Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 10 (4.3.1915)
- Date
- 1915-03-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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t Organ des Bundes gesefcesfreuer jüdistfier behrer Deufsdilands. Anstage. Die erste Anflage des von dem Heimgegangenen "Präparandenvorsteher N. E s ch w e g e — Höchberg hernusgegebenen Religionsbuches jvtt m ist fast vergriffen. Bor Inangriffnahme der zweiten Auflage bitte ich die verehrten Schulleiter und Lehrer, an deren Schulen das Merkchen eingesührt ist, mir gütigst mitzuteilen, wie viele Exemplare sie ungefähr jährlich benötigen. Ebenso wäre ich für Ueberlaffüng unbenutzter und überflüssiger Exemplare sehr dankbar, da ich den gegenwärtigen Bestellungen nicht gerecht zu werden vermag. Seminarlehrer Elias Gut—Cöln- Das ästhetische GeWl. Von I. Ster, Breslau*). Unter dem Begriff des ästhetischen Gefühls verstehen wir das Gefühl für das Schöne, Sittliche und Erhabene. Dieses Gefühl äußert sich in Wohlgefallen, in Freude und Bewunderung gegenüber dem Schönen und Anmutigen und in der Erregung des Mißfallens und Widerwillens gegenüber dem Hählichen und Niedrigen. Der Mensch, in dem das ästhetische Gefühl vorherrscht, fühlt das Schöne in allen Formen und Gestalten, in welchen es zur Erscheinung kommt. Ursprünglich bezeichnere man mit dem ästhetischen Gefühl die feinsinnige Einsicht in das Wesen der klassischen und bildenden Künste und den ausgeprägten Sinn für Natur- und Kunstwerke. Später hat man das Moralische und Sittliche auch in diesen Begriff hineingezogen, und so ist man dazu gekommen, alles Schickliche, Takt- und Rücksichtsvolle zur ästhetischen Bildung zu rechnen. Bon den umfaffenden Untersuchungen der Klassiker über das Wesen der Aesthetik und von den wissenschaftlichen Theorien über die Eigenartigkeit der schöpferischen Kunstbedtngungen müffen wir hier absehen. Bon den mannigfachen Arten des Aestherifchen kommt für die lalmudifche Pädagogik vorwiegend das Gebiet des Schicklichen und Passenden in betracht, welches die innere Würde des Menschen offenbart, der natürliche Anstand, der im gesellschaftlichen Leben als höflich, gebührlich und liebenswürdig bezeichnet wird. Für die mannigfachen Formen der natürlichen und konventionellen Höflichkeit haben unsere Weisen Normen ausgestellt, welche die gesamte Lebensführung regeln. Die Formen des geselligen Umgangs, welche aus dem natürlichen Anstandsgefühl hervorgegangen sind, werden im rabbkntschen Schrifttum px “jn •genannt Dieser Begriff umfaßt alle Sitten und Rücksichten der Höflichkeit, die durch das Zusammenleben bedingt sind. Ueber das «erhalten im geselligen Leben hat der Talmud einen besonderen Traktat px rsorr verfaßt. Außerdem findet man an verschiedenen Stellen im Talmud Lehren des Anstands und der guten Sitte, welche von reicher praktischer Lebenserfahrung Zeugnis ablegen. Ms Beleg mögen folgende Auszüge dienen: „Der Weife spricht nicht vor dem, der ihn an Weisheit und Erfahrung übertrifft, fällt nicht in die Rede dsS anderen und überstürzt sich nickt zu antworten" (Spr. d. B.) „Begegnet man jemand, der zu grüßen *) Mit Zustimmung des verehrlichen Berfaffers bringen wir hiermit ein Kapitel aus seinem soeben erschienenen Werke „Die lalmudifche Pädagogik als Wegweiser für Schule und Haus" zum Abdruck. Unter Hinweis aus die nachstehende Besprechung wünschen auch wir dem Buche die weiteste Verbreitung. pflegt, soll man diesen zuerst grüßen" (Berachoth) „Man soll in ein fremdes Haus nicht plötzlich eintreten" (Niddah 16) „Wer seinen Becher in einem Zuge lehrt, ist ein Säufer" Bezah 25) „Wer auf der Straße ißt, zeigt ein hündisches Benehmen" (Kidd. 40) „Der Mensch nehme stets die Sitte des Ortes an, wo er weilt. Moses stieg in den Himmel und atz nichts, die Engel kamen zur Erde herab und aßen" (Baba Mezia 86). Bileam hat das Lob: „Wie schön sind deine Zelte Jakob, deine Wohnungen Israel" ausgesprochen, als er sah, daß di- Fenster der jüdischen Häuser nicht einander gegenüber waren, damit der eine nicht in das Haus des anderen sehe" (Midrasch). Das ästhetische Gefühl der Weisen kommt in dem hohen Wert zum Ausdruck, den sie aus körperliche Reinheit und aus saubere Kleidung legen. Jn der äußeren Erscheinung soll der Mensch den Sinn für Ordnung und Sauberkeit bekunden Es macht einen erfreulichen Eindruck, wenn man die So.gfalt in Haltung und Kleidung wahrnimmt „Iß und trink nach deinem Vermögen und kleide dich über dein Vermögen" (Ehulin 84). „Man verkaufe die Balken seines Hauses, um sich Schuhe anzuschaffen" (Sabbath 120). „Rabbi Jochanan nannte seine Kleider „ Ehren Vermittler' ( bid. 113). Namentlich wird vom Gelehrten, deffen Person die Ehre der Thora repräsentiert, ein würdiges, den Anforderungen des ästhetischen Geschmaks entsprechendes Auftreten verlangt. Das äußere Kennzeichen eines Thoragelehrten ist, wenn man das Oberkleid so trägt, daß die häßlichen Stiche und Fäden nicht zum Vorschein kommen. Es ist eine Schande für den Thoradefiiffenen in auffällig geflickten Schuhen auf der Straße zu erscheinen und der Gelehrte, der durch Unachtsamkeit in seiner Kleidung das ästhetische Empfinden verletzt, ist des Todes schuldig, weil dadurch die Thora und der Gelehrtenstand erniedrigt werden. Ein stark hervortretendes Merkmal des ästhetischen Gefühls ist die schöne gewählte Ausdrucksweise- Jn dieser Hinsicht bietet uns die Bibelsprache ein unübertreffliches Musterbild. Die Tendenz der Thora ist. in überaus feinsinniger Weise das Anstößige zu verhüllen und fie bedient flch oft der euphenistischen Bildersprache, um das Niedrige und Gemeine durch mildernde Ausdrücke zu beschönigen. Solche Redewendungen sind z. B. pvw w, nt rwi?x tt'.n *mt or^rr nt 'S *) ..tb nnnei rton, 1^21 nx vE kti, omexn rrzz jtb Um den Ausdruck „unrein" zu vermeiden, Hai die heilige Schrift 8 überflüssige Buchstaben zur Umschreibung gebraucht (Pesachtm 3) Maimonides sagt, daß die jüdische Sprache deshalb die heilige Sprache genannt wird, «eil in ihr für die Namen der Genitalien und der natürlichen Absonderungen keine spezifische Bezeichnung vorhanden ist. Die Sprache ist der Ausdruck der Gedanken und der sichere Maßstab für das ästhetische und ethische Empfinden. Den Menschen erkennt man am Sprechen, wie den Bogel am Singen. Da die rohe Redesorm die niedrige Gesinnung dokumentiert, so lehrt der Talmud, daß dem Menschen niemals ein häßliches Wort aus dem Munde kommen soll, 121 mx x’tt» f?x dt>j& ("2 DTiül) rmso. fftam würdigte einen Schüler, der sich eines unästhetischen Ausdrucks bediente, keiner Antwort und ein Priester, der plumpe Redensarten führte, hat dadurch Zweifel über feine Qualifikation erweckt und die Untersuchung hat seine Unwürdigkett zum Priesterftande sestgestellt. Hingegen hat ein Lehrer einem Schüler, der sich in edler Weife ausürückte, die Prognose gestellt, daß er ein großer Lehrer werden wird, und diese Prophezeiung ging in herrlichster Weise in Erfüllung, denn der betreffende Schüler war Rabbi Jochanan ben Sakkai (ibid.). Die gewählte, vornehme Sprache *) Aehnltch hat der jüdische Sprachgebrauch die Begriffe sozn nz ,tu '2D gebildet. läßt auf eine vornehme Gesinnung schließen. Dieser Gedanke kommt in dem Spruche zum Ausdruck, daß Gott nicht den Lohn des anständigen Gesprächs entzieht. yz 112) nx2 nrw isv iS*bx nepc rvnpn px Die Formenpracht und Formenfchönheit, die uns allenthalben im Reiche der Natur entgegentritt, erfreut sich im jüdischen Schrifttum hoher Anerkennung. Die ganze sinnliche Welt mit ihren Erscheinungen wird im Talmud vom ästhetischen Gesichtspunkt aus betrachtet. Selbst die Frauenschönheit, die von mystischer Seite als Verführerin zur Sünde verpönt wird, gilt dem Talmud als göttliche Schöpfung, welche das Gefühl der Dankbarkeit und Bewunderung gegen ihren Urheber erzeugt. Rabbi Gamliel, erstaunt über die außerordentliche Schönheit einer heidnischen Frau, die er auf den Stufen des Tempelbergs sah, ries tief ergriffen die Worte des Psalmisten aus: „Wie groß sind' deine Werke, o Herr!" So wird auch beim Anblick auffallend schöner Geschöpfe die Benediktion gesprochen: ,-Gelobt sei, der solches in seiner Welt hat". Die ästhetischen Gefühle greifen mannigfaltig in das religiöse Leben ein. Auf Grund des Ausspruchs: „Die Schönheit Japhets wohne in den Zelten Sems" har man der griechischen Sprache, der schönsten unter den Sprachen Japbets, in heiligen Dingen einen Vorrang eingeräumt (Megillah 0.) Der ästhetische Gesichtspunkt war für die Weisen bestimmend, in der Betätigung der Gottesver'ehrung tj£ö inn zu empfehlen. Das Schriftwort 1T2X' wird mit den Worten interpretiert: „Erfülle die Gebote Gottes in schöner Weise, mache dir eine schöne Laubhütte, deine Schaufäden und deine Teffillin seien schön" (Sabbath 133). Diese Forderung kommt besonders bei den vier Pflanzen des FeststraützeS zur Geltung. Das Prinzip der schönen Form tritt deutlich bei den Leibesfehlern hervor, welche Tiere von der Opferung und Priester von der Zulaffung zum Gottesdienst ausschließen. Alle in der Bibel und in Bechoroth, Abschnitt 6 und 7, erwähnten Fehler sind abnorme Erscheinungen, welche dem ästhetischen Empfinden zuwiderlaufen. Das äfchetische Gefühl ist die Boxstufe für das sittliche Verhalten. Das natürliche Gefühl von dem, waS sich schickt, hebt den Menschen über das Alltägliche hinaus und verleiht dem geselligen Leben einen edlen Charakter. Darum bUdet die ästhetische Erziehung einen Hauptaegenstand des pädagogischen JntereffeS. Jn der Praxis ist es Aufgabe der. Erziehung, chre Aufmerksamkeit darauf zu lenken, daß das Benehmen des Zöglings den Forderungen des Auslands entspreche. Die Kinder sollen an Reinlichkeit des Körpers und der Kleidung, an Bermetdung häßlicher Manieren gewöhnt werden. Insbesondere muß darauf geachtet werden, daß die Jugend unschöne Ausdrücke im Gespräch als entehrend vermeide Bringt man ihr frühzeitig den rechten Begriff des ästhetischen Urteils bei, so ist im späteren Leben vor jedem Verstoß gegen Anstand und gute Sitte vorgebeugt Ander prüsungs-Mappe eines Religionsschlil-Znspektors. l. Bei Herrn N. ist es mir angenehm ausgefallen, daß seine Schüler in allen Teilen der biblischen Geschichte gleich gut beschlagen sind. Es kann bet chm nicht Vorkommen, wie mir dies jüngst begegnet ist, daß von 30 Kindern nur drei etwas von König David wiffen, d. h. diejenigen, mit denen die Geschichte Davids in diesem Jahre durchgenommen worden ist. Herr N. faßt, nachdem eine Erzählung gründlich behandelt worden ist, ihren Inhalt in 3-4 Sätze zusammen,, die