Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1915-04-08 · Heft 16 (8.4.1915) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 16 (8.4.1915)
Date
1915-04-08
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2448506-2448522--67423-2488304
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Feuilleton-Beilage zu Nr. 16 des „)sraelit." Feuilleton. WMLM LMM CSV? Vei den Heimatlosen in Warschau. (Nach dem Warschauer „Haint"). Nr- 46. Ein stiller Winkel in einer entlegenen, finsteren Straße, schon fast außerhalb der Stadt gelegen. Das Asyl für Heimatlose Nr. 46. So viele Und es bereits und es werden ihrer immer mehr errichtet. Und Unzählige strömen noch täglich, richtiger nächtlich, von feindlichen Granaten oder Peitschenhieben der eigenen Landesverteidiger gesagt, herbei, um Unterkunft flehend. Das Lokal Nr. 46 besteht aus zwei riesigen Dachkammern mit ^kleinen Dachsensterchen, durch die das Licht des ^ages sehr spärlich dringt. Früher war hier eine Fabrik. Die Maschinen feiern aber schon lange und die Besitzerin, eine bekannte Frau Oftrowitz, meinte, der Raum sei gerade gut, den Heimatlosen ein schützendes Dach zu bieten. Allein, sie gab nicht nur ihre Räume, sie gab auch sich selbst, ihre Kinder, die alle, Tag und Nacht unermüdlich für ihre Gäste arbeiten. öS Seelen befinden sich hier. Es sind die zuletzt Anaekommenen, in deren Gesichtern noch alle Schrecken der vergangenen Tage deutlich geschrieben stehen. In einem Zimmer die Kinder, die all das graue Elend noch mit einer frischen Fröhlichkeit übergießen. Im zweiten Zimmer aber herrscht Todesschweigen. Ein jeder ist vertieft in sein eigenes Leid. kine Mctizeit im Asyl- Die Geschichte ist ungemein einfach. Braut und Bräutigam stammen beide aus Grodzisk, das die große Judentragödie erlebt hat. Sie hatten sich lieb und sprachen schon von der Hochzeit, da kam das Unglück und die Austreibung. Beide flüchteten nach Warschau und fanden mit den Anderen in einem der Asyle freundliche Aufnahme. Den Jüngling, tatvoll und geschäftig von Natur aus, hielt es hier nicht lange. Er suchte und fand Arbeit. Die Braut und deren Eltern sind aber jetzt aller Habe bar und von der Herbetschaflung der versprochenen Mitgift und der Ausstattung kann nicht die Rede sein. Da legen sich gute Leute ins Mittel. Geld ist aufgebracht, alles Nötige herbeigeschafit. Und unter Teilnahme aller im Hause sich befindenden Flüchtlinge und aller Herren und Damen des Komitees wird eine Hochzeit gefeiert, wie sie schöner und würdiger nicht gedacht werden kann. Eine Musikkapelle spielt, Tänzchen werden aufgesührt. Für eine Weile sind Krieg und Unglück und Elend und Heimatlosigkeit vergessen. Auf den Ruinen zerstörten Moflenglückes wiro der Grundstein zu einem Tempel, ei em neuen „Hause in Israel" gelegt. Und der Rabbiner spricht von „dem Manne aus dem Hause Lcvi", der in schwerer Zeit dahingeht und sich „Jochebeth, die Tochter feines Oheims zur Frau nimmt" .... km gsn)65 Städtchen in einer Halle. Auf der Nowynejarska 14 befindet sich von alters her ein Lokal, zur Abhaltung größerer Hochzeiten bestimmt. Zuweilen pflegte dort auch ein Redner an „die breiten Schichten des Volkes" zu sprechen. Auch Konzerte und andere Veranstaltungen pflegten hier abgehalten zu werden. Jetzt aber wohnt in diesem Saal ganz Grodszisk. Eines jener alten Wunder, wie sie der heilige Tempel in Jerusalem sah: alle hatten sie Platz im Gottesraum. Sämtliche Bewohner dieses auf zwei Säle nun beschränkten Städtchens sind von Hause aus entweder Krämer oder Handwerker, die zum Teil nicht wußten, wie Gottes schöne Welt außerhalb von Grodszisk aussieht. Die Reise nach Warschau kam ihnen allen so plötzlich, daß sie sich bisher vom Erstaunen so wenig erholt haben, wie vom Entsetzen. Solange sie aber nicht zum Fenster hinausschauen und nicht zur Türe hinausgehen, vergessen sie ganz der neuen Welt, in die sie die Kriegsfurie geworfen. Sie sind, wie sie immer waren, unter sich. Grodszisk in der Angelskihalle aus der Nowynejarska 14. In diesem Grodszisk befindet sich eine Frau von 119 Jahren. So wenigstens gibt sie selbst ihr Alter an. Und alle Heimatsgenossen bestätigen es und heißen sie kurzweg.° Die „B o b e" ^Großmutter). „Bobe Jente" ist durch das ganze neunzehnte Jahrhundert gewandelt, und von den Geschehnissen dieser Zeit erzählt sie gern und viel. Wahres, Erdichtetes und Verworrenes. Für die Ereiguisse von heute und gestern geht ihr aber jeder Sinn ab. Es ist ihr nicht begreiflich, was die Menschen eigentlich wollen und daß sie heute noch genau so närrisch sind, wie vor hundert Jahren, als die Franzosen unter Napoleon kamen und sie, eine Neunzehnjährige, genau wie heute, mit allen anderen von Grodszisk nach Warschau fliehen mußte. Die „Bobe von Grodszisk" hofft noch, in der heimatlichen Erde begraben zu sein. Mendel Katz, der Held. Im „Az Eft" von, 12. März schildert der Kriegskorrespondent dieses weitgelesenen ungarischen Tageblatts in packender Weise die Heldentat eines frommen jüdischen Landstürmers. „Mir war es dieser Tage — so schreibt er — gegönnt, von der großen Komödie des Lebens, dem titanischen Geschehen unserer Heldenzeit, ein herrliches Bild zu bewundern. Vor dem General stand ein anspruchsloser, ganz gemeiniglicher Zugführer. Das elegante Eafe war von Offizieren und Einjahrig-Freiwilligen überfüllt, die mit neugieriger Erwartung die Beiden umstanden. Ter General belobte den Zugführer. Mit freudig strahlendem Auge ließ er seinen Blick auf ibm ruhen, klopfte ihm aus die Schultern und reichte ihm die Hand. Ich wartete still ab, bis diese große Auszeichnung beendet wurde, dann aber halte ich ein einziges Bestreben, das Präludium dieser Seene zu vernehmen. Mendel Katz, ein Kaufmann aus Kesmark, ist der berühmte Zugführer des in Marmoros sziger garnifonierenden S5. Inf.-Regiments. Er trägt einen lanqwallenden Bart, ist kleingewachsen, ein schwächlich scheinendes schmächtiges Männchen: die typische Gestalt des jüoischkn Handelsmannes aus der „oberen" Gegend. Müde und schleppend erzählte er seine Heldentat. Traumverloren und befremdet blickt er uns an, wenn wir uns über seine Tat verwundern. Er hatte seine dreiundvierzig Mann. Mit dieser kleinen Truppe sollte er die vom Feinde besetzte Anhöhe erobern. Mendel Katz war sich darüber im Reinen, was dieser Befehl für ihn bedeute. Im offenen Kampf war die Anhöhe nicht zu nehmen. Er konnte kaum seine Glieder vom Fleck rühren. Schwach und matt schleppte er seinen Körper in die erste Linie. Immer an der Töte seines Trupps. Immer nur das eine Ziel: den vom Feind zu erobernden Hügel im Auge. Mir keuchender Brust ging er unentwegt voran. Sein praktischer Verstand erkannte sofort, daß das gerade einfache Hinaufkommen gegen den übermächtigen Feind eine totale Unmöglichkeit seiden Gegner zu umgehen, ihn in die Flanke zu fassen, war bei der kleinen Zahl seiner Leute auch nicht denkbar. Er wußte aber, wo der Stab des feindlichen Regiments sei und nahm sich diesen aufs Korn. Er rückte aufs Herz des Feindes los, als ob er sich ihm ergeben wollte. Mendel Katz befahl dem Hornisten, daß er, wenn er ein Pfeifensignal gebe, sofort zum Sturm blasen solle. Er hatte die Situation sofort erfasst: von einem Entrinnen konnte für ihn keine Rede sein, so wolle er sich wenigstens seinem Vaterlande als ein nützliches Opfer gebracht haben. Der Nebel begünstigte sein Vorhaben. Unbemerkt konnte er zum Feinde Vordringen. Damit war er aber noch nicht zufrieden. Er warf sich als Keil ins Zentrum des Gegners. Ohne daß dieser es merkte, war er umringt. Die rumänischen Soldaten sahen mit Bangigkeit dle Tat ihres Führers. Wankenden Schrittes im Schweiß gebadet, fügten sie sich seinem Befehl. Mendel legte sich ganz vorne in den Schnee und sah mit wonniger Lust das Gelingen seines Planesdort beim lohendflackernden Wachtfeuer saß eine ahnungsvolle Gruppe von hohen Offizieren: Feinde seines Vaterlandes. Jetzt war es ihm um sein Leben nicht mehr bange: er wußte, daß er nicht umsonst gearbeitet, nicht vergebens gelitten habe. Sein Dasein hatte einen jchönen Zweck erfüllt, sein Tod wird der Heimat von Nutzen sein. Die rumänischen Soldaten folgten seinem Beispiel, warfen sich, wie angeschossenes, gemartertes Wild aus den schneeigen Grund. Als sie mit Adlerblick bemerkten, um was es sich jetzt handle, zuckte es wie Flammenblitz aus ihrem Auge. Sie hielten die Waffen schußbereit in ihren Händen. Sie waren nunmehr noch zweihundert Schritte vom Wachtfeuer, als das Signal verhallte und eine Salve Tod und Vernichtung auf den Feind donnerte. Eine furchtbare Verwirrung, ein wildes Geschrei war die Antwort. Ein Oberstleutnant, ein Hauptmann, zwei Oberleutnants, ein Leutnant, der Adjutant und mehrere Unteroffiziere blieben rot auf der Stelle : zwölf gemeine Soldaten begleiteten diese Führer ins bessere Jenseits, die übrigen vierzig ließen sich gefangen nehmen. Es geschah das Unglaubliche, daß die aus viertausend Mann bestehende snssische Truppe, als sie den Tod ihrer Führer bemerkten, die Flucht vor den dreiundvierzig von Mendel Katz geführten Soldaten ergriff. Bei der Formierung seiner Leute bemerkte Mendel Katz, daß bei ihm nur zwei Mann verwundet seien. Das vollbrachte der kleine, unscheinbar anspruchslose jüdische Zugführer. Er wurde vom General sofort für die große goldne Tapferkeitsmedaille vorgeschlagen. Wie ich vernehme, soll der heldenhafte Zugführer zum Leutnant befördert werden. Der schmächtige Mendel Katz hat noch eine andere Heldentat auf dem Gewissen. Ich sah mit eigenen Augen, wie er mit mildem Lächeln die vom General erhaltene große Geldsumme dem „Roten Kreuz" zuwies. Jetzt ist der schwache Mann in der Kanzlei. Gleich nach dieser Heldentat wurde er von fünf Kugeln getroffen. Die eine verletzte ihn am Kopf. Vierzig Tage konnte er nicht reden. Er ist noch Rekonvaleszent und spricht stöhnend. Er verlangt aber seine Versetzung zur Ltniwtruppe, weil, wie er meint, „es sich erst jetzt schön arbeiten laste". Z. B. A. znha D i e T ± Maz Mekor- Langesi für er <’>. Die Verein Die Mltcfll ihren iälilUC grnpm Tie I fiebern Rabbi nwrob m . n) Pirke [inoi't statt. mm:» fragen pUir 5 eingeri im Lick ü:n w Ta msi finoea. Tr auf ln luticrci [i:\iriic im abj komme Umaeb i i 11 R glieeer Verth Reihe: auf P o'.'i-O } sehe Gruvp Gaben Siebes, ne hm st Hand ftesteni stark ü stunde tags t nerstw T Lei tun wie de M H

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.