigen Fächer die Hauptfassade streicheln, die Dahlmannschule. Und es mutet fast wie ein Symbol an, daß gerade hier, wo der deutsche Großstadtsommer golden und kraftvoll aus der harten Erde heroorblüht, zarte Pflänzchen, sonnenarm und lichthungrig von Hause aus und von schwerem Gewitter geknickt, neuem Leben, neuem Lichte zugeführt werden. Allmorgendlich, wenn die Schule ihr eisernes Gittertor öffnet, treten mit den hunderten anderen Kindern, die das Haus das ganze Jahr bevölkern, an 40 Knaben im Alter von 9 bis 13 Jahren gar sittig und gemächlichen Schrittes in den weiten Hosklein und verzerrt von Gestalt und Aussehen, aber mit den ernsten Geberden der Erwachsenen und angstvoll suchenden Augen der Wiffenden, die den kleinen zarten Ktndergesichtchen etwas Karikaturenhaftes geben. Es sind Kinder jüdischer Flüchtlinge aus Galizien, die die Welle der Weltgeschehniffe hierhergespült hat und die hiersofort von der jüdischen Liebe in den Schutz genommen wurden. Es sollen die Kleinen aus der Trostlosigkeit der vergangenen Tage heraus in eine bessere, sonnigere Zukunft hinübergezogen werden, so werden sie denn hierin der Schule von tüchtige)! jungen Lehrerinnen, deren Auge bei der Unterrichtsarbeit in Liebe und Begeisterung für ihre hohe, nicht leichte Ausgabe erglänzt, für das Leben ertüchtigt. Es ist kaum zu glauben, wie rasch und leicht sich die Knirpse unter dieser liebevollen, fachmännischen Leitung in die minutiöse Ordnung der deutschen Schule hinemgefunden haben. Sie rechnen, lesen und schreiben und lauschen mit gespannter Aufmerksamkeit und scharf gespitzten Ohren auf die Worte der Lehrerin, die so wunderschön zu erzählen weiß vom Storch und vom Fink ß und von der Drossel, von den Blumen im Felde, den Bäumen im Walde und dem Bache am Berg. Das Temperament läßt sich nicht ganz Niederhalten und kommt bei jeder vom Katheder aus gestellten Frage zur Geltung. Es bewegen sich nicht einzelne Finger, sondern ganze Händepaare, und ein Aufschnelleu und ein Aufspringen gibt es, das von der unbändigen Mitteilungsfreude der Wissenden zeugt. Und dann regnet es Antworten, gleich originell nach Fassung und Inhalt. Die deutsche Grammatik ist freilich noch Kriegschauplatz, aus dem die unwahrscheinlichsten Hindernisse einen zum Stolpern bringen. Unerklärlich genug, warum der deutsche Berbündete mit so peinlicher Pedanterie darauf besteht, daß man „die Nase" statt „die Nos" sagen solldaß der Griffel, wie es ganz in Ordnung ist, die Tafel zur Frau erkoren, dagegen aber die Feder das ganz geschlechtslose Heft zum Lebensgefährten hat . . . Das sind alles Schickungen, in die man sich fügen muß und die man noch immer lieber htnnimmt, als die Kosaken, die dort mit ihren Nagaikas in das väterliche Haus eingedrungen waren.- Ja, die Kosaken. Und ich greife aus dem Haufen der Aufsatzhefte einige kindlich unbeholfene Dokumente heraus, die mehr sagen, als alle amtlichen Schriftstücke und Presseerzeugnisse. Sie mögen hier in ihrer ganzen Originalität, wie sie sich in dem vom Rotstrich der Lehrerin noch unberührten Hefte befinden, folgen: I. „Die Beschreibung der Reife. Erstens hat unsere Truppen ein Rückzug gemacht, dann sind die Russen herein gekommen und sie haben alles weg geraubt und haben das dann die Christen verteilt. So war es 13 Tage, dann sind unsere Truppen herein gekommen und waren bet uns einige Wochen und dann haben unsere wieder einen Rückzug gemacht, ist die ganze Stadt zu Fuß fort gelaufen, dann sind wir in einem Kohlenwagen gefahren bis nach Gorliz, dann haben wir einen Wagen gemietet und wir sind zwei Tage und zwei Nächte mit dem Wagen gefahren bis nach Eperjes das ist in Ungarn. Von Eperjes sind wir schon in einen Personenwagen eingesteigt und wir sind bis nach Böhmen gefahren. Es dauerte von Ungarn bis nach Böhmen acht Tage und wir waren dort fünf Monat und wir sind alle in die Schule gegangen und wir haben Zeugnisse bekonkmen. Jetzt sind wir nach Frankfurt gefahren". II. „Von der Heimat. Vor drei Jahren haben wir ein Haus gemauert und es war das schönste von der ganze Stadt und wir haben ein Eierhandlung gehabt, jetzt haben wir es zurückgelast. Zehn tausend Schock Eier haben wir in Keller gehabt. Die Mutter ist auf der Eisenbahn gefahren, hat sie einen Galiziane Jud begegnet und er hat ihr gesagt, das er war in unser Stadt und er ist zu uns herein gegangen hat er gesehen, daß es ntt einmal ein Ei geblieben und das Haus ist sehr ruiniert. Die Russischen sind hercingek^nimen und haben alles von die Soldaten abgekauft und haben es dann nach Ruffenland geschickt. Die Russischen sind zu uns herein gekommen, haben sie gesprochen wie wir sprechen, dann haben sie angefangen Russisch zu sprechen und sagten wir haben geschossen und ein Jud haben sie mit dem Messer ins Harz hinein geschtocherFweil er sie kein Geld geben wollte. Die Suppen was wir haben auf Schaboß bereitet, haben sie die Pferde zu trinken gegeben oder ausgffchittet. Im Guten Zimmer nahmen sie die Pferde hinein und machten dortschweinereien. In Sinagog sind sie herein gegangen mit dem Gewehr und schlugen die Menschen. Zu uns haben sie gesagt wenn ihr nicht die Türe öffnet werden wir das ganze Haus verfeueren. Wenn sie haben ein Mensch gesehen, haben sie ihm gestilagen und in die Taschen suchten, haben gksagt Hände hoch, dann haben sie gesucht". Ein Dreizehnjähriger, der Senior der Klaffe, erzählt mir mündlich seine Lebensgeschichte, so verworren, wie sie in seinem Kopfe nach all den ausgestandenen Aengsten und Strapazen der Reste noch lebt. Im Walde bei Stantslau in einer einsam am Wege liegenden Herberge wohnten sie. Es war nachts als die Kosaken kamen. Er war längst im Bette und als er erwachte, ag der Vater blutend und bewußtlos auf dem Boden. Mutter und Schwestern waren nicht zu sehen. Sie kamen später aus dem Keller, wo sie versteckt lagen. Er, der kleine erschrockene Junge, sollte den Kosaken den Weg nach Stanislau beschreiben. Da er es nicht vermochte, erhielt er eine Ohrfeige, die heute noch zu sitzen scheint, denn er greift sich an der rechten Wange, wenn er davon erzählt. Merkwürdigerweise gingen die Soldaten weiter, der Vater stand wieder vom Boden auf, Mutter und Schwestern krochen aus dem sinstern Keller, aber noch am selben Tage mußten sie, auf Geheiß der Oesterreicher, sich zur nächsten Station begeben. — — Aehnliches haben sie alle erlebt, aber es sind Kinder des jüdischen Golus, leidgewohnt und gestählt durch die Not von Generationen. Und schon arbeitet und reckt sich im jungen Blute neue jüdische Kraft, und das lebendige Auge schaut von dem Grauen weit dahinten ganz weg und geradeaus in die neue goldene Sonne . . . Nachmittags treffe ich die geweckten Jungen ganz auf der „Heimatscholle". In den Räumen der Agudas Jisroel - Jugendgruppe, Hanauerlandstraße, sitzen sie bet Chumisch mit Raschi, Misch na und Gemoro, und bewährte Lehrer setzen ihr Bestes darein, den Kleinen in der Fremde den geistigen Heimatboden zu erhalten, dem sie rohe Gewalt entrissen hat. Die Schule ist von den Herren Direktor Dr. Lange und Ludwig Strauß mit Hilfe der Agudas Jisroel errichtet worden, und liebevoll halten beide genannte Herren ihre Hände über dieses große Werk. Man darf aber mit Sicherheit darauf rechrren, daß Freunde des Wohltuns und des jüdischen Kindes der Schule ermöglichen, ganz auf die Höhe ihrer Aufgabe zu gelangen. Es ist eine jüdische Arbeit, die der Arbeit und Opfer der Edelsten wohl wert ist. Neu erschienen! tt»entbehrliche Belehrnngs und NnterhaltunaS lektnre für jüdische Soldaten und Krieger. 3m Kriegslager voll Z. Lchachnowiil \n'vrtii-?(K!V bmrfi die „Agudas .lisroel" .Lngendvrgguisalivn, Jüdischer Volksfchristenverlag G. m. b. S. Frankfurt am Main. Tie in diesem Soldaten büchlein eutliulteiieii (5 sin ns geben in der.Hauptsache einen kintlnsiii! 3rantsnrter „Meter esliajim" gebattener volkstümlicher vernvvrtrnge wieder und bewegen sic!) in der e>>ednnkenwelt des detannten vabbimüiioii Be- U’lmnuvö und elrbanungsbuches für Loldaten und Krieger n:na von .^’<^bb( Israel Meir S?iü'oln'u ]n WnMn. Preis des Buches 30 Pfennig «bei M'asieiiabnabwe billiger,. 3U beziehe» durch das Büro der t Agudas Jisroel - Jugendorganisation, Frankfurt a. M., Am Tiergarten H. 3>» gleichen Bering ist erschienen: Im Schatten des Weltkriegs jüdische Skizzen von Z. Schachnowiü. Preis HO Pfg. Tn* inleressnnte A'avellenbnchlein bni scheu in den ersten Tugen seines Erscheinens eine sv günstige Änsnalmie in der Presse wie beim Publikum gesunden, das; die erste Auslage bald vergriffen sein dürfte. Verlag des ..Israelit“, 6. ml II.. Frankfurta.M. In unserem Verlage erschien: Der falschem von jtöchelstadt von J a d I u s. —Zweite Auflage. Preis broschiert Mk. 2.— gebunden Mk. 2.50 Nachdem das Buch längere Zeit vergriffen war, wird die soeben fertiggestellte neue Auflage vom Publikum freudig begrüßt werden. Bestellungen werden von jeder besseren Buchhandlung ausgefünrt. Evt. verlange man unter Einsendung des Betrages direkt vom Verlage. ia. Im Für de enthalt Lack-u Tünsllig ^schlossen, hut ipale u UH'UtK'V dl ><!,erricht :)iiic liuernde f Neiverbllil! mUsiiiigak ,'m'b. dce Terre i 'iubi'. jni "illlH', UH’ r, >u ein ei> .'.Hit bec i'CitHllilT ,r;ton bcfii inner best cu'Umifl, iimioii. ( ui die Erl Unni uutii;. 3t. i ireng vrtln unuiu' nr I. 7N7-P Hutschen E n'nichenSi r n. n.lOI ier. Eit Bäd Pracht nenliche Vf ( r>n - 3ci /.immer. - ni'luiH'v (fr iv. (fbrent El Bad Sr 3,'vtralheiz fliegendes ’ Prospekte Bad 9 .,Hote Ulli. Aufs, d Anerkan tim Aub- 3 HEI; Mtoun Elegan Vielter Kü Hamk S. E C tu ,t--v -Ai if'Jj,!. i ii