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Der Israelit · 1915-04-22 · Heft 18 (22.4.1915) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 18 (22.4.1915)
Date
1915-04-22
Page
– (sequence 7)
Language
German
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FeuilletokvNeilage zu Nr. 18 des „)sraelit." Ke«rlleto«. Das weiße Tuch.*) Bon M. P. In der niedrigen Stube des halbzerschossenen polnischen Bauernhauses, in dem der Regtmentsstab der xten Grenadiere hauste, schnurrte das Telephon. Der Adjutant ging an den Apparat, dann wandte er sich zu dem Oberst, der mit dem Divisionsgeneral über eine Karte gebeugt, am Fenster saß. „Die Feld-Fltegerstatton . . . meldet, daß Leutnant v. B. eben zurückgekommen ist, er hat die feindliche Batterie leider auch nicht finden können!" Der Oberst sagte zu dem Vorgesetzten! „Also der auch nicht? Wenns der B. nicht geschafft hat, dann findet überhaupt kein Flieger die Batterie heraus!" Der General hob den Kopf: „Wir müssen sie finden," sagte er, „die Kerle haben die Straße nach W. unter Feuer und können uns jeden Transport stören. Jetzt müssen Freiwillige 'ran. Wer soll sie stellen, Herr Oberst?" „Mein Regiment, Exzellenz," sagte der Oberst und gab dem Adjutanten einen Wink, „ich will sofort einen Mann besorgen lassen!" — „Gut", nickte der General, „ich möchte den Mann vorher noch sprechen!" Der Adjutant griff nach seiner Mütze und ging zur Tür. Eine Viertelstunde später kam er zurück, von einem breitschultrigen Grenadier gefolgt, der sich stramm vor die Offiziere hinstellte. Der General stand auf und trat auf den Soldaten zu, der den prüfenden Blick aus seinen schwarzen, tiefliegenden Augen ruhig aushielt. „Wie heißen Sie?" „Kriegsfreiwilliger Grenadier Ephraim Goldfarb." „Es ist kein Kinderspiel," fuhr der General fort, „es handelt sich um die feindliche Batterie, die uns täglich beschießt. Der Standort muß gefunden werden — um jeden Preis! Sie müffen zwischen den russischen Vorposten durch?" „Zu Befehl, Exzellenz!", sagte der Grenadier mit tiefer Stimme. „Sie kennen die Gegend?"— „Zu Befehl, bet Tag und bei Nacht!" „Woher?"— „Ich Hab' dort Vieh gehandelt mit meinem Vater!" „Haben Sie noch Eltern?" „Nein, Exellenz! Meinen Vater selig haben die Kosaken^geschlagen, da ist er gestorben," setzte der Soldat mit leiser Stimme hinzu. „Hm," der General räusperte sich, „da haben Sie wohl noch eine besondere Abrechnung mit den Kerlen?" Der Grenadier Goldfarb sprach nicht, aber in seinen Augen glühte eine solche Flamme des Hasses auf, daß der General es wie eine Antwort auffaßte. „Kann ich mir denken! Hoffentlich haben Sie heute Glück. Wenn Sie wiederkommeu und die Batteriestellung angeben können, sollen Sie reich belohnt werden. Nun gehen Sie mit Gott!", * In dem Walde zwischen W. und D. lag der Grenadier Ephraim Goldfarb, in einen Haufen welken Laubes eingehüllt, und sah angespannt *) Nich der „München AuzZb-irz^c ung". | in das grauschwarze Dunkel vor sich. Er kannte hicr jeden Weg/ oft genug war er hier mit seinem Vater, die breite Landstraße vermeidend entlang gegangen, um die polnischen Dö.fer zu erreichen. Er drückte die schwarzen Augen fest zu. Der Gedanke an seinen Vater schoß ihm heiß durch die Adern und trieb ihm trotz der frostigen Frühwinternacht die Glut durch die Haut. Langsam ging er weiter, vorsichtig, bet jedem Schritt spähend. Die ersten russischen Horchposten hatte er hinter sich, deutlich hatte er den Wache stehenden Gardeinfanteristen mit dem schwarzen Tornister gesehen, der hinter einem Baume stand und ins Weite starrte. Leise war er, im Bogen ausweichend, vom Nebel gedeckt, vorbeigeschlichen. Er ging weiter, plötzlich fuhr er zusammen, warf!sich^ flach auf den Boden und horchte. Links vor ihm tönten Stimmen und knarrte ein Wagenrad. Der deutsche Grenadier kroch, auf dem Bauche liegend, näher. Das Geräusch der Stimmen war schwächer geworden und verhallte/ und rings um ihn klang nur die Stimme des Waldes, das ewige Lied des Windes in den kahlen Zweigen, der fallenden winterwelken Blätter und des Rascheins der kleinen Tiere, die in ihre Erdlöcher glitten. Der Späher schob sich Stück um Stück vor, bis er zu seinem Erstaunen auf einen von schmalen Radspuren tief ausgefahrenen Weg traf, der sich im monderhellten Nebel zwischen den Bäumen hinzog. Der Grenadier duckte sich hinter einen Stamm und überlegte. Dieser Weg mit den frischen Radspuren war ihm von Friedenszetten her ganz unbekannt. Da tönte wieder Wagenknarren und kam näher. Er verbarg sich ganz im Laub und sah in den Nebel, aus dem jetzt drei russische Soldaten auftauchen, die eine kleine Karre hinter sich Herzogen. Mit Erstaunen sah der Deutsche die Russen an, die auf den Mänteln die roten Achselklappen der Artilleristen trugen. Wohin fuhren die Kerle hier durch den Wald? Und da auf dem Karren hatten doch Weidengeflechte mit Arttllertemunitton gelegen — drei, nein vier solcher Körbe, sorglich mit Stroh festgestopft, lagen darauf. Der Grenadier Goldfarb spürte innerlich ein freudiges Erschrecken. Kein Zweifel, die Soldaten fuhren die Munition zu einer Batterie, die auf diese merkwürdige und doch bequeme Weise mit Geschoffen versorgt wurde. Er überlegte. Ja, die Richtung stimmte. Das konnte nur Munition für die geheimnißvolle Batterie fr in. — Die russischen Artilleristen waren sorglos plaudernd vorbeigegangen und aus dem nächtlichen, wogenden Nebel tönte nur leise das Knarren der Wagenräder. Da richtete sich Goldfarb auf. Einen Augenblick schloß er die Augen und legte die Hand auf die Brust. Hier trug er in der Innentasche des Rockes den Streifen, den er vom weißen Sterbetuch des Vaters geschnitten hatte, von demselben schwarzgestreiften Tuch, das des Vaters kleine, gebückte Gestalt an Feiertagen umhüllt hatte. Das war alles, was die Kosaken dem Grenadier Ephraim Goldfarb vom Heim des Vaters gelassen hatten. Und es war ihm ein Erinnerungszeichen und ein Schwur zugleich. Der Deutsche Soldat schlich zur Sette, duckte sich auf den Boden kroch von Deckung zu Deckung, bis er hinter keinem Erdwall liegen blieb. Er hob den Kopf und starrte in den Nebel. Allmählich gewöhnten sich seine Augen an das wogende Grau und er unterschied Formen und Gestalten. Dort drüben lagen hohe Erdschanzen, steckten junge abgehauene Bäume schief im Boden und — dort stand die Batterie! Goldfarb atmete tief auf, er hatte das Ziel erreicht. Nun zurück! Da fuhr ihm ein Gedanke scharf durch den Sinn. Wie sollte er die Stelle angeben? Die Geschütze standen tief im Walde, mußten mit unendlicher Mühe, auf frisch geholzten Waldwegen vielleicht, hergeschafft worden sein. Die Munitionstransporte vorhin bewiesen ja die I zähe Heimlichkeit der Stellung. Er überlegte, wie er die Batterie kennzeichnen sollte. Sollte ec einen Ast umknicken? Das war von der fernen deutschen Stellung aus nicht zu sehen. Ec legte mechanisch die Hand auf die Brust, da fiel ihm etwas ein. Er griff unter den Mantel und zog einen langen, weißen Tuchstreifen heraus. Mit beiden Händen faßte er ihn drückte sein Gesicht hinein. Dann zog er den Mantel und Rock aus und sah sich um. Neben ihm stand ein hoher, dünner Stamm, dessen Spitze in den N:bel tauchte. Er stopfte das Tuch in die Hosentasche, trat an den Baum und klet'erte langsam daran empor, griff um die rauhe Rinde und hielt sich endlich oben im Gezweige fest. Aus der Tasche zerrte er den weißen Streifen, knotete ihn um den längsten Ast und glitt dann rasch zur Erde. Hier nahm er feine Sachen auf, warf noch einen Blick nach oben und ging im Nebel seinen Weg zurück.- * Der General saß gerade beim Morgenkaffee, als der Grenadier in das Zimmer trat : „Melde gehorsamst, Befehl ausgeführt, habe die Batterie gefunden!" sagte er mit atemloser, heiserer Stimme. „Donnerwetter," ries der General und sprang auf „gratuliere!" Er drückte die Hand des Soldaten. „Brav, brav! Wo steht die Batterie?" „Mitten im Walde, Exzellenz. Den Ort kann ich nicht angeben, aber ich bin auf einen Baum geklettert und Hab' den Gebetmantel von meinem seligen Vater angebunden!" Der General sah ihn einen Augenblick verstandnislos an. „Einen weißen Streifen Tuch, Exellenz," setzte der Grenadier hinzu, „sobald der Nebel fort ist, muß man's von hier aus sehen können!" Der General sah zum Fenster. „Da! Es wird draußen schon lichter, kommen Sie.'mal mit!" Eilig griff ec nach dem Fernglas und tief über die Straße zu dem zerschossenen Kirchturm, der der Artillerie als Beobachtungsstand diente. Hastig polterte er die. wacklige Holztreppe zum Turmfenster herauf, hob das Glas an die Augen und rief: „Wahrhaftig, dort drüben im Walde hängt ein weißer Streifen! Rufen sie den Arlilleriehauptmann her, der da steht!" Eine halbe Stunde später kam der General die Treppe wieder herunter und traf vor der Tür den wartenden Grenadier Goldfarb. „Brav, mein Sohn," sagte die Exellenz und klopfte dem Soldaten lobend auf den Arm. „Das Eiserne Kreuz ist Ihnen sicher. Uebrigens sagen Sie 'mal, wie nannten Sie vorhin das Stück Tuch, das Sie als Markierung angebunden haben?" Stockend und errötend erzählte der Grenadier, von den häufigen Fragen des Generals unterbrochen. „So?" machte schließlich der Offizier. „So ist das bei Ihnen? Sagen Sie 'mal, da muß Ihnen doch sehr daran liegen, das Tuch wiederzubekommen?" Der Soldat sah ihn mit nassen Augen an. Der General wandte sich um: „Kommen Sie mit hinüber ins Regimentszimmer," sagte er und ging eilig in die Bauernstube zurück. Hier trat er an den Telephonapparat und nahm, den Hörer. „Halloh! Hier General v Sch. selbst! Ist mein Adjutant dort? Ja, Herr Hauptmann, hören Sie bitte zu: Wir haben die feindliche Stellung im Walde bei D. endeckt. Das Ziel wird durch einen weißen Tuchstreisen in einem Baumwipfel markiert. Haben Sie verstanden? Ich denke, heute nachmittag wird die Stellung schon sturmreif s«n. Nun lege ich den größten, — hören Sie den allergrößten Wert darauf, daß dieser weiße Tuchstreifen gefunden und mir persönlich gebrachter rd! Ich bitte, dies als Befehl sofort allen Soldaten bekanntzugeben. Danke!"

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