Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 24 (3.6.1915)
- Date
- 1915-06-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton-Beilage zu Nr. 2^ des „Fsraelit." Fenilletou. KKW WM: SgrSä Er hat's auf sich genommen... Bon - tz.*) Vor einiger Zeit, vor Jahren, vielleicht aber auch erst vor Monaten, Wochen — wer hat noch das Maß der Zeit? — stand auf diesem Platz das Städtchen Kiernoßie. Der unbarmherzige Krieg hat wie der Sturmwind die Stabt von Gottes Erde glatt weggefegt. Was von ihr noch übrig blieb, waren einige glimmende nackte Schornsteine und ganze Berge von Schutt und Schmutz. Ein in Lumpen gehüllter Jüngling irrte zwischen den Trümmern mit tastenden Händen und suchenden Augen umher, in denen der Wahnsinn rollte. Zuviel hatten diese Augen in knappen Tagen, die zur Ewigkeit und Unendlichkeit wur den, gesehen, um noch mit ruhiger Stetigkeit auf Menschen und Dinge schauen zu können. Vor einem halbzerstörten Hause, dessen Oberstock wie abgesägt und dessen morsches Gebälke kohlschwarz in die Luft starrte, machte der Jüngling Halt. Es war nicht klar, was den Irrenden ins verkohlte Haus trieb. Vielleicht der Hunger, die Hoffnung, irgendwelche Menschenspuren, etwas Eßbares in diesen Ru inen zu finden. So aber Joffele Teicher den Fuß in die Verwüstung setzte, sprang er erschüttert zurück. Als würden aus dem Haufen zerschnittener Betten, zerhackter Tische und Stühle und zerrissener Kleider gespenstige Arme nach ihm ausgreifen und aus schwarzen Tiefen all das Weh der Tage, die zu einem chaotischen Bilde in seinem Gedächtnis zufammengefloffen waren, zu ihm aufaellen. Und mitten in dieser Zerstörung saß doch ein menschliches Etwas, das Joffele Tercher gleich bei Namen nennen konnte: Reb Mendel. W:e der Klageprophet auf den Trümmern Zions kauerte Mendel, der angesehenste Talmudgelehrte des gewesenen Städtchen, auf einem der Bündel vor einem offenen Folianten, in die sich die großen, das ganze Leid der Zeit spiegelnden Augen eingruben, als suchten sie darin aller Zeiträtsel letzte Lösung. Die weiche durchsichtige Hand des Greises mit den feinen, schlanken Fingern half den Augen nach lind suchte, suchte in den alten Blättern ... Reb Mendel saß, entkleidet alles Leiblichen, im ungetrübten Vollgenuffe des höheren, geistigen Seins, im leergebrannten, ausgeplünderten Hause und hatte auf seiner Flucht aus dem Jrdlschen eine Höhe erreicht, von der herab er den kleinen Joffele Teicher kaum noch gewahrte . . . Diesem aber stieg beim Anblicke des Greises ein Wort des Klageliedes im wirren Geiste lebendig auf und er murmelte es in der bekannten schluchzenden Melodie vor sich hin: „Sitzt einsam und schweigt, denn er hat's aus sich genommen-" Er, der junge Joffele Teicher, hatte eS nicht auf sich genommen. Es war ihm auferlegt worden, und er trug daran schwer, bis zum Zusammenbrechen. Und nun stand er mit blutender Seele, zerbrochen und zerschunden, Wut und Angst im Herzen, wie ein angeschossenes Tier, vor dem einsamen, großen Juden. *) Frei nach dem Lodzer „Jüdischen Bolksblatte"' „Kennt Ihr mich, Reb Mendel?" „Warum dich nicht kennen? Joffele Teicher!" erwachte der Greis aus seinen höheren Träumen. „Wo ist Euere Familie, Euer Weib, Euere Kinder?" fragte Joffele Teicher. „Sie haben gelitten und ausgelitten und mir war der bitterste Teil beschieden — ich mußte das alles stumm mitansehen . . „Warum setd Ihr nicht geflüchtet wie die anderen?" „Als könnte man dem Zorn des Höchsten entweichen, als könnte uns seme strafende Hand in Lodz und Warschau weniger erreichen wie im kleinen Kirnoßte . . ." Ganz unpersönlich klang die Stimme deS Alten, als kam sie aus höheren Welten. Es sah so aus, als las er die Worte aus den gelben Blättern heraus. Joffele Teicher überkam die Lust zu raisonieren, offen zu protestieren, zu zeigen, daß er längst daran irre geworden . . . „So saget es frei heraus, Reb Mendel! Ihr setd doch der Gelehrtesten einer. Sind wir darum ein „auserwähltes Volk", weil wir vor aller Welt unschuldig geschlagen, getreten werden?" „Ja, mein Sohn, aus erwählt und berufen, der Menschheit Leid zu tragen, das schwer durch die Erde rollt, um Seinem Worte den Weg zu bahnen. Sieh' hinaus, mein Sohn, die Völker draußen stürzen sich haßerfüllt aufeinander und schließen wieder Frieden, wenn sie genug Tod übereinander gebracht, und goldene Sonne bescheint wieder die gewitterdurchwühlte Erde, als wäre nichts geschehen. Wir aber bleiben das gejagte Wild bis ans Ende dieser schuldbeladenen Welt. Auserwählt sind wir, den Siegespreis des letzten Menschenkampfes zu bringen . . . Das ist unser Stolz, unsere Größe, unsere Kraft, die bis jetzt noch keine Macht der Erde gebrochen. Auserwählt, mein Sohn, wie Himmel und Erde auserwählt sind, als Zeugen der Ewigkeit durch ihr Sein und Leiden das Unendliche, Unwandelbare und Unfaßbaßbare Seines heiligen Namens zu verkünden . . . Verstehst du das, armer, närrischer Joffele?" Nein, er verstand es nicht. „Ha!" lachte der Jüngling, „hat Joffele auserwählt, daß er sähe, wie man seine Mutter ermordete, das Häuschen ausplünderte und ihn selbst an einen Baum band und-Auserwählt! auserwählt!"-schrie der Wahnsinn in ihm auf, da ihm grausiges Erinnern den Atem nahm und die Sprache mitten tm Satze abhackte. „Aber," setzte der Irre fort, nachdem er Atem geholt, „Joffele will nicht, will einfach nicht! Nichts mehr von auserwählt. Aus ist es mit Worten und frommen Sprüchen . . . Jetzt nur noch einen jener Feuerstöcke, wie sie sie haben, mit dem ich zumindest einen der Feinde erschlagen muß . . ." Mit eiligen Schritten lies der Wahnsinnige aus dem schwarzen Trümmerhause. * * * Reb Mendel aber blieb, allein mitten unter den Trümmern seines Glückes, in stiller Zwieprache mit seinem Gotte. Langsam und schwer wie auf bleiernen Flügeln schlich die finstere Nacht heran und es -üb ein fürchterliches Gedröhne von allen Seiten an, als wären alle Geister der Erde zum wilden Tanze erwacht. Reb Mendel ließ sie ruhig tanzen und toben und sprach indes mit seinem Schöpfer: „Da geht der Narr von dannen und fragt, warum du ihn verlässest. Und weiß nicht, daß du dich von jeher im Donnerrollen und Blitzesleuchten der Welt offenbarst und Tränen und Blut die Spuren sind, die eine verirrte Menschheit auf neue Wege zu neuen Zielen führen .... Er findet dich schon wieder draußen, wo die Menschen Tod und Verderben in tausend Arten auf einander werfen. Darum zürne nicht, o Herr, dem schwachen Geiste, der in dieser finsteren Verworrenheit das innere Gesicht und die Hellhörigkrit verliert und nicht vernimmt wie das Onauchi aus diesem neuen Sinaidonner tausendfach zu uns spricht . . . . Denn siehe, Herr und Richter, auch mich, den schwächlichen Greis, der keinem gram ist und die Rache nicht kennt, auch mich überkam damals wie Zweifel und Trotz und innerer Aufruhr, damals als mein Sohn am brennenden Balken baumelte und meine Tochter in den Klauen der Henker .... damals spürte auch ich in mir kochen das Blut der Richter, der jüdischen Helden der Vorzeit und holte die Hand gegen die Peiniger aus .... Aber ich zog sie rasch zurück und rettete — die heilige Rolle vor der Schändung .... Die will ich weiter hüten. Am Ende der Zetten wird ihr Wort siegen und unser Heldenblut war nicht umsonst geflossen. Die Joffele Teicher verstehen es noch nicht, darum der Hunger, die Kälte, der Schmerz, die Scham, der Zweifel und die Pein . . . Verzeih o Gott, dem Irrenden, der des Propheten Wort nicht erfaßt: „Er sitzt einsam und schweigt, denn er hat's aus sich genommen ..." * * * Immer schwärzer färbte sich die Nacht und der bleierne Himmel schien sich aus die ausgebrannte Erde zu senken, um ihre Schande zu verdecken. Reb Mendel saß einsam und schwieg. Er hatte es auf sich genommen . . . Kanonen donnerten, Gewehre knatterten, es rauchte urld blitzte durch den Nebel, es johlten, gleich beuresuchenden, blutdürstenden Wölfen, durchziehende Kosaken. Reb Mendels weitschauendes Auge schweifte in hie Ferne und er lauschte hellhörig auf seltsame Melodien. Er sah, wie sich Zion, eine Königin, stolz aus dem Schutte erhob, wie die Sonne von den Bergen Judas die Zinnen der Gottesstadl küßte und den Heimkehrenden entgegenlächelte-—. . Ein seltsames Lächeln lag in seinen ruhigen Mienen, als man im zerstörten Hause den toten Greis, das Buch krampfhaft in der starren, zerschundenen Hand, auffand ... Er hatte um das Buch gekämpft und — gesiegt. Neu erschienen! Unentbehrliche Belehrnngs und Unterhaltungslektüre für jüdische Soldaten und Krieger. 3m Kriegslager von S. Schachnowitz Heransgeg. durch die „Agudas Jisroel" Jugendorganisation, Mischer Volksschristenverlag G. m. b. H. Frankfurt am Main. Die in diesem Soldatenbüchlein enthaltenen Essays gehen in der Hauptsache einen Eyklus im Frankfurter „Mekor Chajim" gehaltener volkstümlicher Lernvorträge wieder und bewegen sich in der Gedankenwelt des bekannten rabbinischeu Belehrungs- und Erbauungsbuches für Soldaten und Krieger rrjno von Nabbi Israel Meir Hakoben zu Wa&fn. Preis des Buches 30 Pfennig (bei Mafsenabnahme billiger). In beziehen durch das Büro der Agudas - Jisroel - Jugendorganisation, Frankfurt a. M., Am Tiergarten S. Im gleichen Verlag ist erschienen: 3m Schatten des Weltkriegs Jüdische Skizze« von S. Schachnowitz. Preis 30 Pfg. Das interessante Novellenbüchlein bat schon in den ersten Tagen seines Erscheinens etne so günstige Aufnahme in der Presse wie beim Publikum gesunden, -atz die erste Auslage bald vergriffen sein diirfte.