Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 7 (11.2.1915)
- Date
- 1915-02-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 3 Nr. 7 Der ISraeltt. 11. Februar ISIS Beschränkung im Genüsse überhaupt rät uns die weitschauende Regierungswetsheit. Ein kernjüdischer Gedanke! Es würde zu weit führen, wollte man auch nur eine kleine Auslese all jener Schriftsteller: hier bieten, die eine Mäßigung im sinnlichen Begehren und Genießen anempfehlen. Es möge nur an den mißratenen Sohn, den X2V1 bin im 5. B. M. erinnert werden, der für sein Vergehen sogar die Todesstrafe erleidet, nonn awi itasi wm part Saia pnat „Der Fromme ißt zur Stillung seines Hungers, aber der Leib der Frevler hat nie genug." (Sprüche Salomos Kap. 13, V. 25). — „Von der Mahlzeit, an der du Gefallen hast, ziehe deine Hand hinweg." (Gttttn 70.) — Wer Gerstenbrot vertragen kann und ißt Wetzenbrot, sündigt gegen das Verbot: „Du sollst nichts verderben." (Sabbat 140). — „Wer fettes Fleisch ißt, muß sich auf den Boden verstecken, wer sich mit Gemüse begnügt, darf ruhig vor der Tük sitzen." (Pesachim 114) — Genug. Mäßigung und Einschränkung des Genusses ist jüdische Erbtugend. Dem Juden, der an seinen Fasttagen 24 Stunden lang nicht einmal einen Tropfen , Wasser über die Lippen bringt, fällt es wahrlich nicht schwer, das Kriegsbrot zu essen. Obendrein stärkt ihn noch das befriedigende Bewußtsein, dem Baterlande zu Nutz, dem Feinde zum Trutz einen schwachen Beitrag geleistet zu haben. Das gibt Freude, erzeugt Kraft wie bet Daniel und seinen Genossen, die beim Genüsse ihrer Hülsenfrüchte nach 10 Tagen besser, blühender aussahen als jene, die sich von den leckeren Speisen der königlichen Tafel nährten. Psychisches Empfinden steht in unmittelbarem Zusammenhang mit physischem Wohle und Gedeihen. Fastend zogen Israels Ahnen einst in den Krieg und zum Sieg. Wir, ihre Epigonen haben das leichter. Es fällt uns nicht schwer, vorbildlich dem Ernst der Zeit gerecht zu werden, der sich in den Worten spiegelt: Nährschutz, Fetndestrutz, Landesnutz! Galizische Flüchtlinge. Herr Rabbiner Dr. Link, Pilsen schreibt uns u. a.: Nach Tausenden zählt die Schar der Flüchtlinge, die die Furcht vor dem mörderischen Einfall des nordischen Erbfeindes des jüdischen Volkes durch die stürmischen, eiskalten Wtnteruächte in unsere Städte und Dörfer getrieben. Neben einer verschwindend kleinen Anzahl von Wohlhabenden, sahen wir Tausende verkümmerter, frierender Menschen, die schon seit Wochen von Ort zu Ort müde gewandert sind. Oft erfuhren sie es erst einige Stunden vorher, daß der blutgierige Feind mit wuchtiger Faust zerstörend und verheerend an den Pforten der Stadt klopfe. Von ihren etwaigen Kostbarkeiten konnten sie nichts mitnehmen, als ihre reichgesegnete Schar von Kindern. Viele hatten schon bei der ersten Gefahr ihre Frauen und Töchter weggeschtckt, um sie vor Schmach und Schande zu bewahren. Daraus erk.ärt sich das endlose Suchen der nächsten Angehörigen untereinander. Es war ein erschütternder Anblick, der uns in die Seele schnitt, als die Flüchtlinge, oft dreißig bis vierzig in einem ungeheizten Güterwagen zusammengepfercht, frierend und hungernd hier ankamen und die ihnen dargereichten Butterbrödchen mit einem Heißhunger verzehrten. So sahen wir auch hinter der Front die Schrecknisse des Krieges in grauenerregender Art/ andererseits aber auch den sittlichen Ernst und die stählerne Kraft reinen Menschentums, die unserem Volke innewohnen. Denn gelangten diese vom Völkerkriege so hart Betroffenen in den Luftkreis Pilsens, so tönte ihnen im gewaltigen Sturm der wüsten Flucht das Hohelied des Erbarmens und der nieversiegenden Menschenliebe entgegen. In dieser Beziehung kann das Verdienst des KultuSvorstehers, des Herrn I. U. Dr. Josef Sch an zer, der der Gemeinde Pilsen auch nach außen Glanz und Würde verleiht, nicht hoch genug angeschlagen werden. Gleich nach dem ersten Emigrantentrausporte berief er den Kultusvorstand, sowie die Obmänner der humanitären Vereine der Gemeinde zu einer gemeinsamen Besprechung, um eine dringende Hilfsaktion unverzüglich in die Wege zu leiten. Seit dieser Zeit entwickelt das zu diesem Behufe gewählte Zentralhilfskommitee in Pilsen eine Tätigkeit, die in der Geschichte der jüdischen Gemeinden in der Monarchie geradezu vorbildlich dafteht. Es wurde der Labedienst bei den Bahntransporten organisiert, den Herr Wilhelm Liebst ein mit seltener Aufopferung und hingebungsvoller Liebe leitet. Es ist ein überaus großes Verdienst, daß dieser Labedienst und die ganze Flüchtlingsfürsorge mit vollem Verständnis für die Gemütsart der Bedauernswerten, in Schonung und Ehrung der Menschenwürde erfolgt. Besonders verdienstvoll hervorgetan hat sich nach dieser Richtung auch der überaus menschenfreundliche Letter der k. k. Bezirkshauptmannschaft in Pilsen, Herr k. k. Stadthaltereirat Hatlak, der mit Herrn Kultusvorsteher Dr. Schanzer öfters eingehende Verhandlungen pflog, einige Fahrten mit demselben unternahm und soweit es im Rahmen feiner Amtswirksamkeit stand, alles daran setzte, um das Los der Flüchtlinge freundlicher zu ge> stalten. Einen besonderen Zweig der Fürsorge bildet die Sammlung von Kleidern, Wäsche und Schuhen. Da die von Herrn Ignaz Weis in liebenswürdigster Weise zur Verfügung gestellten Räume zur Sammelstelle für Kleider und Wäsche sich als viel zu klein erwiesen, hat für diesen Zweck Herr Alfred Erben größere Räumlichkeiten eingerichtet, der auch sonst die gesamte Hilfsaktion gefördert hat. Diese Sammelstelle, die von Herrn Rentier Jakob E. Weiß mit Unterstützung einiger Damen der besten Gesellschaft geleitet wird, verschickt nun täglich Wäsche, Kleider usw. an die kleinen Gemeinden. In welch großartiger Weise unser Htlfswerk von reichsdeutscher Seite, besonders von den ehrwürdigen Kollegen, Humanitätsvereinen und vielen Privaten in den deutschen Synagogengemeinden gefördert wurde, soll ein andermal berichtet werden. Das Zentralkomitee für galizische Flüchtltngsfürsorge in Pilsen, das somit in seiner sozialen Fürsorge Tausende Nackte vor der grimmigen Kälte des Winters schützt, Tausende Hungrige speist, steht aber noch vor einer schwierigen Aufgabe, die bei der gegenwärtigen Phase des unheilvollen Krieges der baldigen Lösung harrt. Das Hilfskomitee wird sich nämlich in der nächsten Zeit intensiv mit der Frage beschäftigen müssen, in welcher Weise die Flüchtlinge mit Mazzos versorgt werden sollen. Man denke, in Böhmen allein sollen etwa 350.000 Flüchtlinge untergebracht sein, die zu Peffach Mazzos haben müssen. Wir können doch unmöglich diese strenggläubigen Leute, die an den religiösen Vorschriften festhalten, einem schweren Gewissenszwang unterwerfen, indem wir ihnen zumuten, ihren Mazzosverbrauch einzuschränken. Diese Leute haben ja in ihrem Speisezettel keine gar zu große Abwechslung, doch Mazzos wollen sie essen. Zudem werden die armen Leute zu Pessach neues Geschirr und zu den Arba Kauffaus strengkoscheren Wein haben müssen. Es ist deswegen ein schweres Problem, vor welchem das Hilfskomitee nicht mit verschränkten Armen dastehen kann. Das warmschlagende jüdische Herz, vereint mit dem innigen Verständnis für die religiöse Art unserer Glaubensbrüder werden auch diesmal das Richtige treffen, um unseren galizischen Flüchtlingen auch über diese schwere Verlegenheit hinwegzuhelfen. Nur den einen Vorschlag möchte ich mir gestatten zu machen. Gebet den Flüchtlingen keine Mazzos, die sie nicht essen werden — vielfach mit Recht nicht essen — sondern unterstützet sie durch Geldmittel, damit sie sich ihre Mazzos nach ihren eigenen religiösen Anschauungen Herstellen können. Das Pilsner Zentralhilfskommitee wird zu diesem Zwecke 10.000 Kronen flüssig machen, was natürlich keineswegs ausreichend ist. Die Not ist kleines Feuilleton. Der „Verräter". : Bon Arnold Kitz. Aus dem Ungarischen von M. S. H. Die zur Bewachung der Rahoter Brücke kommandierte Patrouille hatte an einem nebligen Novembermorgen auf den zum Zablunkaer Gebirgspaß führenden steilen Abhängen sehr verdächtige Spuren wahrgenommen. Sie fand nämlich auf den mit Schnee bedeckten Abhängen, sorgfältig gestreute Welsch- (Kukurutz) Körnchen. Vom Weichbilde des naheliegenden Dorfes schien das Zickzack dieser gelben Körnchenschnur ihren Anfang genommen zu haben und führte zur Spitze eines verlassenen Hügels hinauf, aus welchem das cingedrungene russische Heer vor einigen Tagen eine schwere Niederlage erlitten hatte. Die Welschkörnchen sahen in dem blendendweißen Schnee wie die gelben Augenkügelchen eines ganz weißen Riesen- . tigers. Die Wache war mit sich sofort im Reinen, h Ein Verrat bereitete sich vor. Diese Körnchen waren p* nichts anderes, als die neuesten Zeichen snr den hinter F den Gebirgspässen lauernden russischen Feind. „Schurken!"... knirschte der die Wache kommandierende ST; Offizier — „aber diesmal sollt Ihr in die Schlinge jF geraten.'" Sofort erteilte er seiner Mannschaft den I strengen Befehl, die gemachte Wahrnehmung strenge geheim zu halten. Die Welschkörnchen und deren §f Spuren ja nicht zu verdecken. „Wir werden bald W. darauskommen, wer die Lust verspürt, mit dem Galgen K zu liebäugeln. Der wird uns sicher nicht entgehen." Sofort stellte sich der junge Leutnant mit zwei Infanteristen auf die Lauer. Sie verkrochen sich hinter einer Wachholderfichte, unter welcher sie sich ganz geräuschlos verborgen hielten. — Ein nebliger, dunkler Bormittag ging bereits vorüber, aber keine %ele zeigte sich in Der ganz ausgestorbenen, in endlosem Weiß schimmernaen Gegend. Die kleine Glocke.des an der Hügelscite liegenden alten ruthenischen Kirchturmes verkündete schon läutend hie Mittagsstunde in die große Oede hinein, aber kein Wesen ließ sich vernehmen. - Wie stets an solch nebligen Novembertagen, fing es an frühzeitig zu dunkeln. — Es war noch nicht 3 Uhr, und schon senkte sich die untergchende Sonne hinter die schneebedeckten Spitzen des Karpathengebirges, die letzten Strahlen ans die sich am Fuße der Berge weitausdehnende, weiße Ebene werfend. Poetisch veranlagt, durfte der eine Infanterist, ein ungarischer Jüngling, gewesen sein, als er beim Anblicke dieser herrlichen Naturerscheinung die Bemerkung wachte, daß unter allen Landstrichen Ungarns, die Korpathengegend es ist, die etwa als die b e st u n g a r i s ch e bezeichnet werden könnte. Nicht nur weil diese das Vaterland am besten vor dem bösen Feinde schützt, sondern weil sie gewöhnlich - wie auch jetzt - die Landesfarben widerspiegelt. „Wenn mit diese gottlosen, betrügerischen, das Kauderwelsch redenden Juden nicht diesen schönen Teil der Gotteserde mit ihrem Dasein verunstalten würden, denn nur diese üben an uns Verrat", donnert, seine poetischen Ergüsse plötzlich unterbrechend, mit erbittertem Zorne Georg Turi, der erwähnte ungarische Infanterist. Doch sofort bereute Turi diesen seinen Zvrncsausbruch, da ihm plötzlich zum Bewußtsein kam, daß sein ihn befehligender junger Leutnant neben ihm, auch'Jude und dabei — laut eigener Ueberzeugung — der tapferste ungarische Soldat mit einem goldenen Herzen und Charakter war. „O. bitte, Herr Leutnant, um Verzeihung, ich habe es nicht so gemeint, wie ich es sagte", rief mm ganz verwirrt, Turi. „Ich weiß es wohl, daß nicht alle Juden gleicher Art sind, denn diese polnischen Juden gehören^ einer ganz anderen Rasse an." Albert Beer, der ans dem Komitate Zemplin stammende, ungarischen Gesichtsausdruck tragende junge Leutnant war nicht im Geringsten zornig aus den schwatzenden Turi. machte ihn vielmehr ganz gelassen ans seine irrige Denkunsweise mit folgenden Worten aufmerksam: „Nicht so ist es, lieber Freund, wie du behauptest. Diese angeblich spitzbübischen, ein Kauderwelsch sprechenden Juden, sind alle gutgesinnte Ungarn. Kern einziger unter ihnen würde an seinem Vaterlande Verrat üben. Siehst du denn nicht, daß deshalb gerade der Russe, unser Feind, diese Leute am furchtbarsten peinigt bei seinen Einbrüchen, sie mordet und plündert. Wie kannst du nur denken, daß diese dem Feinde Handlangerdienste leisten werden? Glaube mir, diese lieben unser teueres, schönes Vaterland ganz so wie du, mein Freund." „Das kann ich kaum glauben", entgegnete brumniend Turi. „aus welchen Reihen würden dann diese Wclschkornsprrren kommen?" „Kann es nicht auch ein ruthenischer Verräter sein?" erwiderte mit aller Bestimmtheit der andere Infanterist, ein älterer, ernster Landstrrrmmann. Der Leutnant machte jedoch dem Wortwechsel ein Ende und sagte: „Wir werden auf die Spur kommen. Wir ruhen nicht, bis der Fuchs in die^Falle gerät." Plötzlich waren Schritte vernehmbar. Die drei Soldaten lauschten nnt verhaltenem Atem auf das Kommende. Der so sehnsuchtsvoll lkttvartete kam