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Der Israelit · 1915-03-11 · Heft 11 (11.3.1915) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 11 (11.3.1915)
Date
1915-03-11
Page
– (sequence 10)
Language
German
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ir-v r,,--;r'2V?swf?"*»yrygj(y. {F*j^.y.«fjfCP^^jgg.''"'"’v ^euäleton-ösliags zu Nr. 11 des „Israelit." ^ÄE2^s3 j Fenilleto«. Was mm mit dem Briefe? I <Aus den Erzählungen eines russisch-jüdischen Kriegs- I gefangenen). j- Da habe ich den Brief des Kameraden Leib 1 Lewikow an sein Weib schon viele Monate in l der Tasche und weiß nicht, was ich damit be- 5 ginnen soll.! So fing der Gefangene, ein etwas gesprächiger 1 Jüngling mit intelligentem Gesicht, seine Erzählung an. j Ich war der „Briefschreiber" der Kom- | pagnte, die meisten der stämmigen, blonden Burschen waren des Lesens und Schreibens uni' kundig. Auch den Juden, fast alle im jüdischen - Schrifttum mehr oder weniger beschlagen, waren die russischen Schriftzeichen, deren man sich \ in den Feldpostbriefen bedienen mußte, eine I schwarze Kunst. Ich aber hatte daheim die rus- I fische Schule besucht, war also der Schristgelehrte der Kompagnie und somit der Dolmetsch der i Gefühle, die zwischen Schützengraben und Het- L mat gewechselt wurden. |! Leicht war es gerade nicht. Kaum setzten | wir uns nach schwerem Gefechte oder langem p Marsche eine Weile zur Ruhe, da kamen sie i schon von allen Seiten, aus allen Löchern des | Grabens angeschwärmt. Wie konnte ich Nein k fügen? Man kann überhaupt nicht Nein sagen, i wenn man so todgeweiht in banger Erwartung, [; immer mit der Frage im Munde: „Gilt es mir oder Dir?" eng beisammenhockt. Also schrieb f ich, schrieb und schrieb, daß ich die Hühneraugen | an den Fingern verspürte, t Als Dank fiel zuweilen eine Zigarre, ein | Stück Brot, eine Tüte Zucker ab. Im übrigen f trug aber diese Liebesarbeit ihren Lohn in sich. I Gewährte sie doch oft einen tiefen Einblick in | das Fühlen, Hassen und Lieben schwarzer und I lichter Seelen. All das bunte Gemisch von f Aerger, Liebe, Heimweh, Lust und Leid wurde .5 mir zugetragen, daß ich es in den schwarzen 5 Punkten ins Land hinausschicke, s War da der genannte Lewikow, der mich J mit seinen häufigen, .endlosen Briefen am meisten ermüdete, aber auch am meisten interessierte. I Hier gingen Angst, Hoffnung, Schmerz und Freude, nicht wie sonst, durch meine Finger, sondern durch meine Seele. 8 ' Lewikow war ein kleines dürres Männchen, " in einer allzuweiten Uniform, die ihm eine ganz ' unwahrscheinliche komische Figur verlieh, aber in seiner Art ein Phänomen. Wie prächtig ' sich diese schmächtige, gebrechliche Gestalt bei f. ött den Strapazen hielt. In gleichem Schritt P nnb %titt mit den breitschultrigen Recken aus : dem Orlowoer und Tambower Regtmente f marschierte er über Feld und Flur, Berg und f Bach, Sumpf und Sand so ausharrend und ' rüstig, als wäre hier durch ein Versehen oder einen Witz der Schöpfung ein schwanker Ober- |f bau auf mächtige, eiserne, für einen ganz anderen ß Körper bestimmte Füße gestellt worden. Er tkannte keine Ermüdung noch Angst. In seiner £/. Heimat im Tschernigouer Gouvernement hatte er als Klempner an zwanzig Jahre Dacharbeiten R gemacht und hatte so von Kindheit auf gelernt, ß yon hoher Watte herab auf das Jammertal herabzusehen. Nur komisch war es» unsäglich komisch, daß man ihn, Leib Lewikow, der mit aller Welt Frieden hatte, vom hohen Dache herunterholte, in einen bunten Narrenrock, wie in einen weiten Sack steckte und er jetzt, so und soviel tausend Meilen von seinem Weibe und seinen Kindern entfernt, über Seen und Sümpfe streifen, in Erdlöchern herumkriechen — und er war doch immer die lustige Höhe gewöhnt — und schießen mußte, schießen gegen Menschen, mit denen er nie etwas gemein hatte. Komisch. Aber das Leben, soweit er es von seiner Höhe beobachten konnte, war auch ohnehin voll des Komischen und Unverständlichen. Also tat er, was ihm befohlen war, marschierte, grub Löcher, schoß und arbeitete, je nach Bedarf mit Spaten, Lauf oder Kolben wie der Tapfersten einer. Das alles hätte er auch herzensgern, so ganz von der Leber weg seiner CHanne daheim und den Kindern Mitteilen mögen. Aber Jüdischdeutsch durfte nicht geschtteben werden und auf russisch konnte er wohl sprechen, schimpfen, fiuchen, aber leider nicht schreiben. Hohe Dächer und Zinnen, wo er sich zeitlebens aufgehalten, sind keine Schreibschulen. So kam Lewikow zu mir, daß ich für ihn schreibe. Das war leichter gesagt als getan. Lewikow hatte so viel auf dem Herzen. Angehäufte Dachzinnenphilosophte, in der Muße deS Schützengrabens ausgeretft und konzentttert. Seine Seele legte er in jedes Wort, das er diktiette. Wie aber eine Menschenfeele auf Papier bannen? Diesmal saß er mit unterschlagenen Beinen auf dem Tornister und sah weit weg von mir und von allem um sich her, weit weg in die Gegend von Tschernigow. Er sprach nicht zu mir, sondern hielt, die Linke auf die Brust gepreßt, stille Zwiesprache mit seinem Weibe. „Höre, liebe Charme", sprach er mir in die Feder, „brauchst Dich nicht zu ängstigen und zu sorgen. Unsinn, ob ich oben auf dem Dache bin, oder da unten im Graben. Umgekehrt! dort konnte ich leicht Herunterstürzen, hier nicht. Und was das Schießen betrifft, so wiffe, das ist rein nichts. Ist noch keiner von unserem Regiments gefallen..." Hier hielt Lewikow verlegen inne und fügte, die grobe Lüge entschuldigend, hinzu: „Es find Weiber, man darf ihnen nicht angst machen." „Also nicht weinen" diktterte er weiter, „und den Kinderchen nicht das Herz schwer machen. Sei sicher, ich komme gesund und stark wieder heim. Gott hat noch immer geholfen. Ist Merele immer noch so blaß? Sie soll weiter Lebertran trinken. Dafür bttnge ich ihr einen dicken Deutschen, eine preußische Puppe, mit. Chajlmle soll fleißig im Cheder lernen. Welch hohes Glück, wenn man, wenn das Herz einem schwer, sich in den schwarzen Punkten auskennt. Ich konnte es auf dem Dache nicht erlernen ... Gehe, liebe Channe, gleich hin zu Reb Oscher, seinem Rebben und sage ihm, er soll aus Chajimle einen Menschen machen, soll sich wegen der Bezahlung keine Sorgen machen. Ich komme heim und dann wird alles gut. Sage es auch Salkin, dem Krämer und David dem Bäcker. . . Unterstützung sollst nicht nehmen, aber meinen Schabbospelz kannst ins Verfatzhaus tragen. Was soll auch der Pelz, wenn ich so einen schönen, bunten Rock habe? Mußt auch übrigens sehen, wie schön ich in ihmaussehe. Werde, wenn wir in eine Stadt kommen, mich photographieren lassen . . . Die Schabbosleuchter könnte man bis zuletzt behalten, sie sind von der seligen Mutter. .. Dagegen ist doch jetzt mein Bettzeug überflüssig und Dir sicher im Wege ... Schicke m t r nichts, wir haben alles in Hülle und Fülle. — Wieder huschte wie Schamröte über Lewikows Gesicht. — Laß aber Dir und den Kindern nichts abgehen. Chajimle muß sich satt essen, daß er ordentlich lernt . .. Die anderen auch. Und du erst recht. Mußt ja jetzt doppelt arbeiten. Aber es wird schon alles wieder gut... Wenns bei euch so viel zerschlagene Dächer gibt, wie hier, dann wird es, wenn ich hetmkomme, an Arbeit nicht f hlen. Vergiß ja nicht zu Reb Oscher zu gehen, wegen Chajimle. Und-" Weiter kam er nicht. Mitten im Satze brach er im Reden und ich im Schreiben ab. „Tra, trara, trara!" wirbelte die Trommel und schrieen die Hornfignale. „In Stellung!" donnerten die Kommandorufe. Ein Sturmangriff auf unseren Graben. Ah!- Wir schnellten auf und traten in Stellung, gerade so wie wir saßen. Lewikow und ich nebeneinander an die Brustwehr lehnend, die Waffe schußbereit in der Hand. Er im Geiste moch weitweg, in der Gegend von Tschernigow, ich, wie in Erwartung des folgenden Satzes. „Und-" Staubwolken wirbelten auf, Rauchsäulen stiegen in die Höhe, dröhnender Sturmschritt, schrille Kommandorufe. „Hurra! Hurra!" Ganz mechanisch zählten wir: „eins, zwei, drei". Weiße Wölkchen zischten an uns vorbei und schlugen krachend in den lehmigen Grund. „Und?"- fragte ich ganz gedankenlos. Wie aus der grauen Erde heraus, aus Staub und Rauch geboren, ergoß sich vergraue Schwarm auf uns. Hurra!!! Wir drückten wie wahnsinnig und sandten Feuergarbe auf Feuergabe den Pickelhauben entgegen. Ein Rattern und Gattern. Staub und Rauch und Feuer — und Blut, und wieder Staub. Das gewaltige Dröhnen aufeinanderstoßender Gewehre und Menschen. Ein Schreien und Stöhnen, Flehen und Fluchen und in letzte Bußgebete mischte sich ein leises „Sch'ma"-Wimmern. „An die Bajonette!" schtte es uns aus den vordersten Reihen zu. Da erst sah ich nach Lewikow. Er schien eben gerade aus dem fernen Tschernigow zu der entsetzlichen Wirklichkeit zurückgekehrt. Da hätten Ste sehen sollen, wie der schmächttge Körper auf den eisernen Beinen wuchs, wie er da mit der Klinge in die Höhe sprang, wie er mttten in Rauch und Staub um sich schlug, wie er das Stückchen grundlos schmutzige Erde, darauf er stand, verteidigte .... Es half nicht viel. Die Grauen drüben waren alle solche Lewikows. In Schaaren lagen sie vor dem Graben dahingestreckt, aber über sie drangen die Nachschtebenden in unsere Stellung. Das Knallen und Knattern auf unserer Seite verstummte und war vom deutschen,Hurra!" abgelöst. Was mit den Unserigen geschah, sah ich nicht. Unsere Stellung war in der Mitte plötzlich wie leergebrannt. Nur am Rande lagen zuhauf die Toten und Verwundeten. Zwischen ihnen schrieen zitternde, waffenlose Menschen mit hocherhobenen Händen „Erb.rmen!" Ich war unter ihnen. Wo aber war Lewikow? Die Hände hoch, suchten meine Augen den Graben ab. Hier lag die kleine Gestalt mit den mächtigen Beinen, zu einer formlosen Masse zusammengekrampft. „Und?" — — schrie ich ihm zu, als wollte ich den begonnenen Satz im Briefe vollenden. Er'gab keine Antwort mehr.- Seit fünf Monaten trage ich mich mit dem unvollendeten Briefe herum. So sagen Sie mir doch, lieber Freund, ich bitte Sie, was ich nun mit diesem Briese anfange?

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