Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 9 (25.2.1915)
- Date
- 1915-02-25
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Heuületon-Bsilage zu Nr. 9 des „Dsraelit." Feuilleton > \ Der Defetteur. Eine wahre Begebenheit von Sara Estlein. Es war ein stürmischer Märztag im Jahre 18.. in der Hafenstadt B., der Wind fuhr heulend in die Giebel der Häuser und riß an der Haustür. Wir saßen im wohlig, warmen Zimmer. Plötzlich horchten wir alle aus, es schien, als ob jemand von draußen zu öffnen versuchte. Jetzt klopfte es dringend und nun noch einmal. Obwohl es nichts Neues war, daß jemand um 10 Uhr abends noch Einlaß begehrte, versetzte uns dieses beängstigende Pochen in große Aufregung. Der Vater hatte inzwischen gjöffurt uno trat jetzt mit einem Fremden ins Zimmer. Dieser blieb an der Tür stehen, den Hut trug er tief in die Stirn gedrückt; um den Hals bis hoch hinauf ins Gesicht hatte er einen Schal gewickelt, so waren fast nur die Augen sichtbar, und als er diese jetzt mit drohendem Ausdruck auf uns gerichtet hielt, erbebte unser Herz in Furcht und Grauen. Der Vater mußte wohl trotz der Vermnmnrung, einen Glaubensgenossen in dem unheimlichen Gast erkannt haben, denn er reichte ihm jetzt die Hand mit einem „Scholaum-Alechem".- Da beugte sich der Fremde vor, es war als' ob er wankte. „Alechem Scholaum" antwortete ec mit erstickter Stimme die dargereichte Hand ergreifend. Die Mutter erhob sich, um dem Erschöpften Trank und Speise zu bringen. Kaffee, Bror und Butter brachte sie. „Nun wascht Euch, trinkt und eßt", sagte sie freundlich, „bei dem Sturm und der Kälte tut etwas Heißes gut." Der Fremde griff sich an den Hals, ein Liefts Stöhnen entrang sich seiner Brust, seine Hand suchte einen Stuhl und wie ein gefällter Baum stürzte er darauf nieder, der Kopf siel schwer auf den Tisch und ein fürchterliches Schluchzen erschütterte seinen Körper. Er schien sich nach und nach zu beruhige, man ließ ihm Zeit, seinen Schmerz auszutoben. Endlich hob er den Kopf. Schwarze Augen, in denen noch glühende Tränen zitterten, sahen uns aus einem noch jugendlichen Gesicht schütz- und hilfesuchend an. Mit einem plötzlichen Entschluß warf er die Vermummung ab. „Gott im Himmel, ich danke dir!" rief er, die Hände emporhebend, mit zitternder Stimme, „feit endlosen Tagen und Nächten wieder einmal zwischen Menschen sein zu dürfen!" — Der Vater hatte ihn aufmerksam betrachtet. „Um Gottes Willen", stammelte er, nun erbleichend. „Sie sind ja, Sie sind der..." „Ja! ja! ja!" schrie der Fremde, aufspringend und wild um sich blickend, „wollen Sie mich verraten? Dann töte ich mich hier vor Ihren Augen." Entsetzt, keines Wortes mächtig, starrten wir ihn alle an. „Vor allen Dingen beruhigt euch", sagie der Vater, „seht uns genau an und Ihr werdet wissen, daß Ihr zu Eurem Glück in gute Hände geraten seid." Bei dem Ausruf des Vaters waren auch wir aufmerksam geworden und betrachteten den Angekommenen genauer, nun glaubten auch wir ihn zu erkennen, und eine fieberhafte Aufregung bemächtigte sich unser. Das war ja der steckbrieflich verfolgte russische Deserteur, dessen Bild an jeder Anschlagsäule zu sehen war und auf dessen Ergreifung dreitausend Rubel ausgesetzl waren. Er sollte seinen Oberst erschossen haben... Nachdem der Flüchtling gesättigt war, wurde er ousgefordert, seine Geschichte zu erzählen. Vorher verschloß der Vater die Haustüre loch einmal sorgfältig und zog die Fc-nstervorhänge dichter zu. „Am Purim", begann der junge Russe, „ist mein Unglück geschehen. Ich hatte Urlaub erhalten, jedoch mußte ich um elf Uhr abends wieder auf Wache sein. Wie es bei uns am Purim zugeht, wissen Sie ja, es wurde gescherzt, geranzt und getrunken und Purimspiele aufgesührr. Viel zu schnell war für mich die Zeit hingelaufen und als es am lustigsten wurde, nrußre ich wrt, die Eltern mahnten mich schon zum Ausbruch. Eilends machte ich mich aus den Weg, und bald stand ich mit Kngeltäschchen und Gewehr ausgerüstet aus meinem Posten. Mein Blick war gerade aus das gegenüberücgende hellerleuchtcte Offizierskasino gertcht t, hinter dessen Fenster Schatten auf- und abstiegen. Etwas wie Neid durchzog mein Herz, die haben kein Purim, dachte ich, und könnet! fröhlich und vergnügt sein, während ich .... Doch schon schwebte mir mein Elternhaus vor und in Gedanken erlebte ich alles noch einmal. Wie der alte Rabbi getanzt hatte und ein anderer auf einem Blechtablet den Tatt dazu schlug, wie sonst ernste und gesetzte Männer ausgelassener waren als oie lustigsten Buben. Es war ja eine Mizwoh, heute lustig zu sein und da dieselbe durch Essen, Trinken und das Vergessen aller Alltagssorgen wohlfeil zu erlangen war, versuchte eben jeder, dieser Mizwoh teilhaftig zu werden. Ein kalter Windzug strich über mein Gesicht und ich merkte, daß ich mit offenen Augen geträumt hatte. Ich ging ins Wachhäuschen, stellte mein Gewehr für einen Moment nieder und der Müdigkeit nachgebend, lehnte ich meinen Kopf gegen die.Holzwand. Es durfte um Himmels- Willen der Schlaf über mich keine Gewalt erhalten. Nur so ein wenig im Wachen tränawn. Tanzende Rabbis, maskierte Jünglinge, Kuchen und Getränke bildeten einen Wirrwar in meinem Kopse. — Plötzlich fuhr ich auf, ein kalter Schauer durchrieselte mich und mit Schrecken ward ich mir bewußt, daß ein ohnmachtähnlicher Schlaf mich für Minuten umfangen hatte. Da hörte ich ein Geräusch und ich sah meinen Oberst kaum zwanzig Schritt von mir entfernt zum Casino hinübergehen. Kein Zweifel, er hatte mich schlafend getroffen. Es war mir, als ob eine kalte Hand nach »reinem Herzen griff. Ich wollte mein Gewehr nehmen, doch sah ich sofort, es stand nicht mehr so wie ich es hingestellt hatte. Ich untersuchte es, die Kugel war aus dem Lauf entfernt. Instinktiv entnahm ich meinem Kngeltäschchen eine andere Kugel und lud aufs Neue. Mein Gefühl sagte mir, daß etwas Entsetzliches geschehen würde. Da öffnete sich auch schon die Tür des Casinos und heraus trat, auf dem hellerleuchteten Platz deutlich sichtbar, mein Oberst. Ihm folgten mehrere Offiziere. Alle kamen geradewegs zu mir herüber. Laut lachend und redend kamen sie näher und ich konnte deutlich verstehen, wie der Oberst sagte: „Ich führe Ihnen jetzt einen tapferen jüdischen Soldaten vor, meine Herren, den Spaß müssen wir nachher ordentlich begießen." 5letzt waren alle angelangt und standen im Halbkreis vor mir. Dem ersten Kommando meines Obersten kam ich ordnungsgemäß nach. „Ziele auf mich", kommandierte er je£t „und schieße". Ich glaubte nicht recht gehört zu haben, unbeweglich stand ich und rührte mich nicht. Auch die Offiziere machten betroffene Gesichter, doch zynisch lächelnd winkte ihnen fter Oberst zu. Der Angstschweiß brach mir aus allen Poren. Vor meinen Ohren sauste und brauste es. Er glaubte das Gewehr ungeladen, wollte den Offizieren ein kleines | Schauspiel geben, und sie würden sich nachher köstlich über den Juden amüsieren. Natürlich sah ich auch einer schweren Strafe entgegen. Mit Blitzesschnelle durchzogen diese Gedanken meinen Kopf. Der Oberst wiederholte sein Kommando noch einmal im strengsten Tone, doch wilder rührte ich mich nicht. Ich wallte ihm jetzt gestehen, daß ich das Gewehr wieder geladen' hatte. „Verfluchter Jude", donnerte er in diesen! Moment, „verstehst du mich nicht, schieße!" Dieser Ruf brachte jeden guten Vorsatz in mir zum Schweigen. Glühende Ringe tanzten vor meinen Augen, jede Fiber zitterte in mir vor Empörung, und als jetzt auch die anderen Offiziere mir znriesen, den! Befehle nachzukommen, drückte ich, aufs äußerste gereizt, mit einem aus Wut und Haß gepaarten Gefühl auf den Hahn und schoß ins Blaue hinein. Ein entsetzlicher Schrei, und von dein zerschmettcrtcn Schädel spritzte das Blut auf die Umstehenden. Alle standen im ersten Schreck wie gelähmt. Als sie endlich begriffen hatten, was geschehen war, bemühten sie sich um beu^ Erschossenen; ich aber hatte gleich nach dem schuß iirettt Gewehr von mir geworfen und floh, als sei die Hölle hinter mir her. Niemand dachte in der allgemeinen Verwirrung daran, mich zu verfolgen. Keuchend, doch unbehelligt, gelangte ich in die zunächst gelegene Wohnung eines Freundes, denr ich in fließenden Worten das Borgefallene mitteilte. Dort gab man mir andere Kleidung und verbrannte meine Uniform. Das alles hatte noch keine fünf Minuten in Anspruch genommen uno schon stand ich wieder draußen. Ich lief die ganze Nacht hindurch, bis ich bei grauendem Morgen vollständig erschöpft im Walde zusammenbrach. Gestern noch sorglos und fröhlich im Kreise der Meinen, heute ein Ausgestoßener, Fliehender, Verfolgter. — — Tie russischen Wälder nahmen ein Ende, und ich kam in bewohntere Gegenden. Ich hatte mich fast nur mit dem ernährt, was ich im Walde fand und nur selten wagte ich mich in ein abgelegenes Dorf. In der Nähe eines Städtchens hörte ich plötzlich deutsch sprechen. Ich war vor Freude außer mir, wußte ich doch nun, daß ich die Grenze überschritten hatte. Ich reinigte mich und meine Kleidung so gut es ging, und lenkte meine Schritte der Stadt zu. Vielleicht konnte ich dort schon bleiben, und ich würde irgendwo passende Beschäftigung finden. Ich hatte schon einige Straßen durchschritten, als eine Menschenansammelung mich bewog, stehen zu bleiben. Me sahen zu einer Säule auf und redeten .heftig und aufgeregt miteinander. Ich konnte nichts sehen, aber wie versteinert blieb ich stehen, als jeinand laut vorlas. Es sauste und brauste vor meinen Ohren, ich hörte, daß ein jüdischer Deserteur gesucht werde, der seinen Oberst erschossen habe. Dreitausend Rubel habe die Gattin des Erschossenen auf die Ergreifnng des Täters ausgesetzt, und als eine Lücke zwischen den sich schiebenden Menschen entstand, sah mein eigenes Bild mir von der Säule entgegen. Mit größter Spannung waren wir den Worten des Fremden gefolgt. Die Nacht verbrachte er in unserem Hause, morgens in aller Frühe aber eilte der Vater zu einem bejahrten Freunde in der Stadt, um seinen Rat zu erbitten. Lange wurde zwischen den Beiden hin und her überlegt, bis sie das Richtige getroffen zu haben glaubten. In ein paar Tagen ging ein Schiff nach der neuen Welt ab, das sollte ihn mitnehmen. Vollständige Papiere sowie eine Schiffskarte wurden anZeschafft und der möglichst unkenntlich gemachte Flüchtling auf ein Schiff'gebracht. Wir haben niemals wieder etwas von ihm gehört, doch hatten wir Ursache, «anzunehmen, daß er glücklich in Amerika gelandet sei, denn ein Jahr nach diesem Geschehnis wurde der Steckbrief nach dem russischen Deserteur erneuert.