Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1915-04-15 · Heft 17 (15.4.1915) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 17 (15.4.1915)
Date
1915-04-15
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448506-2448523--67439-2488321
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

15. April 1015 Der JSraelir No. 17 Sette 5 liztsche Juden geführt, die alle nach den östlichen Gouvernements gesandt werden sollen. Der „Dzennik Ktjewski" schreibt: „In der Kanzlei der Verwaltung des Gouvernements Kiew sind mehrere Petitionen eingegangen, in welchen die aus Russisch - Polen geflüchteten Juden die Bitte unterbreiten, ihnen das Ansiedlungsrecht im Gouvernement Kiew zu erteilen. Die Petitionen wurden ausnahmslos abschlägig beschieden. Gleichzeitig wurde bekanntgegeben, daß in Zukunft Gesuche mit derlei Ansuchen von der Gouvernementskanzlei nicht mehr angenommen würden." <$nglanb» Londoner Allerlei. London, 4. April (indirekt). Karl Zangwill hat sich eines besseren besonnen und protestiert gegen Rußland und gegen die englischen Blätter, welche den russischen Ansetimitismus verteidigeil. Er sagte es offen heraus, daß man kein Recht habe, von Barbarismus zu reden, solange man in England für Rußland Partei ergreift. Dem Vernehmen nach, hat das Conjoint Comittee des „Jewish Board of Deputies" und die „Anglo Jewish Association" mit Rußland Unterhandlungen angeknüpft über die Gewährung der Gleichberechtigung an die Juden. Die ersten Verhandlungen fanden mit dem russischen Finanzminister Bark statt, gelegentlich deffen Anwesenheit in Paris aus Anlaß der Konferenz der Finanzminister der Ententemächte. Lloyd George, der englische Finanzminister, soll die Forderungen der englischen Juden unterstützt haben und angeblich einen tiefen Eindruck auf den russischen Minister gemacht haben. „Das Jiddische Folk" meldet: In London ist eine jüdische Deputation aus Petersburg angekommen. Der Zweck der Deputation ist, die englische Judenheit mit der traurigen Lage ihrer Brüder in Rußland bekannt zu machen und sie zu einer Hilfstätigkeit aufzumuntern. Die Deputation wird auch mit den leitenden Personen Fühlung nehmen, um die englische Regierung zu veranlassen, ihren Einfluß zugunsten der russischen Juden auszuüben. «— öroangseinfriff russischer Juden ins britische Heer- Kairo, 27. März. Die „Morntng Post" meldet aus Kairo: Einer Anzahl militärpflichtiger russischer Juden, die hierher geflüchtet waren, wurde von dem russischen Konsul die Wahl gelassen, entweder nach Hause zurückzukehren oder in die b r i t i s ch e Armee einzutreten. Italien. Die Verantwortlichkeit für die Judenverfolgungen Waitand, 29. März. Exminister Luigi Luzzatti schreibt an „Cvrriere della Sera", der Präsident des polnischen Zentralkomitees in Wien habe in einem Schreiben an ihn mit Entschiedenheit jede Verantwortlichkeit für die an den Juden verübten Grausamkeiten und namentlich auch die diesbezüglichen Anklagen des Schriftstellers Georg Brandes zurückgewiesen. Luzzatti fügt hinzu, gleiche Proteste habe er auch von russischer Seite erhalten. Er schlägt vor, daß die Polen in Rußland, Oesterreich und Preußen und auch die Russen eine Untersuchung veranstalten sollten, um festzustellen, wem die Verantwortung für die Greuel zufällt. Vatästina. tteufchrechen in den judäifchen Kolonien Wethach-Tikwa-, 3. März Die materielle Lage der Kolonie hat sich insofern gebessert, als es nun doch noch ermöglicht wurde, Orangen zu exportieren. Dadurch kommt ein wenig Geld hierher, da Vorschüsse gegeben werden, sobald verladen wird. Die Möglichkeit, zu versenden, hat auch die Preise am lokalen Markte gebessert, sodaß, während bisher das Hundert zu 10 bis 30 an die Araber aus den Dörfern der Umgebung verkauft werden mußte, der Preis nun auf 50 bis 70 gestiegen ist. Immerhin ist die Kaufkraft der Kolonie noch gering genug. Sehr störend ist das Fehlen von Petroleum für die Motore zu den Bewässerungsanlagen in den Orangerien, sodaß die Orangeriebesitzer mit großer Besorgnis in die Zukunft blicken. Wenn es nicht gelingen sollte, die Orangerien mit der nötigen Intensität zu bearbeiten, so wäre für das nächste Erntejahr angesichts der kolossalen Verschuldung und der hohen Zinssätze Schlimmes zu befürchten. Leider zeigt sich wieder einmal die Wahrheit des alten Wortes, daß ein Unglück selten allein kommt. Eine Heuschreckenplage hat Palästina hetmgesucht, wie sie seit Jahrzehnten nicht mehr bekannt war. Die Heuschrecken erfüllen die Luft in solchen Mengen, daß sie den Anblick eines Schneegestöbers darbieten, und wo die furchtbaren Gästen sich niederlafsen, da ist in kurzer Zeit alle Vegetation vernichtet. Ein Kartoffelacker, den ich kurz vorher gesehen hatte, war wenige Stunden nach der Heuschreckeninvasion total abgefressen. Getreide und Kartoffel scheinen am meisten gelitten zu haben. In welchem Maße Orangerien und Mandelgärten getroffen werden, läßt sich tm Augenblick nicht feststellen. Gebe Gott, daß diese unerwartete Heimsuchung, die für die ganze diesjährige Ernte zittern läßt, bald vorübergeht. Sehr wichtig wäre ein sofortiges sachverständiges Eingreifen zur Vernichtung der Heuschreckeneier. Personalien. Jacques Lang jj"]. Baden (Schweiz», 11. April. Am erstell Tage des Festes nllserer Freiheit hat der Tod eine große, edle Seele von ihrer irdischen Hülle befreit, hat Jacques Lang in Baden »Schweiz) sein Leben ausgehaucht. Ein solches Leben aufrichtiger Gottesfurcht, edler Menschenliebe und unbeugsamer Charakterfestigkeit hätte auch in früheren Jahrhunderten, wo diese Tugenden allg. meiner verbreitet waren, die Aufmerksamkeit der Mitwelt auf sich gezogen. Heute aber, wo die Bereinigung dieser Vorzüge des Geistes und Herzens, diese Liebe zur Thora, diese rückhaltlose Hingebung an die Erfüllung ihrer Pflichten, dieser unerschrockene Freinrut in der Vertretung alles dessen, was er als wahr erkannt, so schmerzlich oft vermißt wird, heute bedeutet der Heimgang eines solchen Mannes einen Verlust, der um so größer ist, je iveniger er in feiner ganzen Tiefe empfunden wird. Jacques Laug war in Sirenz (Obereisaß) geburen und verlor schon im Kindesalter seinen Vater. Nach seiner Verheiratung lebte er lange Jahre mit seiner Familie als einziger Jude in Glarus. Obwohl er dort ein blühendes Geschäft hatte, war. er doch unablässig darauf bedacht, sich in einer jüdischen Gemeinde niederzulaflen. Er entschied sich für Baden im Kanton Aargau, wo ihn das Vertrauen der jüdischen Gemeinde bald zu ihren 1 ersten Vorsteher wählte, welche Stellung er lange Jahre bis in sein hohes Greisenalter bekleidete. Von den Institutionen, die er dort geschaffen, ausgebaut und mustergittig hingestellt hat, sei hier nur eine einzige erwähnt, die früher in keiner jüdischen Gemeinde fehlte, die aber in der Schweiz und überhaupt dem westlichen Deutschland kaum mehr dem Namen nach bekannt war, es ist das sein B e s - H a m i d r a s ch. Er stellte dafür einen besonderen Lehrer an und zog von auswärts Schüler herbei, für deren Unterricht und Unterhalt er die größten Opfer brachte. Seitdem hat er sein ganzes Leben ausschließlich dem Studium der mir! und der Erfüllung ihrer nxe gewidmet. Es ist geradezu erstaunlich, welche reiche Thorakenntnis er sich angeeignet hat, obwohl er doch erst an der Schwelle des Greisenalters sich intensiv mit dem Studium der nTr beschäftigt hatte. Noch wirnderbarer ist aber die Art und Weise seiner Ersüllnng der r*.xe, und unter diesen geradezll mustergültig war seine Heiligung des Schabbos. Als sein äusgebreitetes Manufakturwarengeschäft in höchster Blüte stand, hatte er allen Reisenden vertraglich bei Androhung einer hohen Konventionalstrafe untersagt, an Schabbos irgendwie auf der Reise für das Geschäft tätig zu sein. Als sich nachträglich heransstellte, daß trotzdem ein christlicher Reisender am Schabbos eine Bestellung ausgenommen hatte, ordnete er an, daß die Musterkoffer sämtlicher Reisenden am Schabbos-Morgen in Baden sein müssen! Wenn am Freitag Nachmittag ihm die abgehenden Briefe zur Unterschrift vorgelegt wurden, legte er alle Briefe, die an jüdische Firmen gerichtet waren, bis nach Schabbos-Ausgang zurück, damit durch ihn niemand veranlaßt werdenden ^schabbos zu entweihen. Und so war es mit jeder andern Mizwoh. Es gab keine Seite des jüdischen Pflichtlebens, derer nicht seine ungeteilte Austnerksamkeit zuwandte, um sie in sorgfältigster Weise zu erfüllen und andere zur Erfüllung anzuregen. Sein Haus mar eine ideale Verwirklichung wahrhaft jüdischen Lebens und Strebens. Daß die Armen die ständigen Gäste und Freunde dieses Hauses waren, braucht nicht erst gesagt zu werden. Er bedachte sic aber nicht nur mit Speise und Trank, sowie mit reichen Gaben, sondern war auch für deren seelisches Heil bedacht. Besonders aber ließ er sich die j Erfüllung derjenigen Levenspflichten angelegen sein, die er selbst in früheren Jahren, als er sich noch nicht in einer jüdischen Gemeinde niedergelassen hatte, nicht mit der erforderlichen Gewissenhaftigkeit erfüllen konnte, weil ihm auch vielfach die gründliche Kenntnis der einzelnen Anforderungen des Religionsgesetzes nicht in ihrer vollen Bedeutsamkeit bekannt waren. Bei der Verheiratung seiner Kinder war er in erster Reihe auf Verbindungen mit Familien bedacht, die eine Bürgschaft für ein echt jüdisches Leben in dem zu gründenden Hause boten. Er hat sich mit Ausgebol aller Kraft und seines ganzen Einflusses dem Zug der Zeit entgegengestellt, die dem jüdischen Weibe die sittige Hülle vom Haupte reißt und hat mit Elltsaltuug aller Energie es im Kreise seiner großen Familie erreicht, daß alle ihre Frauen und Mütter in dem Schmucke züchtiger jüdischer Häuslichkeit durchs Leben gehen. Wie er lebte ist er gestorben, mitten in der Erfüllung d r Mizwos, die' das Pessachfest in so reicher Fülle bri> u, wie ein Kämpfer auf der Wallstatt Seine angelegentlichste Sorge in den letzten Wochen war die Beschaffung con Mehl für Herstellung von irrer nxc, die er aUjn(). :rf) in einem eigens für diesen Zweck gebauten Ofer . -.ii nee 2">p-Nachmittag selber zu backen pflegte. Wen man von diesem Manne nichts gesehen hätte, als die,- Pr nncr, die ihn bei der Herstellung seiner rvnic durchglühte und die er auf seine ganze Umgebung zu übertragen verstand, sie hätte ge nügt, um diese stille Größe kennen und achten zu lernen Möge sein Heimgang eine Sühne für die Verirrungen sein, die er während seiner ktzjcihrigen Laufbahn mit so seltener Hingebung und mit so großem Erfolge bekämpfte, nanaP prx -er Fürth i. B. 12. April. Der zweite Peßachtag hat unsere. Kehiüo in Trauer versetzt, ist uns doch unser unvergeßlicher Kehillomann Bernhard Jchenhä us er in seinem 8.'». Lebensjahre leider genommen worden. Derselbe hat ein Lebensalter erreicht, das nicht nur reich an Jahren, sondern noch mehr an Taten der rre;: np*rx war. Wahrlich, es wird schwer sein, einen Ersatz für den Berblichenen in unserer Kehillo zu finden. Ganz besondere Fürsorge widmete der Verblichene unserer Israelitischen Realschule, vorm. Israelitischer Bürgerschule, in deren Kuratorium derselbe über vier Dezenien Sitz und Stimme halte, während er vier Jahre das Ehrenamt des 1. Vorsitzenden versah und seit 15 Jahren als 2. Vorsitzender fungierte. Seine Hauptsorge gehörte stets der günstigen Entwicklung und Erhaltung dieser Anstalt, an welcher Herr Jchenhäuser vom Anfänge an mit Liebe hing; war es doch sein Ideal, daß daselbst die Lehre der heiligen Thora mehr als in allen städtischen und staatlichen Anstalten ge pflegt wurde. n"3x:r. Datterode, ll. April. Am res ‘rr e r starb plötzlich und unerwartet nach kurzer Krankheit die ätleste Frau unserer Gemeinde, Frau Baruch Ps Ns erlin g. Die Verstorbene war eine Pr rr» im schönsten Sinne des Wortes und wirkte in ihrem Familienkreise bescheiden und sromni im Geiste unserer mir. Das Leichenbegängnis, an d.m nicht nur alle Mitglieder des Ortes und der nächsten Nachbargemeinden, sondern auch viele nichtjüdische Mitbürger letlnahmen, gub ein beredtes Zeugnis, welcher Beliebtheit sich die Verblichene bei ihren Mitmenschen zu erfreuen hatte. An der Bahre sprach im Aufträge der Familie ein Sohn der Verstorbenen, Lehrer Pfifferling aus Aurich, zur Zeit verwundet in Hildosheim, ergreifende Abschiedsworte. rraaur. Limburg, 1. April. Herr Emmanuel Blumenthal, der Lehrer der jüdischen Kultusgemeinde in

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.