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Der Israelit · 1915-02-18 · Heft 8 (18.2.1915) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 8 (18.2.1915)
Date
1915-02-18
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Leuilleton-Bsilags zu Nr. 8 des „)sraelit." 18. für (entf KeiriUetorr. Mer Rennenkamps Zahnen. (Nach Aufzeichnungen eines russisch-jüdischen Soldaten.) (Schluß.) Gestern waren wir, ich und noch einige Juden aus der Kompanie, in dem nur wenige Kilometer hinter der Front liegenden Städtchen, um Jofsel zu bestatten. Peltin hat sich auf seinem Schmerzenslager die Erlaubnis dazu fast erzwungen. selbst kann sich aber noch nicht fortbewegen. Wie sieht da alles im Städtchen so finster und öde aus. Nicht mehr wie sonst, grau in grau, sondern schwarz in schwarz. Wie ausgestorben liegen die krummen, engen Gäßchen, die Kramläden sind teils geschlossen, teils weit geöffnet, aber aller Ware bar. Alle paar Schritte der kohlschwarze Grund eines ausgebrannten Hauses, eine dach- und fensterlose Ruine. Nur auf dem schmutzigen Markt herrscht reges Leben. Dort haben durchziehende Soldaten eine Art Feldküche eingerichtet, und das prasselnde Feuer ist der einzige heitere Punkt inmitten dieses schwarzen, wie in Trauer erstarrten Häuserhaufens. Wir stellten die Bahre am Eingang des Städtchens ab und klopften beim ersten Juden an. Es regte sich etwas, ein kleiner Spalt tat sich auf. Die Türe schloß sich aber schleunigst, als gelte es dem Tode den Eingang zu versperren, sobald man der Uniform gewahrte. Da rief ich laut ein paar hebräische Worte hinein. Das war ein Zauberschlüffel, ein Sesamöffnedtch. Nicht nur die eine, alle anderen Türen der Straße waren bald weit geöffnet. Die Männer des „Heiligen Vereins" waren sofort am Platze und von allen Setten kamen, wie aus der schwarzen Erde gekrochen, die Menschen, die in ungeordneter, dunkler Maffe unserem Toten das Geleite gaben. Frauen und Kinder weinten und schrien bitterlich, und als von einem Soldaten am Grabe das Kaddischgebet angestimmt ward, schluchzten auch die Männer ganz laut wie die Kinder. Ich begriff zuerst nicht, woher all die heißen Tränen um einen Mann, den sie nicht gekannt, n'e gesehen haben. Dann ging mir aber ein Licht "auf: Sie weinten gar nicht um den Toten. Es waren die Strome ungeweinter Tränen über eigenes Leid, die sich hier gewaltsam Bahn brachen . . . Alle waren sie hart vom Schicksal getroffen, durften aber all die Zeit ihr Unglück nicht laut beweinen. Die Träne ist Demonstration . . . Jetzt durften sie es für eine Weile... Ich benutzte die Gelegenheit, einen Tag abseits der Front unter Juden zu bleiben. Da wtrd man aber von schwarzen Schatten und Bildern des Jammers so verfolgt, daß man sich bald wieder hinaus in das Feuer der Schlacht sehnt. Gegen Abend ging ich in das Besha midrasch, das jetzt noch mehr wie sonst der Sammelpunkt alles Lebens und Leides im Städtchen ist. Die Leute kommen zum Beten und vergessen das Hetmgehen. Haben draußen nichts zu versäumen, und zu verlieren. Kein Geschäft und kein Haus, kein Verdienst und kein Brot. So bleiben sie denn hier im unheimlich düsteren Raume — es ist Mangel an Talgkerzen, die Petroleumlampen sind leer — spitzen ängstlich die Ohren wie verscheuchtes Wild und lauschen, lauschen. . . War es nicht wieder Kanonenschuß, oder Pferdegetrappel, Kosakengesang? Letzterer macht alle noch mehr erbeben als der Donner der Geschütze. Ja, wenn Kosaken singend durch den Ort traben... Zuweilen erzählt jemand etwas im Flüstertöne und die Menschen hören fröstelnd, schaudernd. Dort jenseits des Riemen, in Br., drangen sie nachts in das Haus des Joel Salkin und hatten schon die Stricke mitgebracht. . . Und dort in Kl. . . Halt, hört man auch nichts? Keine Schüffe, kein Getrappel, kein Singen? . . . So überaschend kam das hier. Die Leute haben nie Zeitungen gelesen, bekümmerten sich nicht um den Gang der Politik, und vom Kriege sprachen nur die Kinder in ihren Märchenerzählungen . .. Nun war es buchstäblich über Nacht da. Das Einziehen der jungen Männer und Söhne, das Schießen, der Hunger, die singenden Kosaken ... Das erste Entsetzen ist in seiner kalten Versteinerung aus den Gesichtern nicht mehr gewichen. Man zeigte mir einen großgewachsenen, spindeldürren älteren Mann, mit ausgemergeltem Asketengesichte und leeren Augen, der, über ein altes Buch gebeugt, unaufhörlich unverständliche Worte murmelte. Ein „Jomkippurmachsor", sagte mir mein Führer und erzählte mir zugleich die tragische Geschichte des Mannes. Mosche Bär, so heißt der Mann, gehörte noch vor einem halben Jahre zu den Wohlhabendsten und Angesehensten im Städtchen. Sein Gemischtwarengeschäft auf dem Markte war so etwas wie das Warenhaus des Ortes, in dem man ebenso Heringe wie Baumwollzeug „in bester Qualität zu den billigsten Preisen" einhandeln konnte. In den ersten Augusttagen holte man ihm aber beide Söhne, der eine fand in den masurischen Seen sein Grab, der andere hat bisher nichts von sich hören lassen. Darüber erkrankte die herzleidende Mutter und wurde am Rüsttage zu Roschhaschono zu Grabe getragen. Am Jomkippur waren die Kosaken im Städtchen, und deren Offiziere befahlen den Juden, am heiligen Tage ihre Läden zu öffnen. Viele taten es, viele flüchteten. Mosche Bär tat weder das eine noch das andere. Er ging ins Bethaus, als wäre nichts geschehen, und weinte um Frau und Kinder. Da wurde er geholt, und unter heftigen Schlägen hinter die Tische seines Ladens gesetzt. Mosche Bär zog aber die Sterbekleider nicht aus und ließ das Gebetbuch nicht aus der Hand. Kam ein Soldat um Ware, da deutete Mosche Bär nur stumm nach dem Regale hin, wo der Kunde das Gewünschte fand. Fragte dieser nach dem Preise, so schüttelte Mosche Bär nur verneinend mit dem Kopfe . . . Das hatte sich auf dem Markte rasch herumgeredet. Bald war der Laden voll der Soldaten. Und als sie gingen, waren Fächer und Regale, Kisten und Kasten wie retngewaschen. Jetzt konnte Mosche Bär ungestört wieder ins Beshamedrasch eilen. Er hat es seitdem nicht mehr verlassen ... Er lebt im Wahne, den Bersöhnungstag verletzt zu haben und Versäumtes nachholen zu müssen. . . Wohltätige. Menschen reichen ihm von Zeit zu Zeit Speise und Trank. Er aber greift wieder rasch zum Gebetbuche. Er hat noch so vieles nachzuholen . . . Fluchtartig eilte ich noch am selben Abend wieder in die Front. Hätten wir nur Peltin, unseren Badchen, wieder bet uns. Die Wunde war bet Simson Peltin ernster als man ahnen konnte. Er hatte sie zu lange unbeachtet gelassen und die Infektion war nicht mehr zu verhindern. Es mußte ihm nach tagelanger schmerzreicher Behandlung der Fuß amputiert! werden. Er hat die Operation gut überstanden und ist wieder guter Dinge. „Durch so etwas läßt! sich ein Simson Peltin noch lange nicht runterkrtegen ..." „So sehet doch, was wir für einen großen! Gott haben," scherzte er. „Hut er gesehen, welche Pein und Qual Simson Peltin, der Badchen zu Smargon, auszustehen hatte, die Festgäste immer durch neue Einfälle zum Lachen zu bringen, die alten zogen nicht mehr. Was tut dannHaschem jtsborach? Er verwirrt den Geist der Völker,! daß sie sich wie besessen aufeinanderstürzen, stellt! Simson mitten in das Schlachtengetümmel, wo! ihn der Schuß trifft. Und nun denkt doch, Freunde, den Spaß, wenn ich mit meinem Holzbeine in die Gesellschaft hineingehinkt komme, die Soldatenmütze schief auf dem Kopfe, die Medaille für ,Meß mizwoh^ im Knopfloche des! Schabboskaftan, welch Hallo, welche Freude!" . ,Hochaktuell i Soeben erschien „Jenseits" Aus der jüdischen Lebenstragödie im Zarenreiche von S. Schachnowitz Verfaffer von „Merelaika" nnd ,Fnftmerischen". Dieser neue Roman des beliebten Erzählers und guten Rußlandkenners gewährt uns einen tiefen Blick in die tragischen Verhältnisse, unter denen die Inden int Kosakenlande leben und leiden. In spannender Handlung nnd anschaulichen lebenden Bildern lernen wir den Koloß auf tönernen Füßen in seiner ganzen Ungeheuerlichkeit kennen. Rußland mit seinem Judengesetz, mit seiner Tscherta, mit seiner Prozentnorm, mit seinen verzweifelten, in die Arme der Revolution getriebenen Jünglingen, mit denen finnischen Täuflingsfavriken» Rußland mit feinen Pogromen, Ritualmordhetzen, seinen unterirdischen Gelaffen, in denen Verschwörungen und Attentate vorbereitet werden, mit seinen korrirpten Beamten und zweischneidigen Polizeispitzeln, dieses Rußland zieht an unserem Auge so lebendig vorüber, daß unser Interesse an dem Kampf gegen dieses Barbarentum höchlichst gestärkt und die Hoffnung auf die baldige Niederwerfung dieses letzten Stückes finsteren Mittelalters gesteigert wird. Das Buch ist unentbehrlich zur vollen Erschließung des Berständniffes für das, was jenseits der weiß-blaurotenGrenzpfähle ietzt des göttlichen Strafgerichtes harrt. .Das Buch ist zu beziehen durch alle bessere» Buchhandlungen oder gegen Boreinfendung des Betrages direkt beim „Berlag des Israelit". Preis geb. Mk. 2.50, brosch. Mk. 2.00. JCrti i Gestern gaben wir alle unserm Badchen das' Geleite. Er kommt mit einem Verwundetentransport zunächst nach Minsk, von wo er als Invalide heimgelassen wird Es war ein schwerer! Abschied, bei dem Tränen stoffen. Simson sprach und sprach, und zum erstenmal war es, daß auch sein linkes Auge ernst blieb. Zu jedem unserer Angehörigen wollte er mit seinem Holzbein hinhinken, um ihnen unsere Grüße zu überbrtngen und neue Freude und das verlorene Lachen ihrem Herzen wiederzugeben. Und den Kameraden der! Heimatstadt versprach er, für deren Familien wie ein Vater zu sorgen und deren Kinder alle, cm! ihrer statt, um sich zu sammeln, um sie in der Lehre zu unterrichten und im Wege Gottes zu leiten.! Und am Ende konnte er vor Erregung kein Wort mehr herausbringen. „Jüden, Brüder!" keuchte er nur noch, indem er jeden von uns! umarmte. R). 1 k 2 [p. t ft. :> k!' ¥ I m INg! „Jüden!-Brüder!"- Uns ist es, als wäre der letzte Rest vonSonne' uns genommen, als hätte sich der gähnende! Abgrund mit all seinen Schrecken und Gefahren! erst heute uns aufgetan ... tter 'm lormi nut'i tsj Jetten lute F L, m ItCflt Itic leim laa IGc I vo Ist] Zu Del

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