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Der Israelit · 1915-03-04 · Heft 10 (4.3.1915) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 10 (4.3.1915)
Date
1915-03-04
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Feuilleton-Beilage zu Nr. 10 des „Israelit." Feuiltrto«. VrW v Auf der Lichtwiese. Nein, es sind keine Zigeuner einer besondern weißen Rasse, keine Nomaden, die, weil ihnen der Wüstensand des Ostens zu brennend geworden, hierher auf die schmutzige Landstraße verschlageil wurden. Es sind Menschen von königlichem Blute, die, gehetztes Freiwild, das Arbeiten dieses Blutes in all ihren Adern verspüren und in gehobenen Stunden ihres Wanderlebens aus unberührten Tiefen eine Königskrone hervorholen, die ihr Elend mit Licht und Glanz übergießt. Auf die Felder von H. in der galizischen Sandebene hat sie die Kriegsfurie gejagt. Denn ins Städtchen, das die Gräber ihrer Väter und Väterväter birgt, hielt ein Feind seinen Einzug, dessen bloßer Name schon Schrecken verbreitete. Nun hieß es wandern, wandern. Große, von müden Kleppern gezogene, gedeckte Wagen nahmen Greise und die kleinsten der Kleinen auf. Die Anderen hinterher zu Fuß. So geht der Golusmarsch die Landstraße hinan, ohne Ziel, ohne Ende, ohne Halt und Rast. Und einmal machten sie dennoch Halt. Ein hochsommerlicher Freitag ging zur Neige. Not glühte der Westhimmel auf, als wollte der Schöpfer all seine Welten in Brand setzen. Unten sielen einzelne Strahlen auf Feld und Flur und malten lange goldene Streifen auf den graugrünen Grund. Da trat aus einem Wagen ein Greis heraus, eine gebeugte Patriarcheng^ statt, sah mit erloschenem Auge spähend in die endlose Ebene hinaus und zu dem glühenden Westhimmel, der das wandernde Elend wie mit Scheinwerfern bestrich, hinauf, und nun befahl er mit fester Stimme: „Stehenbleiben! Lichtbenschen!" Keiner widersetzte sichals galt es, einem höchsten Befehle nachzukommen. Still war es auf der staubigen Straße geworden, wie beim Ablaufen eines aufgezogenen Uhrwerks. Rädergeknarre und Pferdegetrappel und Kindergeschrei verstummten jäh. Und oben brennt der Himmel. Und von fernher grollt in unregelmäßigen Zeitabständen der Donner der Kanonen. Von Wagen zu Wagen geht der Greis und verteilt Talgkerzen. „Schwestern!" ruft er den Frauen zu, „die schwere Stunde darf euch das, was zu eueres Lebens höchstem Gute gehört, nicht rauben. Entzündet!-" Wie ein Bienenschwarm ergoß sich der Menschenhaufen auf die zerstampfte Wiese. Mit den Fingern gruben die Kinder Löcher in den weichen Grund, in die die Hausfrauen je zwei Talgkerzen steckten. Am nahen Bache wusch man sich die Hände und bald hatten die Frauen aus den Bündeln in den Wagen allerlei saubere Tücher, Schürzen, weiße Decken heraus gekramt. lind nun erstrahlte die Wiese, über die gestern noch die Hufe der Kosakenpferde gestampft, in hundertfachem Ltchterglanze. Oben am Baume hielt die Drossel mitten im Singen inne, noch röter wie zuvor flammte der Himmel. Scharen verfolgter, obdachloser Engel schwirrten im Weltenraum, sich aus brennenden Regionen rettend und hielten auf der Wiese still, auf der die Schechtna für eine Weile ihr Lichtzelt aufgeschlagen hat... Da wirbelte plötzlich der Staub hoch in der Lust auf. Ein langer Zug Soldaten kam im ehernen Gleichtritt des Weges. Einen Augenblick erzitterten die Ltchtlein im Wiesengnunde. Dann flackerten sie ruhig weiter. Es waren Österreicher, Freunde .... Eine Weile standen die Krieger wie bezaubert vor den Lichterreihen. Dann kommandierte der Major: „Achtung! Sttllgestanden! Zum Gebete!" Wie eine schützende Mauer standen die Soldaten hochaufgerichtet in Reih und Glied um die flackernden Lichter, um die betenden Menschen. Von fernher dröhnt der Donner, züngeln die Flämmchen und steigen zischend Rauchwölkchen auf. Da fahren die Frauen mit der flachen Hand über die Augen und beginnen ganz weltentrückt aus dem Techmabuche zu beten. Ein verhaltenes Flehen, ein ersticktes Schluchzen erfüllt die Luft. Auch der Männer Augen feuchten sich immer mehr. So ganz langsam, ohne jeglichen Befehl nehmen die Soldaten die Mützen vom Kopfe und langsam sinken sie, wie auf stilles Kommando, in die Kniee. Sie beten leise auf ihre Weise und denken ebenfalls an Mutter, Weib und Kind daheim, und gierig schlürft ihre Seele den Glanz des Sabbatlichtes. Und über die Lichtwiese trägt der Wind das laute „Lecho daudi," den Willkommgruß au Königin Sabbat, durch die brennenden Welten, in ferne, unbestimmte Höhen. . . . Und jedesmal, wenn der Knall einer platzenden Granate die Luft erzittern macht, erbeben auch scheu die Lichtlein, schütteln ängstlich das Flammenköpfchen und — flackern weiter .... Man singt und betet und „heiligt" den Namen des Höchsten. Kaddisch und hundertftimmiges Omen, als wäre nichts geschehen, als wäre man in der heimatlichen Synagoge. Und am Schluffe segnen die Väter ihre Kinder und reichen sich die Männer die Hände zum Sabbatgruße. Da befahl wie in einer plötzlichen Eingebung der Major einigen seiner Leute: „Holt aus dem nächsten Baaaqewaqen Brot herber l"- Es wird Brot verteilt, große, grobe, pechschwarze Laibe. Sie sind aber in der Leute Augen so blendend weiß und mürbe wie der schönste Kuchenes sind in diesem Momente kunstvoll geformte „Berches" auf der weißgedeckten Sabbattafel im hellbeleuchteten Sabbatheime. Mit hungrigen Augen sehen die Kinder nach denr so lang entbehrten Leckerbissen. „Warten!" bestehlt der Greis". Eine jüdische Seele, vom heiligen Sabbatlichte umflossen, darf nicht so erpicht auf irdischen Genuß sein .... Warten!" Und im Scheine der Ltchtlein bildet sich ein Kreis, in dessen Mitte der Greis das „Scho kaum alechem" anstimmt. Und mit dem lieblichen Gesänge sind alle Engel, die, aus flammenden Welten flüchtend, im Himmelsraum herumschwirren, in den Kreis gelockt, in dem die Schechina ihr Ltchtzelt aufgestellt . . . Es donnern die Kanonen, es pfeifen die Kugeln. Und auf der Lichtwiese singt der Sabbat sein ewiges Lied .... Zwei riesige Kommißbrote in der Hand, stimmt der Greis das Ktddusch an. „Und es ward Abend, es ward Morgen, der sechste Tag!" . . . Und still hält alles ringsumher. Es lauscht eine in hellen Flammen stehende Welt auf das Wunder der Schöpfung . . . „Lebet wohl, liebe Brüder und Schwestern" grüßte der Major zum Abschied „und möget Ihr bald die Ruhe und den Frieden finden, aus dem Euch Haß und Bosheit gejagt!" „Den Frieden, den Sabbat, den wir Euch mit Gottes Beistand erkämpfen werden", ergänzten die Soldaten im Abtreten. Eine Lzernowiher Episode. Von Jmre Szabö aus der Januar-Nummer des „Mutt es Jovv" übersetzt von Z. B. A. Bor einigen Wochen, knapp nach der Verdrängung der Russen aus der Bukowina, war ich in dieser Gegend. Dort sah ich die grauenhaften Spuren der Banditeninvasion. Aus Czernowitz und den umliegenden Städtchen und Dörfern zogen noch immer die Einwohner in fliehender Hast in die sichere Fremde. Durch Eis und Schnee trugen die Mütter ihre an die dürre Brust gepreßten Säuglinge über den breiten Moguraberg hindurch nach Siebenbürgen, in- Ungewisse. Gebeugte Greise schoben keuchend einen Karren vor sich her. Dieser trug ihr ihr einziges Hab aufgestapelt: ein wenig Bettzeug, eine fadenscheinige Decke, Brot und Talisbeutel mit einem Haufen vergriffener Folianten. So schleppten sie sich Tage hindurch auf dieser achtzig Kilometer langen Strecke fort. Ein Leiterwagen, wie ihn die Bauern dieser Gegend benutzen, wäre dieser Tage ein unerschwinglicher Luxus gewesen. Dieser kostete die kurze Strecke von Dorna-Watra nach Blstrttz 100Kronen. Es war ergreifend wie bei Morosani eine dieser traurigen Karawanen von unseren Kanonieren, die selber nur mit Ach und Krach sich durch das schwierige Gelände kämpften, bewirtet wurde. Es war eine sechsgliedrige Familie. Ein greises Ehepaar, ein junges Weib mit ihrem Säugling (ihr Mann war bei der Front) und ein Mädchen. Die Frau und die Alten fröstelten. Die Kanoniere — es waren ungarische Landstürmer — luden sie zu ihren Wachtfeuern, bei denen ein Vormeister schon den Kaffee für sie zurechtbraute. Die Familie schlürfte gierig den heißen Trank, mit Ausnahme der jungen Mutter, die vorerst ihr hungriges Kindchen stillen wollte. Sie ging ins Tal hinab, schob dte Schneekruste eines Steines ab, setzte sich und reichte ihrem Säugling die Brust. DaS Kindchen schlief - man konnte es auch nicht wecken, das Würmchen war erfroren.... Die Mutter wollte es nicht glauben. Sie ging zu den Soldaten zurück, dort war ein junger Arzt, der das Kindchen untersuchte. Er sagte kurz: Gestorben. Die Mutter schrie wie wahnsinnig auf, preßte ihr erfrorenes Kindchen an sich und lief damit in die Richtung von Borgo Prund. Soldaten brachten sie zurück. Der alte Vater suchte sie zu beruhigen und zu trösten. Er nahm ihr das gestorbene Enkelchen aus der Hand und bat den Arzt flehentlich, das kleine Kind gründlich zu untersuchen, ob es wirklich rettungslos gestorben sei. Der Arzt erfüllte mit bitterem Lächeln diesen Wunsch. „Es muß schon zwei Stunden tot sein — sagte er mit düsterer Entschiedenheit — es wäre wirklich am besten, wenn man die Leiche gleich hier bestatten wollte. Wozu soll man diese traurige Last noch weiter mitschleppen? Der zunächst liegende Ort, in dem eine jüdische Gemeinde ist, ist nach einem beschwerlichen Weg von über sechs Stunden zu erreichen. Ich werde Ihnen hier also gleich den Totenschein ausstellen". Ein Kanonier trat vor und meinte: „Ich will die üblichen Tfilos verrichten. Ich habe bei mir! einen großen Siddur. Zu Haufe pflege ich oft unseren Chason bet. seinen Funktionen zu vertreten." Beim Wegrand, neben einer schneebedeckten Fichte schaufelten zwei Soldaten ein kleines Grab. Der Sitz eines Trainwagens, ein dickes Etchenbrett wurde in zwei gespalten: es war genug groß zu einem Sarg. Dte winzige Leiche wurde hineingebettet. Der Chasonkanonier rezitierte laut in den Wald hinaus: „Hazur tomim poolau... MM SätM

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