Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 7 (11.2.1915)
- Date
- 1915-02-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Feuilleton-Beilage zu Nr. 7 des „Fsraelit." Krrrilletou. Mer Rennenkamps Fahnen. (Nach Auszeichnungen eines russisch-jüdischen Soldaten.) (Fortsetzung.) Gestern vor Tagesanbruch wurde Alarm geblasen. Ein Vorpostengefecht. In Schützenstellung, aber Bajonett bereit zur Hand! lautete der Befehl. Vorher gab es, wie immer, einen kleinen Feldgottesdtenst. Rechtgläubige und Katholiken lösten sich voneinander. Auch wir Juden. Wir haben keinen Geistlichen bei uns, benutzten aber die Gelegenheit, — alle führen Tefillin, viele sogar Talts bet sich — gemeinsames Morgengebet zu verrichten. Wir machten es kurz und innig und waren rasch fertig. Drüben aber zelebrierten noch die Popen und Priester mit Fahnen und Weihrauchkeffel. Da meinte einer der unsrtgen: „Es sage jemand etwas Muffar, etwas fürs Herz!" „Reb Simson!" schrieen die Anderen. „Hineni!" rief der Badchen mit heiterer Komik, setzte den Daumen unter die linke Wange, wie es die Chasanim zu tun pflegten und fing an, die Melodie dieses hohen Einlettungsgebetes zu ttällern. Als aber keiner lachte, schlug er sofort einen ganz anderen Ton an; „Hineni! Hier bin ich, Jüden, Brüder! Wer bin ich aber? Etwa der Hohepriester, der vor der Schlacht die Front abttitt und an das Volk spricht? Nein, der Badchen von Smargon. Und l da Ihr bestürzt seid, ruft Ihr nach mir, nach dem Spaßmacher. Warum? Weil, der Spaß, die Lust, die Gottesfreude in euch sitzt, ich soll sie nur herausholen. So ists immer bei Juden, die Simcho ist da, mit der Emunoh, ich soll sie ^nur aus dem Herzen herauslocken. Na, also! „Ihr klagt, Juden, und seid bestürzt. Warum? iWeil es nicht gut geht und die „Geulah" so lange auf sich warten läßt und soviel Blut und ITränen fließen? So seht doch hinauf. Kommt Ider Tag auf einmal, fällt er so mir nichts dir nichts vom Himmel herunter: „Hier bin ich!?" «Nein, schaut nur hin, wie die Sonne, bevor sie jin ihrer goldenen Equipage angefahren kommt, Iben Morgenstern als Meldereiter vorausschickt, lllnd wieder wird es ganz schwarz. Kommt üeder Nacht? Nein, es ist blos die Mobilisation )er dunklen Mächte, die, verfolgt von der siegreichen Sonne, zurückweichen, ein merkwürdig trauriges Heer von Nebeln, Wolken, Schatten md ganzen Brigaden blutiger Strahlen . .. Und lenn sie alle weg sind, ist die Sonne da ... . „Sehet hinauf, Brüder und lauschet .... )ört Ihr singen? Es sind die Engel, die erdacht sind und ihrem Gotte huldigen und „Schiro" jagen. Ihr Gesang kann aber nicht vor den zöttlichen Thron. Es ist der Weg dahin versperrt von dem Fleherufen aus tausenden cutterherzen, von Todesseufzern zerfetzter ienschen, vom Jammern schutzloser Witwen und Waisen, vom Wehegeschrei sich in Angst und schmerz windender Erdenkinder. Und wie die Malochim in ihrer Schiroh dennoch nicht Hinhalten, schallt es ihnen vom göttlichen Throne Entgegen: „Meiner Hände Werke ertrinken im teere des Leides und Ihr stimmt Loblieder an?!" „Und dennoch, seht nur recht hinauf, Jüden, Brüder, und dennoch singen die Engel . . Weil sie es bester misten, wozu dies alles gut ist. Und sie WissensEr da oben wacht auch über die Eueren daheim und nimmt ihre Tränen um euch in seinen ewigen Tränenschlauch auf, aus dem die Welt Trost, Israel Erlösung schöpft. Seht hinauf, Jüden Brüder, seht hinauf." „Warurü also verzagen? Richtig, es ist eine „fremde Hochzeit". . . Aber der da oben hat uns dazu geladen. . . Was gehts uns an? Wir sind da und tuen, was Er mit uns vor hat. Ich bin nur der Geringsten einer, der Lustigmacher von Smargon. Aber wie sprach doch der Hohepriester: „Es erweiche nicht euer Herz, fürchtet nicht und verzaget nicht.-" So und ähnlich sprach Simson an diesem Morgen, bis es Zeit war, sich in die Kolonnen einzureihen. Und wenn es wahr ist, was uns heute gesagt wird, daß unsere Kompanie sich tapfer gehalten urtd die Stellung gut verteidigt hat, so läßt es sich leider nicht Nachweisen, zu welchem Teile des Badchens Worte an diesem Erfolge mitgewtrkt haben . . . Wir hatten in der Nacht zum gestrigen Tage „hohen Besuch". Ein deutscher Flieger kam über unsere Stellung und warf Bomben herab, die indes keinen großen Schaden anrichteten. „Wo bleibt da die ,Ochrana^, die Petersburger Geheimpolizei? Schnell, fastet den Bombenwerfer!" . . . spottete einer der Studenten mit unverhohlener Schadenfreude. Sichtbar wurde die „Taube" zuerst über der kleinen Holzbrücke, an der gerade unser Simson Posten stand. Er tat seine Pflicht und alarmierte sofort die Wache. Der Schrecken sitzt ihm noch in allen Knochen. Als er uns aber am Abend am Holzfeuer den Hergang erzählte, war es ein Lachen ohne Ende. „Eine klare, kühle Nacht," erzählte er, „vom halbvoüen Monde im Kreise zahlloser Sterne matt beleuchtet. Nun, was tut ein Jüd in stiller Nacht bei gutem halbvollem Monde? Natürlich bin ich die,Lewonoh mekaddesch^. Ich bin so mitten drin und aus einmal: ,Kaul daudi hine seh ho? . . . Ein Surren und Rauschen in der Luft. Ich sehe scharf hinauf ,Scholaum alechem, alechem scholaum? . . da hast du die Bescherung, ein Flieger .. ,Tivaul alehem emosso wosachal? . . In Angst und Schrecken rufe ich nach der Wache Und nun wars,wie es Wetter steht: ,M'daleg al hehorim m'kapez al hagwoaus^ . . ein Schreien und Schießen und Springen! . . Und am Ende sagte ich mir doch ,K'schem cheani raukaud k'negdecho rr'eni jochaullingauaboch^... Er drehte uns da oben mit den Flügeln eine lange Nase und verchwand in den Wolken. Ich fürchtete, es ist ein ,Simon tauw umasol tautt? . . ." Wer hätte das geglaubt? Simson Pelttn, ler Badchen aus Smargon, ist ein Held, ein richtiger Held, und ist als solcher öffentlich vor versammelter Mannschaft gefeiert worden. Ihm und mir wurde das Georgiewskt-Kreuz an die Brust geheftet. Aber ich muß innerlich alle mir gewordene Ehrung an ihn zurückverweisen. Er var die Seele und die treibende Kraft bei all )em, was uns heute in aller Augen als Helden iempelt. Wir hatten vom Waldhügel her Granateneuer bekommen. Nur wenige Minuten, aber es genügte, um ganze Scharen wegzumahen. Man ließ uns den Platz räumen und Deckung in geschützter Stellung suchen. Auf dem Bauche kriechend verließen wir den Graben. Da packte mich Simson am Arm. Er glühte vor Erregung und rang nach Luft. „Nicht so ängstlich, Pektin," versuchte ich ihn zu beruhigen. „Angst?" gab er zurück, „nicht das. Aber dort am Hange liegt unser Jostel Berger, der Slabotkaer Bocher, tot oder verwundet. Wir müssen ihn mttnehmen!" „Ihr seid wohl von Sinnen," sagte ich, „die Stelle wird von feindlichen Granaten besäet, die Sanität wagt sich nicht hin." „Sanität hin, Sanität her," machte Simson. „Wir sind keine Sanität, wir sind Juden und üben Gemilus Chested. Wir können ihn doch nicht hier liegen lasten." Und ehe ich mich dessen versah, hatte er mich mit hineingezogen in den dichtesten Feuerregen, in den Leichenknäul und in das grauenhafte Wimmern sterbender Menschen. Da lag auch Jostel mit blutendem Munde, mit herausquellenden, halbgebrochenen Augen, im Fieber liebliche Lernmelodien und allerlei fremde Talmudworte lallelnd. „Wir tragen ihn auf den Verbandsplatz," sagte Simson und machte sich sofott an die Arbeit. Da klettete sich aber etwas krampfhaft an unsere Füße und ließ uns nicht vom Flecke. Es war eine blutende Menschenhand und eine Menschenstimme flehte zu uns hinaus: „Helfet mir auf, Brüder, ich muß weiter, habe eine wichttge Meldung, sie darf nicht in die Hand der Feinde fallen. Bin verwundet und kann nicht aus. Helfet!" „Jostel ist verloren," sagte ich, „helfen wir diesem, so haben wir wenigstens den gefährlichen Weg nicht unnütz gemacht." „Keiner ist verloren," wies Simson zurecht, „so lange Gottes Odem sein Herz beseelt. Aber wir helfen beiden." So taten wir auch. Wir trugen zuerst den Unteroffizier hinauf, dann ging es noch einmal in die Schrecken der Hölle. Und nun war arch der bewußtlose Jostel hinaufgeschafft. Auf einem Bauernwagen, der zuerst mit Soldaten des Weges kam, wurden beide ins Lazarett gebracht, — Jostel indes als Leiche. Auch Simson mußte vorerst im Lazarett bleiben. Er hatte bet der „Arbeit" einen (k>dcjVL% am rechten Beine erhalten und es gar nicht merken wollen. Er hat nun ein Verband und meint, es sei nicht von Bedeutung. Er wollte hier bleiben und dafür sorgen, daß J-stel im nächsten Dorfe zu „Kewer Jisroel" komme. Heule besuchte ich ihn im Feldlazarett. Gr hatte starken Blutverlust und leidet an furchtbaren Schmerzen, ist aber dabei, wie immer, heiteren Mutes und spottet seiner eigenen Schmerzen. Als ich von deic Auszeichnung sprach, lächelte ergeringfchätzig: „Hat sich was. Verleiht jedem Jüden eine Medaille für jede Ehestedtat . So viel Gold für Medaillen hat die Welt nicht" . . . „Die Auszeichnung danken wir dem andern, dem mit der Meldung," bemerkte ich. „Eine Medaille für Meß mizwoh", beharrte Simson und lachte in den heftigsten Schmerzen. (Schluß folgt.) Verlag In „Mt“, fi. i. b. II., fnikfnt tl In unserem Verlage erschien: 9er $aalschem voa Mckelrttöi von J n d fl u s. —Zweite Auflage. Preis broschiert Hk. 2.— ^ebondeii Hk- 2.50 Nachdem das Buch längere Zeit vergriffen war, wird die soeben fertiggestellte neue Auflage vom Publikum freudig begrüßt werden. Bestellungen werden von jeder besseren Buchhandlung ausgefünrt. Evt. verlange man unter Einsendung des Betrages