Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1915-02-04 · Heft 6 (4.2.1915) · page 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 6 (4.2.1915)
Date
1915-02-04
Page
– (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2448506-2448513--67315-2488187
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

4. Februar IMS Der J-raekit. «>. 6. «eit, IS sollen, im Bewußtsein zur gegebenen Zeit das Sachgemäße gewollt zu haben. Wir erfuhren dabet die Wahrheit des salomonischen Weisheitsspruches sn 12*7 VT vb nirev 1VV- „Wer die Pflicht um der Pflicht Willen tut, hat keine Empfindung für persönliche Widerwärtigkeiten." Möge es unserem Verein in Bälde wieder vergönnt sein, in Frieden seine gewohnte ruhige Tätigkeit von neuem zu entfalten, reicher und gesegneter als ehedem, getragen und gestützt von allen denen, mit denen und für die er in den jetzigen schweren Tagen strebt und lebt. Fern -er Heimat. Von Rabbiner Dr. Michalski, Recklinghausen. Me in jedem Leid ein ungeahntes Heil geborgen, so auch in dem gewaltigen Bölkerkam-f, der jetzt die Länder dkrchtobt. So seltsam es klingt, der Krieg erweist sich als Friedensstifter zwischen Mensch und Mensch, zwischen Mensch und Gott. Je mehr Feinde von außen, oösto mehr Frieden im Innern. Zwischen Mensch und Mensch: keine Gegensätze im Volke mehr, keine Unterschiede, keine Parteien — ein einig Bott nur von Brüdern. Zwischen Mensch und Gott: so mancher, der im Gleichmaß des Alltags seines Schöpfers vergaß, seinen Glauben verlor, hat fett Kriegskegimr wieder beten gelernt, seinen Gott hat er wiedergefunden. Mm ehesten vollzieht diese Wandlung sich bei denen, die yinausgezogen in den heiligen Kamps, um Heim und Heimat zu schirmen. Mochte auch in ihrem Herzen jeder Funke des göttlichen Feuergesetzes längst erloschen, aus ihrem Gemüt die leuchtende Sonne der göttlichen Religion entsckwunden sein, fern der Heimat erstrahlt sie aufs neue und kündet dem Krieger den ewigen Gott. — „Ein Wahrzeichen wirst Du Deinen Nachkommen sein", so sprach Gott zum Patttarchen Jakob nach einem Midraschwort, das an den Jakobstramn sich knüpft. „Me ich bei Deinem Auszug die Sonne sich verdunkeln, bei Deiner Heimkehr fle Dir strahlen ließ, so auch bei Deinen Kindern. Bei ihrem Auszug heißt es: „Es welkt dahin die sieben geboren, ihre Sonne.geht unter am Tage schon! Doch bei ihrer Heimkehr: Leuchten wird euch, vre ihr meinen Namen furchtet ,die Sonne der Pflichttreue." — (Ber. rab. z. St.) . Wie mancher Jüngling riß in diesen Tagen sich schweren Herzens los vom Elternhaus, wie mancher Gatte nahm Abschied von der Gefährtin seines Lebens, von den Pfändern -seines Glücks und zog hinaus ins ferne Land. Verdüstert war das Gemüt, aus dem schon vorher der Gottesglaube, das Gottvertrauen gewichen war, das seinem Gott sich entfremdet hatte, und „die rieben geboren, welkte dahin, ihre Sonne ging unter am Tage schon". — Der Hinausziehende, der in Eilmärschen schnell die Grenze erreicht, hat schon tapfer gekämpft, bis der Tag sich geneigt. Dre Nacht vrrcht herein, die Nacht vor der Schlacht, eine kurze Rast wird den ermüdeten Gliedern gegönnt. Und ob er auch hart sein Haupt gebettet auf den Steinen des Ortes, den er gerade ererreicht, der Schlaf übermannt ihn und der Jakobsrraum umgaukelt seine Sinne. Er, der am Tage im heißen Kampf beständig den Tod vor Augen sieht, der dem Himmel oft näher ist als der Erde, er sieht den Himmel zur Erde sich neigen, sieht die Jakobsleiter errichtet, die vom SchlaHfelde zum Himmelsthron emporfühtt, und sieht Schutzengel herniedersteigen, um ihn zu begleiten, um ihn zu beschirmen. Der Boden, auf vem Du liegst", so tönt ihm die göttliche Verheißung, „der Boden, um den Du ringst. „Dir werde ich ihn geben und Deinen Nachkommen." Nicht wird der Fernde dräuende Macht Dich erdrücken, „ausbreiten wirst Du Dich nach West und Ost, nach Nord und Süd, zum Segen werden den Völkerwmilien." Und wie Sphärenmusik klingt's ihm beglückend im Ohr: „Und siehe, ich bin mit Dir und behüte Dich wo auch immer Du gehst und führ' Dich zurück und verlasse Dich nicht".... Der Träum ist verschwunden, der Krieger erwacht, doch, eh' er sich gürtet zur blutigen Schlacht, oa wird ihm zur Gewißheit, was er, der aufgeklärte Sohn be£ zwanzigsten Jahrhunderts, beharrlich bisher von sich gewiesen, Tr v» pK „Wahrlich, es gibt einen Gott", so durchdringt es mit Macht ferne Seele, nicht blinder Zufall regiett die Welt, ein Gott thront über dem Sternenzelts und dieser Gott ist auch mn oipea, an diesem Ort, im Schlachtendvnner und Kampfesgraus. Er weist jeder Kugel Weg und Ziel'fVw xb — und jch wollte bisher es nicht wissen. Und ihm kommt der Gedanke, derwvn^v ^2 der Gott des Krieges ist rvip*tt jrn, säet der Pflichttreue Saat in das Menschenherz und erst dannrwie" n'vLv gibt Heil Er und Sieg. Kaum noch, dah der'Zkrieger sich dessen bewußr, reift ein heilig' GeÜivde in seiner Brust: „Wenn Gott mit mir sein wird und mich behüten wird aus diesem Weg, den jetzt ich gehe, mir Nahrung gibt, den Hunger zu stillen und wärmenden Schutz vor des Muters Frost Und ich Heimkehr' in Frieden zu den Lieben mein, dann sott mir der Ew'ge zum Gotte sein." - Dieses Eidschwures treuer religiöser Pflichterfüllung in der aus Schlachtentrüunnern neu sich erhebenden Welt zu gedenken, auch wenn des Krieges Wunden I vernarbt find, ist des Kriegers heil'aer Vorsatz, der ihm! GptteS Schütz erwirkt... Fern oer Heimat nfcb JrÄb | ein Wahrzeichen seinen Nachkommen, an denen.sich erfüllt das Wort: ,^vei der Rückkehr heißt eS: Leuchten wird euch, die ihr meinen Namen fürchtet, die Sonne der Pflichttreue."... Das Judentum in der Beleuchtung der Tagespreffe. Schon seit mehr denn Jahresfrist beschäftigt sich die Tagespreffe in zunehmendem Maße mit dem Judentum. Meistens brachten die Bestrebungen der verschiedenen Mächte, sich einen Einfluß auf die wirtschaftliche Erschließung Palästinas zu sichern, die Rede auf das Judentum, besten Wiege dort stand und besten Zukunft dort winkt. Ab und zu fühlen auch Reisende sich veranlaßt, ihre Eindrücke wiederzugeben, die Gegenden, welche vorwiegend von Juden bewohnt werden, auf sie machten. Ein Eingehen auf das Judentum an sich wurde dann gern als geistvoll erscheinende Einlage vom Verfasser, um sich dem Leser gegenüber zu legittmieren, für angebracht gehalten. Besonders aber bringt eS feit Ausbruch des Krieges unsere militärische Aktion in Russisch-Polen mit sich, daß man bei der Beschreibung von Land und Leuten auch am Judentum nicht achtlos vorüber gehen kann. Da begegnen wir aber in offenbar wohlwo end geschriebenen Abhandlungen manchmal einer so schiefen Beleuchtung von Juden u d Judentum, daß man mit Karl Simrock oft auSrusen möchte: „In Rom, Athen und bet den Lappen, Da spähen wir jeden Winkel aus, Derweil wir wie die Blinden tappen Daheim im eignen Vaterhaus!" Trifft der Inhalt dieses Verses wörtlich genommen nur auf Verfasser zu, die zwar im Judentum geboren aber nicht erzogen sind, so daß sie durch eine vnjüdische Erziehung herz- und verständnislos für ihr Volk und ihre angestammte Religion gelaffen wurden, so gilt doch auch in weniger schroffer Form der Vorwurf den nichtjüdischen Schriftstellern, die es nicht für der Mühe wert hielten, das Judentum kennen zu lernen, das nun schon fast zweitausend Jahre unter den Völkern des Westens lebendig unter ihren Augen wandelt. Nur der katholische Arzt in München, Dr. Weigl, hat in neuester Zeit — Berlin 1911 — eilt Buch über „das Judentum" herausgegeben, das dem Verfasser ebenso sehr alle Ehre macht, wie er dem Judentum in seinem Werk uneingeschränkte Anerkennung zu Teil werden läßt. Mit welcher Liebe und Gründlichkeit Weigl sich in die Wissenschaft des Judentums vertieft hat, beweisen seine beiden Schristchen: „Jüdische Helden", die er in der „Jüdischen Volksbücherei" (Jüdischer Volksschrtftenverlag Frankfurt a. M.) hat erscheinen laffen. Dieser Autor ist aber u. W. auch der einzige in neuerer Zeit, der das Judentum nicht von der Ferne und die Sache nicht nach den Personen beurteilt, sondern mit bewundernswertem Fleiß sich an die Quellen setzte und mit gewissenhafter Sachlichkeit das klare Wasser schöpfte, ohne es sich durch Parteistellung und Zeitströmungen trüben zu laffen. Als die Juden mit den geistigen Vertretern des alten römischen Kaiserreiches, sei es auf palästinensischem, sei es auf italienischem Boden, zusammenkamen, fanden sie ganz anderes Verständnis für den Wiffenschatz, den die Quellenschriften des Judentums bergen. Wie viele Unterredungen zwischen Rabbi Jehudah, dem Redaktor der Mischnah und andern Zeitgenossen und Marc Aurel bewahrt der Talmud aus. In Baba Kamah wird erzählt, daß die Römer den ganzen Talmud durchstudiert haben und seinen juridischen Leitsätzen unbedingt - zustimmten. Wer dächte heute bei juridischen Problemen daran, einmal die talmudische Auffassung von einer in Rede stehenden Rechtssache zu erforschen! Vor allem aber käme es gerade beute darauf an, der Weltauffaffuna des Talmuös den Eingang in die erwachte Menschenseele zu verschaffen. Wenn — nach einem vorzüglichen Wort des Stadt-Anzeigers zur „Kölnischen Zeitung" vom Hl. Dez. 1914 Nr. 590 — „sobald Kanonen und Gewehre ihre jetzige Arbeit getan haben, es neue Reiche zu erobern geben wird, nämlich Reiche der Innenwelt" — dann kann das Judentum und vor allem die Propheten deS Volkes Israel sowie seine talmudische Ethik von großem Dienste sein. Das Deutschtum und daS Judentum find seelisch innig verwandt, wenngleich die Abstammung auch verschieden ist. Schließlich unterscheiden sich die beiderseittgen Ahnen Sem und Japhet bloß im Ziel, der Unterbau ist beiden gleich. Man kann es nicht dem Ungefähr zuschreiben, daß daS Schicksal, das über Deutschland mit diesem Krieg der Neider und Hasser hereingebrochen ist, im Großen und Einzelnen mit dem Geschick zu vergleichen ist, das daS jüdische Volk seit zweitausend Jahren trägt. Und daß das Deutschtum dazu ausersehen ist, die jüdische Schmach an dem Pharao des Ostens zu rächen, ist eine Tatsache, so groß, daß man nicht ohne anbetende Andacht an ihr Vorbeigehen kann. Es hat eine ttefltegende Ursache, daß Schilderungen des deutschen Bolkscharakters mit Ersetzung des „deutsch" durch „jüdisch" vollinhaltlich für das Judentum gelten können. Wir sprechen natürlich von dem Judentum und dem Teil der Judenhett, der sich in Ehrlichkeit und unveräußerlicher Treue zur angestammten Religion bestrebt, das Leben als Abblld der jüdischen Lehre erscheinen zu laffen. Dieses stets empfundene Verwandschaftsgefühl, das dem deutschen Juden nicht blos durch Erziehung und Vaterlandsliebe eigen ist, sondern das in dem jüdischen Deutschen darum lebendig wird, well seine Psyche aus dem Grunde seiner Seele einem Kant und Hegel, einem Schiller und Lefftng zujauchzt, hat schon längst den innigsten Seelenbund in den Juden geschloffen, die es verstanden haben, mit höchster Profanbildung jüdische Lehre und jüdisches Leben zu vereinen. Kein Herz könnte daher inniger und verständnisvoller, als das jüdische, kein Volk mehr aus den Lehren der eignen Geschichte, als daS jüdische Volk den im angvzogenen NeujahrSartikel angeführten Versen des elsässischen Dichters Lienhard aus vollster Ueberzeuaung Beifall spenden. Denn gerade daS jüdische Volk mit seinem Monotheismus und seiner Pstichtenlehre, seinen Psalmen und seinen Propheten, seiner Sabbatheiligung und seinen Spetsegesetzen, seinem Opfermut und seiner Selbstbescheidung, aber auch mit seinem Dulden und Leiden darf wahrlich mtt ebensoviel Recht wie das deutsche Volk für sich das Prädikat in Anspruch nehmen, das „innerlichste" Volk zu sein. Und auch für es ist „erhabene Ruhe, Glut und Größe des Lebensgefühls als immermenschliche Macht wieder.die Aufgabe der Zukunft." Drum gilt für es auch mutatis mutandis wie für das deutsche Volk das Dichterwort: „Wenn Deutschland seine Sendung vergißt, Wenn Deutschland, nachdem es die Meere befahren, Den Völkern nicht mehr Führer ist Zum Jnnenland des Unsichtbaren, Zu Gott und Geist. — Wenn Deutlchland versäumt seine heilige Sendung Und nicht mehr vorangeht im Drang nach Vollendung, Wenn es vom Haß, der in Spannung hält Die eiserne Weit, Zu neuer Liebe den Weg nicht weist — So wisse: Dein Glück und dein Reich zerschellt!" Das jüdische Reich ist daran zu Grunde gegangen, daß es dieser seiner finaittschen Aufgabe vergaß und nur die Wiedererfaffung der geistigsittlichen Ziele seines Daseins kann von neuem das Glück deS jüdischen Volkes begründen. Wie herrlich aber ist der Ausblick auf eine Zukunft, in der daS deutsche Volk, vom gleichen Ziel beseelt, als machtvoller Führer eines hochgestimmten Völkerveretns das Hochziel der Menschheit in gleichem Sinne anstrebt. Dann war der Preis des Erfolges wert. Dann wird die Menschheit sprechen: „Jch danke Dir, Gott, daß Du mir gezürnt. Dein Zorn legt sich wieder und Du gewährst mir Trost." —;j j i :(! I! \\ 1 ,! ' 1 H i n i! \ ~ 1 ütiitt

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.