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Der Israelit · 1915-04-15 · Heft 17 (15.4.1915) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 17 (15.4.1915)
Date
1915-04-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Der ASraeltt. 15. April 1915 Sette 9 Nr. 17 ( die galizischen Jammergestalten find keine freudigen Gäste, kein erquicklicher Anblick, besonders, wenn sie haufenweise erscheinen; dieses Elend, diese herzzerbrechende Not taugen nicht für Phäaken. Dabei soll nicht verschwiegen werden, daß gewisse ausnahmsweise Erscheinungen unter den galizischen Massen, sicherlich verwerflich sind. — Die Ausnahme aber bestätigt auch hier die Regel. Und die Regel ist, daß diese heimetflüchtigen Menschen, schon von den Polen und Ruthenen geknechtet, politisch geächtet, jetzt ein bejammernswertes Dasein führen und doch ihr Los mit Würde, in tiefster Ergebung in den Willen Gottes und in festem Vertrauen zu Kaiser und Reich ertragen. Aus diesem Elend schlägt die Antisemitenpartet Kapital, das sie eifervoll sammelt. Schon regen sich Leute wie G. e ß m a n n und Genossendie es nicht erwarten können, bis wieder ihre politische Stunde schlägt. Sie sollte ihnen aber nicht schlagen. Die Sicherheit dafür, daß der politische und gesellschaftliche Antisemitismus in Oesterreich und namentlich in Wien sein freches Haupt nicht wieder erheben, kann in Oesterreich nicht geschaffen werden. Hier ist der Boden nicht geeignet zur Herstellung solcher Sicherheiten. Sie muß uns aus Deutschland kommen, woher wir auch den Rassenantisemitismus seinerzeit bezogen haben. „Raum und Rettung muß den Juden von anderer Seite kommen". Dasselbe Deutschland hat jetzt die heilige Pflicht, uns von dieser zehrenden Wucherpflanze zu befreien. „Der Gefesselte kann sich nicht selbst erlösen." — Die Zeit ist groß und gewaltig. Wenn jammervolle Schädlinge nur gemeine Parteipolttik gegen einen der besten Teile der Staatsbürger treiben, dann inüffen sie zum Schweigen gebracht werden,- wo Kanonen sprechen, muß das lose Lügenmaul der Antisemiten mundtot gemacht werden. Man muß selbst in der furchtbarsten Gegenwart das Auge für die Zukunft offen haben. Und die Juden Wiens und Oesterreichs, die Juden Galiziens, die, wie kein einziger Teil der unmobilisiertkn Bürgerschaft des Landes leiden und Tribute zahlen, die jeder Schätzung spotten, diese Juden verdienten es wahrlich, daß aus dem einigen Deutschland ein Ruf, ein warnender Zuruf ertönte: „Rühret nicht an diesetreuen Bürger und vergreifet Euch nicht an staatserhaltenden Kindern des Vaterlandes". Eine Rtesenausgabe wird dem Judentums selbst aus dem Kriege erwachsennoch ist sie nicht zu überblicken. Man fühlt nur, daß sich Gewaltiges vorbereite, dem gegenüber ungerüstet zu sein, ein Unglück wäre. Das Schicksal der Juden in Rußland, Polen und Galizien ist es, das diese Riesenaufgaben zu stellen beginnt. Geradezu niederdrückend ist der Gedanke, die Juden Kleines Zemlleion. Vismirü und die Juden. TUi einem Lübecker Blatte macht Dr. >2. Carl eluid; einige interessante Angaben über die Befielt u n g e n B i s m a r ck S z u nt H a ii i e Blei ch - rüder, denen bi er einigem entnommen sei: 8>an,', blondere ward dem Kanzler sein sreundschaitliches Verhältnis zu dem jüdischen Bankier ('kifcu Bleichröder lum gewissen Leiten segr verübelt nild iInu die verwerflichsten Gründe dabei nni 'r schoben- -ils ob er schmutzige Geldgeschäfte mache, und druch seine Stellung dem Bankier und bmch den Bankier sich selbst nnverantlvorttiche Vorteile schasse. -o»: Wirklichkeit beruhte die .Treuudschast zwischen dem .Kanzler, der in seitrer Jugend als echter Junker die Borurreile vieler seiner ^landesgenossen gegen sie Juden reiltr und dieser Gesinnung in einer Kandtagsrede <l847j kräftigen Ausdruck verlieben barte, später aber immer nüchterner mrd smatsmünnischer über Bebandlnng der Juden dachte, ans der festen (Grundlage: Treue um Treue. Bismarck batte in Bleichröder einen klugen, treuen, zuverlässigen Berinögensverwaller gesunden, ate er noch im Anfang seiner Kansbahn stand und von den späteren Erfolgen keine Ahnung haben konnte: um des (Geschreies des gebildeten Pöbels willen mochte er nicht mit dem erprobten Manne brechen, in dem er je länger, je mehr auch den verehrenden Freund erkannte. Die Beziehungen Bismarcks zum Hause Bleich-». iäitfiü Web der Welt sähen dem Kommenden müßig zu. Bevor aber an das Große geschritten wird, muß das Kleinere geleistet werden. Deutschland wird sicherlich das Seinige tun. Die Weisheit seiner führenden Geister ist verläßlich. — Es möge nicht vergessen, den Schutt des verblödenden Judenhasses auch in Oesterreich wegräumen zu helfen. Wir sind Genossen, willige Genossen der Leiden, wir wollen auch Genossen des Segens sein. D. F. Sine Ehrenpflicht der amerikanischen Zndenheit. Ueber die Doppelrolle Amerikas in dem gegenwärtigen Kriege können wir das Urteil dem späteren Historiker unserer kampsbewegten Zeit überlassen. Eine Lichtseite in der Geschichte dieser Tage des Entsetzens wird aber zweifelsohne die Haltung der amerikanischen Judenheit bilden. Nicht allein, daß sie sich in diesem Bölkerringen ungeteilt auf Setten des Rechtes und der Wahrheit gestellt hat, sie ist auch bestrebt, das, was man allgemein als Ausgabe des neutralen Amerika empfunden hat: die Hinüberrettung in Europa bedrohter Menschengüter in einen ruhigen Friedenshafen,deren Wahrung und Aufbewahrung für eine bessere Zukunft, tunlichst zu übernehmen. Ein Artikel des bekannten amerikanisch-jüdischen Publizisten, Gedaljah Bubltk, in den New Dorker „Jiddischen Gazetten" scheint uns als Beleg dafür wertvoll und bedeutsam genug, um unseren Lesern in seinem Gedankengang vorgeführt zu werden. Die Juden Amerikas, führt Herr Bubltk aus, dürfen in dieser großen Weltkrisis nicht verzweifeln. Gewaltige Aufgaben harren heute der amerikanischen Judenheit, zu deren Lösung es einer großen Kiaftanstrengurig bedarf. Eine heilige moralische Pflicht ist aus den Verhältnissen den amerikanischen Juden erwachsen und jeder trage zur Tilgung der Ehrenschuld an die jüdische Gemeinschaft zu seinem Teile willig bei. Wir meinen damit keineswegs die uns jetzt obliegende doppelte Pflicht, mit Geldunterftützungen unseren Brüdern in den Kriegsländern beizustehen und auf diplomatischem Wege für die Sicherstellung ihrer politischen Rechte rechtzeitig zu sorgen. Nicht von diesen überaus wichtigen Arbeiten im Großen reden wir hier, sondern von der Entwicklung und Ausgestaltung unseres tnnerjüdischen Lebens im Kleinen und Einzelnen, die unter den gewaltigen Geschehnissen jenseits des Ozeans nicht Not leiden darf. Der aufmerksame Beobachter wird die riesige Bauarbeit der letzten Jahrzehnte in Amerika nicht übersehen können. Zukunftverhetßeud schichten sich hier die Bausteine auf gutjüdischem Fundamente. Riesensummen sind für die Erstarkung des Judentums in Amerika ausgegeben worden, zur Fortsetzung des großen Werkes, das unsere Ahnen in anderen Ländern unter recht trostlosen Verhältnissen, aber mit der jüdischen Hoffnungsfreude im Herzen, begonnen haben. Nennen wir nur. die tausenden Talmud-Thora- Schulen, die in den letzten Jahrzehnten in Amerika entstanden sind und überall ehrendes Zeugnis von jüdischer Energie, Tatkraft und Selbstaufopferung ablegen. Das von New Port bis San Franciseo sich erstreckende jüdische Schulnetz wird ein Kapitel, und ein recht erfreuliches, in der Geschichte der amerikanischen Juden von heute bilden. Nun aber hören wir zu unserer Bestürzung, daß die jüdische Spannkraft in manchen Gegenden mählich nachläßt, teils unter dem Drucke der wirtschaftlichen Verhältnisse, zum Teile aber nur infolge des von der allgemeinen Weltlage geschaffenen Pessimismus. Der frische Unternehmungsgeist aus jüdischem Gebiete scheint erlahmen zu wollen. Das wäre aber unter den heutigen Umständen eine Katastrophe von größter Tragweite, auch über Amerika hinaus. Wir dürfen nicht vergessen, daß gerade darum, weil unsere Brüder in den jüdischen Zentren in Rußland und Galizien, von ihrer geistigen Scholle verdrängt, an der jüdischen Arbeit, die sonst ihre ganze Welt ausfüllt, verhindert sind, wir in Amerika den unterbrochenen Faden aufzunehmen und die jüdische Arbeit mit Aufbietung aller Kraft fortzusetzen haben. Amerika ist heute der einzige ruhige Punkt aus dem Erdenrunde, wo der Boden für jüdische Lehre, jüdische Ideale, für das Gedeihen alles dessen, was uns seit Jahrtausenden hoch und heilig, gegeben ist. Unterziehen wir uns der heiligen Aufgabe mit dem Pflichtbewußtsein eines Soldaten, der dem kampfunfähig gemachten Kameraden die Fahne aus der Hand nimmt und sie zur Ermunterung der Kampfesscharen von neuem in die Höhe steigen läßt. Hüten wir heute mit doppelter Sorgfalt und Treue alle Anstalten, in denen unsere Kinder zu uden erzogen werden, und laffen wir neue flanzstätten des Judentums dazu kommen. Vergrößern wir die Armee der Judentumskämpfer von morgen und suchen wir immer neue Schichten zu der jüdischen Arbeit heranzuziehen. Halten wir all das, was wir mit so viel Mühe und Arbeit gebaut, aufrecht und legen wir neue Grundsteine zu neuer Arbeit. Die Zeit ist so günstig wie noch nie. Das iüdische Herz ist erwacht und ist den Gedanken der jüdischen Einheit so erschlossen, wie selten einmal rüder reichen bis in die Zeit zurück in der er pr-c'Ußifcher Bevollmächtigter beim Bundestage in Frankfurt u. M. war. Von dort aus bediente?r sich zur Erledigung icimr geschäftlichen Angelegenheiten der Vermittlung des Berliner Bankhauses und lernte davei d>'n Inhaber, (Person Bleichröder, als einen klugen und besonders vertrauenswürdigen Mn an kennen. Xiuum behielt er diese Verbindung bei. als er den preußischen Staat als Gesandter in Paris und später in Petersburg vertrat und auch dann, als ei im Herbst 1862 zum Ministerpräsidenten ernannt wurde. Einem so scharfsichtigen Manne wie Bismarck kannte das ungewöhnlich große Finnnztnlent, das in (Kerstin Bteichröder steckte, natürlich nicht verba.aen bleilen. Er zog ihn zu Rate, wo er ihn nur brauchen kvnute, besonders aber im Jahre 186'-, als die Auseinandersetzung Preußens mit Lesterreich immer drängender wurde, Bismarck aber mit der Verweigerung der Mittel zum nriegc seitens des preußischen Abgeordnetenhauses rechnen mußte. Ter alte .'»räuig Wilhelm und Bismarck wußten ud) keinen Rat, wie der .Urieg ohne Bewilligung der Mittel witens des Parlaments lverde geführt werden können und beriefen in ihrer Not schließlich Gerfan Bleichröser nach Karlsbad, wo beide sich zur Mir anfhielten. Bleicht öder kam und schaffte Rat. Er empfahl ihnen die Ablösung des Anteils des preußischen Staates an der Köln-Mindener- Eisenbahn durch eine Prämienanleihe, die bekanntlich heute noch nicht ganz getilgt ist. Der Rat lvar vortrefflich;?ru.mbc angenommen, er lieferte die zur Eröffnung des Krieges notwendigsten Gelder. Diesen Dienst haben weder der König noch sein Minister dem jüdischen Bankier jemals vergessen^ von dieser ..Karlsbader Konferenz" datierte das nnenigcschräukte Vertrauen, das beide hohen Herren dem klugen Manne bis zu ihrem Tode entgegenbrachken. Füi Bismarck kam noch ein besonderes Moment liirrzn, das ihm Bleichröders Dienste wertvoll machte. Bleichtboer mar der Vertreter oder vielmehr der intime Geschäftsfreund der Rotwchilds, die (außer dem Stammhaus in Frankfurt a. M.) ihren Sitz in Paris, Kondon, Wien, hatten. Run kam es Bismarck ü'l'i daraus an, sich nicht nur durch seine Gesandten offiziell, sondern and, auf irgend einem vrivaren Wege über alle Vorgänge ttn den betreffenden Plätzen Kcnntv's zu verschaffen und so gelvissermaßen die Berichte seiner Gesandten, wenn and) nicht kontrollieren, so roch wenigstens durch gute Quellen ergän.'--':-. zu lassen Das konnte er aber nicht besser erreichen, als indem er Bteichröder veranlaßte, bei feinen Roth-. schtldsrhen Freunden, die ihrerseits wieder die besten Beziehungen zu ihren eigenen Regierungen hatten regelmäßige Informationen einzuziehen. Damit wuchs natürlich wiederum die Bedeutung Blcichivoers. Denn der politischen Welt blieb es nicht lange verborgen, in welcher Weise Bismarrk >irb Bleichröders bediente, und nichts toar daher natürlicher, als daß von allen Seiten ein Wettlauf um dir Gunst und die Freundschaft des Geldfürsten entbrannte. Es kam schließlich soweit, daß die deutschen Botschafter, Gesandten usw., wenn sie aus irgend einem Grunde nach Berlin kamen, vor ihrem ersten Besuch beim Reichskanzler lSerfon Bleichröder aufsuch teil, um von ihm etwas über die Ideen und Pläne des leitenden Staatsmannes zu hören. In der Tat brachte Bismarck dem alten Herrn^ ein Vertrauen entgegen, wie vielleicht keinem zweiten. Er pflegte sich mir ihm ohne jede Zurückhaltung über die wichtigsten politischen Fragen anszusprechen.

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