Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1915-05-12 · Heft 21 (12.5.1915) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 21 (12.5.1915)
Date
1915-05-12
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2448506-2448527--67486-2488372
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

£ i;• ir Feuilleton-Beilage zu Nr. 21 des „Israelit." FeuNteto«. Ä. T. V [VAf? Der Tartareneinfall. (Aus den Äriegserlebnissen eines Karpathendorfes, j Finstere, tiefe Nacht. Schwarze Schatten huschen durch die blinden, nachtschwarzen menfchepleeren Gäßchen. Bleiche Angst zitterte in der dicken Nebellust und pochte an jede festverrammelte Türe, an jeden geschlossenen Fensterladen. Das erschrockene Städtchen hält in Todesangst den Atem an, der schaurigen Entladung schwerer, in der^Lust hängender Gewitterwolken harrend. Wie ausgestorben liegt alles da, und die grauen Mauern und die schiefen Schindeldächer starren wie Grabsteine in den Nachthimmel. Und durch die Todesnille geht ein leises, ganz leises Singen. Wie aus verklungenen Welten kommen die Flüstertöne und ersterben zitternd in der Schwüle der angstschwangeren Nacht. Da — plötzlich erzittert die Luft. Ein Donnerschlag durchschneidet die Totenstille wie mit einem scharfen Schwert, sodaß sich das ganze Heer der Schatten zu bewegen beginnt. Ihm folgt ein zweiter, ein dritter Knall, der schaurig über die Gräberhäuser rollt und sich irgendwo im Nebelmeer verliert. Das Städtchen schreckt auf, wie ein aufgescheuchtes Vogelnest. Hier und da blinkt hinter den Ritzen der Fensterläden ein Lichtschimmer auf. Es zittert und bewegt sich in allen Ecken, als wären die Toten, durch die Stimme des jüngsten Gerichtes geweckt, ihren Gräbern entstanden . . . Immer näher und heftiger kommt der Donner. Dröhnend mit ehernen Schritten naht der Tod dem Städtchen, das wie ein im Traume geängstiges Kind sich immer tiefer in die schwarze Decke der Nacht vergräbt. In der oberen Gaffe, die von Polen bewohnt ist, wächst das Licht hinter den Fenstern. Die Läden gehen auf und in den Fensternischen breitet das Licht einen Heiligenschein um die Kirchenbtlder, die hier die Menschen ausgestellt haben, als Zeichen und Warnung für die Russen, daß der Tod an diesem christlichen Hause vorüberschreite . . . In den jüdischen Häusern bleibt es aber finster. Und immer stärker und näher künden die Fanfaren der Kanonen das Nahen des Feindes. Der Tod zieht dröhnend in die nächtliche Stadt. In einer finsteren Ecke seines bescheidenen Gemaches steht der alte Rabbi und flüstert ein Gebet zum Gölte der Väter, zum Erlöser Israels: „Gott, der Du groß, mächtig und ehrfurchtgebtetend bist, rette uns, beschütze uns vor mörderischer Hand!" . . . Und auf der anderen Seite des Gemaches sitzt sein frommes Weib und weint still in sich hinein; „Erbarme Dich großer Gott unserer Kinder, aller Kinder Deines ganzen Volkes Israel!" . . . Und fast scheint es, als wüchsen diese leisen Gebete zu eniem gewaltigen Dröhnen an, deffen Tonwrllcn aus dem Häuschen heraus die schwüle Last durchspalten und den Donner der Kanonen übertönend, sich den Weg gerade hinauf zum Nachthimmel bahnen . . . * Des Rabbi junger Sohn — Borislaw läßt er sich gern nennen, aber Bornch wird er von seinen Eltern genannt — hält nicht viel auf solche Gebete. Er ist ein „Aufgeklärter", der zum Leidwesen des Vaters, andere, eigene Wege geht. Er meint klug und überlegen: „Einige Juden haben es, wie ich sehe, den Polen gleichgemacht, haben Heiligenbilder zu ihrem Schutze herausgestellt, daß dürste das vernünftigste sein in unserer Situation." „Das werden nicht viele getan haben", gibt der Vater seiner Hoffnung Ausdruck. „Ihr Jungen habt allezeit das Großsprechen von Mut und Unerschrockenheit und uns, den Alten werden Mutlosigkeit und Feigheit vorgeworfen. Ist es sehr mutvoll, sich in der Stunde der Gefahr unter falscher Flagge zu decken? Suchen wir Schutz unter unserer Fahne, beim jüdischen Gebete, beim heiligen Buche, in den Worten der Psalmen." . . . „Gewiß werden sich die Kosaken von euren Psalmgebeten schrecken lassen", spottet der Sohn und geht aus dem Hause. Eilig huscht er, wie ein flüchtender Schatten, durch die tiefe Finsternis die Straße hinauf. Das Donnern der Kanonen klingt bereits so nahe, als käme es vom Berge, der auf das Städtchen herabsieht. Vorsichtig um sich tastend und tappend schleicht der Sohn die dunklen Häuser entlang zu dem blonden Mädchen hin, das seit Jahren seine Seele beherrscht und Teil hat an seiner Abkehr. Da ist er schon am Hause ihrer Eltern. Nnd zu seiner Freude gewahrt er, im Kreise des zitternden Lichtes das Heiligenbild am Fenster. Auch sie taten es, denkt er. Sie waren ja immer vernünftig nnd hatten mit dem beschränkten Jdeenkreise des Kaftan- und Streimelmilieus nichts gemein. — Seine Eltern wollten es nicht bester und nahmen keine Vernunft an, beschwichtigt er sein Gewissen. Er aber wollte an der Seite seiner Marianka dem etnziehenden Tode aus dem Wege gehen, an ihrer Seite leben . . . Wer wollte es ihm verargen. Er war jung und lebensfroh und mit klarer Vernunft begabt... Und dann Marianka, Marianka! . . . Schon ist er im Hause, am Fenster, an der Seite seiner Marianka, als der Kanonendonner auf einmal abbricht und von Pferdegetrappel, von eisernen Schritten und von einem wilden, wüsten Gejohle, wie von einem Orkan abgelöst wird. Der Feind ist im Städtchen. —- Wie die entfesselten Tiere stürzen sich die wilden Gestalten in die Häuser. Vor dem Heiligenbild am Fenster packen rohe Hände auch Borislaw und seine Geliebte . . . Und auch das Heiligenbild reißen sie vom Brette, werfen es auf den Boden und treten es mit Füßen, indem sie in einem fort schreien: „Ihr ungläubigen Hunde! ihr Feinde Mohameds! . . . ." Und mit wilder Wut werfen sie sich nieder auf ihre Opfer.- -r- * * Der langsam aufdämmernde Wintermorgen findet alle Wohnungen der „Ungläubigen", die Heiligenbilder herausgestellt hatten, ausgeplündert und zerstört vom Fanatismus der muselmänischen Tartar en. Aus den Trümmern starren blutbedeckte Leichen. Als man dem Rabbi und seinem Weibe die Kunde von der Ermordung ihres Sohnes brachte, murmelten sie nur leise Gebete zum Gotte der Väter, zum Beschützer Israels. Es war Klage und Hingebung zugleich an den unerforschlichen Willen des Ewigen. Die wahre Freude. Bon I. L Perez.*) Alle schreien sie in einem fort: Diesseits. Diesseits wollen sie. Üusttg möchten sie sein, froh und fröhlich, des Lebens Süßigkeiten und Freuden bis zur Neige kosten. Und ich sage euch: Die Freude wohnt bet Ihm. Die Quelle aller Freude ist Er. Von Ihm strahlt sie aus. Freude wohnt in der Thora, in der Pflichterfüllung, in Guttat, in den Seelen der Gerechten, in all dem, das bet Ihm wurzelt und Licht und Nahrung erhält vom Glanze des Gottesthrones. Ueber dem ganzen Diesseits, sage ich euch, lagert dumpfe Trauer, schwarze Melancholie. Alles ist etngetaucht und eingehüllt in Traurigkeit, in Unmut. Denn wie anders? Was soll die Freude, woher das Lachen? Darum bedarf alles der Vollendung, der Erlösung aus den Klammern der Menschentrauer, aus der Starre des Weltschmerzes, in die alles verfällt, was nicht vom Strahle Seiner Gnade getroffen wird . . . * Hier ein Beweis: Wir trinken und sie trinken. Welchen Geschmack hat ein Glas in der Kneipe? Wie ganz anders mundet aber das Gläschen im „Stübt", bet einem Thorasest, bei einer jüdischen Freude oder, sagen wir ganz einfach, bet der „dritten Sabbatmahlzeit?" Dort in der Schenke will der Branntwein gar nicht getrunken sein, das Herz verlangt nicht danach. Nur der böse Trieb ist es, der da treibt und drängt und zum Trinken zwingt. Dann nimmt man einige Tropfen zu sich, und das innere Gesicht verkrümmt sich, die Seele schrumpft bis zur Unkenntlichkeit zusammen und zuckt vor Schmerz. Da wird die Haut aschfahl und runzelig wie Pergament. Hier aber nimmt man den Tropfen zu sich, nachdem man das Segenswort über ihn gesprochen, und das Herz schlägt hoch, die Seele hebt sich und hebt sich in der Freude der Thora, im Drange der Guttat. Und der innere Mensch badet in einem Meere von Licht und Liebe . . . * Die Freude hat mit dem Körper nichts zu tun, sie ist eine Sache der Seele, die der Jude zuweilen aus dem Schlafe in den kalten Armen des Weltwehes weckt. . . Das ist letzten Endes das Geheimnis von „Terumah", „Maaßer", von „Challah"nehmen, von den Armen-Frettijchen anläßlich jüdischer Familienfeste, vom Zuziehen des armen Gastes zur jüdischen Sabbarrafel, von den Tischgebeten, vom Semiraus-Singen ... Wie viele suchen heute die Freude vergebens in allerlei leiblichen Genüssen. Das Herz bleibt leer, die Seele trocken, das Innere in die Traurigkeit der Welt getaucht. Denn ihnen fehlt die Quelle der Gottcsfreude: Die Brocho, die Semiraus, der „Aurach", den man vielleicht „wohltätig" in einem Gasthaus untergebracht oder in der Küche unter die Dienstboten gefetzt hat. Dann mag in der Küche vielleicht die wahre, echte Freude sein . . . Allein, im Salon, das sage ich euch, im Salon bleibt alles tot, starr und freudlos . . . *) Der vor einigen Tagen in Warschau verstorbene Jargondickter I. 8. Perez schöpfte in den letzten Jahren seines künstlerischen Schaffens ausschließlich aus den Gemütstiefen der chasfidischen Weltanschauung, ohne leider im praktischen Leben daraus für sich die Konsequenzen zu ziehen. Bon einem starken jüdischen Impuls zeugt auch die kurz vor seinem Tode entstandene Skizze, die wir hier aus dem Jüdisch- Deutschen wtedergeben. J

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.